9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2024 - Geschichte

Viel zu wenig wird der Warschauer Aufstand in deutsches und westliches Gedenken einbezogen, schreibt Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. Für die Polen dagegen hat sich die brutale Niederschlagung des Aufstands durch die Deutschen, während Stalins Truppen genüsslich zusahen, "wie der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 bis 1941 als traumatischer Einschnitt und Symbol für das Zusammenspiel der beiden totalitären Mächte in das nationale Gedächtnis eingebrannt." Auch die westlichen Alliierten sind aus dieser Katastrophe nicht gerade ruhmvoll herausgekommen. Sie müssten sich fragen, "ob es nicht vorschnell war, die Freiheit Polens dem harmonischen Verhältnis zu dem sowjetischen Kriegsalliierten zu opfern. Gehörte es doch zur Tragik des Warschauer Aufstands, dass - was die Aufständischen nicht wussten - die Westalliierten den Sowjets schon längst zugesagt hatten, ihnen Polen als Teil ihrer Einflusssphäre zu überlassen."

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In der taz rät Caroline Fetscher anlässlich des 120. Geburtstags von Ralph Bunche, den schwarzen Friedensnobelpreisträger und Mitgestalter der Vereinten Nationen, der 1949 auch zwischen Israel und den arabischen Anrainern vermittelte, wiederzuentdecken. Am besten mit der 2023 erschienenen Biografien von Kal Raustiala, die zeigt, wie unkonventionell Bunche versuchte, Frieden zu stiften: "Eine der Episoden illustriert das gut. Frustriert beorderte Bunche einmal das ägyptische wie das israelische Team in seine Suite. Er holte einen Schmuckteller aus einer Schublade, schön bemalt mit grünen und blauen Schleifen. Darauf stand: 'Armistice Negotiations Rhodes 1949'. Waffenstillstands-Verhandlungen, Rhodos 1949. 'Nach der Unterzeichnung bekommt jeder so einen als Souvenir', verkündete Bunche. 'Unterzeichnet ihr nicht', donnerte er, 'dann zerbreche ich diese Teller über euren Köpfen!' Alle mussten lachen - vielleicht sogar über sich selber. Ende Februar 1949 kam das israelisch-ägyptische Abkommen zustande, gefeiert bei einem Pingpongturnier mit gemischten israelisch-ägyptischen Teams."

In der FAZ erinnert Daniel Damler an das Triumvirat Ludwig Landmann, seit 1924 Oberbürgermeister in Frankfurt, den Stadtkämmerer Bruno Ash und den Stadtbaurat Ernst May, die im Frankfurt der Zwanziger schafften, wovon Berlin nur träumen kann: "In Rekordzeit entstanden in Frankfurt von 1925 an rund 12.000 Wohnungen für mehr als zehn Prozent der Bevölkerung." Auf Initiative Landmanns erwarb die Stadt 90 Prozent der Anteile von dem jüdischen Bankier Georg Speyer 1890 gegründeten "Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen" (ABG): "Man wollte der ungesunden Immobilienspekulation ein Ende bereiten, nicht aber die Marktwirtschaft beseitigen oder das Subventionsfüllhorn so lange ausschütten, bis alles Geld verbraucht und die Stadt pleite war. Auch ein dem Gemeinwohl verpflichteter Wohnungsbau musste sich ihrer Ansicht nach selbst tragen und durfte der Stadt nicht auf der Tasche liegen. Zur ganzen Wahrheit gehört freilich auch, dass das Frankfurter Modell in dem Moment nicht mehr funktionierte, in dem - wie im Verlauf der Weltwirtschaftskrise - die Menschen verarmten und sich beim besten Willen nicht länger kostendeckend am Wohnungsbau beteiligen konnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2024 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Carl Schurz gilt als Identifikationsfigur für alle, die in Deutschland nach demokratischen Urvätern suchen. Er war 48er, emigrierte nach Amerika, wo er Politiker wurde. Frauke Steffens erzählt in der FAZ, wie nun auch dieses Denkmal gestürzt wird - und verweist dabei auf einen Aufsatz und ein Buch des deutschen Historikers Julius Wilm. Schurz, so stellt sich heraus, gehörte zu den Politikern, die die "Reconstruction-Ära", die zeitweilige Gleichberechtigung der Schwarzen nach dem Bürgerkrieg, tatkräftig beenden halfen - er stimmte 1890 etwa gegen die Wiedereinführung des Wahlrechts für schwarze Männer. Und er betrieb eine brutal-paternalistische Poltik gegenüber Natives. Werden damit heutige moralische Maßstäbe an die Vergangenheit angelegt? "Das Argument der 'modernen moralischen Maßstäbe' an dieser Politik verliere an Überzeugungskraft, sobald man zeitgenössische Kritik an Schurz' Politik zur Kenntnis nehme, sagt Wilm. So habe es eine stärker universalistisch orientierte Debatte schon zu dessen Lebzeiten gegeben. Gerade die zeitgenössischen Gegenstimmen von Afroamerikanern und Indigenen würden aber in Deutschland so gut wie nicht rezipiert. Hier gebe man sich immer noch gern damit zufrieden, auf die lobenden Äußerungen von Abolitionisten wie Douglass zu verweisen - die stammten aber aus der Zeit vor Schurz' inhaltlichem Wandel."

Ebenfalls in der FAZ vergleicht der Historiker Hans Günter Hockerts die Sozialstaatsmodelle von DDR und Bundesrepublik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2024 - Geschichte

Im Tagesspiegel ist der postkoloniale Historiker Jürgen Zimmerer wütend: Zwar wurde die 2021 an Einwänden der Opferorganisationen der Herero und Nama gescheiterte Joint Declaration zwischen der namibischen und der Bundesregierung über eine Entschuldigung und Entschädigung für den Genozid an den Herero und Nama inzwischen offenbar nachgebessert, in dem die ausgehandelte Summe von 1,1 Milliarden Euro erhöht und nicht als "Hilfe", sondern als Beitrag zur "Sühne" deklariert wurde. Aber eine konkrete Summe und weitere Fakten sind nicht bekannt, was bei Zimmerer Zweifel "an der Ernsthaftigkeit deutscher Bemühungen um Aufarbeitung und Aussöhnung, was koloniale Verbrechen angeht" aufkommen lässt: "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die deutsche Regierung entledige sich nur einer lästigen Pflicht, ohne sich wirklich um eine Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen und genozidalen Geschichte zu bemühen oder diese auch in der deutschen Öffentlichkeit aufzuarbeiten." Auch dass Claudia Roth nicht weiterhin stärker dafür eintritt, dass neben die Gedenken an NS und DDR auch die kolonialen Verbrechen zur deutschen Gedenkkultur gehören, erzürnt Zimmerer: "Deutsche Opfer außerhalb Europas, sind offenbar nur Opfer zweiter Klasse."

Weitere Artikel: Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ fordert der Afrikawissenschaftler Andreas Eckert die Geschichte des Abolitionismus kritisch zu hinterfragen: Sie sei bisher als "Geschichte des Engagements europäischer Persönlichkeiten und Gruppierungen" geschrieben worden, aber schon im siebzehnten Jahrhundert wollten von Afrika ausgehende Netzwerke die Sklaverei abschaffen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2024 - Geschichte

Am 1. August vor achtzig Jahren begann der Warschauer Aufstand, erinnert in der NZZ Karolina Benedyk, die mit Überlebenden polnischen Veteranen gesprochen hat. Im Gegensatz zu den Polen sei den Deutschen das Ereignis fast unbekannt, meint im Gespräch der Historiker Stephan Lehnstaedt: "Doch auch in Polen ist die Erinnerung bis heute umkämpft. Lange durften die Ereignisse nicht aufgearbeitet werden. Nach dem Krieg gelangten die Kommunisten an die Macht, die den Kampf als Aufstand des konservativ-bürgerlichen Polen ablehnten. Erst 1989 konnten sich die polnische Geschichtswissenschaft und die Öffentlichkeit der Tragödie ohne Zensur zuwenden. Politiker und Parteien versuchten die Bedeutung jener 63 Tage kleinzureden oder maßlos zu überhöhen. Schreibt sich der Kampf der Warschauer vor achtzig Jahren ein in eine Geschichte von polnischem Heldentum, erworben durch hohen Blutzoll? So etwa sehen es die Nationalkonservativen. Oder darf man sich der Tragödie auch kritisch nähern? Haben vielleicht die Schwäche des Untergrundstaates und seine Niederlage im Aufstand die Machtübernahme der Kommunisten und ihrer sowjetischen Sponsoren begünstigt?"

Das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin ist gefährdet, berichten Cem-Odos Güler und Daniel Bax für die taz. Ein S-Bahn-Tunnel soll so dicht unter dem Mahnmal verlaufen, dass um dessen Stabilität gefürchtet wird. "Auch der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, Mehmet Daimagüler, sieht die S-Bahn-Pläne in Berlin mit Skepsis. Das Mahnmal habe für die Minderheit eine 'enorme Bedeutung', sagte er Ende Mai. Eine halbe Million Sinti und Roma seien in der NS-Zeit ermordet worden. Vor diesem Hintergrund hätten die Nachfahren die Gespräche über die geplante S-Bahn-Trasse als 'oberflächlich' empfunden. Bei einem so sensiblen Thema brauche es mehr Transparenz. Er schlug deshalb eine Mediation vor." Unter dem nahe gelegenen Holocaust-Mahnmal "hätte man wohl kaum einen solchen Tunnel gegraben - zu groß die Furcht, die Würde des Ortes dadurch zu verletzen und alte Wunden wieder aufzureißen", kommentiert Bax.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2024 - Geschichte

Angesichts der intensiv gegen eigene Staatsbürger und Ukrainer wütenden russischen Militärgerichte erinnert Hubertus Knabe in seinem Blog an die lange Tradition dieses Unterdrückungsinstruments. Unter Stalin wurden auch viele DDR-Bürger Opfer der Maschinerie, über 3.000 Menschen wurden hingerichtet - im deutschen Gedenken kommt das kaum vor, so Knabe. Nun erinnern aber einige Websites an die Schicksale, die Knabe in seinem Artikel verlinkt. Die Seite verurteiltundvergessen.de etwa arbeitet mit einer interaktiven Landkarte. "Klickt man zum Beispiel auf die brandenburgische Hauptstadt Potsdam, stößt man auf den Schriftsteller Horst Bienek, der seinen Wohnsitz ausgerechnet in der von König Friedrich Wilhelm III angelegten Russischen Kolonie 11 hatte. Im November 1951 wurde der damals 21-jährige verhaftet und vier Monate später wegen 'antisowjetischer Hetze' und 'Spionage' zu zwanzig Jahren Lager verurteilt. Da er ein Meisterschüler Bertolt Brechts war, sollte der sich nach einer Versammlung des Berliner Ensembles für ihn einsetzen. Doch Brecht lehnte ab und Bienek kam in ein Arbeitslager im sowjetischen Workuta. Erst 1955, nach dem Moskau-Besuch Konrad Adenauers, kam der Schriftsteller wieder frei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2024 - Geschichte

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Mit das düsterste Kapitel in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs neben dem Holocaust und der Belagerung Leningrads ist die Niederschlagung des Warschauer Aufstands vor fast genau achtzig Jahren durch die SS, an die die Historiker Daniel Brewing und Stephan Lehnstaedt auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ erinnern. Die SS agierte in einem "genozidalen Exzess", so die Autoren. Sie beziffern die zivilen Toten auf "150.000 getötete Einwohner Warschaus; vermutlich waren es sogar 180.000". Einer der Gründe für die Verdrängung des Warschauer Aufstands in der deutschen Vergangenheitsbewältigung mag darin liegen, dass die Verbrechen nicht ganz dem üblichen Deutungsschema von den sowjetischen "Befreiern" gehorchen. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt zu Beginn des Krieges zeichnete sich auch hier, gegen Ende des Krieges, so etwas wie ein faktisches Einverständnis der Totalitarismen ab. "Die Rote Armee eroberte Warschau erst am 17. Januar 1945. Annähernd fünf Monate hatte sie auf dem östlichen Weichselufer verharrt und erst der Niederschlagung des Aufstands und dann der Auslöschung der Stadt zugesehen. Und so steht Warschau 1944 bis heute in Polen dafür, wie das Land zwischen zwei übermächtigen Nachbarn aus Ost und West zerrieben wurde."

Pünktlich zum Sommerferienbeginn erinnert Thomas Steinfeld in der SZ an die Geschichte des Tempolimits, das in Deutschland schon seit der Weimarer Republik ein Politikum ist. Die Nazis setzen im Rahmen ihres ersten Konjunkturprogramms "die Aussetzung der Fahrzeugsteuer, die Aufhebung des Fahrschulzwangs" ein, "sowie, ein gutes Jahr später, die Freigabe der Höchstgeschwindigkeit auf allen Straßen". Dies richtete sich gegen die Regulierung der Weimarer Zeit, Tempolimit 30 auf allen Straßen, und gegen die "bolschewistische Neigung" zur Eisenbahn. "Sechs Jahre lang durfte der nationalsozialistische Autofahrer so schnell fahren, wie er konnte und wollte. Dann wurde die Freizügigkeit zurückgenommen, weil dabei, wie der 'Führer' erklärte, genau so viele Menschen ums Leben gekommen seien, wie der Deutsch-Französische Krieg der Jahre 1870/71 an Toten unter den eigenen Soldaten gefordert hatte. Dass man die Ressourcen, die durch den Individualverkehr verzehrt wurden, bald an der Front brauchte, mag hinzugekommen sein."

Außerdem: Der erzkonservative britische Kolumnist Peter Hitchens, Bruder des legendären Christopher Hitchens, schreibt in der NZZ eine Klagearie auf den britischen Konservatismus, niemand wolle sich mehr mit der glorreichen Geschichte des britische Empires identifizieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2024 - Geschichte

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Der Schriftsteller Matthias Lohre setzt sich in der Zeit mit der Nazi-Vergangenheit seiner Familie auseinander. Sein Großvater, erzählte die Familie, hätte sich gegen die Nazis gewehrt und habe das Familienhaus von einer jüdischen Familie im besten Vertrauen erhalten. Irgendwann begann er zu recherchieren: "Die Antwort des Bundesarchivs bestand aus dem Scan einer Mitgliedsbescheinigung, datiert auf den 1. März 1932. Der standhafte Heinrich war fast ein Jahr vor der sogenannten Machtergreifung der NSDAP beigetreten. Plötzlich klang die Geschichte seines Hauskaufs ganz anders: Als Parteigenosse hatte er vermutlich beste Chancen auf den Zuschlag, als seine jüdischen Nachbarn ihre Habe verkauften. Ein schneller Blick in die Wikipedia klärte mich darüber auf, dass nach der Pogromnacht eine Verordnung Juden dazu zwang, binnen weniger Monate ihre Immobilien und Geschäfte zu veräußern. Mein Elternhaus muss ein Schnäppchen gewesen sein." Lohre weist auf das Arolsen-Archiv hin, in dem man online zur NS-Vergangenheit der eigenen Familie forschen kann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2024 - Geschichte

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"Nein, wir sind nicht fertig mit dem deutschen Widerstand, so wenig wie mit dem 'Dritten Reich'", konstatiert  Andreas Kilb in der FAS achtzig Jahre nach dem 20. Juli. Er verweist auf das Buch "Das deutsche Alibi" der Journalistin Ruth Hoffmann, die über die Instrumentalisierung des 20. Juli in der Nachkriegszeit schreibt (wird heute in der taz besprochen), und auf anhaltende Manipulationen der AfD, die "die Erinnerung an den 20. Juli wieder aus dem Gesamtbild herausschneiden" wolle. "Die zwölf Jahre, die für tausend gelten wollten, stecken Deutschland nach wie vor in der Kehle, und kein populistischer Rotz wird sie herausspülen. Deshalb macht jeder Besuch der Gedenkstätte im Bendlerblock traurig: weil es so wenige waren, die sich gegen das Regime des Terrors erhoben."

Wie umstritten der 20. Juli noch lange Zeit in der Bundesrepublik war (während er in der DDR vollends beschwiegen wurde) erzählt der Historiker Martin Sabrow im Tagesspiegel. "Lange Zeit überaus gespaltene Aufnahme erfuhr der '20. Juli' in der Bevölkerung, wozu Anfang der 1950er Jahre inszenierte Kampagnen der deutschen Rechten erheblich beitrugen, die die Widerstandskämpfer als aus dem Ausland bezahlte Vaterlandsverräter darstellten. Nicht einmal jeder fünfte Westdeutsche war in dieser Zeit dafür, eine Schule nach Stauffenberg oder der treibenden Kraft des zivilen Widerstands Carl Friedrich Goerdeler zu benennen, und noch 1970 beurteilten in einer Umfrage nur knapp 40 Prozent der Befragten Stauffenbergs Unternehmen positiv."

Valerie Riedesel erzählt im FR-Gespräch mit Michael Hesse, wie sich ihr Großvater Cäsar von Hofacker vom überzeugten Nazi zum Widerstandskämpfer wandelte. Jeder Widerstand verdient Würdigung, findet sie: "Wenn wir uns verankern wollen, dann müssen wir an alle Menschen denken, die Widerstand geleistet haben. Und das würde ich sehr weit fassen und über alle Befindlichkeiten, die es in der Nachkriegszeit gegeben hat, hinweggehen. Ich würde da auch das Nationalkomitee Freies Deutschland mit einbeziehen, was ja lange Zeit sehr umstritten war, gerade durch den Anschluss an die DDR. Natürlich meine ich damit auch den kommunistischen und gewerkschaftlichen Widerstand, Weiße Rose, Einzeltäter wie Georg Elser, wirklich das ganze breite Spektrum des Widerstands." Riedesel hat jüngst ein Buch über ihren Großvater veröffentlicht.

Außerdem: In "Bilder und Zeiten", der virtuellen Printbeilage der FAZ, erinnert Gundula Werger an den christlichen Widerstandskämpfer Alfred Delp.

Claus Leggewie erinnert in der taz an das legendäre "PANAF", ein Musikfestival, das in Algier im Jahr 1969 mit Stars wie Miriam Makeba, Nina Simone und Archie Shepp die Idee des Panafrikanismus festigen sollte. Die auch vom postkolonialen Vordenker Frantz Fanon verfochtene Idee scheiterte allerdings an ihren Widersprüchen (und wohl auch am aufkommenden Islamismus). Und so wurde das PANAF "trotz seiner militanten Rhetorik weniger Auslöser eines dezidiert antiimperialistischen Panafrikanismus als dessen Beerdigung. Das Zusammenwachsen Afrikas nördlich und südlich der Sahara blieb eine Illusion, ein Ferment war eher der in Algerien und bis nach Westafrika expandierende Islam, der bis heute auch dschihadistische Züge annahm. Dass Muammar al-Gaddafi in den 1970er Jahren die Vereinigten Staaten von Afrika propagierte, kann auch nur als Karikatur des Panafrikanismus angesehen werden. Fanon hatte den Panafrikanismus gerade aus der Sorge befürwortet, dass sich alte Freiheitskämpfer rasch in neue Diktatoren verwandeln würden."

Ebenfalls in der taz bespricht Tania Martini die Ausstellung "Who Cares" über die Rolle der Medizin und der Care-Arbeit in der Geschichte des Judentums im Jüdischen Museum Wien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2024 - Geschichte

Am morgigen 20. Juli jährt sich das Stauffenberg-Attentat zum achtzigsten Mal. In der NZZ versucht der Historiker Ulrich Schlie zu erklären, weshalb sich die Deutschen so schwer mit dem 20. Juli tun. Das liege auch daran, "dass Stauffenbergs Staatsstreichversuch einer weitverbreiteten Ansicht nach den Militärs zugerechnet wird und das Verhältnis der Deutschen zum Militärischen seit dem Zweiten Weltkrieg gespalten ist. Dabei geht allerdings vergessen, dass das Attentat von Offizieren und Zivilisten gemeinsam vorbereitet wurde. In der deutschen Geschichtswissenschaft hat sich zudem seit den 1980er Jahren die Tendenz akzentuiert, bei den Frauen und Männern des 20. Juli nach undemokratischen Ansichten zu suchen. Das soll es den Heutigen erleichtern, sich von den Verschwörern zu distanzieren." Schlie plädiert dafür, den 20. Juli zum offiziellen Feiertag zu machen - auch mit Blick auf Russland: "Wir haben es im Russland von heute wie seinerzeit im nationalsozialistischen Deutschland mit der allmählichen Entwicklung zu einer alle Lebensbereiche umfassenden Diktatur zu tun. Der Einsatz des Einzelnen, die Frage, wie man standhält und nicht untergeht, ist heute so aktuell wie damals."

Bei allem, was gegen den "Mythos 20. Juli" spricht - was macht Stauffenberg und die Seinen heute noch zeitgemäß, was nachahmenswert, fragt in der FR auch der Historiker Konstantin Sakkas und meint: Dessen katholischer Universalismus.

Wie sieht es mit dem Recht auf Widerstand, das in Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes verbürgt ist, heute aus? "Solange rechtsstaatliche Mittel genutzt werden können, ist Widerstand, auch im Sinne von zivilem Ungehorsam, rechtswidrig", sagt der Politikwissenschaftler Christopher Daase im Tagesspiegel-Gespräch: "Es stimmt nicht, dass die Beteiligung auf Wahlen reduziert ist. Bürgerinitiativen, Demonstrationen - all das ist Teil der außerparlamentarischen Opposition." Anders sehe es in Autokratien aus: "Wo kollektiver Widerstand systematisch unterdrückt wird, bleibt der individuelle Tyrannenmord eine Möglichkeit. Aber es gibt keine klar definierte Grenze. Es ist Sache der Gerichte und der Öffentlichkeit, darüber zu urteilen, ob die Tat gerechtfertigt war. Mordanschläge haben in den USA von Lincoln über Kennedy und Reagan bis jetzt zu Trump eine dunkle Tradition. Aber die haben nichts mit Tyrannenmord zu tun. Der Attentäter von Pennsylvania könnte sich auch nicht auf ein Widerstandsrecht berufen. Trump ist kein Diktator, er versucht auf legalem Wege Präsident der USA zu werden."

Weiteres zum 20. Juli: Stauffenberg war "kein Held", findet Julien Reitzenstein in der Jüdischen Allgemeinen, und agierte doch heldenhaft.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2024 - Geschichte

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Am 20. Juli 1944 scheiterte das Stauffenberg-Attentat auf Hitler. Die Attentäter waren junge Offiziere, gleichzeitig waren aber viele andere gesellschaftliche Akteure bei der Organisation beteiligt, erklärt die die Autorin Ruth Hoffmann im taz-Gespräch (die ein Buch zum Thema verfasst hat,) unter anderem auch Kommunisten. Das Gedenken beschränkt sich aber bis heute auf die Militaristen: "Der Erste, der die Attentäter auf großer Bühne würdigte, war 1954 Bundespräsident Theodor Heuss (FDP). Danach haben sich Gedenkfeiern eingebürgert, die aber vor allem auf den militärischen Teil der Verschwörung fokussiert waren. Hier hat die Gründung der Bundeswehr eine wichtige Rolle gespielt. Für sie sollte der 20. Juli zum einen die Existenzberechtigung liefern, zum anderen traditionsstiftend sein. Denn das Personal speiste sich überwiegend aus der alten Hitler-Armee. Adenauer hat darum schon 1950 Männer aus dem Umkreis des 20. Juli mit der Vorbereitung der Wiederbewaffnung beauftragt. Und das, obwohl er ansonsten kein Wort zum Widerstand verlor."