Die Welt ist keine Scheibe und Software nicht intelligent - es geschieht nicht oft, dass ein KI-Forscher zugibt, dass die sogenannte Künstliche Intelligenz keineswegs selbständig denken kann. Genau das tut der Unternehmer und KI-ForscherThomas Wolf im Gespräch mit der Zeit. "'Der wichtigste Aspekt der Wissenschaft ist die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen', sagt Wolf. 'Und auch das, was man gelernt hat, zu hinterfragen.' Kurzum: Für die richtig großen wissenschaftlichen Durchbrüche müssen Forscherinnen und Forscher in der Lage sein, gegen den Konsens zu denken. Und es sind laut Wolf genau diese seltenen Durchbrüche - etwa Einsteins Relativitätstheorie oder die Gen-Schere CRISPR -, die den Großteil des wissenschaftlichen Fortschritts ausmachen." Sprachmodelle hingegen "hätten im Gegensatz zu Menschen nicht wirklich ein Verständnis dafür, was sie wissen und was nicht. 'Deshalb kann eine KI das eigene Wissen auch nicht wirklich beurteilen und hinterfragen.'" Das macht KI nicht nutzlos. Die derzeit besten KI-Modelle können "laut Wolf selbstständig thematisch weit voneinander entfernte Daten und Fakten zusammenbringen und miteinander kombinieren. ... Doch damit, sagt er, fülle KI vor allem Lücken im Wissen - sie ergänze das, was wir schon wissen, logisch miteinander und stelle so neue Verbindungen her."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Kamel Daoud bringt ein Buch mit seinen Kolumnen heraus, "Avant qu'il ne soit trop tard". Im Interview mit Peggy Sastre von Le Point, wo er meistens schreibt, erklärt er unter anderem, warum gerade Frankreich mit seiner dezidierten Trennung von Staat und Religion ein solches Hassziel des Islamismus ist: "Wenn es gelänge, einen integrierten Islam in Frankreich zu schaffen, wäre das die größte denkbare Niederlage für den transnationalen Islamismus, denn es würde zeigen, dass der Islam mit Demokratie und religiöser Indifferenz vereinbar sein kann. Der Laizismus schützt Religion vor politischen Ambitionen. Der Islamismus ist jedoch eine politische Ambition: Man ist nicht nur Islamist, um ins Paradies zu kommen, sondern auch, um zu herrschen."
"Die großen Demokratien in Europa und Asien bilden derzeit das einzige Bollwerk gegen den Autoritarismus. Und die Verantwortung für die Verteidigung der politischen Freiheit wird weitgehend bei den zwei Ländern - Deutschland und Japan - liegen, die einst so viel zu ihrer Zerstörung beigetragen haben", meintIan Buruma in der NZZ, knüpft aber wenig Hoffnungen an diese Erkenntnis.
Weiteres: Michael Hesse unterhält sich für die FR mit dem Philosophen Otfried Höffe über Weisheit. Helmut Zander schreibt in der NZZ zum hundertsten Todestag von Rudolf Steiner.
Florian Illies antwortet in Zeit online mit einem Essay auf Jürgen Habermas' "Für Europa"-Artikel, (unser Resümee) dem er dann aber doch nicht allzu viele Zeilen widmet (Habermas sei doch recht alt, halte an seinen Marotten aus den Siebzigern fest). Aber Illies hat selbst was zu sagen: Die Europäer sollen die Amerikaner mit "Aufmerksamkeitsentzug" bestrafen. Gegen das Testosteron-Gehabe der religiös Wahnsinnigen in Washington empfiehlt er: "Humanismus statt Menschenverachtung, Gewaltenteilung statt Willkür, Respekt statt Einschüchterung. Die Amerikaner könnten das gerade gut gebrauchen, dringender jedenfalls als unsere Autos." Und wir könnten ein neues Selbstvertrauen gebrauchen: "Der Weltgeist ließ sich in Amerika nieder, und der Westwind blies uns von dort verlässlich alle Segnungen und Verwerfungen des Kapitalismus herüber, jeden neuen Musikstil, jede neue Kunstrichtung, jede neue Studentenbewegung, jede neue Weltdeutung. Nun aber, wo sich der Wahnsinn in Washington für vier Jahre häuslich eingerichtet hat, ist endlich der richtige Moment für Europa gekommen, um es wieder selbst mit dem Weltgeist zu versuchen. Das hat in den 2000 Jahren vor Hemingway und dem Big Mac eigentlich auch ganz gut geklappt."
Aber dieses Selbstvertrauen müssten wir dann auch nach innen erarbeiten und gegen mindestens einen weiteren Gegner, fürchtet Julia Encke in der FAS: "Wenn die politische Mitte immer mehr Teile der Bevölkerung an die rechtsextreme AfD verliert, die, wie etwa Alice Weidel, nicht nur Elon Musk hörig ist, sondern auch Putin ergeben; wenn 'pazifistische Sozialisten' die Folgen einer russischen Besatzung in naiver oder mutwilliger Weise verharmlosen - dann braucht Putin Deutschland womöglich gar nicht anzugreifen, um es gefügig zu machen. Er könnte darauf warten, dass die Dinge sich von selbst zu seinen Gunsten entwickelten, und mit seinen Geheimdiensten weiter daran arbeiten, die Demokratie auszuhöhlen und unser System zu destabilisieren."
In einem langen Artikel in der FAZ geht der PhilosophOmri Boehm auf den "Genozid"-Vorwurf an Israel ein. Beide Seiten haben in dieser Debatte völlig versagt, konstatiert er, während unter israelischen Politikern Vernichtungsfantasien von Gaza kursieren, nutzen Israel-Kritiker den Genozid-Vorwurf, um wiederum Juden zu entmenschlichen. Man müsse sich auf das "Nachkriegsprojekts des kosmopolitischen Rechts" zurückbesinnen: "Benutzt Kategorien des Völkerrechts als juristische Begriffe, und zwar in scharfer Abgrenzung von einer moralischen und ideologischen Verwendung. Hier liegt auch der Schlüssel für die Position, die wir als Israelis zusammen mit unseren palästinensischen Freunden dringend einnehmen müssen, während unaussprechliche Verbrechen gegen Palästinenser begangen und Vorschläge zu ethnischen Säuberungen gebilligt werden, die Gewalt sich auch auf die Westbank ausweitet und die Gerichte - die in jedem Fall beim Schutz der Palästinenser versagt haben - unter beispiellosem Beschuss stehen." Am Ende bleibt er - trotz der ganzen Seite, die er Platz hat - aber doch unscharf, ob er den Genozid-Vorwurf berechtigt findet oder nicht.
In Deutschland erfreut sich die Idee des Pazifismus bis heute einer unreflektierten Zustimmung. Dabei "hat der Pazifismus bereits im 20. Jahrhundert überwiegend eine verheerende Rolle gespielt", erinnert Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. Pazifismus beinhaltet allzu häufig ein Abblenden des Blicks vor existenziellen Angriffen gegen die Demokratie, eine Rutschbahn in die Infamie, denn wer "angesichts dieser ultimativen Bedrohung an den eigenen pazifistischen Maximen keine Abstriche machen wollte, dem blieb nichts anderes übrig, als sich die totalitären Aggressoren systematisch schönzureden. In ihrem Eifer, die Bedrohung durch den Totalitarismus herunterzuspielen, verstrickten sich etliche Pazifisten immer tiefer in dessen Propagandalügen, um sich oftmals sogar ganz mit ihm zu identifizieren."
"In der Zeit eines zunehmenden Dirigismus und einer neu entflammten Liebe zum allzuständigen Staat kann der Liberalismus in der Mitte keine Punkte machen", diagnostiziert auf den Wirtschaftsseiten der FAZ der ehemalige BundesverfassungsrichterUdo Di Fabio, der dort für eine Erneuerung des Liberalismus eintritt - denn sonst drohe "ein dunkles Zeitalter der sich zerstörenden Aufklärung". Eine wieder überzeugende FDP wird ihre "Idee von Freiheit sozial und ökologisch neu entwerfen müssen", und zu "Sozial-Liberalen mit Herz" werden müssen, schreibt er etwa mit Blick auf den Sozialstaat. So würde sich Arbeiten in Deutschland weniger lohnen als die Grundsicherung. Auch bei der Rente sollte die starke Subvention durch den Staat überdacht werden. "Wenn am Ende des Tages die Renten mit Staatsschulden finanziert würden, käme das dem Offenbarungseid einer Gesellschaft der Sorglosen gleich."
Patrick Bahners spießt in der FAZ die Darlegungen der amerikanischen Historikers Niall Ferguson auf, der - unter anderem in einem Zeit- Interview (unser Resümee) - Trump sozusagen zum Symptom eines allgemein festzustellenden "Vibe Shift" erklärt habe: "Der Machtwechsel in Washington stellt sich in dieser aparten Beleuchtung als Modephänomen dar, als Epiphänomen eines ebenso kurzfristigen wie heftigen Lebensstilwandels. Ferguson hat sich den Begriff 'Vibe Shift' nicht selbst ausgedacht, sondern übernimmt ihn von Sean Monahan, einem Newsletter-Autor. Trump soll gesiegt haben auf dem Rücken einer Revolte gegen das Ensemble von Signalen und Konventionen, das als Wokeness beschrieben wird."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Raoul Schrott spricht im Interview mit dem Standard über sein Buchprojekt "Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit". Es geht um die jahrtausende alten Beziehungen der Menschen zu den Sternenbildern. "Mythos" sagt Schrott nicht so gern: "Es geht einfach um die lebenswichtige Weitergabe von Wissen in einer Zeit, bevor es Schrift gab. Da dienen uns eben Bilder und Geschichten, um uns etwas zu merken. Derart entstand am Nachthimmel eine Lehrtafel der wichtigsten Elemente einer Kultur - die am Boden dann ausführlich erläutert wurden. Und zwar in Geschichten, die nicht nur der Unterhaltung dienten, sondern auch der Vermittlung von Ge- und Verboten der jeweiligen Kultur, ihren Sitten und Gebräuchen. Das wird heute noch so von australischen Aborigines praktiziert und entspricht unseren mittelalterlichen Armenbibeln, das heißt, den Glasmalereien in den Kirchen, zu denen der Pfarrer auf der Kanzel die Legenden erzählte. Doch das ist nur eine von vier wesentlichen Funktionen, die den Sternenhimmel zu einem Allzweckinstrument machen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Zeit-Online-Interview mit Nils Markwardt und Titus Blome erklärt der KulturwissenschaftlerJoseph Vogl, aktuelles Buch "Versuch über das Schwebende" nicht nur das Ziel von Trumps Executive Orders: Sie "verfolgen mit ihrer Schnellfeuertaktik die Absicht, Gewaltenteilung und verfassungsmäßige Ordnung zu zerschießen. Hannah Arendt hat das Regieren per Dekret als Entfesselung - und nicht etwa als Beschränkung - bürokratischer Herrschaft beschrieben. Das betrifft auch die USA: Wer die Dekrete nicht befolgt, wird aus- oder kaltgestellt. Politologen haben das Staatsstreich genannt - Säuberung und Gleichschaltung von Behörden, Verfolgung kritischer Medien, Monopolisierung von Exekutivgewalt." Dazu komme die Lust am Regiertwerden, die den modernen Menschen im Kapitalismus ausmache, meint er.
"Selbstbespiegelungen ohne Ende" attestiert ein verärgerter Roman Bucheli in der NZZ den Künsten. Warum wird fast nirgends die "Gegenwart in ihrer Komplexität" verhandelt, fragt er sich. "Niemand erwartet, heute den schlüssigen Roman zum Krieg in Gaza oder der Ukraine zu lesen, keiner will die Vorgänge im Weißen Haus als Theaterstück oder komische Oper sehen - auch wenn gerade Letzteres eine besonders exquisite Burleske ergeben könnte. Aber man hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich das Kulturschaffen hierzulande und anderswo so sang- und klanglos aus der Gegenwart in die Bedeutungslosigkeit verabschieden würde. Wieso nimmt kaum einer die Herausforderung an, dieses Wirrsal in der Welt darzustellen, statt nur immerfort pathetisch das Durcheinander im eigenen Denken und Leben zum existenziellen und ästhetischen Ernstfall zu stilisieren?"
Immanuel Kant wird oft als philosophische Autorität in Bezug auf das Grundgesetz angerufen, aber stimmen seine Konzeption der Menschwürde und seine Staatsvorstellungen überhaupt mit dem deutschen Grundgesetz überein, fragt sich der HistorikerOtfried Höffe in der FR. "Erstens ist die Menschenwürde zwar ein für Kant wesentlicher Gedanke; sie ist bei ihm aber kein rechtsphilosophisches Prinzip. Zweitens ist ein den demokratischen Gesetzgeber kontrollierendes Verfassungsgericht nicht nur Kant unbekannt, sondern gefährdet auch die nach Kant für eine legitime Staatlichkeit unverzichtbare strenge Gewaltenteilung."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im taz-Gespräch mit Peter Unfried vermisst die Ökonomin und freigestellte Leiterin des aufgelösten New Institute, Maja Göpel, aktuelles Buch (falls Sie es geschrieben hat) "Werte - Ein Kompass für die Zukunft", von der kommenden Bundesregierung ein klares Bekenntnis zu strukturellen Neuordnungen, etwa in Sachen Klimapolitik. Sie hofft, dass sich in der CDU nicht die "Scharfmacher" durchsetzen: "Deren Vorschläge nicht den neoliberalen Ideen aus den 1990ern nahekommen, auch wenn das Label libertär neu klingt, also: Steuererleichterungen für die bereits Vermögenden werden produktive Investitionen freisetzen und zum Trickle-down führen, soziale Ausgaben streichen wird die Leistung ankurbeln und die Ökosystemdienstleistungen können technisch ersetzt werden, dabei wächst die Wirtschaft auch besser. Mit diesem Programm wird es wieder sehr männlich, dominantund weiß - und die Frage fällt hinten runter, warum in so einer Umgangsform und Kultur dann Frauen und Migrant:innen mitmachen wollen sollen, die sich ihre Lebensorte aussuchen können."
Weitere Artikel: Auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ rät Claus Leggewie angesichts des lauter gewordenen "Kampfbegriffs" der "Unregierbarkeit" zur Lektüre von Claus Offe und anderen Autoren der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre, die bereits damals den Ursachen dieser Erosion auf den Grund gingen. Ebenda resümiert Thomas Thiel ein Symposium an der Universität Frankfurt, bei dem die ehemalige Staatsanwältin Anne Brorhilker mehr Aktivität im Kampf gegen Wirtschaftskriminalität forderte, denn, so Thiel: "Würde sich der Staat die geschätzt hundert Milliarden Euro an jährlich hinterzogenen Steuern zurückholen, könnte er sich jedes Jahr ein luxuriöses Sondervermögen für Bildung leisten. Leider zeigt die Politik daran wenig Interesse." Patrick Bahners schreibt in der FAZ den Nachruf auf den im Alter von 93 Jahre gestorbenen Rechtsphilosophen Walter Grasnick.
Der britische Ökonom John Maynard Keynes wurde schon so oft totgesagt, feiert aber immer wieder ein Comeback, freut sich Michael Hesse in der FR. Sein Ratschlag, der Staat müsse in Krisenzeiten selbst in die Infrastruktur investieren, könnte zumindest im Bereich der Rüstungsindustrie Gehör finden könnte. "Keynes selbst hätte wahrscheinlich argumentiert, dass es klüger wäre, diese Staatsintervention neben der Bildung auch auf Infrastruktur oder erneuerbare Energien auszudehnen. Doch in Zeiten geopolitischer Unsicherheit bleibt die Realität oft hinter der Theorie zurück. Zumindest die Investitionen in die Infrastruktur können als keynesianisch gelten. Und das ausgerechnet unter der möglichen Kanzlerschaft von Friedrich Merz: Der CDU-Politiker und frühere Blackrock-Aufsichtsrat gilt eigentlich als Vorzeigepolitiker des Neoliberalismus."
Die Linke hat sich von den Arbeitern kulturell entfernt und überlässt damit den Rechten diese Wählerschaft, analysiert der Politikwissenschaftler Justus J. Seuferle in der NZZ. "Die politische Linke vertritt die Arbeiter kulturell zwar heute weniger, aber sie setzt sich nach wie vor für die strukturelle Verbesserung der Situation der Arbeiter ein. Von der neuen Rechten und deren kultureller Arbeiter-Rhetorik könnte die Linke lernen, dass auch Statusfragen relevant sind. Die Linke müsste sich demgemäss kulturell mehr an Johnny Cash orientieren und weniger an Bob Dylan. Sie müsste sich in mehr Verständnis gegenüber nicht bürgerlich-urban geprägten Biografien und Verhältnissen üben."
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