9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2019 - Internet

Die einst von Frank Schirrmacher hochgejazzte Ökonomin Shoshana Zuboff macht im Gespräch mit Thomas Thiel in der FAZ den "Überwachungskapitalismus" der Googles und Facebooks für die Krise der Demokratien verantwortlich: "Gegenwärtig ist die Demokratie unter Druck, aber wenn wir uns von der Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte abwenden, dann sehe ich die Möglichkeit, dass sich das wieder ändert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2019 - Internet

Es mag sein, dass es in Zeiten von Fake News keine verbindlichen Wahrheiten mehr gibt, schreibt Evgeny Morozov in der NZZ. Zugleich arbeite man im Silicon Valley aber daran, eine "einzige, objektive und ewige Wahrheit zu generieren", durch Wikipedia etwa: "Kritiker von Wikipedia fokussierten vor allem auf die Tatsache, dass die Produktion von Wissen hier auf wahrhaft radikale Weise demokratisiert wurde: Jeder kann mitmachen! Dabei entging ihnen jedoch ein tiefer liegender und wesentlich konservativerer Aspekt des Projekts: Während bei vielen kontroversen Themen langwierige und oft bittere Debatten zwischen den Herausgebern entbrannten, wurde dies in der Präsentation der Artikel meist in keiner Weise sichtbar gemacht. Kontroverse und Uneinigkeit blieben dem Durchschnittsnutzer verborgen." Jeder Wikipedia-Artikel hat eine Versionsgeschichte, die oben verlinkt ist. Vielleicht geht Morozov davon aus, dass Internetnutzer nicht lesen können?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2019 - Internet

Meine Daten gehören mir, ruft Karl-Heinz Fezer, emeritierter Professor für Bürgerliches Recht, in der FAZ, und sie gehören ganz bestimmt nicht den Unternehmen, die sie sammeln: "Der Bürger als Akteur der Zivilgesellschaft ist als Rechtssubjekt seiner Daten anzuerkennen. Die digitale Zivilgesellschaft bedarf einer rechtlich verbürgten Mitwirkung der Bürger. Die Bürger bedürfen einer zivilgesellschaftlichen Gestaltungskompetenz: Das sind digitale Bürgerrechte an ihren verhaltensgenerierten Informationsdaten. Die intransparente Usurpation der Bürgerdaten durch die Datenunternehmen veranschaulicht einen defizitären Gesellschaftszustand, dem es an einem freiheitsverbürgenden Digitaleigentum der Bürger mangelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2019 - Internet

Noch kann die Wissenschaft die Folgen einer digitalen Überfettung nicht nachweisen, räumt Joachim Müller-Jung in der FAZ ein, begrüßt aber umso mehr, dass Wissenschaftler und Mediziner auf Konfrontationskurs gehen, um den Smartphone bei Kindern zu zügeln: Bereits jetzt sei ein Drittel der Kinder und die Hälfte der Studenten kurzsichtig, betont Müller-Jung, und: "Fast achtzig Prozent der befragten Kinderärzte berichteten von 'sozialen Auffälligkeiten', die sich in den vergangenen fünf Jahren verstärkt hätten, zwei Drittel von vermehrtem Übergewicht und Lernstörungen. Man erkennt an solchen Symptom-Beschreibungen: Es geht womöglich erst einmal gar nicht darum, was die Smartphones direkt in den Köpfen anrichten, sondern darum, was die Kinder und Jugendlichen nicht machen, solange sie auf den Bildschirm starren. Sie gehen zum Beispiel nicht auf den Sportplatz und nicht in die Natur."
Stichwörter: Digitalisierung, Smartphones

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2019 - Internet

Aaron Sorkin, der Drehbuchautor von David Finchers Faceboook-Film "The Social Network", schreibt in der New York Times eine wunderbare Polemik gegen Mark Zuckerberg, der politische Anzeigen mit Falschmeldungen im Namen der Meinungsfreiheit verteidigt: "Das Gesetz, das Überbringer von nutzergeneriertem Inhalt für diesen nutzegernerierten Inhalt verantwortlich macht, so wie es bei Filmstudios, Fernsehstationen, Buch-, Magazin- und Zeitungsverlagen der Fall ist, ist noch nicht - noch nicht! - nicht geschrieben. Fragen Sie mal Peter Thiel, der eine Verlumdungsklage gegen Gawker finanzierte und die Seite in den Ruin trieb und zum Schließen zwang. (Sie sollten Thiels Nummer ja haben, er war einer der frühen Facebook-Investoren)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2019 - Internet

Twitter will keine Werbung von Politikern mehr zulassen, berichtet unter anderem Zeit online. Vorausgegangen waren mehrere Debatten um politische Werbung und Statements von Mark Zuckerberg, der aus  Gründen der Meinungsfreiheit (und wohl auch um der guten Einnahmen willen) politische Werbung weiter zulassen will. Ausgelöst hatte die Debatte unter anderem ein Facebook-Post von Trump, der falsche Aussagen zu Joe Biden machte: "Daraufhin schaltete die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Elizabeth Warren ihre eigene Werbung bei Facebook, die sich gegen Zuckerberg richtete. In der Werbung wurde fälschlicherweise behauptet, Zuckerberg sei für eine Wiederwahl von Trump gewesen. Dabei wurde die absichtliche Falschaussage eingeräumt. Sie sei notwendig, um einen Standpunkt zu vertreten. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2019 - Internet

Wie überall in Deutschland treibt auch den Politikwissenschafter Adrian Lobe in der NZZ die Angst vor der Künstlichen Intelligenz um. Auch die Forschung widmet sich dem Thema, und siehe da: Netzwerkgesellschaften gab es schon vor der Erfindung des Computers: "Die Forscher sprechen vom 'Anternet', dem Ameisen-Netz. Ameisenkolonien sind informationsverarbeitende Systeme, wenngleich die Datenmenge im Vergleich zu Großrechnern recht beschaulich ist. Doch es gibt Parallelen: Weder der Router in einem Datennetzwerk noch eine Ameise, die jeweils kleinsten Einheiten der Ordnungen, wissen, was der jeweils andere tut. Und trotzdem funktionieren diese kollektiven Systeme. Sogar erstaunlich gut: In Ameisenkolonien gibt es zum Beispiel keinen Stau. Und auch keine Aufstände oder Kriege. Alles läuft ohne Störungen in vorgegebenen Bahnen. Die Erkenntnis könnte nicht nur etwas zum Verständnis von Maschinenverhalten, sondern auch zum Funktionieren moderner Gesellschaften beitragen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2019 - Internet

Facebook startet einen News-Dienst, wohl auch um kritische Medien ruhigzustellen. Allerdings gehört auch die rechtsextreme Postille Breitbart zu den Medien, die dort auftauchen. Daniél Kretschmar kommentiert in der taz: "Mark Zuckerberg hatte in einer kürzlich an der Georgetown University gehaltenen Rede das Recht auf irreführende Wahlwerbung zum unbedingten Teil der Meinungsfreiheit erklärt. Ob Facebook ohne äußeren regulatorischen Eingriff, ausschließlich der eigenen Expansion und Profitmaximierung verpflichtet, überhaupt eine Wahl im Umgang mit Falschnachrichten und Hassrede hat, wird zunehmend zweifelhaft."

Bei den Mitarbeitern von Facebook selbst gibt es spürbaren Unmut gegen politische Wahlwerbung mit Halbwahrheiten und Fake News. Die New York Times veröffentlicht einen aufsehenerregenden offenen Brief Hunderter Facebook-Mitarbeiter an die Leitung des Konzerns: "Freie Rede und bezahlte Rede sind nicht dasselbe. Desinformation betrifft uns alle. Unsere derzeitigen Richtlinien zur Überprüfung von Personen im politischen Amt oder von Personen, die sich um ein Amt bewerben, stellen eine Bedrohung für das dar, wofür FB steht. Wir lehnen diese Politik in ihrer jetzigen Form entschieden ab. Sie schützt nicht die Meinungsfreiheit, sondern ermöglicht es Politikern, unsere Plattform als Waffe einzusetzen, indem sie sich an Personen richten, die glauben, dass die von politischen Persönlichkeiten veröffentlichten Inhalte vertrauenswürdig sind."

Josh Constine kommentiert diesen offenen Brief in Techcrunch und fordert ganz allgemein eine Abschaffung politischer Werbung auf Facebook - Politiker könnten sich immer noch auf ihren unbezahlten Facebook-Seiten äußern. Wenn Facebook, "politische Werbung nicht abschaltet, dann sollte sie einem Fact Check unterzogen werden".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2019 - Internet

Die Digitalisierung hat die Welt verändert, das ist ein Fakt. Seltsam, dass das so selten hierzulande anerkannt wird, meint Sascha Lobo im Interview mit dem Tagesspiegel: "Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland lieber gut bekannte oder leicht einschätzbare Scheinprobleme lösen möchten als neue, wirklich existierende. Wieso hat die Bundesregierung über Jahre eine Quatschmaut einführen wollen, und zugleich wenig für eine klügere Regulierung großer Digitalkonzerne getan? Was gab es für einen Aufschrei, als Google 2009/2010 durch die Straßen gefahren ist und Häuserfassaden fotografiert hat. Dass Google bei den Suchmaschinen einen Marktanteil von 96 Prozent hat, interessierte nur wenige. Die falsche Scheinlösung für diese tatsächliche Problematik war dann das elende Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Aber wie konnte es geschehen, dass Digitalkonzerne kaum Steuern bezahlen? Weil man unterschätzt hat, dass das Digitale anders funktioniert, und vor allem: Wie radikal es ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2019 - Internet

Im Zeit-Online-Gespräch mit Lisa Hegemann klagt der deutsche Investor Klaus Hommels, der schon früh Geld in Firmen wie Skype, Spotify oder Facebook investierte, über die europäische Mutlosigkeit bei Investionen in Start-ups: "In den USA investieren universitäre Stiftungen, Pensionskassen und Versicherungen in junge Unternehmen. In Deutschland gibt es das nicht. Und es hängt auch mit der Mentalität zusammen: In Amerika investieren auch mehr unternehmerische Familien. In Asien sind es diejenigen, die gerade reich geworden sind. In Deutschland dagegen regiert oft noch das Familienoberhaupt, das 40 Jahre lang die Firma aufgebaut und nie fremdfinanziert hat. Und wer einst in der Dotcom-Krise 25.000 Euro verloren hat, investiert nicht mehr in Digitales."
Stichwörter: Startup, Spotify