9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2019 - Religion

Auf Zeit online kritisiert die Theologin Doris Reisinger scharf das Frauenbild der Katholischen Kirche. Es habe sich kaum verändert, Franziskus hin oder her: Auch wenn heute "sogar Bischöfe sagen, dass Frauen zukünftig vermehrt in Leitungsämter kommen sollen. Sobald die Frau die Augen öffnet, sieht sie sich mit der unabweislichen Realität konfrontiert: Auch Frauen, die sogenannte Leitungsämter in der Kirche innehaben, bleiben durch die Bank von männlichem Wohlwollen abhängig. Ämter und Lehrerlaubnisse bekommen nur Frauen, die sich an die nicht selten willkürlich festgelegten Regeln von Kirchenmännern halten, während das zentrale kirchliche Machtinstrument, die Weihe- und Jurisdiktionsgewalt, ihnen auch vom vermeintlich liberalen Franziskus und von den größten Frauenverstehern im Episkopat verwehrt wird. Gleichberechtigung sieht anders aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2019 - Religion

Die #MeToo-Affäre um den "gemäßigten Islamisten" Tariq Ramadan, der einst auch in Deutschland durchaus prominent war, hat hierzulande wenig Aufsehen erregt - dabei ist Ramadan mehrerer Vergewaltigungen beschuldigt (unsere Resümees). Nun hat er sich im französischen Infosender BFM-TV vor einem lammfrommen Interviewer als ein "Dreyfus der Islamophobie" geriert und gleichzeitig sein eigenes Buch über die Affäre beworben, das ausgerechnet am 11. September erscheinen soll, berichtet Jürg Altwegg in der FAZ: "Besser als das unsägliche Interview war die Nachbereitung im Sender. Eine mit dem Vorgang vertraute Journalistin der Zeitung Libération erläuterte die Widersprüche in Ramadans Aussagen. Das Märchen, er sei zur Tatzeit gar nicht am Tatort gewesen, hatte er schon einmal aufgetischt. Auch ein Anwalt der Anklägerinnen kam zu Wort. Als 'frustrierte Lügnerinnen' beschimpft Ramadan sie in seinem neuen Buch."

Ramadans Buch unterliegt einer Sperrfrist, berichtet Bernadette Sauvaget in Libération: "Soweit wir informiert sind, enthält das Buch keine Enthüllungen zu den Anschuldigungen und auch kein mea culpa zu seinem höchst bewegten und den islamischen Normen wenig angemessenen Doppelleben, das durch die juristischen Ermittlungen offengelegt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2019 - Religion

"Den Islam" gibt es nicht, betont Lamya Kaddor in der NZZ - vor allem in Richtung der Muslime, die sie auffordert, die "Mühen eigenständigen Denkens" auf sich zu nehmen: "Inzwischen gilt der Islam vielen als 'Gesetzreligion', in der es primär um das Einhalten von Geboten und Verboten geht. Doch das ist nur ein Verständnis vom Islam, das sich insbesondere in den vergangenen 150 Jahren vielerorts durchgesetzt hat. Es wird zumeist von solchen propagiert, die Machtinteressen mit Glaubensfragen verknüpfen."
Stichwörter: Kaddor, Lamya, Islam

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2019 - Religion

In Indonesien wird die Verfolgung von Christen und anderer Nichtmuslime immer schlimmer, berichtet Marco Stahlhut in der FAZ. Ein populärer Prediger hatte behauptet, dass christliche Kreuz sei "von bösen Geistern bewohnt", wurde dafür aber nicht belangt. Empfindlicher sind die Funktionäre, wenn's um den Islam geht. Eine buddhistischen Indonesierin wurde zu Gefängnis verurteilt: "Sie hatte in einem privaten Vieraugengespräch mit einem Nachbarn beklagt, dass die Lautsprecherübertragung des Gebetsrufs aus der lokalen Moschee etwas laut geworden sei. Der ehemals bekannteste christliche Politiker des Landes, der Ex-Gouverneur von Jakarta, wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er in einer Wahlkampfrede gesagt hatte, seine Zuhörer sollten sich nicht von einem Koranvers irre machen lassen, der Muslimen angeblich verbiete, Nichtmuslime zu wählen."
Stichwörter: Indonesien, Gebetsruf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2019 - Religion

Martin Rhonheimer, Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, stellt in der NZZ einige wenig bekannte Ausführungen des berühmten Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde zum Islam vor. Er sei dabei immer skeptischer gegenüber einer Vereinbarkeit dieser Religion mit dem Rechtsstaat geworden, eine Auffassung die Rhonheimer nur teilen kann - indem er das Christentum einfach mit seiner Idee von "Aufklärung" ineinssetzt und den Islam davon abtrennt: "Die spezifisch christliche Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Gewalt prägte die Entwicklung der europäischen Rechtskultur und ermöglichte immer wieder, historischen Ballast abzuwerfen. Der Islam hingegen, will er zu seinen Anfängen zurückkehren, stößt auf eine in seinen heiligen Texten und dem maßgeblichen Medina-Modell begründete politisch-religiöse Ordnung. Innerislamische Aufklärungsbestrebungen, die diesem und anderen theologischen Engpässen zu entrinnen suchten, sind immer wieder gescheitert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2019 - Religion

Ohne Mohammed kein Islam, mit Mohammed kein aufgeklärter Islam - eigentlich kann man aus der Religion nur austreten, meinte kürzlich Laila Mirzo, deutsch-syrische Ex-Muslimin und Trainerin für interkulturelle Kompetenz, in der NZZ (unser Resümee). Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur, ist das zu hart. Er plädiert eher für eine "Relecture" des Korans, die Vernunft in die religiöse Offenbarung legt: Vernunft "ist die den religiösen Quellen vorgelagerte Richterin, die bestimmt, dass das, was gegen ihre Grundsätze verstößt, nicht wahr und nicht gut ist. Das Christentum hatte es hierbei zweifellos einfacher als der Islam, weil es vor der biblischen Wortoffenbarung von einer 'säkularen' Schöpfungsordnung ausgeht, der die natürliche Vernunft angehört. Diese wird nicht aufgehoben von der später erfolgenden Selbstoffenbarung Gottes durch die Propheten und Jesus Christus. Denn Gott selbst ist ja der 'Logos', also die Vernunft, an der er den Menschen partizipieren lässt. Eine solche die Vernunft Gottes spiegelnde Schöpfungsordnung aus den Quellen des Islam zu destillieren, gehört deshalb zu den Bedingungen der Möglichkeit einer pluralismusfähigen Auslegung seiner Texte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2019 - Religion

Es haben sich überraschend viele Studenten für das Studium der islamischen Theologie an der Humboldt-Uni angemeldet, berichtet Ulrich Kraetzer in der Berliner Morgenpost. Der Gründungsdirektor Michael Borgolte kündigt mit einer nicht unbedingt beruhigenden Metapher bereits an, dass das Islam-Studium in Berlin ein "Kracher" werde. Allerdings sei erst ein Professorenposten besetzt. Der Beirat des Instituts ist ausgesprochen konservativ und darum sehr umstritten: "Der türkische Dachverband Ditib hat sich nach Streitigkeiten über die Kompetenzen bereits kurz nach der Gründung aus dem Beirat des Universitätsinstituts verabschiedet... Weiterhin vertreten sind im Beirat dagegen die Islamische Föderation, die als Ableger der türkisch dominierten und sunnitisch-konservativen Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs gilt, außerdem der ebenfalls sunnitische und konservative Zentralrat der Muslime, sowie die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2019 - Religion

Der Historiker Hartmut Leppin greift in der FAZ in den Streit um den Zölibat ein, der von Kardinal Walter Brandmüller jüngst als unverrückbares Wesensmerkmal der Katholischen Kirche verteidigt wurde (unser Resümee): "Die zölibatäre Lebensform war .. lange eine Alternative für Priester, aber keine Verpflichtung", legt er dar - gleichzeitig sei aber ein leben in Keuschheit in vielen Religion Praxis und nicht als solches zu verwerfen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2019 - Religion

Die Katholische Kirche in Deutschland verlor im letzten Jahr 300.000 Mitglieder, die evangelische 400.000. hpd.de resümiert mit Daten der "Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland" (fowid) den Stand der Religionszugehörigkeiten: "Laut fowid waren Ende 2018 (gerundet) 38 Prozent der Bevölkerung konfessionsfrei, 28 Prozent Katholiken und 25 Prozent Protestanten. Rund 5 Prozent der Bevölkerung zählten zur Gruppe der konfessionsgebundenen Muslime, zwei Prozent gehörten christlich-orthodoxen Kirchen an, ein Prozent sonstigen christlichen Gruppierungen, etwa christlichen Freikirchen. Die sonstigen Religionsgemeinschaften (unter anderem Judentum, Hinduismus, Buddhismus) kamen zusammengenommen ebenfalls auf einen Bevölkerungsanteil von einem Prozent."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2019 - Religion

Es gibt "weder einen Auftrag Christi noch ein göttliches Gebot noch eine apostolische Anordnung, die den Zölibat für Priester verbindlich vorschreibt", sagt im Interview mit Joachim Frank (Berliner Zeitung) der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Erst seit hundert Jahren gebe es den Zölibat als Kirchengesetz in der heutigen rigiden Form - aus dem Grund, Priester für kirchliche Autoritäten "verfügbarer" zu machen: "Zölibatäre Priester sind leichter zu dirigieren, leichter zu steuern - und leichter zu erpressen. Nicht zuletzt wegen des bekannt hohen Anteils an Zölibatsverstößen. Nach meiner These ist der gesamte Katholizismus mit seinem Machtapparat, wie wir ihn heute kennen, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts." Und weiter: "Der Zölibat schafft quasi von selbst eine Priesterkaste mit klerikalem Korpsgeist und Standesdünkel. Er führt zu Milieuverengung und Selbsthermetisierung. Er ist der wichtigste Identitätsmarker des klerikalen Systems. Jenes Systems, das man neuerdings angeblich überwinden will. Das kann aber nur gelingen, wenn man den Zölibat abschafft oder zumindest Alternativen eröffnet."