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9punkt - Die Debattenrundschau

Mit kalter Präzision

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.04.2019. "Toleranz, Respekt und Verständnis" sind doch eine gute Sache. Allerdings könnte der Sultan von Brunei die kulturrelativistische Linke in Verlegenheit bringen, da er sie für die Todesstrafe gegen Homosexuelle fordert, fürchten die Salonkolumnisten. In der NZZ kritisiert Pascal Bruckner die Mobilisierung von Kindern für politische Anliegen. Die Entscheidung über Abtreibung liegt bei der Frau, auch wenn beim Embryo Trisomie 21 festgestellt wird, beharrt Reinhard Merkel in der FAZ. Immer mehr wird Südostasien zum islamistischen Hotspot, konstatiert der Economist.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Die Ankündigung des Sultans von Brunei, Homosexuelle künftig per Scharia mit der Todesstrafe zu bedrohen, hat im Westen für eine gewisse Irritation gesorgt. Der Sultan erbat sich daraufhin in einem offenen Brief "Toleranz, Respekt und Verständnis", also genau jene Haltungen, die hier von der kulturrelativistischen Linken verfochten werden, die sich über die Todesstrafe für Homosexuelle in anderen, meist muslimischen Ländern ja auch nicht scheren, schreibt Nico Hoppe bei den Salonkolumnisten. "Noch bekam der Sultan für sein Plädoyer keine Zustimmung von besonders nachsichtigen Kulturrelativisten. Ob und wann sich das ändern wird, lässt sich kaum einschätzen. Fakt ist jedoch, dass es jetzt schon Themen gibt, bei denen der Unterdrückung schneller als den Unterdrückten beigestanden wird. Bei jeder Diskussion über das islamische Kopftuch, bei jeder Frage, was der Islam mit dem Islamismus zu tun habe, bei jeder Bemerkung zu Antisemitismus, Misogynie und Homophobie des islamischen Milieus - der Einwand, dass man zuallererst 'Toleranz, Respekt und Verständnis' entgegenbringen müsste, bevor man überhaupt näher nachhakt, ist selten weit."

"Beschämend" nennt Cigdem Toprak den Vorstoß jener Studierenden der Uni Frankfurt, die "mit und ohne Kopftuch" die Absage der Veranstaltung "Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" und ein Berufsverbot für deren Initiatorin, die Professorin Susanne Schröter, fordern (Unser Resümee): "Welche Antwort geben die jungen Frauen und Männer der Goethe-Universität den unzähligen Frauen dieser Welt, die gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen? Die in undemokratischen Staaten mit Strafverfolgung rechnen müssen und auch in der westlichen Gesellschaft mit psychischen Folgen, weil sie sozialem Druck unterworfen sind? Sie sitzen im Elfenbeinturm, tragen zum Kopftuch enge Skinny-Jeans und Nike-Sneakers, führen ein Doppelleben zwischen ihrem öffentlichen und privaten Leben."

Ragnar Locksmith unterhält sich auf hpd.de mit der Bloggerin Durba Zahan aus Bangladesch, die inzwischen im deutschen Exil lebt. Sie spricht über die Morde an atheistischen Bloggern in ihrem Land: "Sie erstellten eine Todesliste und begannen, einen Blogger nach dem anderen zu töten. Und so viele Leute auf der Liste wollten Hilfe von der Polizei. Und die Polizei half ihnen nicht. Also hatten sie Angst, sie versteckten sich, aber schließlich wurden sie dort erwischt, wo sie lebten, die islamistischen Extremisten fanden sie. Diese wiederum arbeiten für und mit IT-Unternehmen, so konnten sie den Wohnort der Blogger über deren IP-Adresse herausfinden. So war ihr Aufenthaltsort bekannt und sie wurden umgebracht."

Im FR-Interview mit Nadja Erb fordert die Autorin Jagoda Marinic tiefere Diskurse und weniger "Hysteriedebatten" in deutschen Medien - vor allem mit Blick auf feministische Themen und eine Fortsetzung der #MeToo-Debatte. Außerdem sieht sie Parallelen zwischen dem Rechtsruck und dem "Verschwinden der Frauen" aus dem öffentlichen Diskurs: "Wir müssen mehr gegen Rechte reden. Muss denn wirklich jeder, der seine fremden- und frauenfeindlichen Ansichten vertritt, gehört werden? Sicher nicht. Auch jene, die im 'Mit Rechten reden' eine Lösung sehen, bilden eine Art 'Querfront' mit. Rhetorisch wäre argumentieren 'Gegenrede', nicht 'Mitrede'. Mit Rechten zu reden, ist indirekt auch eine frauenfeindliche Querfront, weil es in diesen Kreisen schlichtweg weniger einflussreiche Frauen gibt. Es wäre gut, wenn in den Redaktionen wieder das Verstärker-Prinzip mitgedacht würde: Welche Themen verstärke ich durch meine Geschichte?"

Pascal Bruckner ist in der NZZ nicht wohl mit den gegen den Klimawandel kämpfenden protestierenden Kindern, die er verdächtigt, die Formeln der Erwachsenen nachzubeten: "Der ökologische Kampf hat seine Berechtigung, aber was in seinem Namen geschieht, ist bedenklich. Tag um Tag gewöhnt man die Kinder an den Katastrophismus, man sagt ihnen, dass der Planet in Flammen steht, dass Naturkatastrophen uns vernichten, dass wir Menschen den Preis für unser Treiben bezahlen und aussterben werden. So ziehen wir angsterfüllte Generationen heran: Die Kinder werden nicht eigentlich mobilisiert, sondern eher gelähmt."

Im Standard-Gespräch mit Stefan Weiss führt der deutsche Philosoph Gunter Gebauer die in seinem neuen Buch vertretene These einer Renaissance des Massenenthusiasmus aus: "Die parteipolitischen Möglichkeiten scheinen für viele Leute in Frankreich ausgereizt zu sein, daher wählt man die Straße. Es ist der Linken und Rechten auch nicht gelungen, die Gelbwesten für sich zu vereinnahmen. Bei Greta Thunberg ist es so, dass sich ihre Persönlichkeit, ihre Erscheinung und offenkundige Lauterkeit als ikonische Figur äußerst gut eignet, auch wenn sie eigentlich kein konkretes politisches Maßnahmenpaket vorgelegt hat. Das müssten andere erledigen, die Frage ist, ob politische Parteien so klug sind, die Bewegung aufzunehmen."

Nichts spricht gegen "nicht-invasive Pränataldiagnostik" (NIPD), mit der unter anderem festgestellt werden kann, ob bei einem Embryo Trisomie festzustellen ist, und auch nicht gegen ihre Finanzierung durch Krankenkassen. Die Entscheidung über Abtreibung liegt so oder so bei der Frau, antwortet der emeritierte Rechtsprofessor Reinhard Merkel in der FAZ all jenen, die bei der Abtreibung von Embryos mit Down-Syndrom von "Selektion" sprechen und Diskriminierung Behinderter: "Den schwangeren Frauen schulden Gesellschaft und Gesetzgeber vor allem das Unterlassen paternalistischer Bevormundung. Zu den abwegigsten Argumenten dieser Debatte gehört die Behauptung, das Wissen um ein Down-Syndrom ihres Ungeborenen zwinge die Schwangere in einen Konflikt, der sie überfordere. Die sozialen, innerfamiliären und ideologischen Fliehkräfte, die nun an ihr zerrten, schlössen die Möglichkeit einer selbstbestimmten Entscheidung aus."
Archiv: Gesellschaft

Religion

In der SZ kritisiert der Münsteraner Dogmenhistoriker Michael Seewald noch einmal nachdrücklich die Zensur in der katholischen Kirche (Unser Resümee) und fordert eine Beschränkung der Macht der Bischöfe. Denn: "Einerseits wird Entscheidungsmacht stark auf die Gestalt des Bischofs hin personalisiert. Andererseits wird sie, vor allem wo Versäumnisse öffentlich werden, anonymisiert, sodass der Bischof keine Verantwortung mehr für das zu übernehmen braucht, was in seinem Bistum falsch lief."
Archiv: Religion

Politik

Sri Lanka war zwar bisher nicht als Hotspot des Islamismus bekannt, analysiert der Economist nach den Anschlägen (deren Opferzahlen auf 253 korrigiert wurde, mehr hier). Aber "es liegt inmitten eines Ozeans eines aufbrausenden Extremismus. "In den letzten Jahrzehnten haben in Südasien intolerante Spielarten des Islam die früher vorherrschenden, offenen Formen ausgegrenzt. Das hat einen fruchtbaren Boden für Dschihadisten geschaffen. Die Malediven, nur einen kurzen Flug von Sri Lanka entfernt, schickten proportional mehr Rekruten nach IS im Irak und Syrien als jedes andere Land. Bangladesch, gegenüber dem Golf von Bengalen, hat in den letzten sechs Jahren eine Welle islamistischer Angriffe auf weltliche Aktivisten und Minderheiten erlebt."

Der Anschlag war derart genau durchgeplant, dass Arne Perras in der SZ Zweifel daran hat, dass die Regierung in Sri Lanka nichts mitbekommen haben will. Bereits zehn Tage vorher hatte Indien die Sicherheitsbehörden in Sri Lanka gewarnt, aber die Politiker waren mit Machtkämpfen beschäftigt, so Perras weiter: "Die Dauerkrise in Colombo hat offenbar günstige Bedingungen für den Terror-Plot geschaffen, im Schatten der Reibereien fanden die Täter ausreichend Raum und Schutz, ihre Pläne mit kalter Präzision voranzutreiben." Zu viel Präzision, um den Anschlag als Reaktion auf das nur fünf Wochen zurückliegende Attentat in Christchurch zu betrachten, schließt Perras.

Der mörderische Prinz Mohammed bin Salman hat vor zwei Tage 37 "Terroristen" hinrichten lassen. Die meisten wurden enthauptet, einer (dem vorgeworfen wurde, einen saudischen Polizisten geköpft zu haben) gekreuzigt. Es ist nicht die erste Hinrichtungswelle dieser Art in Saudi-Arabien, sagt der Nahost-Experte Stéphane Lacroix im Gespräch mit Lucie Lespinasse  von Libération, und dass man IS-Terroristen mit schiitischen Islamisten mischt, ist typisch: "Dies spiegelt die Doktrin des Königreichs wieder, die darin besteht, dass die schiitischen Islamisten, die als Knechte des Irans gesehen werden, dasselbe seien wir sunnistische Dschihadisten. Selbst friedliche schiitische Aktivisten können in die zweideutige Kategorie des Terrorismus gesteckt werden. Die ganze offizielle saudische Sprachregelung besteht in der Gleichsetzung Iran-Al Qaida-Islamischer Staat. Sie zusammen zu exekutieren, ist eine Art praktischer Umsetzung dieser Gleichsetzung."
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Archiv: Politik

Europa

Rückt nach Katalonienkrise und einem Migrationsanstieg um 130 Prozent zwischen 2017 und 2018 auch Spanien als eines der letzten europäischen Länder nach rechts, fragt im Tagesspiegel Kristina Kausch, Senior Resident Fellow beim German Marshall Fund of the United States, vor den Kongresswahlen am 28. April und den Ende Mai folgenden Europawahlen: Laut Umfragen ja. Und: "Vor allem aber hat die Polarisierung über Katalonien eine breitere Debatte um Spaniens nationale Identität entfacht und einen neuen, gesamtspanischen Nationalismus erweckt, der das Land vermeintlich in Befürworter und Gegner der nationalen Einheit spaltet. Flaggen, als Symbole der beiden Lager permanent an Balkonen drapiert, wurden über Nacht im Stadtbild von Madrid und Barcelona allgegenwärtig."
 
Auch vor der Europawahl setzt Viktor Orban nur auf das Thema Migration, schreibt ebenfalls im Tagesspiegel die ungarische Journalistin Dora Diseri: "In der Eröffnung seiner EU- Wahlkampagne präsentierte Orbán einen Aktionsplan zur 'Rettung der christlichen Zivilisation'. Dieser Plan soll die Ungarn außer vor Migranten auch vor einer sogenannten Brüsseler Blase retten, die eine 'Supermacht' sein und die Nationalstaaten auflösen möchte. Ihr Hauptinstrument ist - natürlich - die Migration: Mittels Einwanderung sollen angeblich das Christentum vernichtet, die Nationalstaaten aufgelöst und ein Völkerwechsel in Europa verwirklicht werden."

Seit es gotischen Kirchenbau gibt, gibt es auch empörte Stimmen, allen voran aus der Kirche selbst, die die Unsittlichkeit und Kosten der Kathedralen anprangern, erinnert Dankwart Guratzsch in der Welt mit Blick auf die Spendendebatte um Notre Dame (unsere Resümees) und winkt ab: "Die großen Kathedralen haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte ganze städtische Gewerke in Lohn und Brot gesetzt und damit - ähnlich wie fürstliche Schlösser, Residenzen und Paläste - die Wirtschaft ihrer Länder und Städte stabilisiert und gefördert. Hinzu kommen unabschätzbare sekundäre Effekte; denn die eingenommenen Gelder konnten ja nun ihrerseits in den Bau von Wohnungen, Sozialeinrichtungen, Altenheimen und Kindergärten gesteckt werden, sodass sich der materielle Nutzen dieser Ausnahmebauwerke, wenn er überhaupt wichtig ist, sogar potenziert. Die simple Arithmetik erweist sich als Milchmädchenrechnung, hinter der nichts als derselbe Kirchenhass steht, der den Kirchenbau von Anfang an begleitet."
Archiv: Europa