Unter dem Titel "Berlin übernimmt Verantwortung für seine
koloniale Vergangenheit" legt der Senat einen Zwischenbericht zu Fragen der
Dekolonisierung und Restitution vor,
berichtet Susanne Memarnia in der
taz. Beschlossen wurde schon mal, das
Bündnis "
Decolonize Berlin", einen Zusammenschluss von zehn postkolonialen und antirassistischen Initiativen, darunter "Berlin Postkolonial", "AfricAvenir" und die "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" (ISD) mit Geldern auszustatten und an den Prozessen maßgeblich zu beteiligen. Weniger dezidiert ist etwa das
Naturkundemuseum in Berlin bei der Frage, ob berühmte Dinosaurier-Überreste restituiert werden sollten: "Mnyaka Sururu Mboro von 'Berlin Postkolonial' argumentiert, es genüge nicht, auf
offizielle Forderungen von Regierungen zu warten. Museen wie das MfN müssten
von sich aus aktiv werden und den Herkunftsgesellschaften die Rückgabe von Objekten aus kolonialen Kontexten anbieten. 'Denn Versöhnung kann nur dann gelingen, wenn eine
Einsicht in Unrecht zu erkennen ist und der Wille, von sich aus Wiedergutmachung zu leisten', sagt Mboro. 'Es braucht Zeichen setzende Rückgabeangebote, wie zum Beispiel von Dinosaurier-Überresten aus Tansania.'"
In der
SZ empfiehlt Gustav Seibt wärmstens einen Besuch der neuen
Dauerausstellung im
Jüdischen Museum Berlin, die sich wunderbar in Daniel Libeskinds kühn gezackte Architektur einpasse: "Klugerweise haben die Kuratorinnen unter Cilly Kugelmann und die Gestalter der ARGE chezweitz GmbH sich für die
Abwechslung thematischer und epochaler Räume entschieden. Die historische Darstellung gerät so zugleich zu einer handgreiflichen, elementaren Aufklärung über das Judentum. Nichts wird vorausgesetzt, die Erklärungen sind für jedermann zugänglich. Die Besucherinnen und Besucher, auch die körperlich Eingeschränkten, werden
mit allen ihren Sinnen beschäftigt, durch Gegenstände, Bilder, Bücher, Karten, im Wechsel mit Videos und Audiostationen. Man kann spazieren und sich verlocken lassen oder Stunden mit den Dokumenten verbringen."
In einem flankierenden Artikel stellt Thorsten Schmitz die neue Leiterin des Museums vor,
Hetty Berg, die den umstrittenen Peter Schäfer ablöst. Politisch will auch Hetty Berg sein, aber anders als Schäfer nicht tagespolitisch, sagte sie laut Schmitz in einer Pressekonferenz. Dennoch: "Berg schreibt
Partizipation ganz groß. In einem holzverkleideten Raum, der wie ein Fernsehstudio wirkt, kann über aktuelle Themen diskutiert und elektronisch abgestimmt werden, zum Beispiel über die Frage, ob das jahrhundertealte
antisemitische '
Judensau'-
Relief an der Wittenberger Stadtkirche gezeigt oder abmontiert werden soll."
In der
Welt ist Alan Posener weit weniger positiv: Gewiss, ästhetisch sei das alles gelungen, aber die Vorlieben der Kuratorin Cilly Kugelmann sind ihm zu dominierend, und es fehlt ihm jeder Hinweis auf die "
aktuellen Auseinandersetzungen, die das Leben der Juden in Deutschland bestimmen".
Susanne Lenz von der
Berliner Zeitung findet durchaus Aktuelles in der Ausstellung, etwa einen "Raum, der die Ausstellung mit dem Thema
Antisemitismus beschließt. Um die
Beschneidungsdebatte geht es hier, die Judensau an der Stadtkirche in Wittenberg, um das Wort
israelkritisch, das anders als das Wort frankreichkritisch sogar im Duden steht. ... Die neue Ausstellung wagt
mehr Gegenwart, widmet sich der Zeit nach 1945. Die Wiedergutmachung, das Verhältnis zu Israel und die Einwanderung russischsprachiger Juden stehen im Mittelpunkt." Lob auch
von Nicola Kuhn im
Tagesspiegel.