In der
Zeit sieht der Historiker
Heinrich August Winkler den russischen Präsidenten
Wladimir Putin durchaus in einer Reihe mit anderen
Ultranationalisten wie
Adolf Hitler, Benito Mussolini oder Slobodan Milosevic: "Wie Milošević entstammt er dem kommunistischen Staatsapparat. Mit dem Belgrader Politiker teilt er das Trauma des Untergangs eines multinationalen Staatsgebildes. Was dem einen jenes Großserbien war, zu dem sich Jugoslawien zuletzt entwickelt hatte, ist dem anderen die Sowjetunion, die sich im gleichen Jahr 1991 auflöste wie der einstige Staat des Marschalls Tito. Auch Mussolini kam
von ganz links. Im Ersten Weltkrieg wandelte sich der radikale Sozialist in einen
glühenden Nationalisten. Während Hitlers Nationalsozialisten (und nicht nur sie) auf die Niederlage von 1918 und das 'Diktat von Versailles' mit der Legende vom marxistisch-jüdischen Dolchstoß in den Rücken des angeblich im Felde unbesiegten Heeres reagierten, pflegten die italienischen Faschisten den Mythos von der 'vittoria mutilata', dem '
verstümmelten Sieg': Sie behaupteten, dass die westlichen Siegermächte Italien um die Früchte seines heroischen Beitrags zum gemeinsamen Erfolg der Alliierten betrogen hätten. Die politische Instrumentalisierung einer (wirklichen oder gefühlten) Niederlage und die
Selbststilisierung zum Opfer mächtiger Feinde: Das ist es, was diese so unterschiedlichen politischen Führer miteinander verbindet."
In der
NZZ sieht Ulrich M. Schmid
Wladimir Putin dagegen eher in der absolutistischen Linie der russischen Zaren, zwischen
Iwan dem Schrecklichen und Alexander III., die bis zu ihrer Abdankung im März 1917 nicht nur über dem Gesetz standen, sie waren das Gesetz. "Als der britische Botschafter Nikolai II. während des Ersten Weltkriegs auf dessen wachsende Unpopularität ansprach, antwortete der Zar vielsagend: 'Meinen Sie nun, dass ich das Vertrauen meines Volks zurückgewinnen muss, oder meinen Sie nicht vielmehr, dass mein Volk mein Vertrauen zurückgewinnen muss?' Allerdings verachtet Putin
Nikolai II. als schwachen Herrscher, der für den
Zerfall seines Reichs verantwortlich ist. Umso heller strahlt in Putins Augen Nikolais Vater, Alexander III., der Russland mit eiserner Hand regierte. Putin verwendet gerne ein Zitat von
Alexander III., um seinen Isolationismus historisch zu begründen: Russland verfüge nur über zwei Verbündete:
die Armee und die Flotte."
Der russische Ökonom
Wladislaw Inosemzew befindet dagegen in einem weiteren Text in der
NZZ: Putin ist kein Nazi, sondern ein Faschist: "Was Putin in seiner Regentschaft reproduzierte, ist das prototypische faschistische Modell, wie es
Benito Mussolini entwickelt hat - versetzt mit sozialdemokratischen Elementen, einem starken Gefühl der
Größe des verlorenen Reiches, einer korporativen Organisation der nationalen Wirtschaft und einer
eher maßvollen Unterdrückung des politischen Gegners."