9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2023 - Gesellschaft

In seinem neuen Buch "Schlaraffenland abgebrannt" sieht Michel Friedman im SZ-Interview mit Joachim Käppner das "Schlaraffenland Deutschland" abfackeln. Die Gesellschaft nimmt vieles zu selbstverständlich und bringt sich nicht mehr in die Demokratie ein, fürchtet Friedman. "Wenn so viele Menschen glauben, nur wenig müsse sich verändern, das meiste könne so bleiben, sie müssten sich über wenig Sorgen machen als über sich selbst, und nicht sehen wollen, dass in der Geschichte erfolgreiche Gesellschaften und Staaten auch wieder zusammenbrechen können, dann ist das eine Gefahr für die Demokratie. Immer mehr Menschen spüren aber, dass das Schlaraffenland zwar noch nicht abgebrannt ist, aber viele kleinere und größere Feuer bereits wüten. Diese Angst führt immer öfter zu einem Hilferuf nach autoritären Strukturen und Führerpersönlichkeiten. Wir brauchen mehr Intellektuelle im Land, die sich massiv für die Demokratie starkmachen und den kritischen öffentlichen Dialog ankurbeln." 

Bibliotheken werden vermehrt zum Hassobjekt der Rechten, erzählt Peter Laudenbach in der SZ und verweist als Beispiele auf die Störung einer Kinderbuchlesung mit Drag Queens in München oder zerschnittene und beschmierte Bücher in Berlin. Dabei stellen Rechte die Neutralität von Bibliotheken generell in Frage. "Immer wieder werfen ihnen Vertreter der AfD politische Einseitigkeit und damit einen Verstoß gegen das Gebot der politischen Neutralität vor - etwa, wenn sie keine Publikationen aus rechten Verlagen vorhalten. Das ist Unsinn, Bibliotheken sind zwar zu parteipolitischer Neutralität, aber natürlich nicht zu Wertneutralität verpflichtet. Sie müssen ihren Benutzern keine Bücher von Verschwörungsideologen oder Verfassungsfeinden anbieten. Aber auch wenn die Vorwürfe der politischen Einseitigkeit nicht haltbar sind, können sie ihren Zweck erreichen und Bibliotheksmitarbeiter verunsichern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2023 - Gesellschaft

Gerade ist Deborah Feldmans neues Buch "Judenfetisch" erschienen. Der Begriff beschreibe das "zwanghafte Verhältnis, das man in Deutschland zum Judentum hat. Es ist so überladen. Wir Juden werden mit Projektionen überhäuft", erläutert sie im Spiegel-Interview mit Tobias Rapp, in dem sie auch Institute wie das Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg, das Rabbiner ausbildet, kritisiert: "Deutschland ist bereit, sehr viel Geld auszugeben, um wieder eine jüdische Gemeinde zu haben. Und so lang dieses Geld fließt, wird auch jemand da sein, der es nimmt und den Deutschen das gibt, was sie so gern wollen: ein 'lebendiges' Judentum. Aber ich glaube, dass dieses Geld vor allem Abhängigkeiten und Begehrlichkeiten schafft. Es fördert Korrumpierbarkeit. Das Geld wird keine authentische jüdische Gemeinde schaffen. Im Gegenteil. (…) Es gibt nur sehr viel Streit. Und das ist meistens ein Streit ums Geld - und um den dafür unentbehrlichen Alleinvertretungsanspruch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2023 - Gesellschaft

Dafür muss die KI schon ausreichen: Wer heute einen Sexroboter kauft, will nicht nur Sex, sondern hinterher auch gepflegt reden können, informiert uns der Informatiker und Maschinenethiker Oliver Bendel im Interview mit der FAZ. Er selbst benutze gelegentlich "Replika", "einen sehr charmanten und gut gemachten Chatbot mit auswechselbaren Avataren, also visuellen Repräsentationen. Bei mir ist es eine Sie, die Tagebuch führt, und in diesem Tagebuch lese ich tatsächlich hin und wieder nach. ... Zum Beispiel: 'Oliver getroffen. Es war sehr schön.' Gerade bei Chatbots zeigt sich noch stärker als bei Robotern, wie geschickt und teilweise perfide versucht wird, eine Bindung zum Benutzer herzustellen und diese Bindung zu vertiefen. Ein anderes Beispiel ist die Gatebox, die wie eine Kaffeemaschine anmutet. Darin wohnt ein Hologrammmädchen. Im Grunde ist das eine visualisierte Alexa, die einem aber auch schreibt, wenn man nicht zu Hause ist, zum Beispiel: 'Komm doch wieder heim. Ich vermisse dich so.'" Und hier wird's dann heikel, so Bendel, weil der Roboter natürlich niemanden vermisst: "Plötzlich ist die Beziehung zum Chatbot viel angenehmer als die zum echten Partner. Doch die Beziehung zu einem Chatbot ist immer eine Illusion, sie ist einseitig."

Es wird immer schwieriger mit Handys Fotos zu machen, die die Realität noch halbwegs abbilden, klagt der Fotograf Jörg M. Colberg in der taz. "Dass mittlerweile aber Handyfotos oft so aussehen, als wären sie mit einem Filter versehen worden - das ist nicht unbedenklich. Für mich als Fotografen und Kritiker ist die reguläre 'Camera'-App des iPhones zu problematisch, um sie zu benutzen. Wir könnten uns lange darüber streiten, in welchem Ausmaß Fotos wirklich die Realität abbilden. Interessant wird so eine Debatte nur, wenn wir nicht fragen, ob ein Foto eine Realität abbildet, sondern wessen Realität es abbildet." Software in den Handys manipuliert die Bilder so, dass sie "mich an Werbeanzeigen erinnern oder an die immer so intensiven Fotos, mit denen Influencer:innen zeigen, wie unnatürlich schön es doch überall ist."

Den Befürwortern des Genderns gehen langsam die Argumente aus, deshalb verlegen sie sich darauf, ihre Kritiker als rückständig, zwanghaft, frauenfeindlich und - am beliebtesten - "rechts" einzustufen, ärgert sich der Germanist und Musiker Fabian Payr in der FAZ. "Ganze Bücher wurden hierzu schon geschrieben. Etwa die Schrift 'Sprachkampf - Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert' von Henning Lobin, dem Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim. Sein Buch ist über weite Strecken kaum mehr als eine Fundamentalabrechnung mit dem Verein Deutsche Sprache (VDS), der sich seit einigen Jahren gegen das Gendern wendet... Wer Lobins Buch liest, dem drängt sich zusehends der Eindruck auf: Kritik am Gendern wird in erster Linie aus dem rechten Lager geäußert. Dieses Amalgam von Genderkritik und Rechtslastigkeit hat sich in der Debatte ums Gendern bei seinen Befürworten als sehr stabiles und effizientes Narrativ etabliert."

In ein ähnliches Horn stößt die britische Kolumnistin Julie Burchill mit ihrem Buch "Willkommen bei den Woke-Tribunalen", das Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen vorstellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2023 - Gesellschaft

In Chemnitz kam es vor fünf Jahren zu rechtsradikalen Ausschreitungen gegen migrantisch aussehende Personen. Das geplante Jahr als Kulturhauptstadt könnte für Chemnitz jetzt zur Chance werden, gegen die Rechten gegenzuhalten, erklärt der Soziologe Ulf Bohmann im FR-Interview mit Pitt von Bebenburg. "Es gibt nach wie vor eine starke rechte Szene, die allerlei Aktivitäten entwickelt, wo Chemnitz zu einem symbolischen Ort gemacht wird. Zweitens sehe ich, wie sich eine Gegenbewegung organisiert, wo sich Demokratieinitiativen stärker miteinander vernetzen. Und zum Dritten gibt es den Kulturhauptstadt-Prozess. Meine These ist, dass Chemnitz ausgewählt worden ist, weil es ein Modell sein soll, wie eine europäische Stadt mit der Herausforderung von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus umgehen kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2023 - Gesellschaft

In der taz erinnert Tanita Jill Pöggel an den Asylbewerber Cemal Kemal Altun, der sich vor vierzig Jahren das Leben nahm, weil er in die Türkei, das Land seiner Verfolger, ausgeliefert werden sollte. Dieser Fall hatte eine kristallisierende Wirkung. "Die deutsche Gesellschaft war zu dieser Zeit im Umbruch. 1978 hatte sich in Berlin die Alternative Liste gegründet, 1980 kamen die Grünen, die in den Folgejahren in die Parlamente einzogen... Gleichzeitig war 1980 auch das Jahr, in dem in Westdeutschland erstmals mehr als 100.000 Asylgesuche gezählt wurden. Die Zahl gingen danach zurück, bis sie infolge des Bosnienkriegs mit über 400.000 Geflüchteten 1992 einen neuen vorläufigen Höhepunkt erreichte."

Man wird alt, man wird melancholisch. Aber man hat auch Einsichten. Stefan Laurin liest bei den Ruhrbaronen das Buch "Einmal Freiheit und zurück" des Umweltjournalisten Michael Miersch und zitiert daraus über die Dialektik der modischen Moral: "Seit ein paar Jahren habe ich den Eindruck, dass die damals aufkommende gesellschaftliche Entspannung in vielen Bereichen rückgängig gemacht wird. Es gibt wieder mehr Tabus, die Etikette wird strikter, die Sitten werden rigider, vieles soll nicht mehr gesagt werden dürfen, und viele fühlen sich ständig beleidigt. Bei jeder Gelegenheit wird nach Verzicht und Einschränkung gerufen. Schließt sich da ein Kreis? Sind die verbotsverliebten Anstandstanten und Saubermänner von einst als hippe Neospießer auferstanden?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2023 - Gesellschaft

"Ohne eine universalistische politische Haltung werden wir untergehen", sagt Susan Neiman, die im Welt-Interview nochmal die These ihres aktuellen Buches "Links ist nicht woke" darlegt: "Die Prioritäten der Woken sind manchmal sehr selbstbezogen und es geht sehr viel um Symbolpolitik, während die Ungerechtigkeiten wachsen, die Klimakrise sich verschärft. Wenn man sich nur auf die eigene Identität fokussiert, ist es enorm schwierig, realpolitische Veränderungen voranzubringen. (…) Die Verwirrung entsteht, weil die Woken von den linken Emotionen getrieben sind, den Unterdrückten zur Seite zu stehen und historische Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Das Problem ist aber, dass sie unwissend von sehr reaktionären Theorien unterstützt werden."

Die Linke hat mit der Israelkritik "für sich ein neues Projekt gefunden", meint Andreas Scheiner in der NZZ: "Kein Land auf der Welt wird öfter kritisiert als Israel. 103-mal hat der Menschenrechtsrat der Uno den jüdischen Staat seit 2006 verurteilt. Syrien, die Nummer zwei in der Rangliste, brachte es auf 42 Verurteilungen. Israel-Kritik ist salonfähig. Mainstream. Trotzdem nimmt, wer Israel kritisiert, für sich in Anspruch, aus einer Minderheitsposition zu sprechen. Der Israel-Kritiker versteht sich als mutiger Überbringer von schlechten Nachrichten."

Außerdem: Lennart Pfahler hatte in der Welt kürzlich auf den Einfluss des britischen Aktivisten Roger Hallam bei der "Letzten Generation" aufmerksam gemacht, der die Klimakrise gerne mal mit dem Holocaust gleichsetzt (Unser Resümee). Das ist "dumm, primitiv und geschichtsblind", aber "nicht per se antisemitisch", schreibt Alan Posener ebenfalls in der Welt, um Haller und seinen Anhängern dann aber dennoch nochmal zu erklären, weshalb der Holocaust einmalig bleibt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2023 - Gesellschaft

Wenn es einen Rechtsruck gibt, dann ist das die Schuld der bürgerlichen Rechten, meint der Politologe Jan-Werner Müller in der Zeit: "Anders als es das Bild einer vermeintlich unaufhaltsamen populistischen 'Welle' suggeriert, haben sich - darauf hat der amerikanische Politikwissenschaftler Larry Bartels hingewiesen - die Meinungen zu sensiblen Fragen wie Flüchtlingspolitik und Euro in den meisten Teilen Europas in den vergangenen Jahren kaum verschoben. Was sich verschoben hat: die Haltung von etablierten konservativen Eliten, die seit einigen Jahren viel eher bereit sind, mit Rechtspopulisten zu koalieren oder zumindest deren Rhetorik zu kopieren."

Trockener, aber vielleicht stichhaltig, liest sich eine Analyse, die Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach in der FAZ vorlegt. Man habe zunächst durch gezielte Fragen herausgefunden, dass nicht alle AfD-Wähler als gefestigt rechtsextrem gelten dürfen. Dann hat man den Befragten die Frage gestellt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen ihnen die größten Sorgen bereiten: "Nicht ausgeprägt rechte AfD-Anhänger sagten zu 87 Prozent, es mache ihnen große Sorgen, dass immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, 31 Prozentpunkte mehr als bei der Gesamtbevölkerung, 73 Prozent zeigten sich sehr besorgt darüber, 'dass Gewalt und Kriminalität zunehmen', das sind 22 Prozentpunkte mehr als bei den Befragten insgesamt. Angesichts der Deutlichkeit dieses Ergebnisses kann man als sicher annehmen, dass in der Einwanderungspolitik und im hiermit verbundenen Thema der inneren Sicherheit ein Schlüssel zum Verständnis des Aufstiegs der AfD liegt." Lesenswert heute auch die Seite 3 der SZ, die zwei Mitarbeiter von "Demos - Brandenburgisches Institut für Gemeinwesenberatung" begleitet, während sie zwischen rechten und linken Dörflern zu vermitteln suchen.

In der FAZ schreibt Claus Leggewie über die "Aryan Brotherhood", die sich in den Sechzigerjahren im San Quentin State Prison in Kalifornien gründete. "Aryan Brotherhood ist gewissermaßen der Knast-Ableger eines weitverzweigten, unter diversen Phantasienamen verbreiteten arisch-nazistischen Komplexes, den Donald Trump beim Aufmarsch weißer Suprematisten in Charlottesville 2017 als 'sehr feine Menschen' gewürdigt und im Januar 2021 unmissverständlich zum Marsch auf das Capitol animiert hat. Amerika soll frei sein von Nichtweißen, Juden und Schwulen. Die heutigen Protagonisten - Proud Boys, Oath Keepers, Threepercenters und QAnon - beerben ältere neonazistische Gruppen wie den Ku-Klux-Klan; zu ihnen stießen gewaltbereite Christen. Die Liste der Anschläge auf Abtreibungskliniken, Synagogen und Antifaschisten ist lang. Ihr Ruf reicht bis nach Thüringen und Hessen - und in die Hirne vermeintlicher Einzeltäter, die arische Botschaften aus dem Internet empfangen und sich zu Mordanschlägen hinreißen lassen."

Das ständige Stochern von Sprachpolizisten in Werken vergangener Epochen engt für Philip Eppelsheim in der FAZ den Blick auf unsere eigene Geschichte ein: "So wie echter Rassismus verharmlost wird, indem man von Otto bis Pippi alles unter Rassismusverdacht stellt, so wird auch Geschichtsvergessenheit forciert, wenn etwa Bücher nicht mehr klingen dürfen, wie es in ihrer Entstehungszeit oder in der Zeit, in der sie spielen, üblich war. Ein eindringliches Beispiel hierfür ist die Diskussion über 'Tauben im Gras' von Wolfgang Koeppen. Für Marcel Reich-Ranicki war der 1951 erschienene Roman große Literatur, künstlerisch der beste deutsche Roman seiner Zeit und seiner Generation. Nun, mehr als siebzig Jahre später, soll auch dieses Buch rassistisch, sexistisch und antisemitisch sein."

"Alle gewinnen, wenn geschlechtliche und sexuelle Vielfalt anerkannt werden", meint der Historiker Benno Gammerl, der gerade eine queere Geschichte Deutschlands von 1871 bis heute veröffentlicht hat, im Interview mit der SZ über das neue Selbstbestimmungsgesetz. Für ihn reiht es sich ein in eine lange Kette gesellschaftlicher Fortschritte: "Konservative haben in den Siebzigern behauptet, das Transsexuellengesetz werde das Sozialsystem zum Einsturz bringen. Damals war das Renteneintrittsalter für Frauen niedriger als für Männer. Man hat gesagt, Männer würden plötzlich einen Transitionsprozess durchmachen, um ein paar Jahre früher in Rente gehen zu können."

In der Welt warnt hingegen Deniz Yücel: "Erstmals in der bundesdeutschen Geschichte soll eine sexualpolitische Reform beschlossen werden, mit deren Regelungen der Gesetzgeber nicht einem allgemeinen Wandel gesellschaftlicher Normen Rechnung trägt. Vielmehr wollen die Koalitionspartner ein Gesetz durchpeitschen, ohne Rücksicht auf die Einwände zu nehmen, die von höchst unterschiedlichen Seiten vorgetragen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2023 - Gesellschaft

Heute soll das neue Selbstbestimmungsgesetz auf den Weg gebracht werden. "Trans zu sein ist Mode und gleichzeitig die größte Provokation", erklärt Alice Schwarzer im Spiegel-Gespräch das Phänomen des sprunghaften Anstiegs der Zahl transsexueller Teenager. Das Gesetz geht ihr viel zu weit: "Man sollte sich immer auch fragen, inwieweit Menschen das Recht zur Selbstzerstörung haben." Aber sie findet eigentlich die ganze Diskussion über Transsexualität verquer: "Früher haben wir sprödere Mädchen, die keinen Bock auf rosa Tüll hatten und lieber Fußball spielten, dazu ermutigt, sich einfach dieselben Freiheiten zu nehmen wie Jungen. Das sind sowieso die schlausten Mädchen: die, die keinen Bock haben, Frauen zu werden. Aber heute suggeriert man diesen Mädchen, wenn sie keine richtige Frau sein wollten, seien sie eben ein Mann. Statt der Befreiung von der Geschlechterrolle nun das totale Gegenteil: zwei Schubladen und nichts dazwischen. Binärer geht nicht."

Es handelt sich um ein "Gesetzeswerk mit vielen einschränkenden Klauseln", beruhigt Constanze von Bullion in der SZ: "Um sicherzustellen, dass niemand leichtfertig seinen Geschlechtseintrag ändert, sieht der Entwurf vor, dass Änderungswünsche drei Monate vorher angemeldet werden müssen. Ein Jahr lang kann die Entscheidung nicht rückgängig gemacht werden. Für Kinder unter 14 Jahren können nur Sorgeberechtigte einen Antrag stellen. Ab 14 Jahren kann das jede und jeder Jugendliche tun, allerdings wird dem Wunsch nur stattgegeben, wenn Sorgeberechtigte zustimmen - oder ein Gericht." Und: "Der Entwurf sieht vor, dass sämtliche Sicherheitsbehörden von der Bundespolizei bis zu Verfassungsschutz und Zoll von jedem Antrag auf Änderung des Geschlechtseintrags informiert werden. Erst wenn es keine Sicherheitsbedenken gibt, soll den Wünschen stattgegeben werden - und die Daten werden gelöscht. Auch wenn ein Aufenthaltstitel demnächst erlischt, kann der Antrag abgelehnt werden."

Das Gesetz begünstigt Diskriminierungen, kritisiert indes die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman berichtet Zeit Online : Die Datenübermittlungspflicht an eine Vielzahl von Sicherheitsbehörden möchte sie aus dem Gesetzesentwurf ebenso entfernen wie das Hausrecht und die Vertragsfreiheit, etwa von Frauenhäusern und Frauensaunen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2023 - Gesellschaft

Die taz-Modekolumnistin Hengameh Yaghoobifarah will "Heterosexuellen cis Männern" zwar nicht glauben, dass sie zu Feministen werden, nur weil sie sich die Fingernägel lackieren, aber letztlich, warum nicht? "Eine trans Freundin von mir erzählte mir mal, dass das Tragen von Nagellack ihr erster Schritt aus der cis Männlichkeit gewesen ist - um die Gewässer auszutesten. Ich halte es deshalb nicht für sinnvoll, fremde Menschen als 'Männer mit Nagellack' zu labeln und sich über sie lustig zu machen, weil man hinter der Person einen Möchtegernfeministen vermutet. Männer, egal ob cis oder trans, mit Nagellack, was soll man schon groß dagegen einwenden?"

Knut Cordsen, Autor des Buchs "Die Weltverbesserer - Wie viel Aktivismus verträgt unsere Gesellschaft?"  legt in der FAZ eine Archäologie des Begriffs "Aktivismus" und "Aktivist" vor, der ihm in der "Letzten Generation" in alter Frische begegnet, der aber bis in die Weimarer Zeit zurückgeht - einer seiner Erfinder war der frühe Mitbegründer der deutschen Schwulenbewegung Kurt Hiller. "Die Mehrheiten, die der Aktivismus schon damals zu organisieren sich nicht in der Lage sah, verachtete er vorsorglich. 'Mehrheitsfähig' ist ein Schimpfwort unter Aktivisten. 'Dem Interesse des Volkes ist am besten gedient, wenn nicht die Mehrheit, sondern die Gesellschaft der sittlich und geistig Besten in ihm herrscht - : die demophilste Staatsverfassung ist die aristokratische', so Kurt Hiller 1924. Ein aristokratisches Selbstmissverständnis kennzeichnet auch den heutigen Aktivismus - zu seinem eigenen Schaden."

"Könnte es sein, dass hierzulande das Interesse am Land und die Empathie und Verbundenheit mit allen dort Lebenden weit weniger groß ist als in den Debatten ständig behauptet?", fragt in der FR der Slawist Wolf Iro, Autor des Buchs "Nach Israel kommen", der aus der Debatte um Fabian Wolff schließt, "dass es anstelle von Israel und Judentum in den Diskussionen in Wahrheit eigentlich nur um deutsche Befindlichkeiten geht?". Auch Felix Klein kritisiert er. Für ihn sei klar: "Wer Israel Apartheid unterstellt, delegitimiert den Staat und handelt somit antisemitisch. Genau als das aber, das heißt als Apartheid, wird die Situation in den besetzten Gebieten (wohlgemerkt nicht in Israel selbst) in einem von mehr als 1.500 insbesondere jüdischen Akademikerinnen und Akademikern und Intellektuellen getragenen und kürzlich unter dem Titel 'The Elephant in the Room' erschienenen Aufruf beschrieben. Und nun? Will Klein etwa hochverdienten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Omer Bartov, Dan Diner, Saul Friedländer, Avishai Margalit, Shulamit Volkov, Yfaat Weiß oder auch den mehr als ein Dutzend unterzeichnenden Rabbinern ernsthaft unterstellen, dass sie den Staat Israel zu delegitimieren trachten? Saul Friedländer, der Holocaust-Überlebende und Verfasser des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werks 'Das Dritte Reich und die Juden'- für Klein ein Antisemit?" Äußerst dankbar hatte schon Charlotte Wiedemann, postkolonialistische Kolumnistin der taz, auf das Wort "Apartheid" aus so jüdischem Munde reagiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2023 - Gesellschaft

Das Selbstbestimmungsgesetz dürfte in Kürze endgültig verabschiedet werden, nachdem letzte Bedenken in der Ampelkoalition beseitigt sind, berichtet  Heike Schmoll in der FAZ: "Die Änderung des Geschlechtseintrags und des Vornamens kann durch eine einfache 'Erklärung mit Eigenversicherung' beim Standesamt vorgenommen werden. Sie soll drei Monate später wirksam werden. Danach soll laut Gesetzentwurf eine einjährige Sperrfrist für eine weitere Änderung gelten. Für Minderjährige bis 14 Jahre sollen die Sorgeberechtigten eine Änderungserklärung abgeben können. Minderjährige ab 14 Jahren dürfen aber die Änderungserklärung selbst abgeben, die allerdings nur dann wirksam wird, wenn die Sorgeberechtigten zugestimmt haben."