Vor acht Jahren hatte der Historiker
Jörg Baberowski noch geleugnet, dass die Ukraine überhaupt
ein Land sei. Davon ist er in seinem jüngsten Essay für die
FAZ zwar abgerückt (unser
Resümee), aber immer noch schreibt er "Ich
glaube an Russland und seine Menschen", notiert Kollege
Martin Schulze Wessel in einer scharfen Polemik gegen Baberowskis von vielen Historikern und Politikern geteiltes
romantisches Russland-Bild: "Es ist höchste Zeit, sich von diesem pseudoreligiösen Russland-Kitsch zu befreien. Putin betreibt eine
Rekolonisierung Osteuropas. Die Antwort darauf muss in einer konsequenten Dekolonisierung unserer Denkmuster liegen. In der Geschichtswissenschaft erfordert dies zum Beispiel, das immer noch verbreitete Schema der '
Russischen Geschichte' zu überwinden. Dieses führt von der Kiewer Rus über das Moskauer Zarentum zum Petersburger Imperium und blendet andere Erzählungen aus, so zum Beispiel das Werk des ukrainischen Historikers
Mychajlo Hruschewskyj, der 1904 die Geschichte anders erzählte: Die Kiewer Rus fand ihre Fortsetzung nicht in Wladimir und Moskau, sondern in ihren westlichen Territorien, das heißt in Galizien und Wolhynien und später in der Adelsrepublik Polen-Litauen."