9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2017 - Kulturpolitik

Vor einigen Tagen hatten die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums vorgeschlagen, neben dem Kreuz auf der Kuppel den Schriftzug ZWEIFEL an der Ostseite des Schlosses anzubringen. Damit ist nun der für die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses verantwortliche Architekt Frank Stella überhaupt nicht einverstanden, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel und zitiert aus einer Depesche des Architekten: "Die vorgeschlagene Schrift auf der Ostfassade des Berliner Schlosses stellt eine Form mit einer feinen 'Seele' und einem riesigen 'Körper' dar. Während ich mich aus der Diskussion über die symbolischen Inhalte lieber heraushalten möchte, fühle ich mich fast gezwungen zu sagen, dass ich den 'Körper' dieser Form als eine erhebliche Verunstaltung meiner Architektur ansehe."

900 Millionen Euro soll die Sanierung von Oper und Schauspielhaus in Frankfurt kosten. Ganz grundsätzlich werden Sanierungen in Deutschland immer teurer. Woran liegt's? Jörg Häntzschel hat für die SZ recherchiert und zählt auf: die jahrzehntelange Vernachlässigung öffentlicher Bauten, die immer höheren Standards für Brandschutz, Lüftung und Wärmedämmung. "Das größere Problem jedoch seien die übertriebenen Ansprüche der Institutionen, sagt Wolfgang Dunkelau, ebenfalls Architekt vom BDA: 'Es muss bei öffentlichen Bauten in Deutschland immer der Mercedes sein, wo noch der Rücksitz klimatisiert ist, keiner will einen Golf. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wollen wir das weiterhin so betreiben? Oder wäre eine vernünftige Sanierung möglich, die bei der Technik kleine Abstriche macht?' Oft lägen die Kosten für die Gebäudetechnik fast so hoch wie die reinen Baukosten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2017 - Kulturpolitik

In der Nachtkritik graut es Esther Slevogt vor dem Einheitsdenkmal in Form der "Einheitswippe" vor der bekreuzten und bezweifelten Stadtschlossattrappe: "Seine einfältige Metaphorik macht es eher zum unfreiwilligen Symbol unserer postdemokratischen Bewegungsgesellschaft, in der oft postfaktische Stimmungsmache politische Meinungsbildung ersetzt hat. 'Wir sind das Volk' skandieren die Menschen mittlerweile auf Pegida-Demos. Gut möglich also, dass die Wippe am Ende eher als Metapher gelesen wird für den schwankenden Boden unserer fragil gewordenen Demokratie denn als Symbol für friedliche Umbrüche."

Außerdem: In der FAZ kündigt Hubert Spiegel nach Veröffentlichung einer Studie für die Sanierung von Frankfurts Schauspiel und Oper Kosten von bis zu 900 Millionen Euro an.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2017 - Kulturpolitik

Gestern plädierten die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums für Rekonstruktion des Kreuzes auf der Spitze der Stülerschen Kuppel einerseits und andererseits - an der Ostseite des Schlossdaches - für die Anbringung des neonfarbenen Schriftzugs "ZWEIFEL", den der norwegische Künstlers Lars Ø Ramberg kurz vor Abriss auf dem Palast der Republik aufgestellt hatte. Der Künstler findet diesen Vorschlag sehr gut, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Es sei wichtig, 'die gesamte Historie des Schlossplatzes im Blick zu behalten. Die Geschichte hört dort eben nicht 1959 mit dem Abriss des Barockschlosses auf', sagte Lars Ramberg im Telefonat mit dem Tagesspiegel. Sein Projekt von 2005 sei ein Tribut an die Zeit der Wende und der Wiedervereinigung gewesen, 'als der Zweifel zu einer Art gemeinsamer Nenner wurde. Wer sind wir? Sind wir ein Volk? Oder zwei? Wo gehen wir hin?' Der Zweifel sei ein Teil der deutschen Identität geworden, was ihn als Norweger schon deshalb beeindruckt habe, weil er aus einem Land der Konsenskultur komme. 'Da wollen sich alle immer schnell einig werden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2017 - Kulturpolitik

Bloß keine Geschichtsfälschung wie in der DDR! Im Streit um das Kreuz auf dem zukünfigen Humboldt-Forum plädiert der Kunsthistoriker Horst Bredekamp im Interview mit dem Tagesspiegel eindeutig für das Kreuz. Den Streit darum hält er "für das große Vergehen eines sich selbst wohlgefälligen Zeitgeistes, der überall dort aufblitzt, wo er Schuld sieht, und die Alternativen in der Historie ausblendet. Der Konflikt ging ja sogar durch den Architekten hindurch, Friedrich August Stüler, dessen Kuppel mit ihren Eisenverstrebungen von kühner Modernität war. Und gleichzeitig plante er das Neue Museum. Hier die technisch avantgardistische Eosanderkapelle, dort ein Museum neuen Zuschnitts, das die germanischen Altertümer erstmals gegen die Norm der Antike setzte, amerikanische und ägyptische Figuren auf derselben Niveauhöhe zeigte und im obersten Stockwerk die gesamte Kunstkammer aus dem Schloss beherbergte. Das Kreuz und diesen Universalismus nicht zusammenzudenken, das ist, als wäre Stüler zwei Personen gewesen, die sich nicht gekannt haben."


Lars Rambergs "Zweifel" auf dem Palast der Republik. Foto: Andreas Praefcke, unter cc-Lizenz auf der Wikipedia

In der FAZ erklären die drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger den Streit um das Kreuz auf dem Humboldt-Forum für konstitutiv: "Von Anfang an hat die Inkonsistenz von Fassade und Inhalt die Dynamik des Hauses mitbestimmt - die Welt zu verstehen, ohne die Geschichte zu leugnen." Um dieses Selbstverständnis nach außen zu tragen, schlagen die drei vor, nicht nur das Kreuz zu errichten, sondern außerdem an der Ostseite des Daches den acht mal vierzig Meter große, neonfarbenen Schriftzug "ZWEIFEL" einzufügen, den der norwegische Künstler Lars Ramberg 2005 am Palast der Republik angebracht hatte, um den Streit über Abriss versus Erhalt zu verdeutlichen: "Sie wären eine Reminiszenz an den zerstörten Palast der Republik und stünden umfassend für den Antrieb, die widerstreitende Geschichte des Ortes mit diesen beiden Elementen leitmotivisch zu begreifen. Auf dem Dach des Humboldt Forums ständen somit zwei Grundprinzipien des kulturellen und geistigen Lebens der Stadt nebeneinander."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2017 - Kulturpolitik

Im Streit um das Kreuz auf dem Humboldt-Forum meldet sich in der Welt Frank Stella, Architekt der Stadtschlossrekonstruktion, zu Wort. Selbstverständlich muss das Kreuz wieder auf die Kuppel, meint er. "Sollte sich der Respekt vor den Anders- und Nichtgläubigen durch die Verdrängung der Geschichte manifestieren? Ich denke, dass die zivilgesellschafliche Bedeutung der Rekonstruktion des Berliner Schlosses eher die Sichtbarmachung der Geschichte sein soll, als der Anlass, unsere gespaltenen Meinungen und Ängste der Geschichte gegenüber auszudrücken." Im übrigen, erklärt er, sei das Kreuz mitnichten eine Danksagung an Gott für die erfolgreiche Niederschlagung der 48er Revolution gewesen. "Stattdessen war das Kreuz bereits im Entwurf Stülers zu einer überkuppelten Kapelle - die sich schon seit einigen Jahren im Bau befand - enthalten. Und eine Kuppel mit Kreuz war schon im 18. Jahrhundert im ursprünglichen Entwurf des Architekten Johann Friedrich Eosander zum westlichen Portal vorgesehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2017 - Kulturpolitik

In Berlin wurde jetzt der dritte Beschluss zum Einheitsdenkmal gefällt: Erst wurde es beschlossen, dann das Geld für Kolonnaden am Schloss umgewidmet und jetzt soll die "Einheitswippe" doch gebaut werden. Die Diskussion ist damit jedoch nicht beendet, ahnt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Während Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bei der Diskussion lieber zurück auf Los gehen würde, spricht Hiltrud Lotze, SPD-Kulturberichterstatterin, vom 'richtigen Denkmal zur richtigen Zeit' ... Lotze nennt die Umwidmung der Schlossfreiheit 'bestechend'. Das sehen viele anders, etwa der Schloss-Förderverein um Wilhelm von Boddien, die Gesellschaft Historisches Berlin und laut aktueller Umfrage auch etliche Bürger der Nachwende-Republik. Nur 16 Prozent befürworten die Waage, 43 Prozent hingegen die Kolonnaden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2017 - Kulturpolitik

Warum gibt es um das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt Forums in Berlin keine große Debatte fragt ein entgeisterter Hanno Rauterberg in der Zeit in Richtung des hochkarätigen und mitgliederstarken Direktoren-Gremiums. "Statt offensiv mit der eigenen, verqueren Geschichte umzugehen, verlegt man sich auf Vereitelungsstrategien. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Rat- und Hilflosigkeit eine innere Schwäche, eine schwere Konzeptarmut entspricht. Eigentlich lebt ein Museum davon, in allem und jedem einen tieferen Sinn zu entdecken. Hier jedoch, am und im Humboldt Forum, herrscht Deutungsscheu."

Ja, Friedrich Wilhelm IV. hat das Kuppel und Kreuz errichten lassen, um das Gottesgnadentum seines Königseins gegen die Demokratie zu setzen. So what, meint der Theologe und Präsident des Fördervereins Berliner Schloss, Richard Schröder, in der Welt. "Wenn wir erst einmal anfangen, das Bildprogramm des Berliner Schlosses nach heutzutage politisch korrekten Kriterien zu beurteilen, bleibt nicht viel übrig. Überall der preußische Adler und Borussia als große allegorische Figur, obwohl doch der Alliierte Kontrollrat Preußen aufgelöst, sozusagen verboten hat. ... Bei der Wiedererrichtung des Schlosses dürfen wir uns nicht als Zensoren der Geschichte aufführen. Sonst landen wir bei Orwells Wahrheitsministerium, das die Geschichte nach aktuellen ideologischen Bedürfnissen fortwährend neu schreibt."

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, hat kein Problem mit dem Kreuz auf der Kuppel, erklärt er im Interview mit der Welt: "Das Kreuz gehört auf die Schlosskuppel, weil das Gebäude einen historischen Kontext aufweist, und dieser geschichtliche Zusammenhang hat nun mal mit dem Christentum und mit christlicher Symbolik zu tun. Man sollte diesen Kontext nicht verschleiern oder zwanghaft abschaffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2017 - Kulturpolitik

Heute kann man in Berlin Keywan Karimis Dokumentarfilm "Writing on the City" sehen, für den der iranische Regisseur ins Gefängnis musste. Insgesamt sehen iranische Kulturschaffende seit der Wahl Hassan Rohanis mit leichtem Optimismus in die Zukunft, berichtet Omid Rezaee im Tagesspiegel: "Am letzten Freitag konzertierte der Komponist und Tar-Spieler Keywan Saket im südiranischen Abadan, allen Drohungen der Konservativen zum Trotz. Die Hardliner hatten die Veranstalter einzuschüchtern versucht, aber die Regierung unterstützte Sakets Ensemble. Ein Sieg für die Reformer, hatten sich die Erzkonservativen in den letzten vier Jahren doch regelmäßig eingemischt und bereits genehmigte Konzerte oft in letzter Sekunde verhindert."
Stichwörter: Iran

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2017 - Kulturpolitik

In Berlin, wo weniger Menschen an Gott glauben als in irgendeiner anderen deutschen Stadt, wird das Stadtschloss wieder aufgebaut. Und auf die Kuppel soll ein dickes goldenes Kreuz, weil da unter Kaiser Wilhelm schon eins war. Rüdiger Schaper macht im Tagesspiegel darauf aufmerksam, dass das Stadtschloss kein Stadtschloss mehr sein soll, sondern ein Humboldt-Forum: "Beide Forscher haben Gott nicht gebraucht, um die Welt zu erklären. Bei Alexander von Humboldt kommt Gott nicht vor. Auch bei seinem Bruder Wilhelm, dem preußischen Reformer, Diplomat, Sprachforscher - Universalgelehrter wie Alexander - spielt der Glaube keine Rolle. Die Humboldts waren von der Aufklärung, der Revolution, von den damals sich dynamisch entfaltenden Wissenschaften geprägt. Sie mussten Gott nicht einmal verneinen."

Monika Grütters, Bundeskulturministerin und Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken, hat sich neulich in der Welt für das Kreuz eingesetzt und dabei nicht etwa historische, sondern "Leitkultur"-Argumente vorgebracht:  "Das Angebot eines offenen Hauses, wie es das Humboldt-Forum sein will, ist nur glaubwürdig, wenn wir uns unserer eigenen Wurzeln bewusst sind und sie auch zeigen."

In der FAZ erklärt ihr heute Andreas Kilb die historischen Hintergründe: Kapelle und Kreuz erinnerten bei ihrer Einweihung 1854 an "die in Blut erstickte bürgerliche Revolution von 1848. Das Kuppelkreuz war das Symbol ihrer Niederlage und der erzwungenen preußischen Kirchenunion. Genau genommen gehörte es nicht zur Fassade, sondern zur Funktion des Gebäudes: Es zeigte seine Nutzung als Gotteshaus an. Eine solche Nutzung ist im Humboldtforum nicht vorgesehen." Tatsächlich würde das Kreuz an dieser Stelle nicht an die Tradition des Christentum erinnern, sondern an die "Tradition der preußischen Staatskirche mit ihrer engen Verbindung von Kanzel und Bajonett".

Nikolaus Bernau bringt in der Berliner Zeitung einen gut belegten Hintergunrdbericht zur Kreuzdebatte und zitiert neben den religiös-kulturellen Argumenten von gläubigen Christen wie Grütters auch ein intellektuelles wie das der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums. Sie behaupten "gegenüber der Berliner Zeitung: 'Das Kreuz muss wie die preußischen Adler an den Fassaden betrachtet werden, die keinen militärischen Bezug mehr bieten. Das sind Aspekte einer historischen Rekonstruktion, die somit ihrer Funktion enthoben sind.' Erst 'das Weglassen des Kreuzes wird dieses religiös politisieren.'" Wenn all die Symbole keine Bedeutung haben, kann man sich natürlich auch fragen, warum sie überhaupt wieder aufgebaut werden!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2017 - Kulturpolitik

In einem Grundsatzartikel über Sinn und Zweck auswärtiger Kulturpolitik macht Sonja Zekri in der SZ auf eine neue Initiative des Goethe-Instituts aufmerksam: "Mit dem Institut Français, Kollegen aus Schweden und den Niederlanden und einer türkischen Stiftung will das Goethe-Institut Kulturorte in der Türkei in Diyarbakır, Gaziantep, Izmir als sozusagen abhörfreie Foren der Begegnung aufbauen. Wo das deutsche Kulturinstitut und europäische Einrichtungen nicht rivalisieren, so der Plan, müsse man kooperieren und Angebote unter einem gemeinsamen Dach machen, als gesteuerte Europäisierung der Kulturpolitik."