9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2019 - Religion

Die Christen im Nahen Osten und arabischen Ländern sind wohl die am stärksten verfolgte religiöse Minderheit der Welt. Wolfgang Krischke berichtet in der FAZ über ein Greifswalder Symposion über die bedrängte Lage der Orientchristen: "In der breiteren Öffentlichkeit werden die Orientchristen kaum zur Kenntnis genommen. Außerhalb der kirchlich-wissenschaftlichen Fachwelt meint man, Nordafrika und der Nahe Osten seien mit Ausnahme Israels originär islamische Regionen. Dass diese Gebiete vor der Ausbreitung des Islams fast vollständig christianisiert waren, ist weitgehend unbekannt." Auch die hiesigen Kirchen haben die Orientchristen jahrelang eher stiefmütterlich behandelt, so Krischke. In der Mediathek des Alfried Krupp Wissenschaftskolleg kann man einen Symposionsvortrag Udo Steinbachs hören.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2019 - Religion

In Israel gibt es eine Art Konkurrenz der "Sittsamkeit" zwischen muslimischen Frauen, ultraorthodoxen Jüdinnen und christlich orthodoxen Nonnen, die sich allesamt immer radikaler verschleiern, sagt Noam Bar'am Ben Yossef, Kuratorin der Ausstellung "Veiled Women of the Holy Land - New Trends in Modest Dress" in Jerusalem im Gespräch mit  Guillaume Gendron von Libération. Besonders einige ultraorthodoxe Jüdinnen haben nach den Terrorattentaten vor Jahren begonnen, sich immer dichter einzupacken - mit bis zu acht Lagen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der Messias ob ihrer Züchtigkeit doch noch mal kommt. Seltsamer Weise ziehen die Frauen damit aber den Zorn ihrer Hierarchien auf sich: In dem ultraorthodoxen Viertel Mea Sharim "sprucken die Kinder sie an, man behandelt sie als Araberinnen, als Hexen. Und sogar als Nonnen, was für sie die schlimmste Beleidigung ist, eine Unterstellung, dass sie sich von ihrer Religion abgewandt haben. Jüdische Frauen, die solche Kleidung wählen, tun das oft gegen das Establishment ihrer Gemeinde, sogar gegen ihre Ehemänner. Die ultraorthodoxe Gesellschaft sieht darin eine Art weiblicher Meuterei. Auch andere Frauen sind misstrauisch und haben den Verdacht, dass hier eine neue Norm installiert werden soll. Und für die Haredi-Männer ist so etwas völlig unerträglich. Für sie ist es nicht Sache der Frau, ihre Sittsamkeit zu definieren."
Stichwörter: Muslimische Frauen, Kleidung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2019 - Religion

Die Dokumentation "Tylko nie mow nikomu" (Sag es niemandem) über sexuellen Missbrauch in der polnischen Kirche ist bei Youtube in Polen innerhalb von 32 Stunden fünf Millionen mal abgerufen worden, meldet AFP (hier in der Berliner Zeitung): "Der zweistündige Film des unabhängigen Journalisten Tomasz Sekielski trägt den Namen 'Sag es bloß niemandem' und wurde teilweise mit versteckter Kamera gedreht. Die Dokumentation zeigt Begegnungen von Opfern pädophiler Priester mit ihren einstigen Peinigern. Einige inzwischen sehr alte Priester gestehen den Missbrauch, bitten um Vergebung und bieten manchmal finanzielle Entschädigung an." Letztes Jahr hatte bereits ein Film von Wojciech Smarzowski Aufesehen erregt, mehr dazu damals in der FAZ.

Hier der Film mit englischen Untertiteln:



In Münster drohen Katholikinnen, eine Woche lang keine Kirche zu betreten! Sie fordern unter anderem die Priesterinnenweihe und protestieren gegen viele Missstände, schreibt Simone Schmollack in der taz: "Allein die Schwangerschaftskonfliktberatung. Auch Katholikinnen können ungewollt schwanger und verlassen werden oder auf andere Weise in größten Nöten sein. Suchen sie Rat bei einer katholischen Beratungsstelle, treffen sie allerdings auf Beraterinnen, die ihnen sagen müssen: Wir können leider nicht so offen beraten, wie wir das gern täten, selbst wenn wir von Frau zu Frau reden. Wir dürfen auch nicht den gesetzlich geforderten Beratungsschein ausstellen, mit dem eine straffreie Abtreibung möglich ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2019 - Religion

Franziskus hat nun zwar eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle erlassen, die Fundamente des "Gebäudes aus Beichtgeheimnis, Zölibat, Homophobie und Frauendiskriminierung" will er aber weiter nicht antasten, seufzt Malte Lehming im Tagesspiegel. Und: "Eine automatische Weitergabe der Informationen oder Verdachtsfälle an staatliche Stellen, wie es sie seit mehreren Jahren in Deutschland gibt" sei nicht vorgesehen.
 
Derweil resümiert Zeit Online die Forderung des Direktor des Bonner Theologenkonvikts, Pater Romano Christen, der in einem Vortrag die Position vertrat, Homosexualität sei die "Folge einer psychologischen (Fehl-)Entwicklung" und könne therapiert werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2019 - Religion

Mehr als hundert islamische Schulbücher aus dem Irak, Jordanien, dem Libanon, Palästina, Ägypten, dem Iran, der Türkei und Afghanistan hat sich Constantin Schreiber angesehen, der in der Zeit nach der Kritik an seinem Buch "Inside Islam" zwar immer wieder vorauseilend betont, es handele sich um keine repräsentative Studie, mit Blick auf frauenfeindliche, antiwestliche und antisemitische Passagen aber doch einen roten Faden erkennt: So werde die Verehrung Allahs in allen Lebensbereichen gefordert. "Jedoch werden alle 'anderen', also die Nichtmuslime, als Feinde dargestellt. So warnt das afghanische Buch ausdrücklich vor 'Ungläubigen' - wer nicht dem Islam folge, befinde sich im 'Irrtum' und verdiene es, 'gequält zu werden'. In vielen der von mir untersuchten Bücher wird zudem ein äußerst traditionelles Frauenbild gezeichnet. Ein iranisches Schulbuch etwa beweist pseudowissenschaftlich, warum Geschlechtertrennung notwendig sei, auch im Westen. Alle Frauen müssten sich bedecken, denn fehlende Verschleierung sei 'einer der tiefsten Abgründe', der 'unser Leben, unseren Glauben und unsere geistigen Fähigkeiten vernichtet'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2019 - Religion

Lea de Gregorio und Bernd Hartung porträtieren die Marburger Theologin Ulrike Wagner-Rau, die ihr Leben lang die Bibel feministisch interpretierte und nun emeritiert wird: "Ein großes Anliegen feministischer Theologie war es, die Gottesanrede zu variieren, nicht mehr nur von Vater zu sprechen oder vom Herrn. Gott sei 'nichts, was in ein bestimmtes Bild passt, sondern was alle Bilder und Vorstellungen sprengt'.
Stichwörter: Theologie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2019 - Religion

In der SZ kritisiert der Münsteraner Dogmenhistoriker Michael Seewald noch einmal nachdrücklich die Zensur in der katholischen Kirche (Unser Resümee) und fordert eine Beschränkung der Macht der Bischöfe. Denn: "Einerseits wird Entscheidungsmacht stark auf die Gestalt des Bischofs hin personalisiert. Andererseits wird sie, vor allem wo Versäumnisse öffentlich werden, anonymisiert, sodass der Bischof keine Verantwortung mehr für das zu übernehmen braucht, was in seinem Bistum falsch lief."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2019 - Religion

Der Islamforscher Olivier Roy, der offenbar selbst gläubiger Katholik ist, beklagt im Interview mit  Marc-Olivier Bherer von Le Monde, dass die spirituelle Seite des Brandes von Notre Dame in Frankreich kaum zur Sprache komme. Emmanuel Macron habe in seiner Ansprache an die Bürger die Katholiken nicht mal erwähnt. Ein weiteres Krisenzeichen! "Der Brand erscheint vielen Gläubigen als eine weitere Prüfung im Kontext einer tiefen Verwirrung. Er geschah einige Tage, nachdem der emeritierte Papst Benedikt XVI. sein Schweigen gebrochen hat und offenbar voll Leidenschaft gegen den im Amt befindlichen Papst aufstand. Ein Dualismus, den die Kirche seit dem 15. Jahrhundert nicht mehr erlebt hat. Wir erleben eine Desakralisierung des Papstamtes. Es sind nicht nur Steine, die einstürzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2019 - Religion

In der Ostersonntags-FAZ kam Volker Zastrow nochmal recht deutlich auf die Äußerungen des Nebenpapstes Benedikt zurück, der die 68er für den sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche verantwortlich machte: "Wer könnte von der Hand weisen, dass es zu den bleibenden Verdiensten der Achtundsechziger gehört, Gewalt gegenüber Kindern und Frauen zurückgedrängt zu haben wie nie zuvor in der Geschichte? Die Kirche hat diese Chance leider verpasst. Sie sollte den Achtundsechzigern von Herzen für segensreiche neue Einsichten danken - auch Josef Ratzinger hätte dazu Anlass, denn sein Bruder war als Chorleiter der Regensburger Domspatzen mitverantwortlich für Bedingungen, unter denen zahllose Kinder Opfer sexueller Gewalt, seelischer und körperlicher Misshandlungen wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2019 - Religion

Giovanni di Lorenzo führt für die Zeit ein ziemlich Aufsehen erregendes Gespräch mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer, der erzählt, wie er für die Katholische Kirche in Deutschland Missbrauchsvorfälle aufarbeiten sollte und scheiterte. Die Kirche habe Kontrolle über die Forschungen verlangt und hätte seine Ergebnisse zensieren wollen, wirft er unter anderem dem Bischof Reinhard Marx und dem Missbrauchsbeauftragten der Kirche, Bischof Stephan Ackermann, vor. Plastisch schildert er eine Sitzung im Wissenschaftsministerium von Niedersachsen, wo es um die Auflösung des Vertrags zwischen Pfeiffers Institut und der Kirche ging: "Auf einmal verkrampfte Bischof Ackermann - körperlich und von der Sprache her. Er redete mich mit 'Professor Pfeiffer' an und erklärte mir, wenn ich mich weigere, den Vertrag zu unterschreiben, und der Zensurvorwurf nach draußen dringe, dann sei ich ein Feind der katholischen Kirche - und das wünsche er niemandem. Er erklärte weiter, dass sie meinen guten Ruf öffentlich massiv attackieren würden und offenlegen müssten, welche Schwierigkeiten es mit dem Institut gegeben habe. Er sagte, dass mir das schaden würde, dass ich es bereuen und einen schweren Fehler begehen würde, wenn ich nicht unterschriebe." Die später herausgegebene und weithin diskutierte Studie habe dann unter Kontrolle der Kirche stattgefunden und thematisiere etwa nicht, dass es der Zölibat selbst sei, der wahrscheinlich zu massivem Kindesmissbrauch geführt habe.

Ähnlich deutlich liest sich auch der FR-Gastbeitrag des Dogmenhistorikers Michael Seewald, der die jüngsten Einlassungen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. "gehässig", aber durchaus aufschlussreich für das Verständnis des kirchlichen Macht- und Schweigesystems nennt (Der Ko-Papst hatte neulich die 68er für die Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche verantwortlich gemacht, unsere Resümees). Die katholische Kirche führe einen "von jeder Wissenschaft entkoppelten Sonderdiskurs" schreibt er und legt das System in sieben Punkten offen: "Diese Hierarchie ist sehr begabt darin, Dinge unter der Decke zu halten, von denen sie nicht will, dass sie öffentlich werden. Dazu bedient sie sich auch heute noch Zwangsmaßnahmen. Es gibt Themen, wie die Frage nach den Rechten von Frauen in der Kirche, über die aufgrund kirchenamtlicher Sprechverbote nicht diskutiert werden darf. Wer es dennoch tut, bekommt Ärger - bis hin, dass versucht wird, das Erscheinen von Büchern zu verbieten. Die freie Benennung von Missständen in der Kirche ist nur dort möglich, wo die Hierarchie es erlaubt. Eine solche Institution, in der Tabus weiterhin zum Alltag gehören, hat wenig Grund, sich ihrer Selbstkritik und Aufklärungsbereitschaft zu rühmen."