9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2015 - Geschichte

Nachdem der Zweite Weltkrieg beendet war, regierte in Europa das Chaos, umreißt der Historiker Keith Lowe im Gespräch mit Jan Feddersen (taz) die Hauptthese seines Buches "Der wilde Kontinent": "Es mangelte überall an Nahrung. In Italien beispielsweise gab es Essensaufstände. Die Frauen protestierten auf der Straße gegen die alliierte Regierung. Es gab Ladeneinbrüche, Diebstähle - überall. Arbeiter wurden mit Essen bezahlt, weil das Geld wertlos war, besonders in Ungarn. Die Leute, die keine Arbeit hatten, hatten es besonders schwer. Sogar in Großbritannien war die Verpflegungssituation nach dem Krieg schlechter als während des Krieges."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2015 - Geschichte

Patrick Bahners resümiert in der FAZ die Jahrestagung amerikanischer Historiker, wo über die deutsche Wiedervereinigung und die Ukraine-Krise diskutiert wurde.
Stichwörter: Wiedervereinigung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2015 - Geschichte

In der FAZ berichtet Paul Ingendaay über eine Madrider Konferenz, in der sich Historiker "über die Rolle der Schweiz, Schwedens, Portugals, Spaniens, Argentiniens und der Türkei zur Zeit der deutschen Vernichtungspolitik austauschen konnten". Ruhm verdient keines dieser Länder: "Jedes Land verhielt sich entsprechend seiner nationalen Fixierungen, seiner wirtschaftlichen und politischen Interessen. Alarmrufe im Namen der Humanität waren selten zu hören. Ob es sich um Demokratien (Schweiz, Schweden) oder Rechtsdiktaturen (Spanien, Portugal) handelte, spielte dabei erstaunlicherweise die geringste Rolle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2015 - Geschichte

Seit der israelische Politologe Zeev Sternhell seine bereits 1983 viel diskutierte These, der Faschismus sei eine französische Erfindung, kürzlich noch einmal in einem Gesprächsband wiederholte, tobt in Frankreich eine Faschismus-Debatte, berichtet Marc Zitzmann in der NZZ. Der Sammelband "Fascisme français?" setzt sich nun kritisch mit Sternhells These auseinander: "Das Fazit des Bands ist hart: Sternhell argumentiere tendenziös, indem er von gezielt ausgewählten Details unzulässige Rückschlüsse aufs große Ganze ziehe; er stelle vermeintliche historische Zusammenhänge als zwingend hin; er beschränke sich auf das Reich der Ideen und abstrahiere von allen realen Geschehnissen. Solcherart habe er einen "imaginären Faschismus" konstruiert."
Stichwörter: Faschismus, Sternhell, Zeev

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2014 - Geschichte

Sabine Vogel porträtiert in der taz die amerikanische Künstlerin Elana Katz, die in Bukarest den verblassenden Spuren jüdischer Geschichte nachgeht. "Noch 1985 ließ Ceausescu ganze Stadtviertel abreißen, das jüdische war eines davon. Mit einer Liste der Gemeinde, auf der die ehemaligen Synagogen und Gemeindehäuser verzeichnet sind, geht Elana Katz voran: Rund 300 Adressen sind verzeichnet. "Die kommunistische Zeit war der Holocaust nach dem Holocaust", sagt Elana Katz. "Was die vierziger Jahre überlebte, wurde in den Achtzigern zerstört.""

Im Tagesspiegel schaltet sich der Rechtshistoriker Helmut Kramer in einen Expertenstreit um den großen Frankfurter Generalstaatsanwalt im Auschwitz-Prozess, Fritz Bauer, ein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2014 - Geschichte

Zum siebzigsten Jahrestag des Einmarschs deutscher Truppen in Ungarn wurde in Budapest ein Denkmal errichtet, das in der Symbolsprache des 19. Jahrhunderts Ungarn als Erzengel Gabriel zeigt, der vom deutschen Reichsadler angegriffen wird. Dass die tatkräftige ungarische Kollaboration in dieser Darstellung verleugnet wird, hat nun erheblichen Widerspruch hervorgerufen, berichtet die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in der NZZ: "Die Denkmalgegner verteilen ihre Botschaft auf Handzetteln. Sie protestieren gegen eine Geschichtslüge. Sie wollen sich die Verantwortung für das größte Verbrechen ihrer Geschichte nicht von den Schultern nehmen lassen: Sie bestehen auf ihrer Geschichte, auch wenn es eine schwere und belastende Geschichte ist. Damit hat das Denkmal genau das Gegenteil von dem erreicht, wofür es errichtet wurde. Es sollte eine Geste für die Anhänger der rechtsgerichteten Jobbik-Partei werden und ist nun ein Stein des Anstoßes geworden, der eine intensive Diskussion über weitere Kriegsverbrechen und die Geschichte des ungarischen Antisemitismus in Gang gesetzt hat."

Moderne Bärte:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2014 - Geschichte

Bei aller Kritik an Gedenkjahren, das diesjährige Gedenken an den Ersten Weltkrieg hat etwas gebracht, findet Aleida Assmann bei faustkultur: "In Deutschland wirkte der Aufruf zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg .. wie ein Wecker. Die Menschen fuhren aus ihrem Vergessensschlaf auf und stellten sich auf das Ereignis ein mit einem breiten öffentlichen Interesse, persönlichen Formen der Anteilnahme und hitzigen intellektuellen Debatten. Nach zehn Monaten Erfahrung mit dem Gedenkjahr können wir sagen, dass dieser künstliche Impuls tatsächlich etwas in Gang gesetzt und bewegt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2014 - Geschichte

Sehr beeindruckt ist Andreas Breitenstein vom neuen Museum für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau, vor allem dass Polin als jahrhundertealte Heimat der Juden endlich ins rechte Licht gerückt wird, imponiert ihm. Aber er hat auch Kritik an der Ausstellung anzubringen: "Der Blick wird nicht geführt, sondern verzettelt sich in der Überfülle der Inszenierungen. Selbst wenn nach 1900 die Originale dichter und aussagekräftiger werden, will es mit der Staffage kein Ende haben. So hat man in Disney-Manier eine gepflasterte jüdische Straße um 1930 nachgebaut."

Im Blog der NYRB berichtet Shelley Salamensky dazu von einem Ausflug in den Südosten Polen, ins einst überwiegend jüdische Galizien, wo die Botschaft der Toleranz, die vom Museum ausgehen soll, noch nicht ganz angekommen ist: "In einer mittleren Stadt nahe Sanok kam ich in einem Café mit einer Gruppe Polen mittleren Alters ins Gespräch. Sie erklärten allen Ernstes, dass Polen heute so arm sei, weil "ihnen die Juden alles Geld gestohlen hatten"."

Klaus Hillenbrand besucht für die taz die Ausstellung "Deutschland 1945" in der Topografie des Terrors, die zeigt, wie das NS-Regime seinen Terror in den letzten Kriegsmonaten noch auf seine eigenen Anhänger ausweitete: "Tausende Menschen fielen in den letzten Kriegsmonaten Standgerichten zum Opfer. Zehntausende starben in zu "Festungen" erklärten Städten wie in Breslau oder bei sinnfreien Kommandoaktionen der Wehrmacht. Man musste kein Widerstandskämpfer gewesen sein, um zu hängen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2014 - Geschichte

In einem taz-Interview mit Arno Frank sprechen der Verleger Helge Malchow und der Historiker Frank Möller über den KiWi-Verlagsgründer Joseph Caspar Witsch, dessen wechselvolle Biografie der Verlag gerade herausgegeben hat. Malchow räumt ohne Umstände ein, dass so ziemlich alle Mutmaßungen über Witsch zutreffen: "Und zwar in einem Maße, wie wir es vorher gar nicht wahrgenommen hatten. Er hat die Durchhalteparolen verbreitet, er hat die Nazi-Reden gehalten, er hat als Bibliothekar die Bibliotheken gesäubert. Er hat später Gelder von CIA-Institutionen bekommen und undurchsichtige Geschäfte gemacht. Gleichzeitig verschwindet dabei überhaupt nicht die leidenschaftliche Arbeit dieses Menschen für große Literatur."

Möller sagt dagegen: "Witsch kam ... aus kleinen Verhältnissen. Der wollte nach oben, genauso wie Böll. Das ist ein prägender und durchgehender Zug, in jedem Regime."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2014 - Geschichte

Stephen Tree erinnert in der NZZ an Rudolf Kasztner, der von Adolf Eichmann 1300 ungarische Juden freikaufte: "Rudolf Kasztner steht beispielhaft für die Unmöglichkeit, sich dem absolut Bösen gegenüber moralisch absolut richtig zu verhalten - und für die Schwierigkeit, dieses Verhalten im Nachhinein gerecht zu beurteilen."