9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2022 - Geschichte

Der Historiker Michael Wildt hat mit "Zerborstene Zeit" gerade ein Buch über die deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1945 geschrieben. Im Gespräch mit Harry Nutt (Berliner Zeitung) erinnert er an Krieg und Besatzung in Lemberg, kritisiert, dass man in Deutschland noch immer sehr wenig über die Gewaltgeschichte Osteuropas wisse und skizziert die Grundlagen des heutigen ukrainischen Nationalismus: "Im ehemaligen Zaren-Imperium entwickelten sich die jeweiligen Nationalbewegungen gegen die russische Dominanz, oftmals auch verbunden mit antisemitischer Abgrenzung gegen die jüdische Minderheit, die als angeblich nichtpolnisch, nichtukrainisch ausgeschlossen wurde. Nicht zuletzt bilden die sowjetischen Massenverbrechen gegen die Ukraine wie der Holodomor zu Beginn der 1930er-Jahre einen zentralen Hintergrund des ukrainischen Nationalbewusstseins heute. … Bei aller notwendigen Solidarität mit der Ukraine heute darf nicht verschwiegen werden, dass Bandera, Führer der militanten Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), der in der Ukraine vielerorts als Kämpfer gegen den Bolschewismus geehrt wird, ein radikaler Antisemit war, der mit den Nazis zu kollaborieren suchte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2022 - Geschichte

Boris Zabarko, Historiker des Holocaust, entkam als Kind den Deutschen und ist nun vor den Russen nach Deutschland geflüchtet, erzählt Thomas Wessel bei den Ruhrbaronen. Zabarko ist Autor des monumentalen Werks "Nur wir haben überlebt" über den Holocaust in der Ukraine. Hintergrund: "Erst mit der Gründung der unabhängigen Ukraine 1991 war 'das Tabu der Judenmorde' entfallen, das die Sowjetunion verhängt hatte, wie der Historiker Wolfram Wette in der Einleitung zu Zabarkos Forschung schreibt. Seitdem erst konnten ukrainische Historiker - 'allen voran Boris Zabarko aus Kiew', wie Wette feststellt - die Überlebenden des Holocausts tatsächlich nach ihren Erinnerungen befragen. Das Ausmaß der deutschen Verbrechen, schreiben die Herausgeber Margret und Werner Müller, sei 'unvorstellbar'. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2022 - Geschichte

Der Historiker Jörg Baberowski gehört zu den Russland-Experten, die sich nicht vorstellen könnten, dass Putin einen Krieg gegen die Ukraine beginnt, wie er im NZZ-Gespräch mit Benedict Neff eingesteht. Er spricht interessant über die Mentalität der russischen Armee. Sie hätte schon unter den Zaren "Disziplinierung durch Gewalt" betrieben: "Auch die Bolschewiki folgten diesem Konzept der Staatsbildung von oben. Und auch sie schufen eine Armee, in der Untertanen, aber keine Bürger dienten. Menschen, die solcher Behandlung ausgesetzt sind, geraten außer sich, sobald sich ihnen eine Gelegenheit bietet, andere Menschen genau so zu behandeln, wie sie selbst behandelt wurden. Die Gewaltexzesse der Roten Armee während des Zweiten Weltkrieges waren auch ein Resultat dieser Zurichtung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2022 - Geschichte

Wie es mit den Identitäten in osteuropäischen Ländern ist, lernt man ein bisschen in einem Interview, das Bert Rebhandl für den Standard mit Herta Müller führte. Sie erzählt, wie es war, für die "Atemschaukel" in der Ukraine zu recherchieren: "Da war die Ukraine kurz davor unabhängig geworden. Man hat es fast noch nicht gemerkt. Es war alles noch sowjetisch. Alle osteuropäischen Länder hatten keine eigene Identität, weil die Sowjetunion es nicht zugelassen hat. In der Ukraine sah man damals als öffentliche Denkmäler überall diese Kriegspanzer, auf Hochglanz gepflegt. Und alte Menschen, die hatten Kriegsorden an den Jacken, keine Zähne, keine Schuhe, aber Orden. Das war ihre einzige Würde. Über all die Jahre hat man ihnen nicht mehr gegeben."
Stichwörter: Müller, Herta

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2022 - Geschichte

Putin ist mittlerweise ein lupenreiner Faschist, schreibt der Historiker Michael Khodarkovsky (nicht zu verwechseln mit dem Ex-Oligarchen Michail Chodorkowsky) in der Welt. Er unterstreicht die Bedeutung der faschistischen Autoren Iwan Iljin und Alexander Dugin für Putin und fürchtet, dass faschistische Diktatoren nur auf zwei Weisen enden können: durch einen Putsch oder eine Niederlage. Damit stünde Putin in einer hehren russischen Tradition: "Tatsächlich fanden wichtige Veränderungen und Reformen in der russischen Geschichte nur als Folge einer militärischen Niederlage statt. Die demütigende Niederlage im Krimkrieg 1856 führte unmittelbar zur Abschaffung der Leibeigenschaft, die Niederlage gegen Japan 1905 zur ersten Verfassung und zum ersten Parlament, die Niederlage im Ersten Weltkrieg zum Aufstieg der radikalen bolschewistischen Partei und die Niederlage in Afghanistan 1991 zum Zusammenbruch der UdSSR."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2022 - Geschichte

Die ukrainische Nationalbewegung gehörte zu den stärksten Kräften des Widerstands gegen die Bolschewisten und führten diese dazu, einigen Republiken Teilautonomie zu geben. Unter Lenin blühte die ukrainische Sprache eine Zeitlang, erzählt der Osteuropahistoriker Kai Struve in der FAZ, aber unter Stalin begann die Gleichschaltung gegene einen "ukrianischen Nationalismus", den Wladimir Putin bis heute als eine von außen gesteuerte Bewegung wahrnimmt, die sein schönes russisches Reich kaputtmachen will. Er steht damit in der Linie Stalins und des von ihm verübten Holodomor, so Struve: "Stalin fürchtete eine Verbindung zwischen dem bäuerlichen Protest gegen die Kollektivierung und dem ukrainischen Nationalismus. Suchbrigaden transportieren in vielen Regionen alle Nahrungsmittel ab und verurteilten die Menschen damit zum Hungertod. Zur selben Zeit verstärkten die Sowjets die propagandistischen Angriffe auf die 'Petljurowcy', die Petljura-Anhänger. Mit dem Begriff des 'ukrainischen bürgerlichen Nationalismus' wurden alle Unabhängigkeitsbestrebungen belegt ohne Rücksicht darauf, ob sie von rechts oder von links kamen." Ukrainische Nationalisten kollaborierten nach Stalins Holodomor und dem Hitler-Stalin-Pakt mit den Nazis gegen die Sowjets, die sie nach wie vor als Verhinderer ihres Nationalprojekts ansahen. Mehr zum ukrainisch-russischen Verhältnis im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Petro Rychlo ebenfalls in der FAZ, das wir in Efeu resümieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2022 - Geschichte

In der FAZ fragt der Historiker Eckart Conze, was die Hessische Landeszentrale für politische Bildung reitet, ausgerechnet das Grab des Generalfeldmarschalls und späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu einem Ort der deutschen Demokratiegeschichte küren zu wollen. Nicht mal ex negativo kann er dem etwas abgewinnen: "Man muss nicht von einer Militärdiktatur der 3. Obersten Heeresleitung sprechen, um den politischen Einfluss Hindenburgs angemessen zu charakterisieren, aber die Forderungen der demokratischen Kräfte nach einem Verständigungsfrieden prallten an ihm ab; er war maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Erste Weltkrieg für Deutschland zum totalen Krieg wurde. Durch seine wohlinszenierte Aussage vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung 1919 verhalf er der gegen die Demokratie gerichteten und von Anfang an antisemitischen Dolchstoßlegende zu einer Breitenwirkung, welche die Republik erschütterte und bis an ihr Ende destabilisierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2022 - Geschichte

Der Historiker Paul-Moritz Rabe hat die Aufzeichnungen des jungen Niederländers Jan Bazuin nun editiert und veröffentlicht, die dieser nach seiner Verschleppung im Januar 1945 von Rotterdam zur Zwangsarbeit ins Lager Neuaubing nahe München, niederschrieb. Im FR-Gespräch mit Peter Riesbeck erklärt Rabe, wie versucht wurde, nach Zwangsarbeitern aus Ost- und Westeuropa zu trennen und wie allgegenwärtig Zwangsarbeit war: "Wir wissen von ungefähr 13,5 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die allein auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reichs eingesetzt waren, der Großteil kam aus Osteuropa. Weitere rund zwölf Millionen Menschen wurden in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit herangezogen. In den letzten Kriegsmonaten waren mehr als ein Drittel der Beschäftigten in deutschen Unternehmen Zwangsarbeiter, in manchen Rüstungsbetrieben lag der Anteil bei weit über 50 Prozent. Zwangsarbeiter hielten nicht nur die Kriegsindustrie, sondern die gesamte deutsche Volkswirtschaft am Laufen. Denn sie waren in vielen Familienbetrieben, der Landwirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung beschäftigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2022 - Geschichte

Für Gerd Koenen in der FAZ verkörpert Wladimir Putin ein fatales Muster, das in der russischen Gschichte leider immer wieder auftrat: "Gerade die hypnotischen Selbstüberschätzungen Russlands als größtes Land der Erde und designierte Supermacht, als geopolitisches 'Herzland' der Welt oder als 'einzigartige eurasische Zivilisation', wie sie von den nationalreligiösen Kreml-Ideologen beschworen wird, sind der Hauptgrund, warum seine Geschichte sich wie in einem fehlerhaften Zirkel bewegt. Auf Zeiten imperialer Überspannung und vermeintlicher Ultrastabilität folgten, und jedes Mal aus scheinbar heiterem Himmel, Phasen der chaotischen Selbstauflösung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2022 - Geschichte

Vor acht Jahren hatte der Historiker Jörg Baberowski noch geleugnet, dass die Ukraine überhaupt ein Land sei. Davon ist er in seinem jüngsten Essay für die FAZ zwar abgerückt (unser Resümee), aber immer noch schreibt er "Ich glaube an Russland und seine Menschen", notiert Kollege Martin Schulze Wessel in einer scharfen Polemik gegen Baberowskis von vielen Historikern und Politikern geteiltes romantisches Russland-Bild: "Es ist höchste Zeit, sich von diesem pseudoreligiösen Russland-Kitsch zu befreien. Putin betreibt eine Rekolonisierung Osteuropas. Die Antwort darauf muss in einer konsequenten Dekolonisierung unserer Denkmuster liegen. In der Geschichtswissenschaft erfordert dies zum Beispiel, das immer noch verbreitete Schema der 'Russischen Geschichte' zu überwinden. Dieses führt von der Kiewer Rus über das Moskauer Zarentum zum Petersburger Imperium und blendet andere Erzählungen aus, so zum Beispiel das Werk des ukrainischen Historikers Mychajlo Hruschewskyj, der 1904 die Geschichte anders erzählte: Die Kiewer Rus fand ihre Fortsetzung nicht in Wladimir und Moskau, sondern in ihren westlichen Territorien, das heißt in Galizien und Wolhynien und später in der Adelsrepublik Polen-Litauen."