In Berlin, wo weniger Menschen an Gott glauben als in irgendeiner anderen deutschen Stadt, wird das Stadtschloss wieder aufgebaut. Und auf die Kuppel soll ein
dickes goldenes Kreuz, weil da unter Kaiser Wilhelm schon eins war. Rüdiger Schaper
macht im
Tagesspiegel darauf aufmerksam, dass das Stadtschloss kein Stadtschloss mehr sein soll, sondern ein
Humboldt-Forum: "Beide Forscher haben Gott nicht gebraucht, um die Welt zu erklären. Bei Alexander von Humboldt
kommt Gott nicht vor. Auch bei seinem Bruder Wilhelm, dem preußischen Reformer, Diplomat, Sprachforscher - Universalgelehrter wie Alexander - spielt der Glaube keine Rolle. Die Humboldts waren von der
Aufklärung, der
Revolution, von den damals sich dynamisch entfaltenden Wissenschaften geprägt. Sie mussten Gott nicht einmal verneinen."
Monika Grütters, Bundeskulturministerin und
Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken, hat sich neulich in der
Welt für das Kreuz eingesetzt und dabei nicht etwa historische, sondern "Leitkultur"-Argumente
vorgebracht: "Das Angebot eines offenen Hauses, wie es das Humboldt-Forum sein will, ist nur glaubwürdig, wenn wir uns
unserer eigenen Wurzeln bewusst sind und sie auch zeigen."
In der
FAZ erklärt ihr heute Andreas Kilb die historischen Hintergründe: Kapelle und Kreuz erinnerten bei ihrer Einweihung 1854 an "die
in Blut erstickte bürgerliche Revolution von 1848. Das Kuppelkreuz war das Symbol ihrer Niederlage und der
erzwungenen preußischen Kirchenunion. Genau genommen gehörte es nicht zur Fassade, sondern zur Funktion des Gebäudes: Es zeigte seine Nutzung als Gotteshaus an. Eine solche Nutzung ist im Humboldtforum nicht vorgesehen." Tatsächlich würde das Kreuz an dieser Stelle nicht an die Tradition des Christentum erinnern, sondern an die "Tradition der preußischen Staatskirche mit ihrer engen Verbindung von
Kanzel und Bajonett".
Nikolaus Bernau
bringt in der
Berliner Zeitung einen gut belegten Hintergunrdbericht zur
Kreuzdebatte und zitiert neben den religiös-kulturellen Argumenten von gläubigen Christen wie Grütters auch ein intellektuelles wie das der
Gründungsintendanten des Humboldt-Forums. Sie behaupten "gegenüber der
Berliner Zeitung: 'Das Kreuz muss wie die preußischen Adler an den Fassaden betrachtet werden, die keinen militärischen Bezug mehr bieten. Das sind Aspekte einer historischen Rekonstruktion, die somit
ihrer Funktion enthoben sind.' Erst 'das
Weglassen des Kreuzes wird dieses religiös politisieren.'" Wenn all die Symbole keine Bedeutung haben, kann man sich natürlich auch fragen, warum sie überhaupt wieder aufgebaut werden!