9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2016 - Geschichte

Ungarn, Polen, Dresden - es ist kein Zufall, dass der erbittertste Widerstand gegen Einwanderer aus dem Osten kommt, meint die ungarische Schriftstellerin Zsófia Bán im Tagesspiegel: "Hinter dem Eisernen Vorhang, hinter der Berliner Mauer war Europa zum Schweigen verurteilt und konnte sich so nicht dem Prozess unterziehen, der notwendig gewesen wäre, um einen wirklichen Sinneswandel hervorzurufen. Alte Denkmuster, Stereotype und Reflexe wurden konserviert wie Fußabdrücke von Dinosauriern in jahrhundertealten Gesteinsschichten und warteten nur darauf, mit dem richtigen Zauberspruch zum Leben erweckt zu werden, in diesem Fall mit der Rhetorik des Hasses."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2016 - Geschichte

Die taz bringt eine Dada-Ausgabe. Im beschaulichen Zürich wurden Weichen fürs Jahrhundert gestellt. Schade nur, dass die Spaßfraktion einen berühmten Nachbarn nicht überzeugen konnte, schreibt Andreas Fanizadeh im Eröffnungsessay: "Während Lenin, der geübte Schachspieler und Altphilologe, in zufälliger räumlich-zeitlicher Nähe in Zürich eine 'wissenschaflich objektive' Begründung für die Diktatur des Proletariats unter Führung seiner bolschewistischen Partei herbeivisionierte, verstand sich Dada als radikale Absage an jegliche positiv formulierte Menschheitsutopie." Dazu passend kann man sich beim WDR ein Hörspiel über das Cabaret Voltaire, Dada und die Folgen anhören.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2016 - Geschichte

Gespannt beugt sich Marion Löhndorf im Londoner Maritime Museum für die NZZ über die digitalisierten Tagebücher von Samuel Pepys: "Als die Schule schwänzender Schüler wohnte Samuel Pepys der Hinrichtung Charles' I. bei, und später, zu Amt und Würden gekommen, sprach er auf dem Schiff, das Charles II. aus seinem Exil nach England zurückbrachte, mit dem künftigen König und dessen Bruder, dem späteren James II. Das Private der Alltagswelt, die große Politik der Salons und die Intimität der Schlafzimmer, dunklen Gassen und Kutschen: Von der Detailaufnahme bis zur Totale ist in diesen Tagebüchern alles vorhanden."
Stichwörter: Intimität, Hinrichtungen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2016 - Geschichte

In einem Essay für den vorderen Teil der FAZ kommt Timothy Snyder nochmal auf seine Thesen aus seinem letzten Buch, "Black Earth", zurück. Staatszerstörung sei Bedingung der Möglichkeit von Genoziden, und ein nationaler Blickwinkel funktioniere nicht, um den Holocaust zu verstehen: "Nur ein kleiner Teil der im Holocaust ermordeten Juden (lebte) in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Hälfte der Täter waren keine Deutschen. Keiner der Haupttäter ermordete nur Juden. Sie alle waren auch Mörder anderer Menschen. Der Holocaust fand in einem Raum statt, in dem die Deutschen auch vier Millionen Nichtjuden getötet haben. Der gesamte Holocaust spielte sich in einer Zone der Staatszerstörung ab, die von der deutschen Macht in Osteuropa geschaffen worden war. So gut wie alle Juden, die im Holocaust ermordet wurden, verloren ihr Leben dort."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2016 - Geschichte

Es wird Angela Merkel ja häufiger vorgeworfen, sie betreibe ihre offene Flüchtlingspolitik als Wiedergutmachung für die deutsche Geschichte - aber nicht von Ruth Klüger, die gestern zum Holocaustgedenktag im Bundestag sprach: "Dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Groβherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Auβenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind."

Benedict Neff hat für die Basler Zeitung ein schönes Interview mit Klüger geführt, wo sie auch über ihren inneren Widerstand gegen die Zeitzeugenrolle spricht und erklärt, warum sie die Auschwitz-Nummer auf ihrem Arm hat entfernen lassen: "Es gibt Phasen, in denen gewisse Dinge wichtig sind, und dann sind sie es nicht mehr. Ähnlich geht es mir mit den Orten, wo ich lebte. Ich trenne mich von ihnen und dann sind sie abgegrenzte Kapitel. Die Jahre in New York, wo ich angekommen bin, waren wichtig in meinem Leben. Heute habe ich da nichts mehr verloren. Eine andere wichtige Stadt ist Berkeley, wo ich promoviert habe. Seit meine letzte Freundin gestorben ist, gehe ich da aber nicht mehr hin. So ähnlich ist es mit dieser Nummer. Praktisch kommt hinzu, dass man sie jetzt mit Laser entfernt, das ist eine einfache Sache. Früher musste man Haut rausschneiden."

Beim gestrigen Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Hassan Rohani am Holocaustgedenktag in Paris, scheint es nicht zu einem Eklat gekommen zu sein. Immerhin druckt der Figaro einen Brief von sechzig französischen Abgeordneten ab, die an die Untaten des iranischen Regimes - unter anderem den "Holocaust Cartoons Contest" - erinnern.

In den Papieren des israelischen Präsidialamtes ist ein Gnadengesuch Adolf Eichmanns gefunden worden, das gestern zum Holocaustgedenktag neben anderen Dokumenten der Öffentlichkeit präsentiert wurde, berichtet Berthold Seewald in der Welt. Und Hans-Christian Rössler hat für die FAZ den Historiker Tom Segev zum Dokument befragt, der "bezweifelt, dass sich Eichmann große Hoffnungen gemacht hatte, als er an den Präsidenten schrieb. Wahrscheinlich habe er dabei eher 'an die Geschichte oder an seine Kinder und Enkel gedacht', vermutet Segev."

Außerdem: Ulrich M. Schmid stellt in der NZZ Sinaida Hippius' Petersburger Kriegs- und Revolutionstagebuch 1914-1919 vor.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2016 - Geschichte

Heute begehen wir den Tag zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. Aber in diesem Andenken waren wir schon mal weiter, meint Götz Aly in der FR: "Gegenwärtig schwatzen Journalisten, Historiker und Politiker einhellig davon, es seien 'die Nationalsozialisten' gewesen. Das geschieht in einem Ton, als handele es sich um Marsmenschen, die keiner kennt. All diese Kollektivbegriffe schaffen Distanz, schieben die Schuld an Krieg, Zerstörung und Massenmord auf nicht mehr existente Personen, Gruppen, Institutionen und politische Programme, die uns fremd sind. Wer ist schon mit einem Rassenantisemiten, Ideologen, Diktator oder Monopolkapitalisten verwandt oder verschwägert? Die Wirklichkeit war anders."

Außerdem: Die NZZ stellt einen Band des australischen Historikers Nicholas Stargardt vor über den Durchhaltewille der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, der auch gespeist war von der Erkenntnis, dass der Genozid an den Juden nicht ungestraft bleiben würde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2016 - Geschichte

Im Jahr 1970 stürzte ein Flugzeug der Swissair nach der Explosion eine Bombe im Gepäck über dem Ort Würenlingen ab. 47 Menschen kamen ums Leben. Die palästienensischen Täter, obwohl bekannt, wurden nie belangt. Wolfgang Kraushaar weiß jetzt nach Recherchen des Schweizer Kollegen Marcel Gyr, warum und erklärt es in der taz: Schweizer und palästinensische Unterhändler haben 1970 ein heimliches Stillhalteabkommen geschlossen: "Per Handschlag beschlossen sie, dass die PLO keine Anschläge mehr auf Schweizer Staatsgebiet oder Zielobjekte verüben würde. Dafür würde sich die Schweiz bei der UNO für die Anerkennung eines Palästinenserstaates und die Gründung eines eigenen Büros beim UN-Sitz in Genf einsetzen. Zu dieser Vereinbarung dürfte auch gehört haben, palästinensische Terroristen respektive Unabhängigkeitskämpfer von der Strafverfolgung auszunehmen."

Roswitha Schieb schreibt in der NZZ eine kleine Geschichte des jahrhundertelang erfolgreich multikulturellen Breslaus, was im Zweiten Weltkrieg erst von Deutschen vernichtet und dann von Polen verdrängt wurde, und schließt: "Es gibt ein großes Bedürfnis in dieser äußerst munteren, geistreichen und lebensvollen Stadt, an den kulturellen Reichtum der Vergangenheit anzuknüpfen. Ohne Amnesien, Tabuisierungen, Klitterungen ist Breslau mittlerweile in der Lage, sich auch schwierigen Kapiteln der Geschichte zu stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2016 - Geschichte

In Kenia wurden die menschlichen Überreste eines Massakers gefunden, das vor 10.000 stattgefunden hat, berichtet Johannes Dieterich in der FR, bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass der Mensch erst mit der Sesshaftwerdung zum Massenmörder wurde: "Dass sich Menschen zusammenrotten, um gegeneinander Kriege zu führen, hatten Anthropologen bisher außer mit den zu raubenden Vorräten auch mit der Entstehung gesellschaftlicher Hierarchien in Verbindung gebracht: Machtverhältnisse, die sich ebenfalls erst mit dem Sesshaftwerden herausgebildet hatten."

Arno Widmann beschwert sich über die Wucherpreise, mit denen private Händler bei Amazon oder Ebay Mein-Kampf-Exemplare verschachern: "Der billigste Sofortkauf lag bei 179 Euro, der teuerste bei 499 Euro."
Stichwörter: Mein Kampf, Kenia, Die Räuber

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2016 - Geschichte

In der FAZ erzählt Othmar Plöckinger, einer der Herausgeber der kritischen Ausgabe von "Mein Kampf" von der Arbeit an dem Trumm: "Bis zu sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigten sich gleichzeitig mit dem Buch. Der Arbeitsprozess gestaltete sich entsprechend komplex, nicht zuletzt, da auch zahllose Zuarbeiten größeren und kleineren Umfangs von außen koordiniert und eingearbeitet werden mussten."
Stichwörter: Hitler, Adolf, Mein Kampf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2016 - Geschichte

"Es gibt keinen Skandal." Mit diesen Worten stellte gestern auf einer Pressekonferenz in München Intendant Nikolaus Bachler erste Ergebnisse des von ihm initiierten Forschungsprojekts "Bayerische Staatsoper 1933-1963" vor. In der SZ bittet Johan Schloemann zu differenzieren: Gewiss, es gab "so gut wie keine Versuche, eine direkt erkennbare Nazi-Propagandakunst zu installieren", meint er. "Die Kollaboration funktionierte anders: Man musste als Künstler kein Nazi sein, um dem Naziregime zu helfen. Nachdem die Wagnerfreunde - mit dem Staatsoperndirigenten Hans Knappertsbusch als treibender Kraft - 1933 den unzuverlässigen Republikaner Thomas Mann aus München vertrieben hatten, musste man sich kaum die Finger schmutzig machen. Die hervorragend ausgestattete Weltklasseoper sollte einfach nur mit handwerklich gediegenen, aber natürlich Avantgarde und Moderne ausschließenden Aufführungen dem Ruhm Deutschlands und der deutschen Kunst dienen. Und die Ehrenloge frei halten."

Außerdem: In der NZZ bespricht Ulrich M. Schmid die Stalin-Biografie des russischen Historikers Oleg Chlewnjuk.