Jan Feddersen
schreibt in der
taz eine Art Nachruf auf
Amnesty International. Der Sargnagel war für ihn der
Israel-Bericht der britischen Sektion von Amnesty (unser
Resümee), zu dem die deutsche Sektion mit Rücksicht auf die deutsche Vergangenheit lieber schweigt. Für Feddersen stimmt Amnesty hier nur in den "Top Hit der internationalen
Polit-woke-Bewegung", die Israelkritik, ein: "Israel operiere in dem von dessen Militärs besetzten Gebieten in der Westbank nicht nur wie Südafrika bis zum offiziellen Ende der weißen Herrschaft, also als Apartheidsregime, sondern auch auf israelischem Kerngebiet in den Grenzen von 1967. Und genau dieser Vorwurf ist
nicht nur eine Lüge, sondern auch eine Bagatellisierung dessen, was in Südafrika und auch in weiten Teilen der US-Südstaaten bis Mitte der sechziger Jahre entweder Staatsordnungsprinzip oder gang und gäbe war."
Für Hanno Hauenstein aus der
Berliner Zeitung muss aber am
Apartheidsvorwurf gegen Israel schon deshalb etwas dran sein, weil ihn
auch schon andere erhoben hatten: "Der Amnesty-Bericht erschien auch fast genau ein Jahr, nachdem die israelische NGO
B'tselem, die seit 1989 Menschenrechtsverstöße in den besetzten palästinensischen Gebieten dokumentiert, ein Positionspapier veröffentlicht hatte, in dem sie dafür plädiert, dass - was in den Augen ihrer Verfasserinnen wie Apartheid aussieht - auch so benannt wird. Ende April 2021 war ein ähnlicher Bericht von
Human Rights Watch erschienen." Außerdem gebe es auch
israelische Stimmen, die Israel der Apartheid beschuldigten.
In der
Times of Israel interviewt Lazar Berman die Amnesty-Funktionäre
Agnes Callamard und
Philip Luther, die den Bericht vor einigen Tagen der Öffentlichkeit vorstellten. Seine Hauptfrage ist, warum zum Beispiel nicht
China wegen der Behandlung der Uiguren der Apartheid bezichtigt wird. Sie antworten, dass es nicht genug Informationen gebe und dass sie in ihrem Bericht
eine Debatte aufnehmen, die bereits existiere. Israel stehe doch schärfer unter Beobachtung als jedes andere Land, sagt der Interviewer. Darauf antwortet Luther: "Da stimme ich nicht zu, aber ok. Oder sagen wir, es ist dem Land gelungen, Kontrolle
durch seine Beziehungen zu unterbinden." Auch die zahllosen UN-Resolutionen gegen Israel helfen da für Luther nicht: "Es gibt UN-Resolutionen, klar, aber es gibt auch die Passivität der UN. Denn
Israel hat Einfluss auf mächtige Alliierte, die es hinkriegen, die Kontrolle zu unterbinden."
Whoopi Goldberg hat in den USA ein wenig Gegenwind bekommen, als sie in einer Talkshow sagte, der
Holocaust sei kein rassistisches Verbrechen. Diese Interpretation entspricht der "Critical Race Theory", die den Holocaust als Verbrechen "
von Weißen an Weißen" ansieht und darum als weniger relevant,
erläutert Andrew Sullivan in seinem Blog
The Daily Dish. Darin offenbare sich auch die Provinzialiät des
amerikanischen Antirassismus, der das amerikanische Muster des Rassismus als universal gültig fantasiert: "In dem in Kalifornien vorgeschlagenen Pflichtfach 'Kritische Rassentheorie' lautete beispielsweise eine der ursprünglichen Lehrplanfragen: 'Wie hat der Holocaust die Stellung der jüdischen Amerikaner in der amerikanischen Gesellschaft verändert?"'Die richtige Antwort lautete: 'Sie gewannen dadurch das
bedingte Weißsein.' Ja, das ist das Ergebnis des Massenmordes an Millionen von Juden laut der Critical Race Theory: Er hat ihnen in Amerika auf die Beine geholfen! Es gibt Zeiten, in denen Engstirnigkeit wirklich blind macht."
Auch Thomas Ribi (
NZZ)
findet Goldbergs Äußerungen "haarsträubend", aber sie sind doch
mehr als ein Ausrutscher, meint er: "Die Vorstellung, Juden könnten nicht diskriminiert werden, weil sie weiß sind, zeigt in erschütternder Deutlichkeit, worum es den Aktivisten geht: den
Opferstatus für sich zu bewahren."
Außerdem: In der
FAZ kritisiert Thomas Thiel einseitig antiisraelische Tendenzen in Sendungen des
ZDF (mehr
hier) und des
WDR (mehr
hier). In der
SZ äußert der bekannte Soziologe
Heinz Bude die Überzeugung, dass die
Ampelkoalition nur Erfolg haben kann, "wenn sie
eine Wende im Denken hinbekommt. Politik ist nie nur das Lösen konkreter Probleme, sondern immer auch das Deuten der jeweiligen gesellschaftlichen Situation."