9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2022 - Gesellschaft

In der SZ fragt sich die Schriftstellerin Husch Josten, ob sie in der Kirche bleiben soll: "Der Blick auf die zweitausendjährige Geschichte der Institution ist zumeist wenig erbaulich, wenn er auch immerhin beweist, dass Veränderungen möglich waren. Aber jetzt? Der Sachverhalt ist klar, doch mein Glaube bringt mich ins Schleudern, weswegen mit Woelkis Wiederkehr am Aschermittwoch für mich noch nicht alles vorbei ist. Denn der Austritt ist für mich auch eine Kardinals-, vor allem aber Glaubensfrage. Kann ich ohne Glaubensheimat glauben, ohne glaubenseinsam zu werden? Noch schaffe ich es nicht, meinen Glauben von der Institution vollkommen zu trennen, und ich kenne viele, denen es ebenso geht."

In der Zeit sieht Ijoma Mangold den Kampf zwischen den kanadischen Truckern und Premier Justin Trudeau als einen neuen politischen Kampf mit alten Mitteln: "Hier wird nämlich kurzgeschlossen, was bisher nur ahnungsweise als aufeinander reagierend in der Luft lag: die Verknüpfung des Corona-Protests mit dem Kulturkampf - das Woke-Establishment gegen die weiße working class. Der sogenannte Freiheits-Konvoi hätte nie weltweite Aufmerksamkeit gewonnen, wäre er nicht an diese Erzählungen anschlussfähig. Und die Verknüpfung funktioniert so gut, weil gleichzeitig eine Werte-Rochade stattgefunden hat. Stand links früher für Widerstand und Unangepasstheit, rechts für Law and Order und staatliche Autorität, ist es heute umgekehrt: Demselben Milieu, das im Bereich der politischen Korrektheit auf sprachliche Regulierung drängt, kann der Lockdown im Interesse des Gemeinwohls gar nicht hart genug sein, während die rechts-libertären Maskenverweigerer im Namen der Freiheit gegen den Maßnahmen-Staat demonstrieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2022 - Gesellschaft

Coronaleugner dürfen von der Polizei geschützt demonstrieren, aber wenn die "letzte Generation" die Straßen blockiert, um gegen unsere Lebensmittelverschwendung zu protestieren, dann kriegen sie gleich einen "Eintrag ins Klassenbuch", ärgert sich Hilmar Klute in der SZ. "Man kann darüber streiten, ob es das Bewusstsein der Menschheit für soziale und klimapolitische Fragen schärft, wenn vor ihnen ein paar Studenten auf dem Mittelstreifen kleben. Aber beim Qualitätscheck der jeweiligen Anliegen dürfte die Letzte Generation einen enormen Punktvorteil gegenüber den sogenannten Impfskeptikern haben: Sie haben weniger esoterischen Wahnsinn, dafür belastbare Klimaprognosen bei der Hand, die von allen Vernunftbegabten schon lange abgenickt worden sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2022 - Gesellschaft

Im Guardian hofft die somalische Aktivistin Waris Dirie, dass die Beschneidung von Mädchen zu ihren Lebzeiten abgeschafft wird. Ihre Stiftung "Desert Flower Foundation" trägt ihren Teil dazu bei: "Als wir anfingen, hatten nur wenige afrikanische Länder ein Gesetz gegen FGM, heute haben nur vier afrikanische Länder kein Gesetz dagegen. Bei den jungen Menschen in Afrika findet ein Umdenken statt. Aus meinen Gesprächen, vor allem mit jungen Müttern und Vätern, weiß ich, dass sich immer mehr von FGM lossagen. Das stimmt mich optimistisch, dass die Praxis noch zu meinen Lebzeiten beendet werden kann, denn das ist mein Ziel. ... Das Erschreckende ist, dass FGM auch in Europa vorkommt, wo die Raten rapide steigen. Großbritannien und Frankreich weisen die höchsten Zahlen auf. Die Politiker in Europa müssen das FGM-Problem viel ernster nehmen. Ich habe eine Reihe von Forderungen, die den Gesetzgebern helfen sollen, die Geißel der Genitalverstümmelung zu bekämpfen: Ich fordere, dass die Behörden regelmäßige Gesundheitschecks bei allen Mädchen durchführen, die von FGM bedroht sind. Ich fordere, dass die Gesundheitsbehörden melden, wenn sie FGM bei Mädchen und Frauen feststellen. Ich fordere Aufklärung für alle Migrantinnen, verpflichtende Aufklärungsarbeit durch Asyl- und Sozialberaterinnen sowie harte Strafen für diejenigen, die ihre Töchter für FGM ins Ausland bringen. Ich fordere, dass die internationale Gemeinschaft FGM als Asylgrund anerkennt."

Wer über Muslimfeindlichkeit in Deutschland redet, muss auch über islamische Frauenfeindlichkeit reden, fordert Rebecca Schönenbach vom Verein Frauen für Freiheit, in der Welt angesichts der Pläne von Bundesinnenministerin Nancy Faese, die Deutsche Islamkonferenz wiederzubeleben und das Thema Muslimfeindlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen: "'Diese [vermeintliche] Freiheit der Frauen ist die Wurzel von Unheil und Unruhe.' So beginnt eine Ausführung des amtierenden fünften Kalifen der Ahmadiyya, veröffentlicht durch die Frauenorganisation der Gemeinschaft. Die Ahmadiyya ist in Hessen und Hamburg den Kirchen gleichgestellt und wird oft für eine liberale Auslegung des Islam gepriesen. Das Bundesinnenministerium unterstützt die Gemeinden über das Projekt 'Moscheen für Integration'", so Schönenbach, die an die Ermordung von Ahmadi Lareeb Khan durch ihre Eltern 2015 erinnert. Bevor die nächste DIK sich also mit dem Thema Muslimfeindlichkeit beschäftigt, "sollten die Teilnehmer auf islamistische Frauenfeindlichkeit gegenüber Musliminnen überprüft werden. Sie ist die derzeit am weitesten verbreitete Art der Muslimfeindlichkeit."

In der taz erzählt die Kreuzberger Gleichstellungsbeauftragte Petra Koch-Knöbel im Gespräch mit Plutonia Plarre vom Kampf gegen Zwangsverheiratungen in ihrem Bezirk, der auch dank stärkerer Vernetzung immer erfolgreicher sei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2022 - Gesellschaft

Der Politik- und Religionswissenschaftler Monty Ott, der laut taz auch in dem jüdisch-aktivistischen Medienprojekt "Laumer Lounge" engagiert ist, plädiert doch sehr für eine Umbenennung von Straßennamen, denn "was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Personen wie Richard Wagner und Martin Luther für ihr Werk gewürdigt werden, ohne dass die Kritik an ihren antidemokratischen und menschenverachtenden Aussagen Raum findet? Was sagt diese Symbolhaftigkeit über den Umgang mit Ideologien wie Antisemitismus, Rassismus oder Geschichtsrevisionismus in einer demokratischen Gesellschaft aus, die sich doch so sehr dafür rühmt, ihre Geschichte wie keine andere aufgearbeitet zu haben?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2022 - Gesellschaft

Dass Homöopathie in Deutschland auf Krankenschein verabreicht wird, dürfte wohl bald Geschichte sein, schreibt Constantin Huber bei hpd.de, sicher auch, weil sich Anhänger alternativer Heilmethoden als Impfgegner nicht unbedingt beliebt machen. Parteien des Bundestags wie die FDP und die Linkspartei wollen die Kassenfinanzierung abschaffen. "Auch die Grünen haben sich nach einem längeren Hin und Her dazu entschieden, die 'Privilegierung der besonderen Therapierichtungen' in Gesetzestexten und Arzneimittelrichtlinien zu verändern. Die Kosten für Homöopathie sollen fortan nicht mehr von der Solidargemeinschaft übernommen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2022 - Gesellschaft

Rassismus bezieht sich historisch nicht unbedingt auf Hautfarbe, es ist nur die Universalisierung des amerikanischen Musters, die Whoopi Goldbergs Bemerkung, der Holocaust sei ein Verbrechen von Weißen gegen Weiße, verständlich macht, schreibt Kenan Malik im Observer. "1934 berief der nationalsozialistische Justizminister Franz Gürtner eine Sondersitzung ein, um eine juristische Unterscheidung zwischen Ariern und Juden zu formulieren. Sie fanden ihre nützlichste Quelle in Amerika, dessen Rassenkonzepte sie sowohl faszinierten als auch begeisterten. Sie waren fasziniert, weil eine Nation, die auf der Idee der Gleichheit aufgebaut war, dennoch von Gesetzen und Praktiken durchdrungen war, die diese Gleichheit aus rassischen Gründen verweigerten."
Stichwörter: Rassismus, Malik, Kenan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2022 - Gesellschaft

Jan Feddersen schreibt in der taz eine Art Nachruf auf Amnesty International. Der Sargnagel war für ihn der Israel-Bericht der britischen Sektion von Amnesty (unser Resümee), zu dem die deutsche Sektion mit Rücksicht auf die deutsche Vergangenheit lieber schweigt. Für Feddersen stimmt Amnesty hier nur in den "Top Hit der internationalen Polit-woke-Bewegung", die Israelkritik, ein: "Israel operiere in dem von dessen Militärs besetzten Gebieten in der Westbank nicht nur wie Südafrika bis zum offiziellen Ende der weißen Herrschaft, also als Apartheidsregime, sondern auch auf israelischem Kerngebiet in den Grenzen von 1967. Und genau dieser Vorwurf ist nicht nur eine Lüge, sondern auch eine Bagatellisierung dessen, was in Südafrika und auch in weiten Teilen der US-Südstaaten bis Mitte der sechziger Jahre entweder Staatsordnungsprinzip oder gang und gäbe war."

Für Hanno Hauenstein aus der Berliner Zeitung muss aber am Apartheidsvorwurf gegen Israel schon deshalb etwas dran sein, weil ihn auch schon andere erhoben hatten: "Der Amnesty-Bericht erschien auch fast genau ein Jahr, nachdem die israelische NGO B'tselem, die seit 1989 Menschenrechtsverstöße in den besetzten palästinensischen Gebieten dokumentiert, ein Positionspapier veröffentlicht hatte, in dem sie dafür plädiert, dass - was in den Augen ihrer Verfasserinnen wie Apartheid aussieht - auch so benannt wird. Ende April 2021 war ein ähnlicher Bericht von Human Rights Watch erschienen." Außerdem gebe es auch israelische Stimmen, die Israel der Apartheid beschuldigten.

In der Times of Israel interviewt Lazar Berman die Amnesty-Funktionäre Agnes Callamard und Philip Luther, die den Bericht vor einigen Tagen der Öffentlichkeit vorstellten. Seine Hauptfrage ist, warum zum Beispiel nicht China wegen der Behandlung der Uiguren der Apartheid bezichtigt wird. Sie antworten, dass es nicht genug Informationen gebe und dass sie in ihrem Bericht eine Debatte aufnehmen, die bereits existiere. Israel stehe doch schärfer unter Beobachtung als jedes andere Land, sagt der Interviewer. Darauf antwortet Luther: "Da stimme ich nicht zu, aber ok. Oder sagen wir, es ist dem Land gelungen, Kontrolle durch seine Beziehungen zu unterbinden." Auch die zahllosen UN-Resolutionen gegen Israel helfen da für Luther nicht: "Es gibt UN-Resolutionen, klar, aber es gibt auch die Passivität der UN. Denn Israel hat Einfluss auf mächtige Alliierte, die es hinkriegen, die Kontrolle zu unterbinden."

Whoopi Goldberg hat in den USA ein wenig Gegenwind bekommen, als sie in einer Talkshow sagte, der Holocaust sei kein rassistisches Verbrechen. Diese Interpretation entspricht der "Critical Race Theory", die den Holocaust als Verbrechen "von Weißen an Weißen" ansieht und darum als weniger relevant, erläutert Andrew Sullivan in seinem Blog The Daily Dish. Darin offenbare sich auch die Provinzialiät des amerikanischen Antirassismus, der das amerikanische Muster des Rassismus als universal gültig fantasiert: "In dem in Kalifornien vorgeschlagenen Pflichtfach 'Kritische Rassentheorie' lautete beispielsweise eine der ursprünglichen Lehrplanfragen: 'Wie hat der Holocaust die Stellung der jüdischen Amerikaner in der amerikanischen Gesellschaft verändert?"'Die richtige Antwort lautete: 'Sie gewannen dadurch das bedingte Weißsein.' Ja, das ist das Ergebnis des Massenmordes an Millionen von Juden laut der Critical Race Theory: Er hat ihnen in Amerika auf die Beine geholfen! Es gibt Zeiten, in denen Engstirnigkeit wirklich blind macht."

Auch Thomas Ribi (NZZ) findet Goldbergs Äußerungen "haarsträubend", aber sie sind doch mehr als ein Ausrutscher, meint er: "Die Vorstellung, Juden könnten nicht diskriminiert werden, weil sie weiß sind, zeigt in erschütternder Deutlichkeit, worum es den Aktivisten geht: den Opferstatus für sich zu bewahren."

Außerdem: In der FAZ kritisiert Thomas Thiel einseitig antiisraelische Tendenzen in Sendungen des ZDF (mehr hier) und des WDR (mehr hier). In der SZ äußert der bekannte Soziologe Heinz Bude die Überzeugung, dass die Ampelkoalition nur Erfolg haben kann, "wenn sie eine Wende im Denken hinbekommt. Politik ist nie nur das Lösen konkreter Probleme, sondern immer auch das Deuten der jeweiligen gesellschaftlichen Situation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2022 - Gesellschaft

Schon wieder des Holocausts gedenken? Da rollt nicht nur A. Dirk Moses mit den Augen. Sondern auch Wolfgang Reinhard, der kürzlich in der FAZ feststellte, die Deutschen hätten "pflichtgemäße Erinnerungskultur jüdischer Art überhaupt erst lernen" müssen und jetzt "keine andere Wahl, als die Folgen ihrer Geschichte auszuhalten" (unser Resümee). Für Norbert Frei in der SZ ein Beweis, dass der Antisemitismus auch "in der Mitte der Gesellschaft" steckt. Reinhard stehe ja nicht allein: "Die in den letzten Jahren ermittelten Zahlen der Demoskopen unterscheiden sich nur geringfügig: Etwa ein Fünftel der Erwachsenen in diesem Land sind der Meinung, dass Juden in der Finanzwelt, in Politik und Medien 'zu viel Einfluss' haben, und unter den 18- bis 29-Jährigen glauben das laut der neuesten Studie sogar fast 30 Prozent. Dazu passt, dass zwei Fünftel der Befragten die Meinung von Professor Reinhard teilen, wonach 'die Juden' zu viel vom Holocaust reden. Damit tragen sie, so sollen wir folgern, am Unglück des Antisemitismus selbst die Schuld."

Der Leipziger Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann laboriert an seiner DDR-Herkunft, die ihn im Westen in eine "aporetische Sprecherposition" dränge, wie er in einem in der FAZ abgedruckten Vortrag darlegt: "Zum 'Deutschen' wird man als Ostdeutscher erst im Ausland. Ich habe mehrere Jahre an fünf verschiedenen Orten in den USA gelebt. Niemand ist dort auf die Idee gekommen, ich könnte etwas anderes sein als 'a German' beziehungsweise 'from Germany', selbst dann nicht, wenn die Rede darauf kam, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. Hier in Deutschland dagegen scheint das nicht denkbar. Während Westdeutsche offenbar Naturdeutsche sind, sind Ostdeutsche lediglich Kunstdeutsche."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2022 - Gesellschaft

Thomas E. Schmidt (Zeit) ist bereit abzuwarten, ob die Documenta im Streit über den BDS zwischen Kunst- und Meinungsfreiheit unterscheiden kann. Im Moment tun die Kuratoren noch, als seien beide dasselbe. Um dies zu kritisieren, braucht man jedoch nicht das A-Wort, meint er. "Die Delegitimation des jüdischen Staates ist eine geduldige Begriffspolitik. Ihre Masche besteht darin, Redeformen und geschichtliche Ereignisse wie mit einem Magneten zu entstellen, damit sie so aussehen wie andere: Palästinenser werden dann zu Schwarzen, Juden werden zu Nazis. Jede dieser beständig wiederholten Gleichsetzungen verwischt die Grenze zwischen Kritik und unversöhnlichem Hass. ... BDS verbindet mit der zerstörenden Kritik an Israel - Aufschrei gegen den postkolonialen Skandal - eine gezielte Beeinflussung des globalen Austausches über Politik. Das soll auch andere Redeweisen infiltrieren, auch die künstlerische. Kiefers und Meeses Hitlergrüße waren dadaistische Spiele mit deutschen Empfindlichkeiten; BDS will mehr und anderes, und wenn diese ganz konkreten Ziele auf der Documenta sich auch nur eine Bühne suchen könnten, wäre das Spiel schon ernster, und Kunst erhöbe in anderer Weise Allgemeingeltungsansprüche. Weder spräche daraus der bessere Teil der Menschheit noch das Menschenrecht, noch die Kultur oder die Kunst an sich. Nur die elektronische Intifada."

Sascha Lobo nennt den britischen Amnesty-Bericht zu Israel (unser Resümee) in seiner Spiegel-online-Kolumne ohne Umschweife antisemitisch und stellt sich die Frage, warum "Wokeness", die er im Prinzip befürwortet, so häufig mit antisemitischen Mustern verbindet: "Es ist vollkommen klar, dass die katastrophale Kolonialvergangenheit insbesondere der europäischen Länder und ihre bis heute anhaltenden Auswirkungen diskutiert werden müssen. Aber diese Debatte zu kapern, um Israelhass zu rechtfertigen oder gar in den Mittelpunkt zu stellen, ist schlicht antisemitisch. Da spielt auch keine Rolle, wenn man statt 'Juden' jedes Mal artig 'Zionisten' sagt."Für das Statement der deutschen Amnesty-Sektion, die eine sachbezogene Diskussion wegen der deutschen Vergangenheit für "schwer möglich" hält, hat Lobo noch diese Einschätzung parat: "Für mich klingt das wie: Für unseren antisemitischen Israelhass seid ihr einfach zu emotional wegen des Holocaust. Was ich persönlich fast noch eine Spur widerlicher finde."

Inhaltlich distanziert, wie auch vom Zentralrat der Juden gefordert, hat sich die deutsche Amnesty-Sektion vom Bericht nicht, konstatiert Joshua Schultheis in der Jüdischen Allgemeinen: "Der Jüdischen Allgemeinen sagte eine Sprecherin von AI Deutschland, dass 'Berichte und menschenrechtliche Positionen in der Hoheit des Internationalen Sekretariats liegen'. Das bedeutet: Über die Kompetenz, sich eine eigene, faire Meinung zu Israel und dem Nahostkonflikt zu bilden, verfügt man nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2022 - Gesellschaft

Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Priester jahrzehntelang von der katholischen Kirche vertuscht wurde, ist unbestritten. Weniger gesprochen wird darüber, dass auch der Staat bei der Aufklärung versagt hat - was ein starkes Licht auf das Verhältnis von Kirche und Staat wirft, wie der Theologe Friedrich Wilhelm Graf im Interview mit der SZ erklärt: "Wenn Sie staatliches Recht haben und zusätzlich organisationsspezifisches Eigenrecht, dann droht dieses Eigenrecht das staatliche Recht zu relativieren. Nehmen Sie Lorenz Wolf, einen Theologen mit Jurastudium. Er ist stolz darauf, oberster Richter der Münchner Diözese zu sein, und er insistiert darauf, dass ihn primär nur das Kirchenrecht interessiert und dass das staatliche Recht für ihn sekundär ist. Sein Vorwurf gegen die Gutachter, sie hätten keinerlei 'Expertise' im Kirchenrecht, verkennt das Problem: Im Rechtsstaat ist bei Straftaten allein das staatliche Recht gefragt. Die katholische Kirche sieht sich immer noch als das Andere des Staates."

Die Impfgegner sind auch in der Provinz ein Phänomen. Es demonstriert die "bürgerliche Mitte mit Öko-Touch", schreibt Margarete Moulin in der taz: "Im vierzig Kilometer südlich von München gelegenen Wolfratshausen stehen an einem Abend in der Haupteinkaufsstraße über 900 'Spaziergänger' etwa 450 angemeldeten Gegendemonstranten gegenüber. Letztere gehören zur neu gegründeten 'Wolfratshauser Menschenkette', die für solidarisches Verhalten in der Pandemie wirbt. Ihre Teilnehmer haben sich auf der einen Straßenseite aufgereiht. Sie tragen Masken und halten Abstand zueinander. Auf dem Bürgersteig gegenüber zieht die Karawane der Impfgegner schweigend entlang. Einer von ihnen löst sich, geht auf die Gegendemonstranten zu, filmt ihre Reihe betont offenkundig ab, so als wolle er Beweise sammeln."