9punkt - Die Debattenrundschau

Handauflegung des Bischofs

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.07.2019. Heut' ist der Tag der bösen Clowns: In der FAZ beschreibt Rafael Cardoso die zunehmende Polizeigewalt im Brasilien Jair Bolsonoras - sie richtet sich vor allem gegen die Afrobrasilianer in den Favelas. Die Welt beschreibt, wie Trump die Idee der Demokratie aushöhlt. Die New York Times beschreibt Boris Johnson als Hallodri. Und in der FAZ verteidigt Kardinal Walter Brandmüller den Zölibat.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2019 finden Sie hier

Politik

Die Repression gegen die Demonstranten in Hongkong hat sich wesentlich verschärft, aber auch einige Demonstranten sind inzwischen gewalttätig. Felix Lee erläutert in der taz, welches Damokles-Schwert über den Hongkongern hängt, auch wenn er die Hoffnung nicht aufgeben will: "Zwar soll in 28 Jahren Hongkongs Teilautonomiestatus gänzlich fallen. Dann soll die Siebenmillionenmetropole eine von Dutzenden chinesischen Großstädten sein. Bis dahin aber für die Rechte zu kämpfen, die den Hongkongern nach dem Prinzip 'ein Land, zwei Systeme' verfassungsgemäß zustehen, ist strategisch richtig. Denn bis dahin kann sich noch sehr viel ändern. Nicht zuletzt auch in Peking." Hier der Bericht über die jüngsten Ereignisse.

Seit dem Regierungsantritt Jair Bolsonaros agiert die Polizei in den Favelas noch willkürlicher. Die Zahl der von Polizisten verübten Tötungen in Rio de Janeiro stieg um 32 Prozent. Und diese Gewalt ist rassistisch - sie richtet sich in erster Linie gegen die Afrobrasilianer, die 54 Prozent der Bevölkerung ausmachen, schreibt der brasilianische Autor Rafael Cardoso ("Das Vermächtnis der Seidenraupen") in der FAZ: "Für viele Angehörige der brasilianischen Ober- und Mittelschicht ist Schwarz gleichbedeutend mit Armut und Kriminalität. Racial profiling ist so sehr Teil des polizeilichen Alltags, dass kaum jemand ein Wort darüber verliert. Justiz und Strafverfolgungsbehörden sind strukturell rassistisch. Nimmt man die Schießwütigkeit des Bolsonaro-Regimes hinzu, dann liegt der Geruch von ethnischen Säuberungen in der Luft."

Joker Trump macht es den bösen Clowns wie Bolsonaro vor. Auch für die Vereinigten Staaten selbst hat die Verhöhnung demokratischer Prinzipien durch Trump - etwa in seinen jüngsten rassistischen Tweets - fatale Auswirkungen, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Mögen die oft beschworenen 'checks and balances' der Demokratie in den USA noch intakt sein und schlimmsten Willkürmaßnahmen des Präsidenten einen Riegel vorschieben - die von Trump betriebene Aushöhlung demokratischen Bewusstseins und staatsbürgerlicher Moral werden sie auf Dauer nicht aufhalten können. Für antiamerikanische Überheblichkeit bietet diese Diagnose indes keinen Raum. Zu weit sind die einschlägigen Prozesse längst auch in Europa fortgeschritten."
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Ideen

Fake News sind im Grunde nur etwas für Alte. Die Jungen neigen eher zu "radikaler Authentizität", schreibt Simon M. Ingold, ein "Senior Manager bei einem Schweizer Unternehmen", in der NZZ: "Zahlreiche Studien belegen, dass Personen über 65 Jahre für Verschwörungstheorien am empfänglichsten sind und mit Abstand am meisten Fake-News auf Social Media verbreiten. Die Generation der Babyboomer teilt sieben Mal mehr Fake-News-Beiträge auf Facebook als Erwachsene unter dreißig Jahren." Als Beispiel für die jetzt angesagte radikale Authentizität zitiert Ingold Rihannas neue Lingerielinie, "die explizit die Vielfalt weiblicher Körperformen und -typen betont. Im Vordergrund stehen Natürlichkeit und Selbstbewusstsein, auch hinsichtlich der eigenen physischen Unvollkommenheiten." Ingold bezieht sich auf ein Buch des Werbemanns Jeetendr Sehdev, der die "radikale Authentizität" offenbar eher bei Kim Kardashian als bei Greta Thunberg realisiert sieht.
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Stichwörter: Fake News, Thunberg, Greta

Europa

Es könnte sich heute herausstellen, dass Boris Johnson neuer britischer Premier wird. Der britische Journalist James Butler stellt in der New York Times die schwierige Gemengelage dar, in der er handeln muss, und zeichnet ein nicht unbedingt vorteilhaftes Profil der Person: "Er stellt Siegen übers Regieren. Sein Ziel als Kind war es, 'König der Welt' zu sein und seine politische Karriere war geprägt von einer Wildheit der Wahlkämpfe und Indifferenz im Amt, sowohl als Londoner Bürgermeister als auch als Außenminister."
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Stichwörter: Johnson, Boris

Gesellschaft

Wien wird mit seinen vielen Gemeinde- und geförderten Wohnungen gern als Paradies der Mieter dargestellt. Es ist aber nur ein Paradies für Mieter, die bereits eine Wohnung haben, Neumieter haben kaum Chancen, und es kommt zu Verzerrungen und Phänomenen der Korruption, schreibt Jana Lapper in der taz: "Um die geförderten Wohnungen entsteht oft ein dubioses Geschacher: Einzelne Zimmer und ganze Wohnungen werden illegal untervermietet oder durch das sogenannte 'Eintrittsrecht' legal an Familienmitglieder weitergereicht - ohne dass die Bedürftigkeit noch mal geprüft würde. Denn das geschieht nur beim Einzug. In Wien kennt man deshalb Politiker und Richterinnen, die im Gemeindebau wohnen."
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Religion

"Der Papst und die Bischöfe vollzögen keinen Paradigmenwechsel und keinen Bruch mit der kirchlichen Tradition, wenn sie sich für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern aussprechen", hatte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf letzte Woche in der FAZ geschrieben. Darauf antwortet heute Kardinal Walter Brandmüller mit einer vehementen Verteidigung des Zölibats, jener Institution, die laut dem Kriminologen Christian Pfeiffer neulich in der Zeit eine der Hauptursachen für den Missbrauchsskandale in der Katholischen Kirche ist (Unser Resümee). Brandmüllers Argument: "Der Priester, der am Altar das Opfer Christi feiert, tut dies 'in Persona Christi' und kraft des Weihesakraments, das er durch Handauflegung des Bischofs empfangen hat."
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