Das Landgericht Köln hatte am Dienstag das
Erzbistum Köln dazu verurteilt, einem
Missbrauchsopfer Schmerzensgeld in Höhe von 300.000 Euro zu zahlen, meldet die
FAZ. Das ist nicht so viel wie der Mann gefordert hatte (800.000 Euro), aber doch bedeutend mehr als die Summe, die in kirchlichen Vergleichen herausgekommen wäre: Bis zu 50.000 Euro zahlt die katholische Kirche im Rahmen einer freiwilligen Selbstverpflichtung seit 2021, höchstens 5000 Euro waren es vor 2021. Das ist eine "historische Entscheidung", hofft im beistehenden Kommentar Daniel Deckers, nicht nur wegen der Höhe des Schmerzensgeldes: "Auch die hoch bezahlten
juristischen Berater der Kirche, wie die Kölner Strafrechtskanzlei Gercke, die den Verantwortlichen des Erzbistums noch vor zwei Jahren bescheinigt hatten, keine strafbewehrten Pflichten verletzt zu haben, dürften sich ihrer Sache
nicht mehr sicher fühlen - und nicht nur sie. Sollte das Kölner Urteil zu ständiger Rechtsprechung werden, würde die
Rechtsstellung von Betroffenen eine fundamental andere sein als bisher."
Das sieht auch Annette Zoch so, die das Urteil in der
SZ begrüßt, weil der Vorsitzende Richter das
Amtshaftungsrecht für anwendbar erklärte. "Das bedeutet: Wenn zum Beispiel ein Staatsbeamter in Ausübung seines Amtes gegenüber einem Dritten einen Schaden verursacht, haftet zivilrechtlich dafür nicht der Beamte selbst, sondern
der Dienstherr. In diesem Fall also die Kirche. Das eröffnet den Weg für
viele weitere Klagen dieser Art."

Im
ZeitOnline-Interview mit Peter Neumann glaubt die amerikanische Philosophin
Sally Haslanger, deren Buch
"Der Wirklichkeit widerstehen - Soziale Konstruktion und Sozialkritik" 2021 auf Deutsch erschien, nicht daran, dass in der
amerikanischen Gesellschaft noch einen Minimalkonsens gibt: "Es gibt keine gemeinsame Basis mehr. Es gibt viele Menschen, die die fundamentalsten Prinzipien der Demokratie infrage stellen. Und genau deshalb sind die Gräben auch so tief. Die größte Gefahr ist momentan, dass der Dialog abbricht. Und zwar vollständig. Wir stimmen nicht mehr darin überein, was eine
Quelle des Wissens ist. Was die Quelle unserer moralischen Überzeugungen ist. Der Schaden, den die Verbreitung von
Fake News angerichtet hat, ist kaum zu ermessen. Wir stehen uns heute sprachlos gegenüber."
Laut einer Umfrage des Gallup-Meinungsforschungsinstituts hat der
Sozialkonservatismus, also die ablehnende Haltung unter anderem gegenüber Abtreibung, gleichgeschlechtlichen Beziehungen und Transgender-Themen, in den USA den
höchsten Stand seit etwa einem Jahrzehnt erreicht. Im
Tsp-Gespräch mit Juliane Schäuble erläutert
Jeffery M. Jones, Chefredakteur von Gallup: "Einen Teil könnte man als eine Art
Gegenreaktion auf die Fortschritte verstehen, die das Land insbesondere in Bezug auf
LGBTQ-
Themen gemacht hat. Denn in den vergangenen zehn Jahren hat sich die öffentliche Meinung sehr schnell in diese Richtung bewegt. Viele Republikaner fühlen sich unwohl mit diesem Wandel und vor allem dem Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen. Das
Abtreibungsurteil des Supreme Courts war deshalb ein Sieg für die Republikaner."
In der
NZZ ärgert sich Claudia Schwartz über die
westdeutschen Medien, die sich in der Mehrheit, so Schwartz, seit über dreißig Jahren
abschätzig gegenüber den Ostdeutschen äußern. In diesem Kontext liest sie auch die Kritik an
Dirk Oschmanns Buch
"Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung". Immerhin vermerkt sie: "Trotz zerrütteten Verhältnissen darf es
kein Tabu sein, danach zu fragen, weshalb die
AfD den Osten so erfolgreich beackert. Hier schießt Oschmann, der das eine Zumutung findet, übers Ziel hinaus und erweist der Debatte einen
Bärendienst. Eine junge Generation wählt mittlerweile in Ostdeutschland auch nicht aus Protest die AfD, sondern weil sich die Ressentiments der Wendeverlierer weitervererben. Doch mit der Diskursbereitschaft der Ostdeutschen untereinander, daraus macht Oschmann kein Hehl, steht es auch nicht zum Besten. Gerne wüsste man in diesem Kontext auch, wie Oschmann den auffallenden
Widerwillen im Osten gegen die Nato und den Zuspruch für Putin erklären würde, wenn nicht aus einer tiefsitzenden ideologischen Überzeugung heraus."