9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2023 - Gesellschaft

"Wien ist, wie Italien wäre, hätte es keinen Berlusconi gegeben", schreibt der in Wien lebende deutsche Schriftsteller Joachim Lottmann, der in der Welt gut nachvollziehen kann, weshalb Wien erneut zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt wurde. Hier sind die Mieten bezahlbar - und in Wien wurde weniger FPÖ als überall sonst in Österreich gewählt, schreibt er: "Das Wunder seiner Wohnungsbaupolitik verdankt Wien der Sozialdemokratie. Als die Partei 1919 an die Macht kam, konnte man ihr Programm mit einem Wort zusammenfassen: dem sogenannten Gemeindebau. Es wurde in einem unfassbaren Ausmaß gebaut. Die Millionen hereinströmende Kriegsflüchtlinge aus den Kronländern sollten untergebracht werden. Und dann haben sie einfach immer weitergemacht. Noch heute prangt an gefühlt jedem zweiten Haus in prunkvollen Lettern 'Gebaut von der Gemeinde Wien im Jahre XXXX.' Das Konzept dabei, heute: In allen öffentlich errichteten Wohnhäusern müssen zum Teil Sozialwohnungen enthalten sein. Auch und gerade bei den teuren. So bleibt die soziale Durchmischung gewährleistet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2023 - Gesellschaft

Maram Stern, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, nimmt auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ Stellung zu den jüngsten deutschen  Debatten um Israel und Antisemitismus - von der Mbembe-Debatte bis zur Documenta. Er beobachtet, dass die gegnerischen Lager eigentlich gar nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander diskutieren, hofft aber, "diese Diskussionen zwar in der Sache hart, aber im Ton moderat und vor allem ohne Diskreditierung des Gegenübers zu führen". Und unterstreicht seine Liberalität: "Ich halte auch nichts davon, den Lebenslauf jedes Teilnehmers einer Podiumsveranstaltung daraufhin zu durchforsten, ob sie oder er sich irgendwann einmal positiv zu BDS geäußert hat. Und selbstverständlich wäre es absurd, wenn eine deutsche Universität keine Gastvorlesung von der amerikanischen Philosophin Judith Butler organisieren dürfte, nur weil sie BDS immer noch unterstützt. Eine Antisemitin ist sie dessen ungeachtet bestimmt nicht. Antisemiten aber darf natürlich kein Podium geboten werden. Und weil BDS mindestens eine gefährliche Nähe zum Antisemitismus aufweist, sollte man zumindest genau hinsehen, bevor man einen Unterstützer dieser Bewegung einlädt." Auch die verschiedenen Lager innerhalb Israels brauchen Verständigung, schreibt unterdessen Christian Gampert, der die israelischen Demos gegen die aktuelle Regierung des Landes beobachtet, im Feuilleton der FAZ.

Edo Reents findet die Forderung nach einem sozialen Pflichtjahr für Jugendliche im FAZ-Feuilletonaufmacher fadenscheinig: "Statt der Jugend offen zu sagen, dass man sie zur Entlastung der Staatsausgaben für Verteidigung und Pflege ganz gut gebrauchen kann, sie also einfach nur nützlich ist, will man den jungen Leuten weismachen, sie würden erst zu richtigen, verantwortungsbewussten Menschen und fänden eigentlich erst dann einen Sinn im Leben, wenn sie anderen Leuten für wenig Geld die Nase putzen."

Mutiert das Fahrrad zum veganen Würstchen des Verkehrswesens? So schien es zumindest FAZ-Autor Jannik Müller, der auf der Frankfurter Fahrradmesse "Eurobike" beobachtete, dass immer mehr aufgeplusterte Fahrräder aussehen wie "Reminiszenzen an das motorisierte Fahrzeug": "Ein 'Heritage-Bike' ist der Optik eines Oldtimer-Motorradgespanns nachempfunden, der Hersteller verspricht, 'keine Kompromisse bei Stil, Qualität und Ergonomik' gemacht zu haben. Kostenpunkt: knapp 10.000 Euro. Das Premiummodell einer österreichischen Holzräder-Manufaktur ist der 'MyEsel eSUV'. Einer der Angestellten leitet sich den Begriff anhand der Tatsache her, dass das Velo ein reines Stadtfahrrad sei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2023 - Gesellschaft

Vor einem Jahr kippte der Supreme Court der USA das liberale Abtreibungsrecht. Jetzt müssen die Frauen aus dem besonders drakonischen Texas ausgerechnet ins verarmte New Mexiko ausweichen, wenn sie ihre ungewollte Schangerschaft beenden möchten, wie Johannes Streeck in der taz berichtet: "'New Mexico ist eine Wüste, wenn es um medizinische Versorgung geht', sagt Kayla Harris von Planned Parenthood der taz. Die Nichtregierungsorganisation ist der größte Anbieter für Abtreibungen in den USA. Sie betreibt Hunderte Kliniken im ganzen Land. Harris leitet die Öffentlichkeitsarbeit für die Rocky-Mountain-Region, zu der auch New Mexico gehört. 'Wir rechnen mit rund 26 Millionen Menschen, denen in den USA bald durch Konsequenzen der Supreme-Court-Entscheidung der Weg zu einer Abtreibung verwehrt wird', sagt sie. 'Auf uns und unsere Partnerorganisationen kommen also immense Herausforderungen zu.' In New Mexico ist das Problem besonders zugespitzt, weil es vielen seiner Einwohner:innen schon an wichtigen Grundlagen mangelt. 'Es gibt hier viele Leute, die keinen Zugang zu gesundem Essen oder sauberem Trinkwasser haben', sagt Harris. 'Es wird also alles noch schwieriger, wenn plötzlich Tausende weitere Leute zur Gesundheitsversorgung dazukommen, die aus ihren eigenen Staaten verdrängt werden."

Ebenfalls in der taz bittet Sebastian Moll, die neue und in New York sehr angesagte Dime-Square-Szene nicht misszuverstehen. Sie hat sich aus Protest gegen die Coronamaßnahmen gebildet, ist anti-woke und hedonistisch bis libertär. Ihre Medien sind der Podcast Red Scare und die Zeitung Drunken Canal: "Vieles in den beiden Publikationen geht um Lifestyle, Mode, Musik und Literatur. Die beiden Hostessen von Red Scare, Anna Khachiyan und Dasha Nekrasova, die mittlerweile von einer hippen Modelling-Agentur vertreten werden, können sich beispielsweise ausgiebig über die Vorzüge von Sex unter dem Einfluss von Ketamin unterhalten. Sie können jedoch ebenso leidenschaftlich Camille Paglia und Slavoj Žižek zitieren und über 'leftist dirtbags' hetzen sowie über die Art und Weise, wie diese das Label 'weiße Suprematie' als universellen Totschlagknüppel verwenden. 'Ich kann den Bürgersteig entlanggehen und werde als Rassist beschimpft. Du hast keine Chance.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2023 - Gesellschaft

Wir befinden uns in einem Moment, "in dem zur Unterbringung der vielen Wohnungssuchenden so viel gebaut werden müsste wie nie, aus Klimaschutzgründen aber so wenig wie möglich gebaut werden sollte", notiert Niklas Maak in der FAZ in einem grundsätzlichen Artikel über Bauen und Klimaschutz. Aber es wären durchaus sinnvolle Projekte jenseits der "Krüppelwalmdachhäuser mit Doppelcarport" möglich, meint er, Architekten und Städtebauer hätten tolle Ideen, und fleht die Verantwortlichen gerade zu an: "Wenn die Politik nicht mehr sklavisch auf die Dämmstofflobby hörte und in Frankreich längst zugelassene natürliche Dämmmaterialien erlaubte; wenn sie nicht an unzeitgemäßen Bauvorschriften festhalten würde, und wenn man dazu für die suburbanen und ländlichen Räume Stadt- und Raumplaner einstellen würde, statt die Entwicklung neuer Wohnviertel komplett an Fertighausfirmen zu delegieren - dann könnte ein anderes, intelligenteres, deutlich umweltschonenderes Bauen möglich werden."

Im SZ-Interview mit Aurelie von Blazekovic erläutert die Psychologin Sandra Konrad, warum viele Frauen bei Belästigungen schweigen: "Es gibt eine interessante Studie dazu. Man hat Studentinnen die Frage gestellt: Was würden Sie tun, wenn ein Kollege in einem Chat wiederholt sexuell belästigende Bemerkungen macht, wie zum Beispiel: 'Bei deinem Anblick wird mir die Hose zu eng.' Zwei Drittel haben gesagt, dass sie den Chat abbrechen und sich über den Kollegen beschweren würden. Eine weitere Gruppe von Studentinnen hat man diesen sexuellen Belästigungen real ausgesetzt. Raten Sie, was passiert ist? Von 78 Frauen hat sich eine einzige beschwert. Alle anderen haben die Belästigungen über sich ergehen lassen. Das heißt, es scheint einen großen Unterschied zu geben zwischen unserem vorgestellten und unserem tatsächlichen Verhalten."

Der Jurist Wolfgang Schön, Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen in München, sagt in einem Essay für die Wirtschaftsseiten der FAZ einen "Regulierungsbankrott" voraus: Ein sich verselbständiger, ständig expandierender und sich zugleich gegen jedes rechtliche Risko absichernder bürokratischer Apparat begrabe Bürger, Unternehmen und sich selbst unter einem Wust von Vorschriften, deren Sinn sich bei näherem Hinsehen nicht mehr erschließt. Nur ein Beispiel: "Die aktuell diskutierten Dokumentationsregeln zur Aufzeichnung von Arbeitszeit stehen in manchen Berufszweigen in Gegensatz zur modernen, weitgehend informellen und selbstbestimmten Arbeitswelt des Homeoffice und der digitalen Nomaden. Und alles einer zweifellos 'guten Sache wegen'."

In den ersten sechs Monaten seit der Aufhebung von 'Roe vs. Wade' wurden in den USA insgesamt gut sechs Prozent weniger legale Abtreibungen verzeichnet als in der Zeit davor, entnimmt Meret Baumann in der NZZ einer aktuellen Studie: "Wo ein Verbot herrscht, gingen die Zahlen um mehr als 95 Prozent zurück. Sie nahmen dafür stark zu in Staaten wie Illinois oder Florida, die von restriktiven Regionen umgeben sind und wohin Betroffene auswichen." Nicht erfasst sind alle Abbrüche, die "außerhalb des Gesundheitssystems", also etwa durch "Engelmacherinnen in Hinterhöfen" vorgenommen wurden, so Baumann weiter: "Die Studie bestätigt auch naheliegende Vermutungen, wer die Betroffenen sind: Frauen der unteren sozioökonomischen Schichten, unter ihnen überdurchschnittlich viele Afroamerikanerinnen, Latinas, Native Americans und Migrantinnen. Sie können sich die zuweilen weiten Reisen in einen anderen Gliedstaat nicht leisten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2023 - Gesellschaft

Laut Koalitionsvertrag will sich die Ampelregierung um eine Neuregelung des Paragrafen 218 kümmern. Weil das bisher geltende Gesetz Schwangere bevormundet und Abbrüche kriminalisiert, "wird es in Deutschland immer schwieriger, keine problematischen Erfahrungen beim Abbruch zu machen", meint Stephanie Schlitt, Vize-Vorsitzende von Pro Familia, im FR-Gespräch mit Bascha Mika. Pro Familia fordert einen "Paradigmenwechsel, der den Fokus auf die schwangere Person setzt": "Nur weil eine Person schwanger ist, verliert sie ja nicht ihre Menschenrechte. Und dazu gehört das Recht auf eine selbstbestimmte Familienplanung und auf die entsprechende Gesundheitsversorgung. (…) Schwangere bringen den Respekt vor dem werdenden Leben mit - selbst wenn sie sich für einen Abbruch entscheiden."

In Paraguay ist Abtreibung überhaupt nicht möglich. In Spon berichtet Nicola Abé, wie religiöse Aktivisten beispielsweise in der Casa Rosa María junge Mädchen zwingen, ungewollte Kinder auszutragen. "Paraguay war schon immer erzkonservativ, nun tobt ein Kulturkampf, den meist die illiberalen Kräfte gewinnen. Als eines der ersten Länder weltweit führte der Staat 2017 ein 'Register für ungeborenes Leben' ein, wo im Mutterleib verstorbene Babys eingetragen werden. Im selben Jahr war Paraguay das erste Land, welches das Konzept und das Wort 'Gender' gänzlich aus dem Lehrplan verbannte. Für beides lobbyierten nicht nur religiöse Gruppen vor Ort; Schützenhilfe erhielten sie von evangelikalen Organisationen aus den USA. Das Beispiel Paraguay zeigt, wie mächtige Akteure sich international vernetzt haben, um eine Agenda wider jeden gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben."

Die Linke sollte nicht mehr wie paralysiert auf die Rechte starren und faule Kompromisse machen, um nur ja niemanden zu verärgern, fordert in der taz Robert Misik: "'Vorherrschende Meinungen' oder Konventionen sind keine unveränderbaren Konstanten. Je furchtsamer man ist, umso weniger wird man sie vielleicht in eine progressive Richtung verändern.... Falsch ist dennoch nicht, dass es Maß und Ziel braucht. Man wird die eigenen progressiven Werte erfolgreicher verfechten, wenn man sie in einer Sprache vorbringt, die mit dem Alltagsverstand und den Werten breiter und verschiedener Milieus und Segmente der Gesellschaft eine Verbindung findet. "

Früher wollte man unbedingt einen Jungen, heute ein Mädchen: In der NZZ blickt der Soziologe Walter Hollstein bedrückt auf das Männerbild, das heute oft verbreitet werde: "Die medialen Bilder infiltrieren dabei mehr und mehr die soziale Wirklichkeit. So haben verschiedene internationale Fluggesellschaften festgelegt, dass allein reisende Männer nicht mehr neben Kindern sitzen dürfen. Die generelle Verteufelung von Männern, wie sie in feministischen Zirkeln gang und gäbe ist und immer weiter um sich greift, ist menschlich verwerflich und sozial problematisch. Denn sie hat Folgen: Junge Männer ziehen sich zunehmend aus der Gesellschaft zurück, das hat eine Studie des 'Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung' bereits 2007 gezeigt."

Außerdem: In der Welt macht die Literaturwissenschaftlerin Anne Meinberg sehr deutlich, was sie vom Gendern hält: Nicht viel. "Was ist das überhaupt für ein Frauenbild, das hinter der Forderung steht, die Frau in jedweden Kontexten erst sichtbar machen zu müssen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2023 - Gesellschaft

Leon Holly, Politikwissenschaftler und taz-Volontär, traut sich was, wenn er in der taz den deutschen Ausstieg aus der Kernkraft kritisiert. Die Kosten werden am Ende vor allem die Armen tragen, ist er überzeugt: "Kritiker warnen zu Recht: Arme Menschen, die bereits nicht viel Energie nutzen, könnten ihren Basisverbrauch noch weiter einschränken, um am Ende des Monats etwas mehr Geld auf dem Konto zu haben. Die gesicherte Leistung aus AKWs könnte solche Angebots- und Preisschwankungen abschwächen. Der Kurs der Bundesregierung droht indes auch hierzulande, den Armen eine neue Art der Austeritätspolitik aufzuerlegen: Sobald die Gesellschaft zum Sparen aufgerufen wird, spüren es die Armen als Erste. Die Haupteinwände der Atomgegnerinnen bleiben die Sicherheitsrisiken sowie der Atommüll. Schaut man sich jedoch statistisch die Todesfälle pro erzeugter Terawattstunde an, so ist die Kernenergie ungefähr so sicher wie Solar- und Windkraft. Und dass die Atommüllfrage keineswegs unlösbar ist, zeigen die Finnen, die bereits ein Endlager gefunden haben."

"In vielen Ländern, in denen Krieg herrscht oder geherrscht hat, in Bosnien, Kosovo, Afghanistan, aber eben auch im ländlichen Südtirol, hängt die Ehre der Familie an der körperlichen Unversehrtheit der Frau. Kann sie nicht erhalten werden, hat der Mann versagt", sagt die Gynäkologin Monika Hauser, die seit dreißig Jahren gegen Vergewaltigung als Kriegswaffe im NZZ-Gespräch mit Nadine A. Brügger: "Grund dafür ist diese patriarchale Struktur, die den weiblichen Körper als Eigentum des Mannes betrachtet. Statt dass man ihr hilft, wird sie als 'beschädigtes' Teil, als Erinnerung an das Versagen, aussortiert. Es kann für eine Frau im gesellschaftlichen Kontext existenziell sein, einen Übergriff zu verschweigen. Obwohl es psychologisch existenziell wäre, darüber zu sprechen, um das Trauma aufzuarbeiten. (…) Die betroffenen Frauen werden oft auch von anderen Frauen ausgegrenzt. Das ist eine Art fataler Selbstschutz: Frauen versuchen zu rationalisieren, warum einer anderen ein großes Leid widerfahren ist, von dem man hofft, dass es einen selbst nie trifft. Nach dem Credo: 'Ich verhalte mich richtig, ich kleide mich korrekt, ich bin brav, ich habe einen guten Mann, darum bin ich sicher.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2023 - Gesellschaft

In der von Stukturwandel betroffenen Region Lausitz in Südbrandenburg ist der Rechtsextremismus besonders stark (unser Resümee). Das liegt auch an einer Landespolitik unter Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), die das Problem eher mit Ost-Identitätsdebatten verdrängen will, meint der Potsdamer Politikwissenschaftler Gideon Botsch im Gespräch mit Uwe Rada von der taz: "Ich habe den Eindruck, dass wir zunehmend wieder in die Richtung segeln, das Problem kleinzureden und nicht sehen zu wollen. Gerade in den Regionen, die die Landesregierung besonders fördert und wo sie die Förderziele nicht gefährden möchte. Das scheint mir ein Rückschritt in die späten Neunziger zu sein."

So wie es ein generisches Maskulinum gibt, gibt es in der deutschen Sprache auch ein generisches Femininum, meint in der SZ der Autor und Übersetzer Jayrôme C. Robinet. Die Frage: "Möchten Sie diesen Text lesen?" richte sich schließlich an beide, Leser und Leserinnen. Robinet ist sich daher sicher : "Das generische Femininum steht die ganze Zeit vor uns. Es wird aber weder erkannt noch beachtet. Welches Potenzial kann diese Einsicht entfalten? Wenn wir uns 'die Autoren' anschauen, könnte eine Interpretation sein, dass das generische Femininum die in Gleichzeitigkeit mit dem generischen Maskulinum Autoren sich gegenseitig aufheben, die Form also nicht nur männlich, sondern auch weiblich und insgesamt neutral ist. Das Deutsche ist womöglich viel gerechter, als wir es annehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2023 - Gesellschaft

Boris Johnson ist abserviert. Aber er bleibt nicht arm, denn er hat einen Hunderttausende Pfund schweren Vertrag abgeschlossen, um da weiterzumachen, wo er mit fatalen Auswirkungen aufgehört hatte - als Kolumnist einer britischen Zeitung. Nun schreibt er also für die Daily Mail. Und zwar über jene Wunderdroge namens Ozempic, die man sich einmal die Woche spritzen muss und die fast auch ihn zum Abnehmen gebracht hätte: "Nach vierzig Jahren des moralischen Versagens, vierzig Jahren der Schwäche gegenüber der Versuchung - der Akrasia - sollte ich eine neue und unbesiegbare chemische Willenskraft entwickeln. Ich sollte ein Vielfraß a.D. werden, ein Mensch der Mäßigung, der Anmut und der Zurückhaltung, und wie meine Kabinettskollegen sollte ich anfangen, einem in Stein gemeißelten Windhund zu ähneln..."
Stichwörter: Ozempic, Johnson, Boris

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2023 - Gesellschaft

Adrian Lobe, Jahrgang 1988, hatte neulich in der taz auf die "Boomer" geschimpft, die in fetten Eigenheimen sitzen und die SUVs in ihrem Carport pflegen. Das will Barbara Dribbusch in ihrer heutigen Antwort nicht auf sich sitzen lassen. Denn erstens: "Euer Lebensstil mit Avocado-Toast, Tofu-Würstl, Fernreisen mit atmosfair-Beitrag und einer kassenfinanzierten Psychotherapeutin, die euch geduldig zuhört - das ist auch nicht gerade tiefstes Elend", bescheidet sie den Millenials. Und zweitens: "Anstatt auf die Alten zu schimpfen, könntet ihr doch einfach für eine Erhöhung der Erbschaftssteuer und für eine Vermögenssteuer kämpfen, für ein bisschen mehr Umverteilung! Aber da werdet ihr leise, ihr Millies. Eine höhere Erbschaftssteuer, das könnte ja einige von euch empfindlich treffen. Deshalb sieht es auch nicht so gut aus mit der Solidarität innerhalb eurer Generation. Es ist einfacher, die Alten zu bashen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2023 - Gesellschaft

Es ist "lächerlich", dass man durch die bloße Aussage "Ich bin eine Frau" zu einer Frau wird, bekräftigt die britische Philosophin Kathleen Stock ihre Position im Welt-Gespräch mit Mandoline Rutkowski, in dem sie das auch in Deutschland geplante Selbstbestimmungsgesetz kritisiert: "Wenn Regierungen sich dafür entscheiden, die Rechte von Minderheiten zu fördern, müssen sie vor einer Gesetzesverabschiedung eine angemessene Evaluation durchführen und zuerst Beweise prüfen. Leider geschieht dies derzeit nicht. Es gibt kaum Untersuchungen zu den Auswirkungen, wenn geschlechtsspezifische Räume nicht mehr geschützt werden. Diese Gesetze werden verabschiedet, ohne dass die meisten Menschen überhaupt davon wissen. Es fehlt das Bewusstsein und das Verständnis für die möglichen Konsequenzen. Wie würden Frauen sich fühlen, wenn sie davon wüssten? Selbst die Wissenschaft ist größtenteils von dieser Ideologie geprägt. Es werden viele wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, die die geschlechtliche Selbstbestimmung loben, während kritische Artikel nicht veröffentlicht werden. Ich bin sicher, dass dies auch in Deutschland der Fall ist."