9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2020 - Kulturpolitik

Unter dem Titel "Berlin übernimmt Verantwortung für seine koloniale Vergangenheit" legt der Senat einen Zwischenbericht zu Fragen der Dekolonisierung und Restitution vor, berichtet Susanne Memarnia in der taz. Beschlossen wurde schon mal, das Bündnis "Decolonize Berlin", einen Zusammenschluss von zehn postkolonialen und antirassistischen Initiativen, darunter "Berlin Postkolonial", "AfricAvenir" und die "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" (ISD) mit Geldern auszustatten und an den Prozessen maßgeblich zu beteiligen. Weniger dezidiert ist etwa das Naturkundemuseum in Berlin bei der Frage, ob berühmte Dinosaurier-Überreste restituiert werden sollten: "Mnyaka Sururu Mboro von 'Berlin Postkolonial' argumentiert, es genüge nicht, auf offizielle Forderungen von Regierungen zu warten. Museen wie das MfN müssten von sich aus aktiv werden und den Herkunftsgesellschaften die Rückgabe von Objekten aus kolonialen Kontexten anbieten. 'Denn Versöhnung kann nur dann gelingen, wenn eine Einsicht in Unrecht zu erkennen ist und der Wille, von sich aus Wiedergutmachung zu leisten', sagt Mboro. 'Es braucht Zeichen setzende Rückgabeangebote, wie zum Beispiel von Dinosaurier-Überresten aus Tansania.'"

In der SZ empfiehlt Gustav Seibt wärmstens einen Besuch der neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin, die sich wunderbar in Daniel Libeskinds kühn gezackte Architektur einpasse: "Klugerweise haben die Kuratorinnen unter Cilly Kugelmann und die Gestalter der ARGE chezweitz GmbH sich für die Abwechslung thematischer und epochaler Räume entschieden. Die historische Darstellung gerät so zugleich zu einer handgreiflichen, elementaren Aufklärung über das Judentum. Nichts wird vorausgesetzt, die Erklärungen sind für jedermann zugänglich. Die Besucherinnen und Besucher, auch die körperlich Eingeschränkten, werden mit allen ihren Sinnen beschäftigt, durch Gegenstände, Bilder, Bücher, Karten, im Wechsel mit Videos und Audiostationen. Man kann spazieren und sich verlocken lassen oder Stunden mit den Dokumenten verbringen."

In einem flankierenden Artikel stellt Thorsten Schmitz die neue Leiterin des Museums vor, Hetty Berg, die den umstrittenen Peter Schäfer ablöst. Politisch will auch Hetty Berg sein, aber anders als Schäfer nicht tagespolitisch, sagte sie laut Schmitz in einer Pressekonferenz. Dennoch: "Berg schreibt Partizipation ganz groß. In einem holzverkleideten Raum, der wie ein Fernsehstudio wirkt, kann über aktuelle Themen diskutiert und elektronisch abgestimmt werden, zum Beispiel über die Frage, ob das jahrhundertealte antisemitische 'Judensau'-Relief an der Wittenberger Stadtkirche gezeigt oder abmontiert werden soll."

In der Welt ist Alan Posener weit weniger positiv: Gewiss, ästhetisch sei das alles gelungen, aber die Vorlieben der Kuratorin Cilly Kugelmann sind ihm zu dominierend, und es fehlt ihm jeder Hinweis auf die "aktuellen Auseinandersetzungen, die das Leben der Juden in Deutschland bestimmen".

Susanne Lenz von der Berliner Zeitung findet durchaus Aktuelles in der Ausstellung, etwa einen "Raum, der die Ausstellung mit dem Thema Antisemitismus beschließt. Um die Beschneidungsdebatte geht es hier, die Judensau an der Stadtkirche in Wittenberg, um das Wort israelkritisch, das anders als das Wort frankreichkritisch sogar im Duden steht. ... Die neue Ausstellung wagt mehr Gegenwart, widmet sich der Zeit nach 1945. Die Wiedergutmachung, das Verhältnis zu Israel und die Einwanderung russischsprachiger Juden stehen im Mittelpunkt." Lob auch von Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2020 - Kulturpolitik

Nach Monika Grütters und Hermann Parzinger (beide zufrieden mit dem Bericht zur Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz), haben sich jetzt die Direktorinnen und Direktoren der einzelnen Museen zu Wort gemeldet. Und die sind eher unglücklich, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. "Die 'Wortmeldung' stellt einen einmaligen Vorgang in Deutschland dar, es ist der Aufstand des Mittelbaus gegen die oberste Leitung im größten Museumsverbund der Bundesrepublik, ein Aufmucken der Direktorenebene gegen die Zentralverwaltung. Genau diese Entzerrung aber ist laut Gutachten gewünscht, damit die Ausstellungshäuser ihren Aufgaben besser nachkommen können - ohne den Umweg über die nächst höhere Instanz, wo sie Projektgelder, Mittel für Erwerbungen und Personal erst einmal beantragen müssen." Was genau ihre Forderungen sind, wird dann im Text auch nicht klar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2020 - Kulturpolitik

Der eigentliche Patient ist nicht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sondern der Komplex der Staatlichen Museen zu Berlin, deren Besucherzahlen in den letzten Jahren von 4,3 auf 3,6 Millionen gesunken sind (im Louvre waren es 2019 9,6 Millionen, mehr hier), schreibt Andreas Kilb im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ. Er unterstützt den offenen Brief der Museumsdirektoren, die mehr Eigenständigkeit fordern (unser Resümee) - jenseits der Hierarchen Hermann Parzinger von der Stiftung und Michael Eissenhauer von den Museen: "Ein System, das nur im Idealzustand funktioniert, muss in Krisenzeiten angepasst werden. Die Corona-Pandemie hat tiefe Löcher in die Kassen der Museen gerissen, mit denen jedes Haus auf eigene Weise fertig werden muss. Mehr Selbstverantwortung würde kreative Kräfte freisetzen, die durch das Tauziehen zwischen Eissenhauer und Parzinger gelähmt wurden. Die Marke Preußenstiftung lebt von der Leistung der Museen, das muss auch der machtbewusste Präsident einsehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2020 - Kulturpolitik

Während andere Branchen langsam hochgefahren sind, leidet der Kultursektor in ganz Europa immer noch unter argen Beschränkungen. Und nicht überall wird Kultur so gut versorgt wie in Deutschland oder Frankreich, schreibt Katy Lee bei politico.eu. In Großbritannien, dessen Kulturinstitutionen wesentlich weniger subventioniert sind, gab es erst spät Geld, "und in Ungarn hat die Regierung den Notstandsplan genutzt, um ihre nationalistische Agenda voranzutreiben. Stückeschreiber  und Komponisten wurden bescheidene Stipendien angeboten, aber unter einer Bedingung: Ihre Werke mussten vom Trianon-Vertrag handeln, der vor hundert Jahren abgeschlossen wurde, ein Ereignis, das in Viktor Orbans nationalistisches Arsenal gehört. 'Inhaltlich war das ein reines Propagandading', sagt Fanni Nánay, eine Budapester Festivalorganisatorin, 'wirklich ein Skandal'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2020 - Kulturpolitik

Wie am Wochenende gemeldet, fordern die Museumsdirektoren der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in einem offenen Brief Mitsprache bei einer Reform, die sie ihre Posten kosten könnte. Ihre Kritik "richtet sich nicht nur an die Stiftungsspitze unter Hermann Parzinger", schreibt in der Berliner Zeitung Nikolaus Bernau, "sondern auch an die für die Finanzierung der Stiftung letztlich verantwortliche Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien, Monika Grütters. Ihr Engagement für die Museen wird in diesen Tagen nämlich oft als massiv übergriffig betrachtet. Sie installierte über die Museumsspitze hinweg das inzwischen als Trio infernale bekannte Dreierteam mit den Gründungsintendanten Hermann Parzinger, dem britischen Museumsmanager Neil MacGregor und dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp für das Humboldt-Forum. Es agierte unter der demütigenden Behauptung, die Museen selbst könnten das Projekt nicht stemmen. Die drei demontierten zwar viele von deren Ausstellungskonzepten, setzten aber außer einer umstrittenen weiteren Bildungsakademie keine Alternativen an ihre Stelle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2020 - Kulturpolitik

Meuterei! In der SZ berichtet Jörg Häntzschel von einem Offenen Brief, mit dem die Direktoren der Staatlichen Museen zu Berlin aufbegehren. Es geht um die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die der deutsche Wissenschaftsrat der "strukturell überforderten" Institution dringend empfohlen hatte: "Was die Museumsdirektoren nun empört, ist, dass diejenigen den Reformprozesses leiten sollen, die die Missstände jahrelang mitverantwortet haben. Dass also die Reform der zentralistisch organisierten SPK ebenfalls zentralistisch vollzogen wird. Genau so wird es wohl kommen. Bei der Stiftungsratssitzung am 19. August soll eine für die Reform zuständige Arbeitsgruppe eingesetzt werden, der außer Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Stiftungspräsident Hermann Parzinger nur noch dessen Vize Gero Dimter und eine 'Person X' angehören. Der machtbewusste Parzinger leitet die Stiftung seit zwölf Jahren und scheint dies auch noch viele Jahre tun zu wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2020 - Kulturpolitik

Auf gerade mal zwei Seiten stauchten die Gutachter des Wissenschaftsrates zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Arbeit des Staatlichen Instituts für Musikforschung und des Berliner Musikinstrumentenmuseums zusammen, weiß Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Die drei Abteilungen des Hauses stünden 'weitgehend unverbunden nebeneinander', 'die Kooperationen des Instituts sind schwach ausgeprägt und konzentrieren sich vorrangig auf Berlin'. Eine 'überzeugende Strategie zur Entwicklung von Forschungsfragen' vermisst das Gremium ebenso wie Erfolge bei der Einwerbung von Drittmitteln." Institutsdirektor Thomas Ertelt verteidigt sich: "Wir sind ein Institut, das ein Museum hat". Seit 1935, als beide Teile zur institutionellen Einheit verschmolzen wurden, hab sich die heutige Aufteilung etabliert, bei der die Wissenschaft im Vordergrund steht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2020 - Kulturpolitik

Vermutlich im August können auch amerikanische Museen wieder öffnen, mit erhöhten Eintrittsgeldern, schreibt Frauke Steffens in der FAZ. Aktuell dürften die Museen zusammen 33 Millionen Dollar pro Tag verlieren, ergänzt sie und fürchtet, dass Museen sich in Folge der Krise "noch mehr auf private Geldgeber konzentrieren und diesen auch häufiger eine Vorzugsbehandlung anbieten. (…) Das Papier einer Beratungsfirma für das Kindermuseum schlägt exklusive Öffnungszeiten für Förderer an jedem Tag vor. Dessen Autorin Lisa Podos denkt auch über eine Strategie nach, die das Museum als 'Quasi-Mitgliederclub' neu positionieren könne. Unternehmen, die gespendet hätten, könnten dann sogenannte 'take-over days' buchen, an denen nur ihre Mitarbeiter mitsamt deren Familien Zutritt hätten. Immerhin will man Krankenhauspersonal an einzelnen Tagen den Eintrittspreis erlassen."
Stichwörter: Museen, USA, Coronakrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2020 - Kulturpolitik

Die Coronakrise legt lange verdrängte Schwachstellen im deutschen Kulturbetrieb offen, schreiben Dieter Haselbach und Pius Knüsel (Autoren des Buchs "Der Kulturinfarkt") in einem Welt-Essay mit einer gewissen Sprengkraft. Das Publikum wird nicht mehr in die Theater und Konzerstsäle zurückkehren wie vor der Krise, prophezeien sie - denn es gehört großenteils zur Risikogruppe. Nun wäre die Chance, den Betrieb umzubauen, wie die Autoren am Theater exemplifizieren: "Im deutschsprachigen Raum gibt es ein engeres Netz von öffentlichen Theaterbetrieben als irgendwo auf der Welt. Zu diesem Netz gehören in Deutschland circa 140 öffentliche Theater und hudnert Orchester. Wie hier Theater produziert wird, ist nach internationalem Maßstab außergewöhnlich: Jeder Standort inszeniert sein eigenes Programm. Wenn das lokale Publikum nach fünf oder zwanzig Aufführungen erschöpft ist, ist die Produktion erledigt. Das Verhältnis von Probenzeiten und Produktionskosten zur Zahl der Aufführungen ist extrem ungünstig. Überall und ständig braucht es neue Premieren; die 'deutsche Theater- und Orchesterlandschaft' produziert so dauernd am Rand der Erschöpfung. Es ist teuer - und frustrierend. Die Theaterapparate, die Chöre und Orchester werden wie öffentlicher Dienst behandelt, nur Künstlerinnen und Künstler werden eher mager honoriert. Woanders in der Welt bleiben erfolgreiche Stücke lange auf dem Markt, sie reisen zum Publikum. Das ist preisgünstiger."

Die Autoren verweisen auf eine Essayreihe der Kulturpolitischen Gesellschaft zum Thema.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2020 - Kulturpolitik

Geld für die Kultur gibt es in Frankreich: vom Staat und bald auch von den Streamingdiensten, die bis zu 25 Prozent ihrer in Frankreich erwirtschafteten Einnahmen für die nationale Kultur berappen sollen. Nur die Kulturpolitik, die ist tot - behauptet jedenfalls Emmanuel Macrons bisheriger Redenschreiber Sylvain Fort, berichtet Jürg Altwegg in der FAZ. "Seit Jahren, stellt Fort fest, beschränke sie sich darauf, 'die Kulturszene vor dem Mark zu schützen'. Es gibt keine Konzepte mehr. Jede einzelne Klientel will bedient werden. Vom Verlagswesen bis zur Filmindustrie habe jede Sparte die staatliche Hilfe nur für sich eingefordert. Unter den Dutzenden von Petitionen gab es keine einzige, in der ein Schauspieler und Sänger gemeinsam für die Rettung der Kultur plädiert hätten."