9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2024 - Geschichte

Die "jüdische Angst hat in München tiefe Wurzeln", erinnern Roman Deininger und Uwe Ritzer in der SZ und rekapitulieren die Ereignisse um das Olympia-Attentat 1972, (im Englischen treffender "Munich Massacre", wie die Autoren anmerken): "Munich Massacre, der Begriff erreicht schmerzhafte Präzision auch darin, dass er den Ort des Anschlags von 1972 benennt. Und das hat seine besondere Berechtigung, denn das Olympia-Attentat war einst nur der traurige Höhepunkt einer Kette von schrecklichen antisemitischen Attacken, die sich alle in der bayerischen Landeshauptstadt zutrugen." 1970 versuchten drei palästinensische Terroristen ein israelisches Flugzeug kapern und scheiterten knapp, auch weil sich einer der Passagiere, Ariel Katzenstein, opferte. Kurze Zeit später wurden die verhafteten Palästinenser "durch eine Flugzeugentführung freigepresst. Die 'Volksfront für die Befreiung Palästinas' hatte gleich vier Maschinen gleichzeitig entführt und zeitweise 750 Geiseln in ihrer Gewalt." Die antisemitische Bedrohung, so die Autoren "hatte in diesen dunklen Jahren drei Quellen, und meistens wussten die Sicherheitsbehörden nicht, mit wem sie es gerade zu tun hatten: mit palästinensischen, einheimischen linken oder rechten Terroristen." Drei Tage später brannte ein jüdisches Altenheim, acht Personen kamen zu Tode, erinnern die Autoren, alle waren Holocaust-Überlebene.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2024 - Geschichte

Viktoria Grossmann besucht für die SZ Leokadia Wieczorek, die als Kind mit ihren Eltern von den Deutschen aus Polen entführt und in Deutschland zur Arbeit gezwungen wurde. Wieczorek kämpft seit dreißig Jahren dafür, dass ehemalige Zwangsarbeiter Entschädigungen erhalten, berichtet Grossmann. In Weimar, wo das Museum "Zwangsarbeit im Nationalsozialismus" kürzlich eröffnet wurde, könnte es hinsichtlich der Finanzierung bald eng werden, so Grossmann: "Wohl gerade noch so und gerade noch rechtzeitig konnte das Museum eröffnet werden, das zur Gedenkstätte Buchenwald gehört, die wiederum vom Bund und vom Freistaat Thüringen finanziert wird. Auch das Gebäude gehört dem Freistaat. Vertreter der AfD Thüringen fordern, Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner abzusetzen. Dieser bekommt Morddrohungen. In einem Interview mit der SZ sagte er, die AfD 'könnte versuchen, uns Mittel zu streichen', wenn sie genügend Macht im Landtag erhält. 'Dass die AfD keine Scheu hat, Kürzungen bei Gedenkstätten zu fordern oder deren Finanzierung ganz infrage zu stellen, hat sie bereits mehrmals gezeigt.'

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2024 - Geschichte

Russland ist im Ukraine-Krieg vor allem auf den Zugang zum Schwarzen Meer als "das wirtschaftliche und logistische Rückgrat der Reichsbildung" aus, erklärt uns der Historiker Herfried Münkler in der NZZ. Sollte Russland gewinnen, könnte sich das Interesse schnell Richtung Ostsee verschieben. "Man kann davon ausgehen, dass der Raum um das Schwarze Meer auch nach einem wie auch immer gearteten Ende des Kriegs in der Ukraine einer der Instabilität und der immer wieder aufflackernden Kriege bleiben und dass das erhebliche Auswirkungen auf den Balkan haben wird. Hinzu kommt, dass die Geopolitik der Binnenmeere aus russischer Sicht auch für den Ostseeraum gilt: Alles, was mit Blick auf das Schwarze Meer gesagt wurde, lässt sich mit geringfügigen Modifikationen auch über die Ostsee sagen: für Russland ein seit Peter dem Großen beherrschter Raum, der attraktiv ist, wenn es darum geht, einen starken Einfluss auf Mittel- und Westeuropa auszuüben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2024 - Geschichte

Der Historiker Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, zeigt sich im FR-Interview anlässlich des Überfalls von Nazi-Deutschland auf Polen am 1. September 1939, verärgert über den Wahltermin in Sachsen und Thüringen. "Wer auch immer es für eine gute Idee hielt, Wahlen am 1. September abzuhalten, hatte kein gutes Gespür für die Geschichte. Das kann zu sehr unguten Assoziationen führen, wenn in Dresden und Erfurt dann auch noch eine Partei gewinnt, deren Verhältnis zur NS-Zeit alles andere als eindeutig ist." Außerdem ruft er die deutschen Parteien zu einer stärkenden Unterstützung der Ukraine auf: "Tut etwas, um eure Freiheit zu verteidigen. Es gibt in Deutschland und anderen Ländern genügend Menschen, die für einen Frieden mit Russland die Ukraine aufgeben würden. Aber Frieden kann es nur geben, wenn wir durch die Unterstützung der Ukraine auch die Freiheit für die östlichen Mitgliedsstaaten der EU verteidigen, die sonst die nächsten Opfer der expansiven und aggressiven Politik Putins würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2024 - Geschichte

Nirgendwo waren die Nationalsozialisten so früh erfolgreich wie in Thüringen, erinnert Thomas Schmid (Welt), der bis ins Jahr 1485 zurückgeht, um die thüringische Anfälligkeit für völkische Parolen nachzuvollziehen. Er stellt fest, dass der Ost-West-Gegensatz in Deutschland viel älter ist als die Teilung: "Vor allem im Südwesten Deutschland kämpften sich in der frühen Neuzeit bis zu hundert große, kleinere und kleine Städte gegen die Fürsten frei. Sie erlangten eine bestimmte Form von Selbstverwaltung - eine Vorstufe der Demokratie. Das gab es im Osten Deutschlands und auch in Thüringen kaum. So fehlte dort die Tradition eines selbstbewussten Bürgertums, das die Geschicke seiner Stadt und der Region in die eigenen Hände nehmen wollte." In Thüringen entwickelte sich dann trotz der schönen Episode der Weimarer Klassik eine Art Bratwurstpatriotismus: "Dieser Patriotismus ist gemeinschaftlich, nicht gesellschaftlich. Wir sind wir: Die Parole hat in Thüringen schnell etwas Ausschließendes, Aggressives."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2024 - Geschichte

Das Museum Berlin-Karlshorst, das lange Zeit lang von Russland mit getragen wurde (mehr hier), zeigt eine Ausstellung über die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts, die offenbar nichts beschönigt - Klaus Hillenbrand berichtet für die taz. Die Folgen hießen natürlich für die osteuropäischen Länder jahrzehntelange Unfreiheit: "So verwundert es nicht, dass die Bewohner dieser Länder die Bedeutung des Pakts ganz anders sehen als die im Westen - er hat schließlich dazu beigetragen, ihre Unterdrückung zu ermöglichen. Die Länderstationen der Schau machen deutlich, wie das vorging: mit manipulierten Wahlen, Verschleppungen von Kritikern nach Sibirien und nackter, brutaler Gewalt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2024 - Geschichte

Der Hitler-Stalin-Pakt spaltet Europa bis heute, schreibt der Historiker Felix Ackermann in der FAZ: "Anders als die vom Hitler-Stalin-Pakt betroffenen Gesellschaften verstand die Bundesrepublik 2014 als Staat und als Gesellschaft nicht, dass die russische Annexion der Krim den Beginn der Zerstörung der europäischen Nachkriegsordnung markierte." Die Erinnerung an sowjetische Repression sei in der DDR systematisch ausgelöscht worden - und damit ein realistischer Blick auf die Geschichte, so Ackermann. "Diese programmatische Abkehr ermöglichte einer ganzen Gesellschaft, sich ideologisch und psychologisch von der eigenen Vergangenheit abzutrennen."

Der 23. August ist der "Internationale Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel". Michaela Dudley erzählt in der taz die Geschichte ihrer Vorfahren, die Opfer des transatlantischen Sklavenhandels waren. Allerdings reicht ihr die Erinnerung daran nicht aus: "Die Verdrängung der Sklaverei ist ... eine Tendenz, die nicht nur der weißen, christlich-konservativ geprägten Dominanzgesellschaft bescheinigt werden muss." Dudley konstatiert eine "auffällige Zurückhaltung" bei "woken Wortführer:innen und muslimischen Meinungsbildner:innen ", die sich mit der anderthalbtausendjährigen Geschichte der muslimischen Versklavung von Afrikanern nicht auseinandersetzen wollen: "Das Schweigen über die eigene dunkle Geschichte erzeugt eine kognitive Dissonanz, die es der propalästinensischen Bewegung ermöglicht, den Rassismus in einem moralisch selbstgerechten Rahmen zu verurteilen, während sie gleichzeitig dazu aufruft, den jüdischen Staat auszulöschen."

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch wirft indes in der NZZ der postkolonialen Kulturanthropologie Einseitigkeit vor, indem er etwa daran erinnert, "dass Ex-Sklaven aus Jamaica und dem Süden der USA im 19. Jahrhundert von Philanthropen freigekauft und nach Afrika verschifft wurden, wo sie die Anwohner unterjochten und als Sklaven verkauften. Kein Lehrstück von Brecht, sondern ein historischer Fakt - in Liberia und Sierra Leone bilden sie bis heute die Oberschicht. Dass die Dekolonisation Afrikas nicht die ersehnten Resultate brachte und Afrikaner als Boat-People ihr Leben riskieren, um korrupten Regimen zu entfliehen, ist bekannt: Auch Südafrika, der einzige Industriestaat des Kontinents, der dank Mandelas Regenbogenpolitik beste Startbedingungen hatte, ist heute von Gewalt und Korruption bedroht. Kulturanthropologen tun sich schwer, Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen, denn die Selbstbestimmung ethnischer Gruppen und Völker ist für sie oberstes Gebot: nicht aus naivem Gutmenschentum heraus, sondern aus Empathie für die Opfer des Kolonialismus, mit deren Revolte jüdische Intellektuelle sich einst identifizierten."

Ebenfalls in der taz erzählt Uta Schleiermacher die ruhmreiche Geschichte der "Roten Hilfe", die hundert Jahre alt wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2024 - Geschichte

In der FAZ stellt Stefan Locke die Litauerin Irena Saulutė vor, die, heute 96 Jahre alt, 1941 als Zwölfjährige mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Jakutien, im Osten Sibiriens, deportiert worden war. Heute führt sie Besucher durch ein Freilichtmuseum bei Kaunas, um an den Überfall der Sowjets auf die baltischen Staaten zu erinnern. "Ein Drittel der ans Lena-Delta Deportierten überlebte den ersten Winter nicht, sagt Saulutė. Auch ihre Mutter starb an Unterernährung und Skorbut, sie wurde 44 Jahre alt. In einer Nacht schaffte sie es gemeinsam mit ihrem Bruder, ein Grab ins Eis zu schlagen und die Mutter zu beerdigen. ... Fast sechs Jahre blieb Saulutė in der Arktis, dann gelang es ihr, in die 1700 Kilometer südlich gelegene Großstadt Jakutsk zu entkommen und von dort 'über tausend Zufälle', wie sie sagt, wieder nach Litauen. Dort blieb sie als Spross einer 'nicht erwünschten' Familie nicht unentdeckt, der NKWD nahm sie abermals fest und brachte sie zurück nach Sibirien, wo auch ihr Bruder noch lebte. 'Der Terror gegen die Balten war in der Nachkriegszeit unbeschreiblich', sagt Historiker Bubnys. Zwischen dem Sommer 1944, als die Rote Armee das Baltikum zurückerobert hatte, und Stalins Tod 1953 wurden allein in Litauen 150.000 Menschen aus politischen Gründen verhaftet und 130.000 deportiert. Von ihnen starben bis zu 25.000 in Lagern und Gefängnissen, 28.000 kamen in der Verbannung ums Leben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2024 - Geschichte

Ausstellungsansicht "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus". Foto: © Gedenkstätte Deutscher Widerstand


Mutige Frauen sieht Renate Meinhof (SZ) in der Ausstellung "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus", die die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin ausgerichtet hat. Zum Beispiel Elise Hampel, Vorbild für die Arbeiterehefrau Anna Quangel in Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein". Es wurde auch langsam Zeit, diese zumeist vergessenen Frauen zu würdigen, denkt sie sich: Die Ausstellung "bringt jetzt Osten und Westen zusammen, stellt 32 Biografien von verfolgten Kommunistinnen, Gewerkschafterinnen und Künstlerinnen, von Christinnen oder Jüdinnen, von Zeuginnen Jehovas neben die Frauen des 20. Juli 1944. In einfacher Sprache werden sie vorgestellt, dazu Fotos, Dokumente ihrer Prozesse, Abschiedsbriefe. Gerade in dieser Schlichtheit treffen die Schicksale ins Herz." Die gesamten Forschungsergebnisse sind auch im Internet einsehbar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2024 - Geschichte

taz-Urgestein Klaus Wolschner erzählt in der taz-Nord die erbauliche Geschichte zweier Richter, die nochmal ins Gedächtnis ruft, wie lange das mit der Aufarbeitung der Nazizeit gedauert hat. Der eine Richter war Hans Puvogel, Mitglied der NSDAP. Er hatte in seiner Doktorarbeit 1936 zum Thema Homosexualität geschrieben. "Ein wegen seiner Minderwertigkeit für die Gemeinschaft nutzloser, ja schädlicher Mensch ist ... auszuscheiden... Die große Aufgabe selbst darf nicht durch irgendwelche kleinlichen Kompetenzstreitigkeiten gehemmt und in ihrer Wirksamkeit lahmgelegt werden." Puvogel stieg in der Nachkriegszeit  bis zum Justizminister Niedersachsens unter Ernst Albrecht auf. Der andere Richter war Helmut Kramer, der 1978 Passagen aus Puvogels Dissertation öffentlich machte, was gar nicht gut ankam und keineswegs zum Rücktritt Puvogels führte. Aber: "Helmut Kramer, damals Richter am Oberlandesgericht Braunschweig, wurde strafversetzt - in einen Zivilsenat. Der Braunschweiger Oberlandesgerichtspräsident Rudolf Wassermann, ein engagierter Sozialdemokrat, leitete ein förmliches Disziplinarverfahren gegen Kramer ein, weil der 'seine Pflicht zu einem achtungswürdigen Verhalten gegenüber einem Dienstvorgesetzten verletzt' habe. Das Verfahren wurde zwar nach vier Monaten eingestellt, enthielt aber die Bemerkung, es habe sich um eine 'Dienstpflichtsverletzung' gehandelt." Und Kramer ist erst in diesem Jahr offiziell rehabilitiert worden!