Bücherbrief

Beichte, Poesie und Pornografie

10.10.2018. Stephan Thome erzählt farbig, funkelnd und eindringlich vom chinesischen Taiping-Aufstand, Maggie Nelson erkundet poetisch intensiv und seltsam schön alle Nuancen der Farbe Blau, Lukas Rietzschel zeichnet leise Porträts von Nazis in Sachsen und Jana Hensel und Wolfgang Engler streiten lautstark über ostdeutsche Identität. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Oktober.
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Weitere Anregungen finden Sie in in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Lukas Rietzschel
Mit der Faust in die Welt schlagen
Roman
Ullstein Verlag, 320 Seiten. 20 Euro

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Keine Besprechung, die nicht ohne den Hinweis auskommt, Lukas Rietzschels Debüt sei das Buch zur Stunde. Es ist aber auch eine Punktlandung, die dem erst 24 Jahre alten Autor aus Bautzen mit diesem Roman gelungen ist, in dem er noch vor den Ausschreitungen in Chemnitz und Köthen von zwei Brüdern erzählt, die zwischen Platte, Trost- und Arbeitslosigkeit in der sächsischen Provinz aufwachsen, sich bald der rechtsextremen Truppe um den Dorfnazi Menzel anschließen - bis die Situation bei Ankunft von Flüchtlingen in ihrem Heimatort eskaliert. In der Welt liest Marc Reichwein das Buch nicht zuletzt als Coming-of-Age-Story und angenehm unplakatives, leises Porträt von Menschen hinter Ruinen, das ein ostdeutsches Lebensgefühl einfängt, psychologisch und literarisch stimmig und lebendig. SZ-Kritikerin Marie Schmidt kann bei aller Empathie und "engmaschiger Beschreibungsprosa" allerdings auch nach der Lektüre nicht verstehen, wie aus den Jungs Nazis werden. Kunstvolle Konstruktion, Spannung und Rasanz lobt Matthias Schmidt im MDR. Im DlF-Kultur hat Julius Stucke mit dem Autor gesprochen. Viele Kritiker, etwa Felix Bayer im Spiegel oder Matthias Schmidt in der FAZ, sind mit dem Autor auf der Suche nach Antworten lieber durch Görlitz gefahren.   
 
Donatella di Pietrantonio
Arminuta
Roman
Antje Kunstmann Verlag. 224 Seiten. 22 Euro

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Die italienische Autorin Donatella die Pietrantonio erzählt uns in ihrem neuen,  bisher vor allem in italienischen Medien besprochenen Roman von einem nur "Arminuta" - "Die Zurückgekommene" gerufenen Mädchen, das von ihren Adoptiveltern ohne nähere Erklärung zur leiblichen, lieblosen Mutter zurückgegeben wird und nicht nur den Wandel vom Einzelkind im Einfamilienhaus zum Arbeiterkind in ärmlichen Verhältnissen und mit zahlreichen Geschwistern erlebt, sondern auch einen doppelten Mutterverlust verkraften muss. Als "schmerzhaft schöne Poesie" bezeichnet FAZ-Kritikerin Wiebke Porombka den Roman, vor allem bewundert sie, wie die Autorin Sprachlosigkeit und "emotionale Not" ihrer Heldin in einzelnen Szenen konzentriert. Dass Zeit und Ort der Handlung unbekannt bleiben, macht den Roman für Porombka umso eingehender. Im hr2-Kultur liest Ursula May den Roman als eindringlichen und "präzisen" Einblick in das Prekariat. Sie hebt zudem die glänzende Übersetzung von Maja Pflug hervor. Außerdem lesenswert: Elena Ferrantes neu ins Deutsche übertragener Debütroman "Lästige Liebe", der von der Zeit empfohlen wird.
 
Stephan Thome
Gott der Barbaren
Roman
Suhrkamp. 719 Seiten. 25 Euro

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Stephan Thome ist studierter Philosoph und Sinologe, lebt nach Stationen in China und Japan derzeit in Taiwan, scheint also bestens geeignet, um im großen historischen Bogen vom China des 19. Jahrhunderts, von Taiping-Aufstand und Opiumkrieg zu erzählen. Die KritikerInnen zollen Thome, der sich auf über 700 Seiten diesem weithin unbekannten Thema widmet, größtenteils ihren Respekt: Tiefgründig und facettenreich nennt SZ-Kritiker Helmut Böttiger den Roman, der im Stil psychologischer Romane des 19. Jahrhunderts über chinesische Ästhetik und chinesisches Geschichtsverständnis aufklärt und auf angenehme Weise Orient und Okzident verbindet. Humor, erzählerische "Souveränität", dramatisches Gespür und stupende Gelehrtheit des Autors bewundert Mark Siemons in der FAZ. Den aktuellen Bezug des Buch würdigen die Rezensenten ebenfalls: Wenn Thome von der Errichtung eines Gottesstaates im Namen des Christentums erzählt, erkennt Wolfgang Schneider im Dlf nicht nur "vielfältige Spiegelungen" mit unserer Gegenwart, in der Religionskriege neu entflammen, sondern er versteht auch die Unterdrückung ethnischer Minderheiten im heutigen China besser. Es gab auch kritische Stimmen: Die "westlich-realistische" Figurenrede wirkt unrealistisch, meint Burkhard Müller in der SZ und im Spiegel kritisiert Peter Henning die "irrwitzige" Detailfülle. Ein Gespräch mit dem Autor bringt
Dlf-Kultur.

Maggie Nelson
Bluets
Hanser Berlin. 112 Seiten. 17 Euro

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Die amerikanische Dichterin und Essayistin Maggie Nelson wurde hierzulande vergangenes Jahr bekannt, als ihr autobiografischer, feministischer Text "Die Argonauten" auf Deutsch erschien. Auch ihren zweiten, von Jan Wilm ins Deutsche übertragenen und aus 240 lose verbundenen Prosastücken bestehenden Text "Bluets" haben die KritikerInnen begeistert aufgenommen: Poetisch intensiv und seltsam schön findet es NZZ-Kritikerin Andrea Köhler, wenn Nelson in einer Mischung aus "philosophischer Reflexion, privater Beichte, Poesie und Pornografie" alle Nuancen des Blauen ertastet, mit Künstlern wie Joni Mitchell, Billie Holiday, Leonard Cohen oder Yves Klein seiner Verwendung in Kunst, Literatur und Film nachspürt. Im Dlf-Kultur preist Meike Fessmann das Buch als "Kleinod für Liebhaber des seltsamen Glücksversprechens der Farbe Blau", in dem sie auch lernt, wie sich Pythagoras, Euklid, Epikur und Platon das Sehen vorstellten oder dass die typische Indigo-Färbung durch Oxidation entsteht. Im rbb-Kulturradio schwärmt Claudia Ingenhoven von dem Buch. In der FAZ empfiehlt Hannes Hintermeier außerdem Patrick Batys Geschichte traditioneller Farben und Pigmente "Die Natur der Farben".
 

Ursula Krechel
Geisterbahn
Roman
Jung und Jung Verlag. Salzburg. 650 Seiten. 30 Euro

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Mit "Geisterbahn" schließt Ursula Krechel ihre Romantrilogie zur deutschen Kriegs- und Nachkriegsvergangenheit ab - und erntet hymnische Besprechungen. "Wuchtig, grausam und soghaft" nennt Zeit-Kritikerin Ingeborg Harms das Werk, in dem Krechel über ein Jahrhundert hinweg von einer Sinti-Familie erzählt, die am Nazi-Terror zerbricht: Auf der Grundlage umfangreicher Quellenrecherche berichtet sie am Beispiel der Schaustellerfamilie Dorn nicht nur von Sterilisation, Verschleppung, KZ und Zwangsarbeit, sondern auch vom Aufeinandertreffen der ehemaligen Täter und Opfer im Nachkriegs-Trier, resümiert Harms, die neben Krechels Gespür für Details, etwa die Schilderungen des "sinnlichen" Kirmesalltags, auch das Einfühlungsvermögen der Autorin für ihre Figuren bewundert. Als "hochverdichtete Prosa, die in Rhythmusgefühl und Sprachgewalt die Lyrikerin Ursula Krechel erkennen lässt", lobt auch FAZ-Kritiker Andreas Platthaus den Roman, dessen Figurenfülle ihm allerdings einige Anstrengung abverlangt. Und im DlF-Kultur bewundert Maike Albath, wie Krechel nicht zuletzt das immer noch aktuelle Rumoren der Vergangenheit erkennen lässt. Albaths Buchkritik steht als Podcast in der ARD-Mediathek online.
 


Sachbuch

Yavuz Baydar
Die Hoffnung stirbt am Bosporus
Wie die Türkei Demokratie und Hoffnung verspielt
Droemer Knaur Verlag. 256 Seiten. 19,99 Euro

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Der türkische Putsch 2016 und vor allem die darauf folgende Repression haben zumindest einen Vorteil: Sie haben in Deutschland einige brillante Journalisten bekannt gemacht. Die großartige Kolumne von Bülent Mümay in der FAZ wäre zu nennen, dann natürlich der bekannte Journalist Can Dündar und eben auch Yavuz Baydar. Für nicht türkische Leser besonders instruktiv ist, dass sich Baydar nicht auf den Aufstieg Tayyip Erdogans und seine Mutation zum Autokraten beschränkt, sondern dass er ihn in den historischen Kontext seit den sechziger Jahren stellt, schreibt Daniel Steinvorth in der NZZ: Auch die Kemalisten, so Steinvorth, kriegen gehörig ihr Fett ab. Hinzukommen weitere Faktoren wie die Militärs und die Korruption im Land. Auch Rainer Hermann ist in der FAZ höchst beeindruckt - und dies, weil Baydar neben den großen Linien die einzelnen Schicksale nicht vergisst. Einen besseren Blick auf die jüngste Geschichte der Türkei wird man zur Zeit also nicht so leicht finden.

Jana Hensel und Wolfgang Engler
Wer wir sind
Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein
Aufbau Verlag. 288 Seiten. 20 Euro

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Was ist los im Osten? Die Autorin Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig und der Soziologe und Ex-"Ernst-Busch"-Rektor Wolfgang Engler, geboren 1952 in Dresden, suchen in diesem Gesprächsband nach Antworten. Dass es dabei ordentlich zur Sache geht, wenn die beiden über AfD, Pegida, Rechtspopulismus, Alltagsrassismus, Nachwendeerfahrungen und ihre unterschiedlichen Lebensläufe streiten, gefällt den KritikerInnen gut, ganz gleich wessen Meinung sie nun teilen. Wenn Hensel die AfD als "Emanzipationsbewegung von rechts" bezeichnet oder Engler identitätspolitische Fragen im linken Diskurs kritisiert, spürt SZ-Kritiker Jens Bisky frischen Wind in der Debatte und hebt hervor,  dass beide den scharfen Gegenwind vom Gegenüber aushalten, im Gespräch bleiben und Positionen überdenken. FR-Kritiker Dirk Pilz tut sich ein wenig schwer, wenn Engler den strukturellen Rassismus in der DDR negiert oder mitunter zum Klischee neigt - als Grundlage für fruchtbare Diskussion empfiehlt er das Buch aber gern. Im MDR-Kultur dankt Matthias Schmidt den Autoren für harte Fakten und den Verzicht auf Populismus und wünscht ihnen viele westdeutsche Leser. Im Dlf-Kultur-Gespräch mit Christian Rabhansl erklären Hensel und Engler über die ostdeutsche Gesellschaft seit der Wende.

Stephen Parker
Bertolt Brecht
Eine Biografie
Suhrkamp. 1030 Seiten. 58 Euro

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Stephen Parkers Brecht-Biografie setzt neue Maßstäbe, jubeln die KritikerInnen einstimmig  - auch wenn Brecht hier nicht gerade sympathisch daherkommt: Als Heuchler, der anderen den Kommunismus predigte, während er gerissen um seine Honorare feilschte und Grundstücke kaufte; Neidhammel, der andere Künstler schlecht machte und sich selbst lobte; politischen Opportunisten und "sexbesessenen Chauvinisten" lernt FR-Kritiker Wilhelm von Sternburg Brecht kennen, betont aber vor allem die Fairness, die der britische Germanist Stephen Parker dem Dichter in diesem nach der Struktur des klassischen Dramas aufgebauten Tausend-Seiten-Werk angedeihen lässt: An Brechts literarischem Genie hat Parker keine Zweifel. In der taz verdankt Ambros Waibel dem Buch ganz neue Einsichten, etwa in Brechts Verhältnis zu seinen Eltern. Parkers umfangreiche Recherche und Empathie für Brechts komplexen Charakter hebt auch Norbert Meyer in der Presse hervor, "Parkers Brecht-Biografie erinnert an die Vermessung eines literarischen Gullivers mit tausend feinen Fäden", meint Michaela Schmitz im DlF über das faktengesättigte Buch: Dass Parker im Gegensatz zu anderen Biografen Brecht nicht durch die "ideologische Brille" betrachtet, verbucht sie ebenfalls als Gewinn. In der Welt unterhält sich Richard Kämmerlings mit Parker über Brecht.


Yuri Slezkine
Das Haus der Regierung
Eine Saga der Russischen Revolution
Carl Hanser. 1344 Seiten. 49 Euro.

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Mit "Das Haus der Regierung" hat der russische, heute in den USA lehrende Historiker Yuri Slezkine die Russische Revolution in Gestalt einer Familiensaga - oder vielleicht besser Clan-Saga - der ersten Bolschewiken beschrieben: Von den frühen Hoffnungen, der Einrichtung im luxuriösen Haus der Regierung, das 1930/31 in Moskau für die bolschewistische Elite gebaut worden war, bis zum großen Terror, der viele der Bewohner verschlang. In der Zeit-Literaturbeilage war der Historiker Gerd Koenen begeistert. Slezkine schöpft aus unendlich vielen privaten und offiziellen Quellen - Briefen, Tagebüchern, privaten Fotos, versichert der Kritiker. Das Ergebnis ist für ihn ein "weitverzweigtes", anspruchsvolles und dennoch wunderbar lesbares Buch, das von den Hoffnungen, Kämpfen und dem Untergang der ersten Revolutionäre erzählt. Nicht ganz so überzeugend findet Koenen allerdings die Erklärungen Slezkines für das Scheitern der Revolution: Die Kinder, die im Haus der Regierung aufwuchsen, sollen nach Ansicht des russischen Historikers noch zuviel humanistische Bildung erfahren haben, was sie später an der Revolution zweifeln ließ. Das überzeugt Koenen nicht so ganz. Auch Michael Freund ist im Standard skeptisch, dass bürgerliche Wertvorstellungen die Revolution
am Ende scheitern ließen. Für beide Kritiker bleibt Slezkines monumentale Saga dennoch eine "ebenso faszinierende wie fordernde Lektüre".

Stuart Hall
Das Verhängnisvolle Dreieck
Rasse, Ethnie, Nation
Suhrkamp. 212 Seiten. 28 Euro

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Stuart Hall gilt als einer der Begründer des heute allgegenwärtigen Genres der "cultural studies".  Seine posthum veröffentlichten Überlegungen zu "Rasse Ethnie Nation" haben große Aktualität: "Der Begriff der 'Rasse' hat nichts mit biologischen Fakten zu tun, sondern ist ein kulturelles Konstrukt. Es stabilisiert weiße Überlegenheitsideologie, indem es die Existenz eines 'Anderen', 'Fremden' und 'Minderwertigen' behauptet", schreibt Susanne Billig bei DlF-Kultur und beleuchtet damit zunächst die simple Seite des Problems. Ob Hall dann auch die komplexe Seite des Problems - dass sich auch die Angehörigen des Minderheiten und "Linke" selbst positiv auf die Kategorie "Rasse" oder Ethnie beziehen -, lässt Billig allerdings offen. Hall verschraubt "sich leider oft in eine linguistische und soziologische Fachsprache", bedauert Billig, die das Buch dennoch wegweisend findet. Ähnlich sieht es in der Zeit der bekannte Afrikanist Andreas Eckert, der vor allem Halls Vorschlag, Identitätspolitik durch die Frage zu ersetzen, zu wem wir werden können, höchst bedenkenswert findet.