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Efeu - Die Kulturrundschau

Von rosig gesund bis zum Zustand der Verwesung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.03.2020. Die Filmkritiker bewundern Catherine Deneuve als Schauspielerin Fabienne in Hirokazu Kore-edas Film "La Vérité". Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris verabschiedet sich im Tip von Tabea Blumenschein. In 54books.de denkt Berit Glanz über Autofiktion nach. Die SZ bewundert die Männerfantasien des Choreografen Moritz Ostruschnjak. Zeit online zeigt frauenverachtenden Rappern die Grenzen auf. Die New York Times stellt den kenianischen Künstler Michael Soi vor, dessen Serie "China Loves Africa" den Unmut der Chinesen erweckt hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2020 finden Sie hier

Film

Catherine Deneuve in "La Vérité"

Der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda hat mit "La Vérité" seinen ersten französischen Film gedreht - und einmal mehr eine Familiengeschichte. In Nebenrollen sind Juliette Binoche und Ethan Hawke zu sehen, die Hauptrolle aber spielt Catherine Deneuve, hier zu sehen als eine französische Schauspielerin namens Fabienne (auch in Wirklichkeit der zweite Name der Deneuve), die ihren Beruf mehr abgewinnen kann als dem Mutter-Dasein: "Fiktion und Realität verschmelzen vor Kore-edas Kamera immer wieder in unaufgeregter Beiläufigkeit", hält Anke Leweke in der taz angesichts dieses Vexierspiels fest, das "auch ein Film über das Wesen der Schauspielerei ist, über die Frage, wie ständige Darstellung und Selbstdarstellung einen Menschen verändert." Zwar fehle dem Film bei so viel Starpower ein wenig die Fragilität der japanischen Filme Kore-Edas, meint FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. Dafür eignet dem Film "eine altmodische Handwerklichkeit, die sich wie eine eigene Wahrheit vor die Lügengeschichte stellt. Mitunter fühlt man sich an den sperrigen Charme von Alain Resnais und seine Alan-Ayckburn-Verfilmungen erinnert."

Weiteres: Für die NZZ hat Susanna Petrin den schwedischen Autorenfilmer Roy Andersson besucht. Fabian Tietke empfiehlt den Berliner taz-Lesern die Filmreihe "Black Light" im Kino Arsenal über die Geschichte des schwarzen Kinos. Im Tagesspiegel porträtiert Deike Diening die Filmemacherin Sabine Herpich, die auf der Berlinale ihre Doku "Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist" (unsere Filmkritik) gezeigt hat. Der für Anfang April angekündigte, neue James-Bond-Film wurde - wahrscheinlich aus Sorge vor coronavirus-bedingt leeren Kinosälen - in den November verschoben, meldet unter anderem der Tagesspiegel.

Besprochen werden Waad al Kateabs filmisches Tagebuch aus dem syrischen Bürgerkrieg "Für Sama" (Tagesspiegel), Gints Zilbalodis' Animationsfilm "Away - Vom Finden des Glücks" (Perlentaucher), das antirassistische Justizdrama "Just Mercy" mit Jamie Foxx und Michael B. Jordan (Presse), Ulrike Ottingers "Paris Calligrammes" über die Pariser Bohème der 60er (FR), Richard Stanleys Lovecraft-Verfilmung "Die Farbe aus dem All" (Perlentaucher, taz, critic.de), Anna Hepps Dokumentarfilm "800 Mal einsam - Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz" (SZ), Autumn de Wildes Jane-Austen-Verfilmung "Emma" (SZ, FAZ) und die DVD von Borys Lankoszs "Dunkel, fast Nacht" (taz).
Archiv: Film

Design

Wolfgang Müller von der "Tödlichen Doris" verabschiedet sich im Tip von Tabea Blumenschein (mehr dazu bereits gestern), einem Urgestein der Westberliner Szene um 1980 und Vorreiterin queer-feministischer Punkästhetik: "Tabea meinte: 'Ich mache mich doch nicht hässlich, um Männern zu missfallen, sondern schön, um Frauen zu gefallen.' Ihre Modezeichnungen für die deutsche Ausgabe von Warhols Interview ignorierten die Konventionen ihrer Zeit. Tabeas Models hatten Beinprothesen, sie waren zu dick, zu dünn oder *Trans. Jedenfalls lagen sie jenseits klassischer Schönheitsnormen." Einen weiteren Nachruf schreibt Harry Nutt in der Berliner Zeitung.
Archiv: Design

Kunst

Michael Soi, Kenya China Loves Africa, No. 63


In der New York Times stellt Abdi Latif Dahir den kenianischen Künstler Michael Soi vor, dessen Serie "China Loves Africa" den Unmut der Chinesen erweckt hat, die wiederum der größte Handelspartner Kenias sind. "'Niemand ist ohne ersichtlichen Grund philanthropisch. All diese Großzügigkeit ist verdächtig', sagt Soi. Sie wussten, dass sie aus den schlechten Regierungen, die es in Afrika gibt, Kapital schlagen können' ... Kaum ein Jahr nach Beginn des Projekts 'China liebt Afrika' waren Soi und andere kenianische Künstler empört, als für den kenianischen Pavillon der Biennale 2015 in Venedig mehrheitlich chinesische Künstler ausgewählt wurden, die noch nie in Kenia gewesen waren oder in ihrer Kunst keinen Bezug dazu hatten. Auch der erste kenianische Pavillon auf der Biennale im Jahr 2013 war überwiegend chinesisch. Als Antwort darauf legte Soi 'Shame in Venice' vor, eine Sammlung, die die Korruption und das Missmanagement hervorhob, die seiner Meinung nach die Beziehung zwischen Kenia und China charakterisieren. 'Die Chinesen kamen als Götter hierher', sagt Soi. 'Sie glauben, dass sie alles haben können, was sie wollen, und in vielen Fällen können sie es auch. Aber es ist wichtig für sie zu wissen, dass man die Menschen in ihren eigenen Ländern respektieren muss.'"

Weitere Artikel: Merle Krafeld unterhält sich für das Van Magazin mit Yvette Deseyve, Kuratorin der Ausstellung "Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919", über den Kampf um Anerkennung der Malerinnen und Bildhauerinnen des 19. Jahrhunderts. Alle Zuckungen seines Magens unterdrückend, unterzieht FAZ-Kritiker Stefan Trinks aus gegebenem Anlass Hans Makarts in Schweinfurt hängendes Triptychon "Die Pest in Florenz" einer genaueren Überprüfung: "An die sechzig in einander verknotete Leiber winden sich darauf orgiastisch-ekstatisch, aber auch von Krämpfen geschüttelt. Die Skala der Hautfärbungen auf den Bildteilen reicht in Leserichtung von rosig gesund bis zum Zustand der Verwesung, grün-gräulich. Makarts Bildfries lässt selbst abgebrühte Horrorfilmgucker schlucken, suhlt sich der Künstler ... doch geradezu in dem morbiden Thema, das den Symbolismus um zwanzig Jahre vorwegzunehmen scheint." (Mehr zu dem Gemälde in einem schon etwas älteren Artikel aus der Main Post.)

Besprochen werden eine Ausstellung von Laura Langer im Frankfurter Portikus (FR), eine Gerhard-Richter-Ausstellung im New Yorker Met Breuer Museum (SZ) und eine Ausstellung des amerikanischen "Outsider"-Malers Forrest Bess im Fridericianum in Kassel (FAZ).
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Archiv: Kunst

Literatur

54books.de dokumentiert das für ein Buch von Sarah Berger verfasste Nachwort von Berit Glanz, in dem die Schriftstellerin über Autofiktion in den Sozialen Medien nachdenkt: Dort entsteht "ein Rezeptionsmodus, der nicht mehr klar zwischen Text und Autorin einerseits und Fakt und Fiktion andererseits trennt - eine im Internet eingeübte Art und Weise mit Texten umzugehen, die wiederum direkten Einfluss auf die Literatur hat. Gegenwärtig befinden wir uns also mitten in den Wirren eines gravierenden epistemologischen Wandels."

Außerdem: Frank Hahn setzt die auf Tell-Review geführte Debatte um Peter Handkes neuen Roman "Das zweite Schwert" fort. Besprochen werden unter anderem Olivia Wenzels "1000 Serpentinen Angst" (Freitag), Leif Randts "Allegro Pastell" (FR), Benjamin Maacks "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" (Freitag, FAZ), Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" (taz), Simon Werles Neuübersetzung von Charles Baudelaires "Le Spleen de Paris" (SZ) und neue deutsche Debütromane, darunter Christian Barons "Ein Mann seiner Klasse" und Paula Irmschlers "Superbusen" (online nachgereicht von der FAS).
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Bühne

Szene aus Moritz Ostruschnjaks Choreografie "Unstern". Foto: Jubal Battisti

Sabine Leucht porträtiert in der SZ den 1982 in Marburg geborenen Choreografen Moritz Ostruschnjak, der mit seiner Produktion "Unstern", für die er sich von Theweleits "Männerphantasien" hat inspirieren lassen, zur Tanzplattform Deutschland in München eingeladen wurde: "'Dismatches' sind wie Irritationen und Bedeutungsverschiebungen für seine Arbeitsweise zentral. In der Eröffnungsszene von 'Unstern' gehen zwei Tänzer sehr langsam aufeinander zu, einen Laut modulierend, der sich zur Kakofonie auswächst - und plötzlich treffen sich ihre Münder zu einem vampiristischen Kuss. Weil es sich um zwei Männer handelt, die wie Brüder aussehen, schwingt auch eine homoerotische Note mit ... Und während sie weich zu Boden sinken, drischt ein Barock-Cembalo einen Metal-Rhythmus, der auf der Rückwand Fotofundstücke von Krieg und Zerstörung aufeinanderhetzt."

Besprochen werden der René-Pollesch-Abend "Passing. It's so easy, was schwer zu machen ist" an den Münchner Kammerspielen (FR), Barrie Koskys Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" in Frankfurt (SZ, faust), Tomo Sugaos Inszenierung von Gounods "Faust" am Theater Bielefeld (nmz), Shakespeares "Was ihr wollt" als Musical am Theater Kiel (nmz), Joseph Roths "Radetzkymarsch", Ben Kidds und Bush Moukarzels "Die Traumdeutung von Sigmund Freud" und Anton Tschechows "Kirschgarten" an den Wiener Theatern (faust) sowie Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Verdis "Trovatore" in Köln (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne. Foto: Barozzi Veiga


Roman Hollenstein besucht für die NZZ den Neubau des Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne durch die spanischen Architekten Barozzi Veiga und ist alles in allem sehr zufrieden: "Fährt man von Westen her mit dem Zug im Bahnhof Lausanne ein, fällt einem sofort der lange, mit grauem Klinker verkleidete Quader auf, aus dem das historische Architekturfragment des Lokdepots mit dem Rundbogenfenster ins Gleisfeld hinauswächst. Von hier liest sich das Bauwerk wie eine Abstraktion des neuklassizistischen, weiter oben am Hang thronenden Bundesgerichtspalasts. Nähert man sich dann dem Museum vom Bahnhof her, ist das stimmungsvolle Altbauzitat nicht mehr zu sehen. Ohne dieses wirkt die geheimnisvolle Kiste noch hermetischer - aber nicht unfreundlich, zumal bei Sonnenschein, wenn der graue Klinker einen fast honigbeigen Ton annimmt."
Archiv: Architektur

Musik

Dass Rapkritiker sich so schwer tun mit der feministischen Kampagne #unhatewomen und den jüngsten Ausfällen ihres Realness-Aushängeschilds Fler (unser Resümee), hängt auch damit zusammen, dass sich Fler und die Rapszene in der Außenseiterrolle ziemlich gut gefallen - wobei die mit dem breiten Erfolg von Rap in den letzten Jahren so außenseiterig gar nicht mehr ist, erklärt Daniel Gerhardt vielleicht mit einer Nuance zu viel sozialpädagogischem Verständnis auf ZeitOnline. Den bösen Jungs weist er aber doch Grenzen auf: Flers Auftreten werde nun "zum Härtetest. Wer den Einsatz von #unhatewomen schmälert oder Flers Drohgebärden verharmlost, überschreitet eine rote Linie, die nicht verhandelbar sein darf. Gerade dort, wo sich Sexismus, Misogynie, Antisemitismus und Gewaltverherrlichung vollkommen unverhohlen zeigen, ist es wichtig, sie zu benennen und dagegen vorzugehen." Immerhin: "Die Rap-Portale Juice und rap.de haben Texte veröffentlicht, in denen sie sich mit den bedrohten Frauen solidarisieren, von Fler distanzieren und beteuern, dass es in ihrer Berichterstattung keine Toleranz mehr für Sexismus und andere Formen von Diskriminierung geben wird."

Im Vorfeld des Weltfrauentags hat das VAN-Magazin sein normalerweise verpaywalltes Archiv mit Porträts von Komponistinnen online frei zugänglich gestellt. Auch Neuzugänge gibt es: Arno Lücker schreibt hier über Isabella Leonarda, die im 17. Jahrhundert wirkte, dort über die 1879 in Wien geborene Alma Margaretha Maria Schindler und an dieser Stelle über die zeitgenössische Komponistin Beatriz Ferreyra, die "sich offen aller zugänglichen Klänge des menschlichen Lebens bedient: der Natur, Klängen von existierenden und nicht existierenden Völkern, Landschaften und Räumen." Wir hören rein:



Außerdem: Gerrit Bartels schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf David Roback. Besprochen werden das neue Album "Silver Tongue" der US-Songwriterin Torres (SZ), Swamp Doggs neues Album "Sorry You Coudn' Make It" (Standard), das neue Album von King Krule (Presse) und Marcus Kings "El Dorado" (FAZ.net).
Archiv: Musik