9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2015 - Geschichte

Im vorletzten großen Religionskrieg - dem Kampf zwischen IRA und britischem Staat - fielen seit 1971 3.500 Menschen zum Opfer. Das sind weitaus mehr, als bei islamistischen Attentaten in Europa, erinnert Michael Naumann in der Zeit. Zwischen den beiden Formen des Terrorismus erkennt Naumann durchaus Gemeinsamkeiten: "Ein Blick auf die Revolutionsgeschichte Irlands und die mit ihr untrennbar verknüpften IRA-Verbrechen... lässt drei klassische Motivlagen des europäischen politischen Terrorismus erkennen, die ausnahmslos in das 19. Jahrhundert verweisen: revolutionärer Antiimperialismus, kultureller Nationalismus und religiöser Fanatismus. Diese Impulse begegnen uns auch heute noch als ideologische Determinanten des islamistischen Terrorismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2015 - Geschichte

Warum beschäftigt uns die Nazizeit bis heute in solcher Intensität, fragt der Historiker Richard J. Evans in einem langen Text im Guardian, der offenbar ein Vorabdruck aus einem neuen Buch ist. Eines seiner Argumente: "Der Nazismus und die Gesellschaft, die er schuf, die Welt des Dritten Reichs und die Leute, die daran lebten - all dies erscheint uns heute als ein moralisches Drama, in dem die Themen in einer Klarheit vor uns liegen, die wir in unserer moralisch komplexen, verwirrenden und kompromittierten Welt nicht mehr vorfinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2015 - Geschichte

"Wie ist die Akademie der Künste in Berlin auf den Hund gekommen!", ruft Alan Posener in der Welt. Anlass ist eine Ausstellung über die Roten Khmer, die es offenbar schafft, ganz und gar unpolitisch zu bleiben: "Das Schweigen und die Schuld zu thematisieren, auch die unsrige, die sich nicht beschränkt auf ein paar Maoisten, sondern die alle umfasst, die nicht sehen wollten, was der Kommunismus mit Kambodscha zu tun hatte; das wäre eine Herausforderung gewesen. Eine Herausforderung, der sich die Akademie der Künste entzogen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2015 - Geschichte

Als "gefühlsroh, gedankenfaul und wissenschaftlich uninformiert" attackiert Götz Aly in der Berliner Zeitung den FU-Präsidenten Peter-André Alt. Aly wirft ihm vor, dass dieser im vorigen Jahr sieben Säcke voller menschlicher Gebeine, die Bauarbeiter auf dem Gelände gefunden hatten, habe entsorgen lassen, obwohl sie möglicherweise aus Josef Mengeles anatomischer Sammlung stammen: "Dennoch verhinderte der FU-Präsident, dass die Reste dieser Menschen näher untersucht wurden. Er ließ sie stillschweigend einäschern und auf Anfrage erklären, "weitere Details" seien "aufgrund der langen Liegezeiten der Knochen" "leider" nicht zu erfahren gewesen. Das ist plump gelogen: Dazu hätte eine C14-Untersuchung (Radiokarbondatierung) genügt, Kosten: ein paar 1000 Euro." (Der FU-Präsident bestreitet die Vorwürfe).

Thomas Schmid würdigt in der Welt Richard von Weizsäcker: "Der Erzprotestant gehörte aber zu den Ersten, die versucht haben, das durch deutsche Schuld zerrüttete Verhältnis zum katholischen Polen zu verbessern, zu heilen. Unauffällig hat er die Unionsparteien mit der neuen Ostpolitik angefreundet und damit den letzten großen ideologischen Streit in der Geschichte der Bundesrepublik beendet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2015 - Geschichte

"Die Platzhirsche aus der Geschichtswissenschaft waren eher rar vertreten", stellt Jan Feddersen in der taz mit Blick auf die überwiegend jungen weiblichen Vortragenden auf der 5. Internationalen Konferenz zur Holocaustforschung in Berlin erfreut fest. Mit dem Generationenwechsel geht auch ein Perspektivwechsel einher: "Als fruchtbar erwiesen sich vor allem die damals gesammelten Berichte: Dokumente der Oral History, von der offiziellen Geschichtsschreibung als untauglich verworfen. Was können Opfer schon berichten, wenn man doch besser die Strukturen politischer Herrschaft klärt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2015 - Geschichte

Arno Widmann standen die Haare zu Berge, als er für die FR einen Vortrag des Historikers Götz Aly hörte, der im Berliner Max Planck Institut erzählte, wie er jahrelang zusammen mit der Datenschutzbehörde darum kämpfen musste, im MPI Einblick über Akten zu NS-Euthanasiemorden zu bekommen, die das Vorgänger-Institut zu verantworten hatte: "Stattdessen wurden die Täter gefragt und ihre Antworten für bare Münze genommen. Soviel zum Thema wissenschaftliche Exzellenz." Auch bei der Veranstaltung am Montag abend stand niemand auf und entschuldigte sich, so Widmann: "Die Wahrheit ist: Keine der fünf, sechs Wortmeldungen war die eines Max Planck Instituts. Man hatte den Raum zur Verfügung gestellt, aber wieder mal nicht sich der Diskussion."

"Seltsam, dass man den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz feierte", meint der Publizist Alexandre Adler in der huffpo.fr. "70 Jahre sind kein "rundes" Datum, und der einzige menschlich wichtige Faktor in diesem Geburtstag hat natürlich damit zu tun, dass die letzten Überlebenden, die letzten Augenzeugen, nicht mehr lange zu leben haben. Da man um den Umfang negationistischer Diskurse weiß, stürzt uns das Verschwinden dieser kostbaren Zeugen auch in die Angst einer Renaissance des Negationismus, der, wie man weiß, auch zur Lehre des aktuellen Islamismus gehört."

Weitere Artikel: In der FR erklärt der Münsteraner Geschichts- und Islamwissenschaftler Nadeem Khan, warum der Anspruch des IS, in der Tradition mittelalterlicher muslimischer Herrscher zu stehen, historisch betrachtet Unsinn ist. 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2015 - Geschichte

Vor siebzig Jahren wurde Auschwitz befreit. Vor dreißig Jahren brachte Claude Lanzmann seinen Film "Shoah" heraus. Die FAZ präsentiert aus diesem Anlass einen Text Lanzmanns über seinen Film: "Die Zeugnisse der Männer der Sonderkommandos finden sich nur in "Shoah", und die jüdischen Protagonisten sind sämtlich Männer dieser Sonderkommandos, denn sie sind die einzigen Zeugen des Todes ihres Volkes. "Shoah" arbeitet heraus und tut nichts anderes als das. Von Anfang bis Ende entwickelt der Film sich gegen jegliches Archiv. Schon weil es keines gibt. Und weil ich nicht versucht habe, dieselben Archivaufnahmen zusammenzuschneiden, die man überall sieht, die nicht die Vernichtungslager darstellen, sondern wie die Alliierten die Konzentrationslager in Deutschland vorfanden, als sie sie befreiten..."

Richard Herzinger besucht für die Welt die RAF-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum und sucht nach Parallelen und nach Verweisen auf den Terror zu heute: Tatsächlich "war die Existenz RAF überhaupt und von Anfang an nur als Bestandteil eines weltweiten antiwestlichen Terrornetzwerks denkbar - und damals schon kam der Terror primär aus dem Nahen Osten. Mögen die anarchokommunistischen Vorläufer der RAF auch abstrakt von lateinamerikanischen Stadtguerilleros wie den "Tupamaros" geschwärmt haben, den Haupteinfluss auf sie übten palästinensische Terrororganisationen aus, in deren Camps sie ihr erstes militärisches Training erhielten."

Weiteres: In der FAZ beschreibt Carsten Germis immer neue Versuche der japanischen Regierung und des japanischen Publikums, bereits eingebürgerte Erkenntnisse über die japanische Kriegsschuld, etwa an koreanischen Sexsklavinnen, wieder einzukassieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2015 - Geschichte

In der NZZ zeichnet der Historiker Michael Brenner die Geschichte der Judenemanzipation in Frankreich nach, die trotz des grassierenden Antisemitismus (auch bei den Linken), nach der Revolution bedeutend schneller vorankam als in Deutschland: "Noch etwas kam hinzu. Anders als in Preußen und weiteren deutschen Staaten gab es in Frankreich eine lange Tradition einer republikanischen, demokratischen und säkularen Gesellschaft, in der Debatten offener und freier geführt werden konnten. Ein Emile Zola, dessen öffentliche Stellungnahme zugunsten von Alfred Dreyfus ("J"accuse . . .!") bis heute als Symbol für das kompromisslose Eintreten für eine gerechte Sache gilt, ging weiter als ein Theodor Mommsen, der letztlich doch wieder das Judentum in seine religiösen Grenzen verwies und die deutsche Gesellschaft als eine ihrem Wesen nach christliche wahrnahm."

Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Museumsdirektor Hanno Loewy anlässlich der Ausstellung "Jukebox. Jewkbox! Ein jüdisches Jahrhundert auf Schellack und Vinyl" im Jüdischen Museum in Hohenems in der Presse sehr schön, warum Kuddelmuddel immer noch das beste Wort für Integration ist: "Der Musikethnograph Abraham Zvi Idelsohn hatte eine sehr einfache Definition: Das ist Musik von Juden für Juden. Diese Definition setzt voraus, dass es so etwas wie eine abgeschlossene jüdische Welt gibt. Genau diese Welt ist im 19. Jahrhundert zerbrochen, durch die Aufklärung, Säkularisierung und der Massenmigration von Ost nach West. Das hat dazu geführt, dass jetzt Juden für Nichtjuden sangen und Juden Nichtjüdisches für Juden sangen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden alle großen Kantoren plötzlich auf Schallplatte gepresst. Ist es jüdische Musik, wenn Kantoren plötzlich öffentlich singen, in einem säkularen Kontext?"

Im Gespräch mit Arno Widmann in der FR hat Klaus Harpprecht immer noch Schwierigkeiten, Deutschland als eine Nation zu sehen: "Bismarck hat im zweiten seiner sogenannten Einigungskriege Österreich ausgegrenzt. Ein deutsches Kernland, das deutlich älter war als Preußen. Man hätte sicher auch eine föderative Lösung mit den ehemals dänischen Gebieten erreichen können. Bayern gelangte dank der Bestechung seines Königs ins Reich. Was hat das mit einem Nationalstaat, mit einer Nation zu tun?"

Marko Martin rät in der Welt, sich der Auschwitz-Gedenkindustrie zu entziehen und "die Bücher (noch einmal) zu lesen, welche uns die Überlebenden hinterlassen haben - Primo Levi, Ruth Klüger, Imre Kertész, Tadeusz Borowski".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2015 - Geschichte

Harald Welzer denkt im Freitag über das Chaos des unmittelbare Kriegsendes 1945 nach, über das sehr wenig geschrieben wurde: "Es gibt historische tipping points, Leerstellen der Ordnung, die sich nicht nach Kausalitäten und linearen Abläufen sortieren lassen. Erstaunlich bleibt bei alldem, wie Menschen solche Situationen absenter Ordnung bewältigen. Es gibt allem Anschein nach keinen Nullpunkt, an dem die subjektive Suche nach Auswegen aufhört. Es sei denn den, an dem absolute Gewalt herrscht."
Stichwörter: Kriegsende, Welzer, Harald

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2015 - Geschichte

Im Guardian plädiert der Historiker Antony Beevor dafür, Putin doch noch zur Feier des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz einzuladen - gerade um sich an die zwiespältige Rolle der Sowjetunion zu erinnern: Denn einerseits befreite die Rote Armee die Konzentrationslager im Osten, andererseits pflegte sie selbst einen ausgesprochenen Antisemitismus. So lernte der Schriftsteller Wassili Grossman 1943, "dass alle Hinweise auf das Leiden der Juden aus seinen Artikeln entfernt wurden. [...] Gegen Kriegsende wurden die Kontrollen immer strenger. Auschwitz war zwar im Januar 1945 befreit worden, aber vor dem Endsieg im Mai wurden keine Einzelheiten veröffentlicht. Das Jüdische Antifaschistische Kommittee fand bald heraus, dass seine Arbeit der Parteirichtlinie widersprach: Teilt nicht die Toten. Juden wurden nicht als besondere Leidenskategorie erfasst. Sie wurden nur als Bürger der UdSSR oder Polens beschrieben. In diesem Sinne war Stalin der erste Holocaustleugner, auch wenn sein Antisemitismus nicht ganz derselbe war wie der der Nazis."

Auch Götz Aly plädierte gestern in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung für Putins Präsenz.