9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2022 - Geschichte

In einem komplexen Text in der SZ erzählt der Historiker Dan Diner nicht nur die Gewaltgeschichte der Ukraine - vor allem aus jüdischer Sicht -, sondern er erläutert auch, wie unter Putin der Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland zunehmend als ausschließlich russisches Ereignis betrachtet wurde. Im Wesentlichen versucht Diner aufzuzeigen, wie der aktuelle Krieg die "emblematisch-negativen jüdischen Gedächtnisbilder über die Ukraine" verändert: "Für die Ukraine kommt dem gegenwärtigen Krieg die Bedeutung eines Gründungsereignisses zu. Es weist sich verengende Konturen eines Kulturkampfes auf - etwa durch die zunehmende Verweigerung, sich der russischen Sprache zu bedienen, deren universale, kosmopolitische Bedeutung zurücktritt. (…) Solche Tendenzen konfrontieren auch und gerade das jüdische Gedächtnis mit nicht unerheblichen Dilemmata. Zwar war eine in der Vergangenheit beständig gewesene kollektiv-jüdische Affinität zu Russland durch die kommunistische Erfahrung erheblich gemindert worden. Gleichzeitig entsprang dem sowjetischen Sieg über Hitler-Deutschland ein durchaus positiver Bezug, was wiederum dazu führte, dass beide Bilderwelten wie unverbunden nebeneinander zu stehen kamen. Eine solche Ambivalenz weist das jüdisch-ukrainische Verhältnis hingegen nicht auf. Es gilt als eindeutig historisch belastet."

Außerdem: "Die Osteuropa-Forschung hat die Ukraine viel zu lange vernachlässigt" schreibt Thomas Thiel in der FAZ, der auch eine "ungleiche Aufarbeitung der Totalitarismen" kritisiert.

Der Historikerstreit 2.0 ist nicht vorbei. Der Historiker Andreas Wirsching setzt sich in der Zeit mit drei Positionen auseinander, die den Holocaust aus unterschiedlichen Motiven nivellieren wollen, zum einen die Position des Globalhistorikers Wolfgang Reinhard, der auf seltsame Art konservative Positionen mit postkolonialer Rhetorik mischt (unser Resümee), dann eine Position, die à la Hedwig Richter eine "normale" deutsche Fortschrittsgeschichte erzählen will und schließlich die postkoloniale Position, die den Holocaust in eine lange Kette von Kolonialverbrechen einreiht: "Leicht kann die postkoloniale Globalperspektive dazu missbraucht werden, die deutschen Verbrechen unter der NS-Herrschaft in ein universalistisches Entlastungsnarrativ einzuordnen. In einer solchen Erzählung wird der Holocaust zu einer Gewalttat, die grundsätzlich jederzeit und überall hätte passieren können. Erneut würde man bei einer Entkoppelung von deutscher Geschichte und Holocaust landen."

Jeanne Terwen-de Loos - Dress of maps, 1945 - 1946. Gift of P.A. Terwen, Leiden and J.W. Terwen, Nieuwegein


Etwas enttäuscht ist FAZ-Kritiker Hubert Spiegel von der Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum, die den indonesischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Niederlande beleuchten will: "Historische und politische Zusammenhänge erschließen sich so oft nur in geringem Maße" und über 350 Jahre niederländischer Kolonialherrschaft erfährt man ebenso wenig wie über die Bedeutung der indonesische Revolution für andere Unabhängigkeitsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg. "Aber man wird in dieser Ausstellung auch entschädigt: Viele der etwa zweihundert ausgestellten Objekte sind zugänglich, beredsam, fesselnd. Zwischen martialischen Propagandaplakaten, Fotos des mit einer Indonesierin verheirateten Henri Cartier-Bresson und dokumentarischen Filmaufnahmen von Sukarnos Triumphzügen sticht ein Kleidungsstück auf einer Schneiderpuppe besonders heraus: Es ist ein seidener Hausmantel für eine Dame, zusammengefügt aus den Landkarten von Siam, China, Indien, Burma und 'French Indo China'. Es handelt sich tatsächlich um Landkarten, denn die englische Luftwaffe ließ solche 'escape maps' auf Seide oder Rayon drucken und gab sie ihren Piloten als Orientierungshilfe für den Fall eines Absturzes mit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2022 - Geschichte

In der NZZ beschreibt der russische Autor Nikolai Kononow die "zusammengewürfelte Gruppe von Gehilfen" Putins, die ihm beim Basteln seines Weltbildes halfen. Und Kersten Knipp erinnert angesichts der ausländischen Freiwilligen, die für die Ukraine kämpfen wollen, an die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. In der FR blickt Arno Widmann 25 Jahre zurück auf den Tag, als Tony Blair Premierminister Britanniens wurde und der "Aufstieg der City of London zum wichtigsten Industriezweig der Insel" begann.
Stichwörter: Blair, Tony

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2022 - Geschichte

Das denkmalsüchtige 19. Jahrhundert hat den Aufklärer Johann Friedrich Struensee vergessen, kein Denkmal, nirgends, auch nicht etwa in Hamburg-Altona, der damals zweitgrößten dänischen Stadt, wo er vor Kopenhagen wirkte. Geboren wurde er in Halle. Und im Jahr 2010 wurde ihm am Contor-Gymnasium eine Plakette gewidmet.
Vor 250 Jahren wurde in Kopenhagen der Altonaer Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee  hingerichtet. Er hatte als Regent des dänischen Königs Christian VII. als erster in Europa Pressefreiheit eingeführt und eine Menge andere Reformen angestoßen. Doch eine Affäre mit Königin Caroline Mathilde wurde ihm zum Verhängnis. Mit der Hinrichtung wurden seine Reformen einkassiert, und doch waren sie mit ihm in der Welt. Frederik Stjernfelt erzählt die Geschichte im Perlentaucher: "Was von vielen als blutiger, grausamer und altmodischer, ja obsoleter Bestrafungsritus empfunden wurde, trug im April nur zur internationalen Aufmerksamkeit für die politischen Umwälzungen in Kopenhagen bei. Der Hamburgische Correspondent, eine der wichtigsten Zeitungen Europas, berichtete im Frühjahr 1772 sehr ausführlich über die Struensee-Affäre, und zwar in Form einer von einem lokalen Korrespondenten verfassten Serie auf der Titelseite, die dafür sorgte, dass die Struensee-Affäre und der Machtwechsel in Dänemark-Norwegen in den deutschsprachigen Ländern ein breites Publikum fand. Die Berichterstattung war gut informiert und ging weitaus mehr ins Detail als die zaghafte Kopenhagener Presse, die sich vor der neuen Putschregierung fürchtete. Das war professioneller Journalismus."

Außerdem: Josefine Rein und Rosa Budde unterhalten sich in der taz mit dem israelischen Historiker Tom Navon, der über die Jugendbewegung im Warschauer Ghetto forscht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2022 - Geschichte

Für die Welt hat Sven Felix Kellerhoff ein vorab veröffentlichtes Kapitel aus dem Buch "Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage des BND in der Ära Adenauer" des Historikers Klaus-Dietmar Henke gelesen. Henke geht in dem Buch, das im Mai erscheint, der Verbindung der CDU zu Spitzeln des deutschen Geheimdienstes nach, die die Sozialdemokraten ausspionieren sollten - und spricht von einem "Super-Watergate". Die Studie bietet wenig neues, schon gar kein "deutsches Watergate", winkt Kellerhoff ab, der auch mit dem Historiker Rolf-Dieter Müller gesprochen hat: "Die Ausspähung der SPD hatte für die Arbeit des BND weder Priorität noch größeres Gewicht. Es war mehr eine Art von Gefälligkeit des Chefs für den Kanzler, die dieser wohlgefällig zur Kenntnis nahm, wenngleich viele Meldungen auch aus der Presse entnommen werden konnten, was beim BND ohnehin zur Routine gehörte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2022 - Geschichte

Willi Winkler erzählt in der SZ, wie der BND im Eichmannprozess dafür sorgte, dass aus Gründen der Staatsräson Adenauers Staatssekretär, der Nazi Hans Globke, nicht in den Prozess hineingezogen wurde: "Offenbar ist die Staatsräson bis heute, sechzig Jahre danach, bedroht, denn der Band 'Geheime Dienste' der Unabhängigen Historikerkommission über die Inlandsspionage des Bundesnachrichtendienstes (BND) kann nur mit zahlreichen Schwärzungen erscheinen. Das Kapitel über den Eichmann-Prozess ist zeilen- und absatzweise geschwärzt, einmal sind es gleich mehrere fortlaufende Seiten, die in dem druckfrischen Buch unleserlich gemacht worden sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2022 - Geschichte

Als großes Trauma wirkt der Vertrag von Rapallo für Deutschlands Russlandpolitik. Der berüchtigte Vertrag wurde genau vor hundert Jahren geschlossen, Ostern 1922. Mit dem Vertrag lösten Deutschland und die Sowjetrussland, die beiden Verlierer des Ersten Weltkriegs und internationalen Parias, weltweites Entsetzen aus, wie der Historiker Jörg Himmelreich in der NZZ schreibt: "Die geheime Militärkooperation entsprang dem in Weimar verbreiteten politischen konservativen Denken, eine gemeinsame deutsch-russische Grenze wiederherzustellen, auf Kosten des mit dem Versailler Vertrag erneut gegründeten Polen. Alle nachfolgenden Weimarer Regierungen jeder parteipolitischen Couleur trugen es insgeheim mit. Der Vertrag löste in der westlichen Staatengemeinschaft politisches Entsetzen aus. Deutschland, der unsichere Kantonist, der sich allzu schnell zu deutsch-(sowjetisch)russischen Sonderbeziehungen zulasten Dritter verführen lässt und dessen unbedingter politischer Zugehörigkeit zur westlichen Gemeinschaft man deswegen nie ganz sicher sein kann: Dieses Gespenst entstand damals und lebt bis heute immer wieder auf. Deswegen ist der Vertrag von Rapallo in der Geschichte der internationalen Beziehungen in Europa so legendär. Er setzte nach dem ersten Schock eine Politik der Westmächte in den 1920er Jahren in Gang."

Mit dem eher unspektakulären Inhalt des Vertrags lasse sich das 'Rapallo-Trauma' nicht erklären, erklären zudem die Historiker Robert Kindler und Martin Lutz in der FAZ: "Im Kern vereinbarten beide Seiten 1922 in dem ligurischen Badeort die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und den gegenseitigen Verzicht auf Reparationszahlungen; außerdem trafen sie Absprachen auf wirtschaftlichem Gebiet. Wichtiger war, dass das Abkommen ohne Kenntnis und Zustimmung Großbritanniens und Frankreichs unterzeichnet wurde. Es wurde zum Eckpfeiler einer deutschen Revisionspolitik, die das wirtschaftliche Potential Deutschlands als 'Schwungrad' nutzen wollte, um die Ordnung des Versailler Vertrags zu revidieren. Es ist verständlich, dass dies bei den polnischen, französischen, tschechoslowakischen und anderen Nachbarn von Anfang an auf größtes Misstrauen stieß."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2022 - Geschichte

Vor genau hundert Jahren wurde der Vertrag von Rapallo geschlossen, ein Separatvertrag zwischen Deutschland und den Bolschewisten auf eine Wirtschaftskonferenz, die eigentlich internationale Absprachen suchte. Michael Thumann sieht ihn in der Zeit als fatales Exempel der besonderen deutsch-russischen Beziehungen: "Der Rapallo-Vertrag wurde in den kommenden Jahren zur diplomatischen Hülle für eine Reihe von Geheimabmachungen und Kooperationen. Der Reichswehrchef von Seeckt baute die heimliche militärische Zusammenarbeit unter Umgehung der Versailler Bestimmungen aus: Deutsche Piloten übten im russischen Lipezk, deutsche Panzerfahrer in Kasan, deutsche Chemiker experimentierten mit Kampfstoffen an der Wolga."
Stichwörter: Vertrag von Rapallo, Rapallo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2022 - Geschichte

Auf dem Gelände der Ditib-Moschee in Berlin-Tempelhof, die dem türkischen Verteidigungsministerium gehört, liegen zwei prächtige Ehrengräber. Hier liegen Cemal Azmi und Bahattin Schakir, erzählt die Historikerin Kristina Milz in der FAZ. Die beiden gehörten der jungtürkischen Regierung an und wurden vor genau hundert Jahren bei einem von zwei Armeniern begangenen Attentat in Berlin ermordet. Dass die beiden Politiker so prächtige Gräber in Berlin haben, zeigt auch, dass der Völkermord in der Türkei alles andere als aufgearbeitet ist, so Milz: "Gouverneur Azmi war berüchtigt als 'Henker von Trabzon'. Er soll zur sexuellen Befriedigung seines Sohnes einige der schönsten armenischen Mädchen im Alter von zehn bis 13 Jahren ausgesucht haben, bevor er die anderen im Meer ertränken ließ. 2003 wurde in der Türkei eine Grundschule nach ihm benannt. Bahattin Schakir, der andere, organisierte die Deportationen aus den Hauptsiedlungsgebieten der Armenier im Westen des Reichs und befehligte Todesschwadronen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2022 - Geschichte

Im FR-Interview mit Harry Nutt ruft der Historiker Michael Wildt die Gewaltgeschichte in Erinnerung, die Osteuropa geprägt hat und die in der deutschen Aufarbeitung ausgeblendet wurde, auch wenn Wildt diese nicht als reinen Selbstbetrug bezeichnen würde: "Allerdings wurde in der Aufarbeitung des deutschen Vernichtungskrieges die Sowjetunion mit Russland gleichgesetzt und nicht gesehen, dass die nationalsozialistischen Massenverbrechen vor allem in der Ukraine, Belarus, Polen begangen wurden. Dass es dort auch stalinistische Massenverbrechen gab. In Deutschland weiß man nach wie vor sehr wenig über die Gewaltgeschichte in Osteuropa."

In der taz erzählt Francesca Polistina die Geschichte des Jungen Simon aus Trient, nach dessen Tod im Jahr 1475 Behauptungen die Runde machte, das Kind sei Opfer eines Ritualmordes geworden. Typischer Fall von Antijudaismus, klar, aber auch von gesteuerter Fake News, schreibt Polistina: "Was den norditalienischen Fall aus Trient so besonders macht, ist nicht die Legende an sich, sondern die Tatsache, dass er mit der Erfindung der Druckerpresse einhergeht. Cattoi vom Diözesanmuseum sagt, dass hier die Druckpresse für eine Schmähkampagne im modernsten Sinne des Wortes genutzt wurde. Simon wurde so zum vielfach vervielfältigten Symbol des christlichen Antisemitismus. Der Mann hinter dieser Kampagne hieß Johannes Hinderbach. Er war nichts weniger als der damalige Fürstbischof von Trient. Warum agierte er so? Der Antijudaismus war die eine Sache, Historiker Cattoi betont aber auch, dass es dem Fürstbischof persönliches Prestige und ökonomische Vorteile verschaffte. Es konnte nicht schaden, dass die Diözese nun einen Märtyrer vorzuweisen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2022 - Geschichte

Während sich ukrainische Historiker und Politiker um eine Anerkennung des Holodomor als Genozid bemühen und versuchen, diese Anerkennung auch in der globalen Erinnerungskultur zu verankern, spielt die Erinnerung an die Opfer der Hungersnot in der russischen Erinnerungskultur heute kaum eine Rolle, schreibt die Osteuropa-Historikerin Tanja Penter in der NZZ: "Russische Historiker verstehen die Hungertoten häufig nicht als Opfer einer verbrecherischen Politik Stalins, sondern als Kollateralschäden der forcierten Kollektivierung und Industrialisierung, die sich später als entscheidend erwies, um den sowjetischen Sieg gegen NS-Deutschland im Zweiten Weltkrieg herbeizuführen. Russische Politiker kritisierten mehrfach, dass die ukrainische Deutung der Hungersnot darauf abziele, Russland die Verantwortung dafür zuzuweisen und dadurch Feindschaft zwischen den zwei Völkern zu säen. In diesen Tagen hat der russische Bildungsminister Sergei Krawtsow die Untersuchung ukrainischer Schulbücher angeordnet, die angeblich die Geschichte verzerrten und Russland als 'potenziellen ersten Feind der Ukraine' darstellten. Nach dem Ende der Sowjetunion ist es den Nachfolgestaaten nicht gelungen, integrierende Narrative über zentrale Ereignisse ihrer Geschichte des 20. Jahrhunderts zu entwickeln."