9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2748 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 275

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2026 - Gesellschaft

In der FAZ verteidigen der Jurist Matthias C. Kettemann und der Medienrechtler Wolfgang Schulz in einem maximal abstrakten Artikel den "Digital Services Act" der EU gegen Vorwürfe, er gestehe mit üppigen Staatsgeldern ausgestatteten NGOs einen zu großen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung aus. Auch Zensurvorwürfe wurden erhoben. Doch von Zensur könne hier keine Rede sein, meinen die beiden, schließlich würden die Plattformen am Ende selbst bestimmen, was sie löschen und was nicht. "Besonders zugespitzt wird diese Kritik im Bild eines angeblichen 'Zensur-Industrie-Komplexes', wie es Andrew Lowenthal in einem NZZ-Interview (unser Resümee) formulierte: Ministerien, NGOs, Stiftungen, Faktenchecker, Medien, Wissenschaft und Plattformen arbeiteten alle zusammen. Gerade NGOs, so lautet der Vorwurf, seien zu Auftragnehmern des Staates geworden, finanziert mit stetig wachsenden öffentlichen Mitteln. Diese Nähe sei demokratietheoretisch gefährlich und führe faktisch zu Meinungslenkung. Hier liegt ein berechtigter Diskussionspunkt, der nicht abgetan werden sollte. ... Doch aus Förderung automatisch 'Zensur' und den Versuch der 'Meinungslenkung' abzuleiten, verkennt die Machtverhältnisse. NGOs löschen keine Inhalte" und sie verfügen auch über keine hoheitlichen Befugnisse, so die beiden Wissenschaftler.

In der SZ kritisieren Felix Stephan und Jörg Häntzschel das "Haber-Verfahren", das mit Hilfe des Verfassungsschutzes sicherstellen soll, dass keine staatlichen Gelder bei Extremisten landen. Jetzt hat es tatsächlich drei linke Buchhandlungen getroffen, die keine staatliche Unterstützung mehr bekommen sollen: "Das Vorgehen stellt einen Bruch mit der jahrzehntelang gültigen Übereinkunft dar, dass in der staatlichen Kulturförderung ästhetische Kriterien gelten und politische keine Rolle spielen. ... Das Haber-Verfahren, das selbst renommierten Juristen oft nicht bekannt ist, funktioniert wie eine Blackbox. Wenn die Ministerien beim Verfassungsschutz um eine Überprüfung bitten, erhalten sie von dort nur den Bescheid, dass 'Erkenntnisse' vorliegen - oder eben nicht. Worin diese Erkenntnisse genau bestehen, teilt der Verfassungsschutz nicht mit."

In der NZZ nimmt Kacem El Ghazzali eine Studie des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) auseinander, die insbesondere die laizistischen Bestrebungen des Staates unter den Verdacht des "antimuslimischen Rassismus" stellt. Um diese These "als systemisches Phänomen zu verkaufen, bemüht die Studie einen gigantischen Kontextualisierungsapparat, der von der Kolonialgeschichte über den Schweizer Transithandel bis hin zu den 'Menschenschauen' des 19. Jahrhunderts reicht. Diese massive Historisierung dient einem klaren Zweck: Jede heutige Skepsis gegenüber islamischen Praktiken soll als historisch kontaminiert und als bloßes Echo kolonialer Überlegenheitsphantasien entlarvt werden. Doch beim Kopftuch selbst wird dieser analytische Eifer abrupt abgeschaltet: Es erscheint ausschließlich als individueller religiöser Ausdruck und freie Entscheidung. Der reichhaltige und ambivalente globale Kontext - der systematische Kopftuchzwang in Iran oder in Afghanistan sowie die blutigen Kämpfe von Frauen gegen diesen Zwang - bleibt im Text vollkommen unerwähnt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2026 - Gesellschaft

Berlin plant für den 15. März einen "Aktionstag gegen Islamophobie". Auf der Website der Berliner SPD heißt es dazu: "Der Aktionstag wurde 2022 von den Vereinten Nationen ausgerufen als Reaktion auf den islamfeindlichen Terrorangriff in Christchurch/Neuseeland bei dem 51 Musliminnen und Muslime getötet und 50 Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Der 15. März wird ein weiterer Tag sein, der Berlin mit der Welt verbindet." Eva Quistorp, eine der Gründerinnen der Grünen, protestiert dagegen in dem Blog starke-meinungen.de und ruft zu einer feministischen Gegendemo auf: "Wie kann man denn so tun, als sei in Berlin nach dem Beschmieren von Wänden von jüdischen Einrichtungen durch Hamassymbole und monatelangem Gebrüll 'from the river to the sea' und falschen, demagogischen Genozid-Vergleichen aus dem muslimischen und linksradikalen Milieu, nach dem islamistischen Terror gegen Juden in Sydney, nach den Gewaltattacken auf Uniräume an FU und TU durch sogenannte Islam- und PalästinafreundInnen und Angriffe auf Juden persönlich so ein merkwürdiger Tag mit so einem merkwürdigen Begriff nötig?"

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Die Soziologin Ashley Mears, ehemaliges Mannequin, hat vor einigen Jahren das Buch "Very Important People - Status and Beauty in the Global Party Circuit" vorgelegt. Für sie hat Jeffrey Epstein ein System zur Perversion geführt, das weithin auch außerhalb seiner direkten Sphäre besteht. Reiche Männer umgeben sich gern mit schönen Mädchen. Es gibt spezialisierte Agenten, die Partys mit solchen Mädchen ausstatten, schreibt sie in Le Monde: "Es werden nur Mädchen zugelassen, die Models sind - oder so aussehen: Man muss schlank, groß, jung und schön sein." Es geht dabei nicht wirklich um Sex, so Mears: "Für diese ultrareichen Männer bedeutet eine große Anzahl von Frauen, dass sie über eine Art Kapital verfügen, das sie nutzen können, um Beziehungen untereinander zu knüpfen. Eines Tages vertraute mir ein Restaurantchef etwas über den Jetset an, der in New York, den Hamptons oder Saint-Tropez feiert: 'Diese Mädchen sind nicht zum Sex da, sie sind nur Accessoires, um anzugeben und Eindruck zu schinden. Damit die Leute sich fragen: 'Wer ist dieser Typ? Seht euch all diese Mädchen an, wow! Er muss reich und berühmt sein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2026 - Gesellschaft

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Langschläfer wurden schon im Mittelalter schief angesehen, heute ist es nicht viel besser, meint der Amerikanist Christoph Ribbat, der im Interview mit der NZZ über sein Buch "In den Tag. Eine kurze Geschichte des Aufwachens" spricht. Damals sollte man früh morgens gefälligst beten oder arbeiten, heute Sport machen. "Dieses Selbstoptimierungs- und therapeutische Denken beginnt in den 1970er Jahren und erreicht heute einen Höhepunkt. Man zeigt auf Social Media vor, wie das achtsame Leben geht. Es kommt natürlich nicht gut an, wenn man mit rot unterlaufenen Augen postet, dass man gestern drei Flaschen Wein getrunken hat, erst um 5 Uhr ins Bett ging und es einem jetzt mies geht. Bewundert wird derjenige, der um 7 Uhr vor einem proteinreichen Frühstück sitzt und sagt, er habe schon drei Seiten geschrieben und im Kraftraum 50 Kilo gestemmt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2026 - Gesellschaft

Der Soziologe Nils C. Kumkar legt in der FAZ seinen Eindruck dar, dass Verschwörungstheoretiker an der Realität der Epstein Files abgleiten. Liegt es daran, dass die Epstein-Netzwerke sich nicht auf ein politisches Milieu beschränken? "Die eskalierende soziale Ungleichheit der Gegenwartsgesellschaft führt auch dazu, dass die Solidarität ihrer Eliten im Zweifel die politischen Lager überspannt. Dieser Umstand hat selbst eine politische Qualität. In ihrer gemeinsamen Abwehr von als Zumutung empfundenen Versuchen, sie für Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, bestätigt sich das böse Wort, nach dem das Gesetz schützt und bindet, nur eben nicht dieselben Leute."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2026 - Gesellschaft

Die düstere Faszination der Epstein-Files hält an. Thomas Thiel erzählt in der FAZ, welche Rolle John Brockman für Epstein spielte. Brockman war der Gründer des edge.org-Netzwerkes, wo ein für die nuller Jahre charakteristischer Techoptmismus verbreitet wurde. "Epstein sammelte Wissenschaftler wie Trophäen", so Thiel, und "der Mann, der sie mit ihm bekannt machte, war der Literaturagent John Brockman... Man teilte den libertären, disruptiven Geist und den Glauben, alle Menschheitsprobleme ließen sich durch neue Technologie lösen."

Hm, aber war da nicht was, das Thomas Thiel vergisst zu erwähnen? Ach ja, der größte Propagandist des "edge.org"-Denkens und der "Dritten Kultur" in Deutschland war ein gewisser FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (der mit Abstand zweitgrößte ein gewisser Andrian Kreye von der SZ). Brockman war ein Kumpel, auch der von Thiel erwähnte David Gelernter hatte eine Zeitlang carte blanche in der FAZ (und der resümierende Perlentaucher versuchte seine Artikel zu verstehen).

Kira Kramer informiert zugleich in der FAZ über Trump betreffende Lücken in den Esptein Files.
Stichwörter: Epstein-Files

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2026 - Gesellschaft

Die Forderung nach einem Social-Media-Verbot ist eine "moral panic", also die Angst vor den Auswirkungen einer neuen Technologie, erklärt der Kommunikationswissenschafter Christian Pieter Hoffmann im NZZ-Interview mit Morten Friedel. "Außerdem glaube ich, dass viele Menschen unterschätzen, was es bedeuten würde, eine Altersgrenze ab 16 einzuführen. Dann müssen sich nämlich alle im Netz ausweisen, um ihr Alter nachzuweisen, nicht nur Kinder oder Jugendliche. Die Plattformbetreiber müssen ja irgendwie erfahren, ob ein Nutzer volljährig ist. Und es bedarf schon eines großen Optimismus im Hinblick auf die Stabilität unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wenn wir dem Staat so viel Macht geben. Kommt eine Art Ausweispflicht, kann er jede Diskussion namentlich zuordnen. Wenn autoritäre Parteien an die Macht kommen sollten, hätten sie damit ein ideales Werkzeug, um die Presse- und Meinungsfreiheit auszuhebeln."

Lena Bopp schreibt in der FAZ voller Bewunderung über einen Abend in Hamburg mit Gisèle Pelicot: "Vier Jahre lang habe sie den Opferstatus getragen, sagt Pelicot, aber sie habe ihn ablegen wollen. Sie habe sich selbst geheilt und erlaubt, wieder glücklich zu sein. 'Heute bin ich stark.' Das war nicht immer so, natürlich. 'Ich wusste: Wenn ich meinen Schmerz nicht teile, würde ich in ihm untergehen.' Pelicot ist so etwas wie eine Überlebende. Sie selbst bezeichnet sich als éveilleuse, eine Aufklärerin - dieses Wort zieht sie dem vielfach an sie herangetragenen Begriff der Ikone vor. So oder so verkörpert sie eine unwahrscheinliche Wiederauferstehung". Viele werden in Pelicots Geschichte zumindest "Fragmente des Geschehens" wiedererkennen, meint Bopp: "sexuelle Gewalt, Manipulation, Verrat, Ohnmacht und die Erfahrung von Kipppunkten im Leben, an denen alles bis dahin Gewesene zusammenbricht. Es ist deswegen auch bedauerlich zu sehen, dass wieder deutlich mehr Frauen als Männer an diesem Abend den Weg in die Hamburger Laeiszhalle gefunden haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2026 - Gesellschaft

Für Eva Illouz wirft die Epstein-Affäre ein Schlaglicht darauf, wie globalisierte Eliten heute funktionieren. "Jeffrey Epstein war keine 'Perversion', er verkörperte das Paradigma des Erfolgs im globalisierten Finanzkapitalismus", schreibt sie in einem Essay für Le Grand Continent. Und dabei kommt es nicht drauf an, wer man öffentlich ist: "Der linke Linguist Noam Chomsky verkehrt mit dem Finanzhai Jeffrey Epstein oder dem Spin-Doctor der MAGA-Bewegung Steve Bannon, und das ist das wirklich Neue an der Epstein-Affäre: Sie zeigt, dass Chomsky und Bannon sich soziologisch näher stehen, als ihre Ideologie vermuten lässt." Epstein war dabei die Spinne im Netz, und in seinem Netzwerk "spielte Philanthropie eine Schlüsselrolle. Strategisch, präzise und im Zentrum seines Ökosystems nutzte Jeffrey Epstein sie, um sein Elite-Netzwerk aufzubauen und zu pflegen und gleichzeitig Zugang zu renommierten Institutionen, Wissenschaftlern, Intellektuellen und führenden Persönlichkeiten außerhalb der Finanzwelt zu erhalten." Über sein ebenfalls als Netzwerk organisierten sexuellen Missbrauch junger Frauen schreibt sie: "Epstein machte keinen Hehl daraus, wer er war. In seinem Herrenhaus in Manhattan stellte er eine Originalausgabe von Nabokovs 'Lolita' für alle Besucher gut sichtbar zur Schau. Und die meisten Mitglieder seines umfangreichen Netzwerks schienen über seine Verbrechen bestens informiert zu sein. Das hatte seinen Grund, denn bis vor kurzem wurde Missbrauch kaum verfolgt. Er galt vielmehr als Ausdruck männlicher Macht."

taz-Kolumnistin Isolde Charim beschreibt es ganz ähnlich. Ein Netzwerk, wie Epstein es geflochten hat, entstehe, "durch wechselseitige Gefälligkeiten. Durch Geben und Nehmen. So spinnt es sich immer weiter. Denn Netz bedeutet Verstrickung. Eingebunden ist man durch Intrigen, durch krumme Geschäfte, durch die Weitergabe von Insiderwissen (und da ist vom Mädchenhandel noch nicht einmal die Rede). So wird deutlich: Verstrickung heißt auch - nicht entkommen."

Buch in der Debatte

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Noch nie in der Geschichte war die Vermögenskonzentration so hoch wie heute, erklärt der Journalist Evan Osnos, der ein Buch über Superreiche geschrieben hat, im Welt-Interview. Auch der politische Einfluss der Milliardäre steigt weiter: "2004 spendeten Milliardäre rund 25 Millionen Dollar für Präsidentschaftswahlen in den USA. 2024 lagen ihre Beiträge bei über 3 Milliarden Dollar - eine Steigerung um ein Vielfaches. Damit verschiebt sich das Machtgefüge. Wir bewegen uns in Richtung einer 'sultanistischen' Oligarchie: einer Ordnung, in der extreme Vermögen nicht nur wirtschaftliche, sondern faktisch souveräne politische Macht verleihen."

Der Blogger U.M. nimmt einen Videopost des ehemaligen Labourchefs und Gründers einer neuen Linkspartei Jeremy Corbyn auseinander, der ungeniert eine antisemitische Blutlegende verbreitet: Der Direktor des Al Shifa-Krankenhauses in Gaza hätte ihn angerufen, so Corbyn. Die Israelische Armee hätte dem Krankenhaus Dutzende Boxen geliefert, und als er die Pakete aufmachte, hätte er darin die Köpfe von Palästinensern gefunden, auch Leichen von Frauen, denen die Israelis Organe entnommen hätten.



U.M. dazu: "Wir sind, desensibilisiert durch die ständige pro-palästinensische Propaganda, tatsächlich und völlig unironisch wieder bei den antisemitischen Schauermärchen von vor hunderten Jahren angelangt... Eine simple, militärische Tatsache ist, dass die IDF sich im November vollständig aus dem Bereich zurückgezogen haben. Diese sogenannte 'gelbe Linie' war Teil der von den USA angestoßenen Waffenruhe. Dort befinden sich keine israelischen Soldaten mehr. Und die werden auch nicht zum Abliefern einiger imaginärer Leichenteile mit einem Konvoi mit mehreren LKW in einer Kampfzone, weit in das von der Hamas beherrschte Gebiet, fahren. Das Shifa Krankenhaus befindet sich nämlich fußläufig erreichbar am Hafen von Gaza-Stadt. Tief in dieser Zone."

Außerdem: Wenn Francesca Albanese, die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten Gebiete Palästinas, Israel als "Feind der Menschheit" beziehungsweise als Lenker eines Systems bezeichnet, das Feind der Menschheit sei, greift sie das älteste antisemitische Klischee überhaupt auf, schreibt der Judaist Peter Schäfer in der FAZ, der die Quellen dieses Klischees bis ins alte Ägypten zurückverfolgen kann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2026 - Gesellschaft

So sieht Feminismus laut taz aus.


"Reicht Souveränität aus, um gesellschaftliche Akzeptanz zu garantieren?", fragt sich Richard C. Schneider (NZZ) angesichts des steigenden Antisemitismus auf der ganzen Welt. Heute seien Jüdinnen und Juden aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit und ihrem Jüdisch-Sein wieder zur Zielscheibe geworden. "Vielleicht liegt hier die eigentliche Erschütterung. Nicht militärische Verwundbarkeit allein, sondern moralische Infragestellung trifft das Selbstbild. Israel wollte Normalität - ein Land unter anderen. Doch viele Israeli erleben, dass ihr Land anders bewertet wird, strenger, grundsätzlicher. Oft auch unfairer. Der neue Hass zwingt Israeli daher, sich erneut zu verorten: als Staatsbürger eines umstrittenen Landes, als Teil eines jüdischen Kollektivs, als Individuen mit eigenen Haltungen. Manche entdecken dabei eine stärkere Verbindung zur jüdischen Diaspora, weil sie plötzlich und zum ersten Mal ähnliche Erfahrungen teilen. Andere betonen umso mehr ihre israelische, nichtreligiöse Identität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2026 - Gesellschaft

Die Soziologin Irène Théry hat für Le Monde den Prozess gegen die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot (unsere Resümees) begleitet. Im SZ-Interview erklärt sie, was sich durch diesen Prozess im Sexualstrafrecht geändert hat und welche Fortschritte der Feminismus durch "Me too" gemacht hat: "Bei den Demonstrationen der 1970er-Jahre war unser Slogan 'Wenn eine Frau 'Nein' sagt, bedeutet es 'Nein'. Aber die Schauspielerinnen, die vor neun Jahren die Bewegung 'Me Too' in Gang gesetzt haben, meinten: Es gibt viele Macht- und Ungleichheitsverhältnisse, in denen eine Frau nicht 'Nein' sagen kann. 'Me Too' hat unter anderem zu neuen Verboten geführt, wenn eine Entscheidungsfreiheit offensichtlich nicht gegeben ist, wie bei Alkohol- oder Drogenkonsum - bisher ein mildernder Umstand, jetzt ein strafverschärfender -, wenn das Opfer unter chemischem Einfluss stand, oder wenn es geschlafen hat (...) Was dieser Prozess gezeigt hat, ist, dass viele Männer die neuen Spielregeln nicht verinnerlicht haben: Wenn eine Frau keine Freiheit hat, einverstanden zu sein, ist es eine Vergewaltigung. Viele der Angeklagten sagten: 'Ich bin kein Vergewaltiger', für sie kann die 'echte Vergewaltigung' nur die vorsätzliche sein. Doch sehr oft vergewaltigen Menschen, weil es ihnen einfach möglich ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2026 - Gesellschaft

Buch in der Debatte

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Im Tagesspiegel plaudert Alice Schwarzer über ihr neues Buch "Feminismus pur. 99 Worte", das sie extra für junge Frauen geschrieben hat, von denen viele dächten, "die Frauenbewegung hätte in den Neunzigern angefangen. Was erschreckend ist, denn damit gehen ihnen die wichtigsten Erfahrungen, die Aufbruchjahre in den radikalen Siebzigern, verloren." Der Feminismus der Siebziger sei eine Zeit des "radikalen Denkens" gewesen und der Befreiung von Geschlechterrollen. Deshalb ist sie auch so irritiert von der Debatte über Geschlechtszugehörigkeit: "Es gibt nun mal wissenschaftlich bewiesen nur zwei biologische Geschlechter: xx und xy. Aber es gibt viele, viele Geschlechterrollen. Für deren Vielfalt, unabhängig vom biologischen Geschlecht, hat niemand sich so radikal eingesetzt wie wir Feministinnen. Es sind 80 Prozent Mädchen, die irritiert sind von ihrer Geschlechterrolle. In der modernen Transberatung sagt man denen dann: Wenn es so ist, du gerne Fußball spielst und in deine beste Freundin verliebt bist, bist du natürlich ein Mann. So ein Unsinn. Sie kann einfach eine freie Frau sein. Ich sorge mich also um die, die in Wahrheit gar nicht ernsthaft trans sind. Und ich frage mich, wie diese Debatte so eskalieren konnte."

Nein, Alice Schwarzer ist gar keine Feministin doziert Raweel Nasir in der taz: "Denn worum geht es eigentlich beim Feminismus? Es geht um die Möglichkeiten und Chancen für Frauen und FLINTA* Personen in einer Gesellschaft. Dabei stehen Feminist:innen auf der einen Seite und Anti-Feminist:innen auf der anderen. Die einen versuchen, die Möglichkeitsräume und Freiheiten zu erweitern, und die anderen, sie zu verengen... Dieser Ideologie ist es zu verdanken, dass trans Personen, Schwarze Menschen und People of Colour und viele Frauen seit Jahren verstärkt in einem Klima der Angst leben müssen."

Die AfD versucht gerade, ihr Mitglied Alexander Eichwald aus der Partei werfen, der in einer Rede mit rollendem R von "Fremdeinflüssen" auf die deutsche Kultur und "die Sicherstellung einer Zukunft, wo ein deutsches Kind nie wieder Scham empfinden sollte, deutsch zu sein" gefaselt hatte, wie ihn Philipp Bovermann in der SZ zitiert. Eichwald hat dabei derart übertrieben, dass ihn viele AfDler für einen Linken oder V-Mann des Verfassungsschutzes halten, der die AfD diskreditieren solle. Ein Parteiausschluss wurde beantragt, gegen den sich Eichwald wehrt: als Russlanddeutscher rolle er nun mal das R. Alles was ihm sonst fehlte, um mit seinem Auftritt durchzukommen, war ein ordentlicher Anzug, meint ein halb amüsierter Bovermann: "Es ist eine der bemerkenswerten Pointen dieses Falls: Die Partei des Geschichtslehrers Björn Höcke, der mehrfach die SA-Parole 'Alles für Deutschland' verwendet hat, angeblich ganz naiv und unschuldig, die Partei von Alice 'Alice für Deutschland' Weidel, die ihren Gegnern immer wieder unterstellt, bei den NS-Anspielungen politische Gespenster zu sehen, die sie unbedingt sehen wollen - ebendiese Partei zieht nun selbst gegen ein solches Gespenst vor ihr eigenes Gericht. Und das Gespenst wehrt sich auch noch. Eichwald sagt: 'Man kämpft ja nicht gegen die Nazis, man kämpft gegen Alexander Eichwald.' Das Gespenst will sich auch nicht als Linker abstempeln lassen, das sei er nicht, kein 'U-Boot', wie es in dem Antrag heißt. Man solle ihm das erst einmal beweisen."

Vor vier Jahren recherchierten Medien über eine gut vernetzte Gruppe von Berliner Journalisten - viele von ihnen ehemalige tazler, die jetzt bei Zeit, SZ oder Berliner Zeitung gut verdienten - die ein Mietshaus in Kreuzberg für 12 Millionen Euro verkaufen wollten (unser Resümee). Das Problem: Das für 600.000 Euro an die Journalisten übereignete Haus war mehr oder weniger auf Senatskosten renoviert worden, womit soziale Auflagen an die Besitzer verbunden waren, die eigentlich auch dort wohnen sollten. Nach einem Prozess und Vergleich müssen die Journalisten nun 3,1 Milllionen Euro zurückzahlen, berichtet unter anderem Uwe Rada in der taz: "Aufgeflogen war der Subventionsbetrug der Eigentümerinnen, zu denen unter anderem Brigitte Fehrle, ehemalige Chefredakteurin der Berliner Zeitung gehört, durch Presseberichte der taz und des Spiegel Ende 2022. Damals schlugen die Mieterinnen und Mieter Alarm, weil die Oranienstraße 169 verkauft werden sollte - und zwar nicht an einen gemeinnützigen Käufer, sondern an einen Investor."