Es wird Angela Merkel ja häufiger vorgeworfen, sie betreibe ihre offene Flüchtlingspolitik als Wiedergutmachung für die deutsche Geschichte - aber nicht von
Ruth Klüger, die gestern zum Holocaustgedenktag im Bundestag
sprach: "Dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den
Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Groβherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Auβenstehenden, die
von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind."
Benedict Neff
hat für die
Basler Zeitung ein schönes Interview mit Klüger geführt, wo sie auch über ihren inneren Widerstand gegen die Zeitzeugenrolle spricht und erklärt, warum sie die
Auschwitz-Nummer auf ihrem Arm hat entfernen lassen: "Es gibt Phasen, in denen gewisse Dinge wichtig sind, und dann sind sie es nicht mehr. Ähnlich geht es mir mit den Orten, wo ich lebte. Ich trenne mich von ihnen und dann sind sie abgegrenzte Kapitel. Die Jahre in
New York, wo ich angekommen bin, waren wichtig in meinem Leben. Heute habe ich da nichts mehr verloren. Eine andere wichtige Stadt ist
Berkeley, wo ich promoviert habe. Seit meine letzte Freundin gestorben ist, gehe ich da aber nicht mehr hin. So ähnlich ist es mit dieser Nummer. Praktisch kommt hinzu, dass man sie
jetzt mit Laser entfernt, das ist eine einfache Sache. Früher musste man Haut rausschneiden."
Beim gestrigen Staatsbesuch des iranischen Präsidenten
Hassan Rohani am Holocaustgedenktag in Paris, scheint es nicht zu einem Eklat gekommen zu sein. Immerhin druckt der
Figaro einen
Brief von sechzig französischen Abgeordneten ab, die an die Untaten des iranischen Regimes - unter anderem den "
Holocaust Cartoons Contest" - erinnern.
In den Papieren des israelischen Präsidialamtes ist ein Gnadengesuch
Adolf Eichmanns gefunden worden, das gestern zum Holocaustgedenktag neben anderen Dokumenten der Öffentlichkeit präsentiert wurde,
berichtet Berthold Seewald in der
Welt. Und Hans-Christian Rössler hat für die
FAZ den Historiker
Tom Segev zum Dokument befragt, der "bezweifelt, dass sich Eichmann große Hoffnungen gemacht hatte, als er an den Präsidenten schrieb. Wahrscheinlich habe er dabei eher 'an die Geschichte oder an seine Kinder und Enkel gedacht', vermutet Segev."
Außerdem: Ulrich M. Schmid
stellt in der
NZZ Sinaida Hippius' Petersburger Kriegs- und Revolutionstagebuch 1914-1919 vor.