9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Überwachung

628 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 63

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2020 - Überwachung

Na also, geht doch. Die Bundesregierung hat sich jetzt doch für eine dezentrale Corona-Tracing-App entschieden, die als datenschutzrechtlich unbedenklicher gilt als das zuvor favorisierte zentrale Modell (unsere Resümees), meldet unter anderem der Deutschlandfunk: "Es gehe um einen Ansatz, der auf Freiwilligkeit beruhe, datenschutzkonform sei und ein hohes Maß an IT-Sicherheit gewährleiste. Hauptziel sei es, Infektionsketten möglichst frühzeitig zu erkennen und zu unterbrechen. Über die App gibt es seit Wochen Diskussionen."

Grund für das Umdenken der Bundesregierung ist neben der starken Kritik aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft auch die Weigerung von Apple, für eine zentrale App Schnittstellen auf seinen Geräten zur Verfügung zu stellen, berichtet Oliver Voss im Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2020 - Überwachung

Digitale Verbände wenden sich in einem offenen Brief gegen eine zentralisierte Verwaltung der Daten bei einer Corona-Tracing-App - es gibt auch dezentrale Ansätze für solche Apps, die etwa in Österreich und der Schweiz verfolgt und von Google und Apple favorisiert werden. Besonders böse liest sich laut einem Bericht bei Heise.de ein "Beibrief" des Chaos Computer Clubs: "Andere Beispiele von 'sorglos hingeschluderten' Corona-Anwendungen wie die 'Datenspende-App' des Robert-Koch-Instituts hätten gezeigt, 'dass die anfallenden sensiblen Datenhalden nicht angemessen geschützt werden und von Innen- und Außentätern missbraucht werden könnten'. Dass Spahn 'die Peitsche' mit der App-Pflicht hinter dem Rücken versteckt halte, setze der Posse die Krone auf, da Millionen von Bürgern gar kein taugliches Smartphone hätten." Mehr auch bei Netzpolitik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 - Überwachung

Ein überraschendes Problem bei der Realiserung der kommenden Corona-Tracing-App benennt Hanno Böck in einem Hintergrundartikel bei golem.de. Die Technologie beruht auf der Bluetooth-Technologie, die aber bei gesperrten Handys wegen Energieverbrauchs standardmäßig ausgeschaltet ist. Die Regierung braucht also die technische Unterstützung von Google und Apple. Aber es gibt einen Haken: "Google und Apple, die zusammen nahezu den gesamten Smartphone-Markt dominieren, haben bereits angekündigt, eine entsprechende Funktion bereitzustellen. Doch der in Deutschland entwickelten App wird das möglicherweise nicht weiterhelfen. Denn die Schnittstelle, die die beiden Techkonzerne bereitstellen wollen, orientiert sich am dezentralen Ansatz, der beispielsweise in der Schweiz zum Einsatz kommen soll. Die Bundesregierung hatte zwar zuletzt noch erklärt, dass sie zentrale und dezentrale Ansätze prüft, aber die Entwicklung einer App mit dem zentralen Ansatz läuft hinter den Kulissen bereits seit mehreren Wochen." Die dezentrale Lösung gilt als die datenschutzrechtlich unbedenklichere.

Außerdem: Alexander Fanta fürchtet in Netzpolitik, dass im Europäischen Parlament Uploadfilter zur Bekämfpung terroristischer Propaganda durchgepaukt werden, die viele für überzogen halten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2020 - Überwachung

Mehr als 280 Forscher:innen aus der ganzen Welt haben einen offenen Brief unterzeichnet, der sich gegen eine zentral gesteuerte App zum Corona-Tracing wendet, berichtet Chris Köver bei Netzpolitik: "Das zentrale Verfahren, so die Kritik der Forscher:innen, berge das Risiko einer schleichenden Ausweitung der Zweckbestimmung. In einem solchen Modell würde die verschlüsselte Liste der Kontaktpersonen einer infizierten Nutzerin auf einen zentralen Server hochgeladen werden. Der Betreiber eines solchen Server könnte daraus rekonstruieren, welche anderen Personen man in den vergangenen Wochen getroffen hat. Social Graph nennt sich diese Information, das soziale Geflecht also, in dem sich eine Person bewegt."

Möglich wäre es aber auch, die Daten der App dezentral zu speichern, berichtet Lisa Hegemann auf Zeit online. "Das heißt, die gespeicherten Daten würden nur lokal verwendet: Befinden sich zwei Smartphones in einem Abstand von wenigen Metern voneinander, tauschen sie zufällig generierte und ständig wechselnde Identifikationsnummern via Bluetooth aus und speichern sie auf dem Gerät. Wird einer der App-Nutzer positiv auf das neue Coronavirus getestet, schickt er alle seine jeweiligen Identifikationsnummern an alle Handys, deren Codes auf seinem Smartphone zu finden sind. Das bedeutet: Die Nutzerinnen der Handys werden gewarnt, dass sie mit einem Corona-Infizierten lange genug in Kontakt standen, um sich möglicherweise angesteckt zu haben. Sie wissen so aber weder, um welche Person es sich handelt, noch liegen diese Informationen in irgendeiner Datenbank. Einzig, um die Nachricht an seine Kontakte zu schicken, bräuchte er die Bestätigung einer Ärztin oder des Gesundheitsamts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2020 - Überwachung

"Die Coronakrise ist mit Sicherheit keine existentielle Bedrohung für die Menschheit", sagt der israelische Historiker Yuval Noah Harari in der SZ im Gespräch mit Thorsten Schmitz. Menschen hätten in den vergangenen Jahrhundert weit schlimmere Pandemien erlebt, meint er. Er befürwortet Corona-Apps, aber "unabdingbar ist, dass man weder dem Militär noch der Polizei eines Staates die Hoheit überlässt für solch ein Überwachungssystem. Das muss eine unabhängige Gesundheitsorganisation sein, deren einziger Fokus es sein muss, Epidemien zu verhindern, und die die gesammelten Informationen mit niemand anderem teilen darf. Auch enorm wichtig: Wenn man die Überwachung von Bürgern erhöht, muss man gleichzeitig die Regierung im selben zunehmenden Ausmaß überwachen."

Im Zeit-Online-Interview mit Dirk Peitz spricht der britische Journalist und Autor Peter Pomerantsev über die Verbreitung von Fake-News in der Coronakrise und die Krise des Informationszeitalters. Er fordert neben einer öffentliche Aufsicht für Algorithmen auch allgemeine Algorithmenbildung: "Wir können jedenfalls alle kaum nachvollziehen, wie die Informationsumgebungen gestaltet sind, aus denen wir Inhalte beziehen. Dieser Zustand an sich ist eine Form von unsichtbarer Zensur. Um überhaupt kritikfähig zu werden gegenüber dem, was wir da sehen und lesen, müssen wir verstehen, warum es uns in unsere Feeds hineinläuft. Mehr noch als ein Verständnis für die Verbreitung von Informationen braucht es ein radikal transparenteres Netz als das, mit dem wir es immer noch zu tun haben. Dafür bedürfte es den politischen Willen, das, was etwa Facebook und Google als ihr Geschäftsgeheimnis behandeln, ihr Algorithmendesign, zu brechen."

Es wäre "riskant und töricht", eine Corona-App zur Voraussetzung für Lockerungen der Kontaktbeschränkung zu machen, warnt der Informatiker Henning Tillmann auf Zeit Online: "Denn wie unter Laborbedingungen bewegen wir uns im Alltag kaum. Es kommt also darauf an: Ist das Smartphone in der Hand? Wie liegt es in der Hand, sprich: Wird dadurch die Signalstärke verringert? Liegt es auf einem Tisch? Oder ist es in einer Handtasche zwischen einer Metallbox, dem Taschenspiegel und weiteren Gegenständen? Gegenstände oder auch Körperteile in unmittelbarer Nähe können die Sende- und Empfangsleistung beeinträchtigen. Wird das Gerät in Räumen oder im Freien benutzt? Ist zwischen zwei Personen eine dünne Plexiglasscheibe? Eine Corona-App erkennt nur die Signalstärke zwischen zwei Geräten - nicht, wie und wo sie zustande kommt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2020 - Überwachung

Eine App zum anonymisierten Tracken Corona-infizierter Personen soll entwickelt sein. Aber die Experten streiten noch, ob ein zentraler Server die Daten speichern soll, oder ob die App dezentral funktionieren soll. Chris Köver liefert bei Netzpolitik Aufschluss über den komplizierten Streit und zitiert unter anderem den IT-Unternehmer Chris Boos: "In Deutschland, sagt Boos, sei klar, dass nur eine zentralisierte Version umgesetzt werden kann. Die Gesetzgebung zum Datenschutz erlaube es gar nicht, dass Medizindaten wie eine Infektion öffentlich geteilt werden - selbst wenn diese pseudonymisiert seien, wie im Fall des dezentralen Systems. Der Jurist Michael Veale, der das dezentrale Protokoll mitentwickelt hat, argumentiert dagegen, die öffentlichen Daten seien juristisch betrachtet gar keine persönlichen Daten, da sie nur unter Einsatz von illegalen Methoden deanonymisiert werden könnten."

Weiteres: In der NZZ fürchtet Evgeny Morozov, dass die Staaten ihr Vertrauen jetzt allein in technische Lösungen legen (im Jargon: "Solutionismus"). "Covid-19 tut für den solutionistischen Staat, was 9/11 für den Überwachungsstaat bewirkte. Aber die Bedrohung für die politische Kultur der Demokratie, die der Solutionismus mit sich bringt, ist ungleich subtiler - und damit umso heimtückischer." Für Zeit Online begutachtet Lisa Hegemann die vom Robert Koch Institut für Smart Watches und Fitnessarmbänder geplante App, mittels derer die Ausbreitung des Coronavirus über das Abfragen von Aktivitätsdaten der Nutzer verfolgt werden soll.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2020 - Überwachung

In mehrerlei Hinsicht unheimlich ist, was ein Rechercheteam der New York Times über die Auswertung von Mobilfunkdaten in den USA berichtet: Demnach ist es ein Luxus, in Zeiten von Corona zu Hause bleiben zu können: "Although people in all income groups are moving less than they did before the crisis, wealthier people are staying home the most, especially during the workweek. Not only that, but in nearly every state, they began doing so days before the poor, giving them a head start on social distancing as the virus spread, according to aggregated data from the location analysis company Cuebiq, which tracks about 15 million cellphone users nationwide daily."
Stichwörter: Corona, Social Distancing, Luxus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2020 - Überwachung

Frankreich führt eine Überwachung der Bürger per Handy ein. Wer trotz der strengen Ausgangssperre unterwegs ist, musste bisher eine Bescheinigung vorlegen. Nun muss man sich per Handy ausweisen, indem man die Genehmigung online einholt und dann einen QR-Code bekommt, den man Poilizisten vorzeigen kann. Im Interview mit dem Parisien sagt der französische Innenminister Christophe Castaner: "Dieses System soll auch Betrug bekämpfen: Man muss die Zeit angeben, zu der man das Haus verlässt, und die Zeit, zu der Sie die Genehmigung beantragt haben, ist für die Polizei einzusehen. So kann vermieden werden, dass die Bescheinigung erst vor einer Polizeikontrolle eingeholt wird. Und dank des QR-Codes müssen die Polizisten das Telefon nicht in die Hand nehmen."
Stichwörter: Frankreich, Coronakrise, Codes

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2020 - Überwachung

Svenja Bergt befürwortet in der taz den Vorschlag dreier Netzpolitik-Autoren für ein dezentrales Corona-Tracking per Handy (unser Resümee). Voraussetzungen: "So eine App muss auf Freiwilligkeit beruhen. Sie sollte open source sein, sodass überprüfbar ist, dass sie tatsächlich nur das macht, was sie machen soll. Es muss einen Installationsweg am Google-Play-Store und an Apples iTunes vorbei geben, beispielsweise über die Internetseite des Robert-Koch-Instituts. Es braucht eine Lösung, damit Menschen ihr Testergebnis wahrheitsgemäß eingeben - und nicht Trolle das System mit unechten positiven Meldungen überschwemmen." Malte Kreutzfeldt erläutert diesen Vorschlag, der auf  der Bluetooth-Technologie beruht in der taz. Finn Mayer-Kuckuk berichtet, wie lücken- und skrupellos in Südkorea überwacht wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2020 - Überwachung

Ein Corona-Tracking per Handy-App, das dazu dient die Bewegungen von Corona-Infizierten zu verfolgen, muss dem Datenschutz nicht widersprechen, schreibt eine Gruppe von Experten bei Netzpolitik: "Nach unserer Überzeugung ist eine schnelle und effiziente Kontaktnachverfolgung möglich, ohne in einem zentralen Datenbestand eine riesige Menge sensibler Daten zu sammeln. Ein System zur Kontaktnachverfolgung kann so gestaltet werden, dass die meisten benötigten Datenverarbeitungen nicht zentral, sondern lokal auf den Mobiltelefonen der Teilnehmer*innen stattfinden. Lediglich die Benachrichtigung im Infektionsfall müsste zentral veranlasst werden, und auch dabei könnten Daten verwendet werden, die eine Identifikation der Kontaktpersonen der infizierten Nutzerin durch die zentrale Benachrichtigungsstelle praktisch ausschließen."