9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1627 Presseschau-Absätze - Seite 58 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2022 - Geschichte

In der NZZ wirft der Historiker Hubertus Knabe dem Deutschen Historischen Museum vor, in seiner neuen Ausstellung "Karl Marx und der Kapitalismus"  Marx zu verklären: "Zu sehen bekommt der Besucher keine Ausstellung, die sich der Geschichte des eigenen Hauses stellt oder die den uferlosen Marx-Kult in der DDR beschreibt, was in der Benennung einer ganzen Stadt nach ihm gipfelte. Stattdessen präsentiert das Museum eine Art bebilderte Kurzfassung der 'Blauen Bände', wie die vom Zentralkomitee der SED herausgegebenen Marx-Engels-Werke wegen ihres farbigen Einbands genannt wurden. Da Marx' Texte oft langatmig und schwer verständlich sind, ist die Ausstellung entsprechend ermüdend, woran auch die grellen Farben der Wände und die herangeschafften Objekte nichts ändern. Die Ausstellungsmacher versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie Marx' gescheiterten Theorien eine neue Aktualität zusprechen."
Stichwörter: Knabe, Hubertus, Marx, Karl, SED

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2022 - Geschichte

In der FAZ denkt der Historiker Dan Diner in einem nicht ganz leicht zu nachvollziehbaren Text über Hans Blumenbergs Begriff der Zeit im Krieg nach, über Putins Taktiken und mögliche Ziele. Ein Gedanke: "Sukzessive hat sich Putin zum Alleinherrscher gemausert. Bei seinem Vorgehen zerstörte er die 'Institutionalität der Geschichtszeit' (Blumenberg). Schließlich beruhen Institutionen darauf, dass die Lebenszeit der Regierenden nicht zum Maß aller Dinge wird; dass Verfügungen über die sie tragenden Personen hinaus verpflichtend getroffen und eingehalten werden. Die Putinsche Alleinherrschaft hat sich institutionellen Kautelen gänzlich entzogen."
Stichwörter: Diner, Dan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2022 - Geschichte

Im Tagesspiegel erinnert die Historikerin Ulrike von Hirschhausen an die Kriege, die Russland im 19. Jahrhundert gegen Polen und im Kaukasus führte, vor allem aber an den Hungerkrieg gegen die Ukraine in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts: "Ende 1933 waren rund fünf bis sechs Millionen Ukrainer durch Aushungerung getötet worden. Europäische Diplomaten und Journalisten der Zeit kannten die Fakten, aber der sowjetische Hungerkrieg gegen die Ukraine war bis 1990 im Westen wenig bekannt. Wie gelang es der sowjetischen Führung, die Lüge durchzusetzen, es habe keinen Hungerkrieg gegeben? Bereits während des Massensterbens verboten die sowjetischen Behörden den Begriff 'Hungertod' und wer das Wort benutzte, dem drohten fünf Jahre Gefängnis. Der Begriff 'Hungersnot' durfte erstmals 1987 überhaupt in der sowjetischen Ukraine öffentlich benutzt werden. Zum anderen vernichteten die sowjetischen Behörden die Sterbebücher der Jahre 1932/33, was ein wichtiger Schritt zum Verdecken der Tatsachen war. Der österreichische Schriftsteller Arthur Koestler konnte 1932 noch nach Charkiw reisen und hatte das Lügengebäude durchschaut: 'Kein einziges Wort über die örtliche Hungersnot, das Aussterben ganzer Dörfer. Man bekam ein Gefühl traumhafter Unwirklichkeit, die Zeitungen schienen von einem ganz anderen Land zu sprechen...'"

In der Zeit erinnert der Historiker Andreas Kappeler, dass nicht nur von Wladimir Putin die Existenz einer ukrainischen Nation in Zweifel gezogen wurde, sondern auch von Politikern wie Helmut Schmidt: "Wer solche Aussagen zu überprüfen versucht und nach der Nations- und Staatsbildung der Ukraine fragt, gerät rasch in ein Gestrüpp konkurrierender Narrative. Und er läuft Gefahr, über die Fallstricke des Essenzialismus zu stolpern, der die Nation aus der Geschichte herauslösen und mit objektiven Kennzeichen - Territorium, Sprache, Kultur, Staat, Religion, kollektive Erinnerung - ausstatten will. Zwar bedarf es solcher einigender Elemente, entscheidend bleibt jedoch das subjektive Bekenntnis, zu einem Volk, zu einer Nation zu gehören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2022 - Geschichte

Sehr genau legt der Linguist Ernst Kausen in der Welt dar, weshalb das Ukrainische eine eigenständige Sprache ist. Das Ukrainische bildetet sich wie das Russische und Weißrussische aus dem Ostslawischen, um 1800 entstand zudem eine neue ukrainische Literatursprache, aber: "Diskriminierende Erlasse der russischen Regierung in den Jahren 1863 und 1876 führten außerhalb Galiziens zu einer drastischen Einschränkung des Ukrainischen in Literatur, Schule und Öffentlichkeit. Von den Russen wurde die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Sprache bestritten, sie wurde als ein vom Polnischen verderbter russischer Dialekt abgetan - eine These, die von Putin und russischen Nationalisten wieder aufgegriffen wurde. Mit der Gründung der ukrainischen Volksrepublik im Jahre 1918 wurde Ukrainisch erstmals zur Staatssprache, dies blieb sie auch später in der Ukrainischen Sowjetrepublik, wenn sich auch der Grad der Freiheit bzw. Unterdrückung des Ukrainischen in der Sowjetzeit ständig änderte."
Stichwörter: Ukraine, Ukrainisch, Dialekt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2022 - Geschichte

In der Zeit sieht der Historiker Heinrich August Winkler den russischen Präsidenten Wladimir Putin durchaus in einer Reihe mit anderen Ultranationalisten wie Adolf Hitler, Benito Mussolini oder Slobodan Milosevic: "Wie Milošević entstammt er dem kommunistischen Staatsapparat. Mit dem Belgrader Politiker teilt er das Trauma des Untergangs eines multinationalen Staatsgebildes. Was dem einen jenes Großserbien war, zu dem sich Jugoslawien zuletzt entwickelt hatte, ist dem anderen die Sowjetunion, die sich im gleichen Jahr 1991 auflöste wie der einstige Staat des Marschalls Tito. Auch Mussolini kam von ganz links. Im Ersten Weltkrieg wandelte sich der radikale Sozialist in einen glühenden Nationalisten. Während Hitlers Nationalsozialisten (und nicht nur sie) auf die Niederlage von 1918 und das 'Diktat von Versailles' mit der Legende vom marxistisch-jüdischen Dolchstoß in den Rücken des angeblich im Felde unbesiegten Heeres reagierten, pflegten die italienischen Faschisten den Mythos von der 'vittoria mutilata', dem 'verstümmelten Sieg': Sie behaupteten, dass die westlichen Siegermächte Italien um die Früchte seines heroischen Beitrags zum gemeinsamen Erfolg der Alliierten betrogen hätten. Die politische Instrumentalisierung einer (wirklichen oder gefühlten) Niederlage und die Selbststilisierung zum Opfer mächtiger Feinde: Das ist es, was diese so unterschiedlichen politischen Führer miteinander verbindet."

In der NZZ sieht Ulrich M. Schmid Wladimir Putin dagegen eher in der absolutistischen Linie der russischen Zaren, zwischen Iwan dem Schrecklichen und Alexander III., die bis zu ihrer Abdankung im März 1917 nicht nur über dem Gesetz standen, sie waren das Gesetz. "Als der britische Botschafter Nikolai II. während des Ersten Weltkriegs auf dessen wachsende Unpopularität ansprach, antwortete der Zar vielsagend: 'Meinen Sie nun, dass ich das Vertrauen meines Volks zurückgewinnen muss, oder meinen Sie nicht vielmehr, dass mein Volk mein Vertrauen zurückgewinnen muss?' Allerdings verachtet Putin Nikolai II. als schwachen Herrscher, der für den Zerfall seines Reichs verantwortlich ist. Umso heller strahlt in Putins Augen Nikolais Vater, Alexander III., der Russland mit eiserner Hand regierte. Putin verwendet gerne ein Zitat von Alexander III., um seinen Isolationismus historisch zu begründen: Russland verfüge nur über zwei Verbündete: die Armee und die Flotte."

Der russische Ökonom Wladislaw Inosemzew befindet dagegen in einem weiteren Text in der NZZ: Putin ist kein Nazi, sondern ein Faschist: "Was Putin in seiner Regentschaft reproduzierte, ist das prototypische faschistische Modell, wie es Benito Mussolini entwickelt hat - versetzt mit sozialdemokratischen Elementen, einem starken Gefühl der Größe des verlorenen Reiches, einer korporativen Organisation der nationalen Wirtschaft und einer eher maßvollen Unterdrückung des politischen Gegners."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2022 - Geschichte

Am 9. März 1972 wurde in der DDR das "Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft" beschlossen, das das Abtreibungsrecht fortschrittlicher regelte, als es noch heute in Paragraf 218a geregelt ist, erinnert Arno Widmann in der FR: "Die Schwangere erhielt einen Termin in einem Krankenhaus, wurde vom Arzt, der Ärztin über die Art des Eingriffes und über Verhütungsmethoden aufgeklärt. Es folgte der Eingriff. Später gab es kostenlose Verhütungsmittel. Noch gegen Ende der 80er Jahre sollen in der DDR rund ein Drittel der Schwangerschaften abgebrochen worden sein. Das Ergebnis war ein deutlicher Geburtenrückgang. Den versuchte die Regierung der DDR durch die finanzielle Unterstützung junger Ehepaare zu bekämpfen. Mit dem Gesetz von 1972 brach die DDR radikal auch mit ihrer eigenen Tradition. Das Gesetz aus dem Jahr 1950 'Über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau' erlaubte einen Schwangerschaftsabbruch nur nach medizinischer oder embryopathischer Indikation, 'wenn die Austragung des Kindes das Leben oder die Gesundheit der schwangeren Frau ernstlich gefährdet oder wenn ein Elternteil mit schwerer Erbkrankheit belastet ist'.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2022 - Geschichte

Leider erinnern wir uns meist erst dann an die Lehren der Geschichten, wenn es zu spät ist, seufzt der Historiker Neal Ascherson im Guardian, der sich von der Historikerin Margaret MacMillan auf eine wichtige Parallele zwischen Putin und Hitler hinweisen lässt: "Beide Männer meinten, was sie sagten. Und in beiden Fällen wurden sie nicht ernst genommen, bis es zu spät war. Hitler erging sich in der Öffentlichkeit darüber, die Juden loszuwerden und Lebensraum im Osten Europas zu erobern. Aber ein 'anderer Hitler' konnte unter vier Augen manchmal recht charmant und konstruktiv über mögliche Abkommen sprechen. Offensichtlich, so schlussfolgerten ausländische Besucher, war das öffentliche Getue nur Show, während der 'ernste' Hitler seine wahren Gedanken offenbarte. Diametral falsch! Die verrückten Reden verrieten seine wahren Absichten; die nüchternen Überlegungen beim Kaffee waren allesamt gelogen."

Die Slawistin Nina Friess und der Politikwissenschaftler Félix Krawatzek beschreiben in der NZZ, wie eine russische Geschichtspolitik allmählich Früchte trägt, die seit Jahren an einer Rehabilitierung Stalins arbeitet: "Angesichts dessen, was Stalin nach Meinung vieler Russen im Krieg und für den Wiederaufbau des Landes geleistet habe, rückt das Leid, das der sowjetischen Bevölkerung unter seiner Führung widerfuhr, aber in den Hintergrund... Und so lässt sich heute beobachten, dass Stalin in Umfragen von Lewada, dem letzten unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstitut, entweder positiv oder mit Gleichgültigkeit bewertet wird, aber nur in seltenen Fällen mit Ablehnung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2022 - Geschichte

In Atlantic beschreibt Anne Applebaum sehr anschaulich, wie sich im 16. und 17. Jahrhundert die ukrainische Identität herausgebildet hat, auch wenn der Adel sich am polnischen oder russischen Hof ausrichtete: "In diesen Jahrhunderten entwickelte sich auch ein Gefühl des Ukrainischen, das mit den Bauern, Leibeigenen und Landwirten verbunden war, die sich nicht assimilieren wollten oder konnten. Die ukrainische Sprache, die ukrainische Kunst und die ukrainische Musik wurden auf dem Lande bewahrt, auch wenn in den Städten Polnisch oder Russisch gesprochen wurde. Zu sagen 'Ich bin Ukrainer' war einst ebenso eine Aussage über den Status und die soziale Stellung wie über die ethnische Zugehörigkeit. 'Ich bin Ukrainer' bedeutete, dass man sich bewusst gegen den Adel, die herrschende Klasse, die Kaufmannsschicht und die Städter abgrenzte. Später konnte es auch bedeuten, dass man sich gegen die Sowjetunion abgrenzte: Ukrainische Partisanen kämpften 1918 gegen die Rote Armee und dann wieder in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Jahren des Kalten Krieges. Die ukrainische Identität war anti-elitär, bevor man den Begriff anti-elitär verwendete, oft wütend und anarchisch, gelegentlich auch gewalttätig. Einige von Schewtschenkos Gedichten sind in der Tat sehr wütend und sehr gewalttätig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2022 - Geschichte

In den Niederlanden wurde ein offizieller Bericht über die Kolonialverbrechen des Landes vorgestellt, berichtet Gerhard Hirschfeld in der FAZ. Diese Verbrechen waren zum Teil exzessiv, von 100.000 Toten ist die Rede, und auf komplizierte Weise verwoben mit dem Zweiten Weltkrieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit: "Allein auf Java wurden weit mehr als tausend indonesische Verwaltungsbeamte und Dorfvorsteher, die der 'Kollaboration' mit den Niederländern beschuldigt wurden, von republikanischen Milizen ermordet oder entführt. Auf niederländischer Seite kamen eigens für den Guerillakampf ausgebildete 'Kommando-Einheiten' zum Einsatz, die zahlreiche 'Exzesstaten' verübten. Zu den von der kolonialen Militärführung für legitim erachteten Maßnahmen gehörten brutalste Verhörmethoden, Massenhinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, wahllose Erschießungen sowie die Zerstörung von Dörfern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Geschichte

Es wird immer unwahrscheinlicher, dass Rosemary Sullivans mit einem Rechercheteam verfasstes Buch "The Betrayal of Anne Frank" (unsere Resümees) auf deutsch erscheint, berichtet in der Welt Sven Felix Kellerhoff, der mit Kritikern des Buchs gesprochen hat. Die Verlagsgruppe Harper-Collins, die das Buch auf deutsch herausbringen soll, bekundet zwar, noch an einer eigenen überarbeiteten deutschen Version zu arbeiten, nennt aber keinen Erscheinungstermin mehr.
Stichwörter: Frank, Anne