Geradezu zukunftsweisend im Umgang mit Erinnerung findet FAZ-Kritikerin Kerstin Holm das Berliner Festival "Performing Exiles", bei dem unter anderen Doku-Stück "News from the Past" des Kiewer Regisseurs Stas Zhyrkov aufgeführt wurde. Das an den Münchner Kammerspielen in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Dachau entwickelte Stück zeigt, "wie sich das sowjet-totalitäre und das NS-deutsche Regime während der Dreißiger- und Vierzigerjahre eng verzahnt entwickelten und dass Russlands derzeitiger Vernichtungskrieg gegen die Ukraine auf gewisse Weise eine Fortsetzung der damaligen Politik ist." So "vergegenwärtigt ein deutsch-ukrainisches Schauspielerquartett in einer Art szenischem Geschichtsseminar Schlüsselereignisse jener Zeit. Während auf der Bühne des Heimathafens Neukölln Jahreszahlen aufleuchten, erklingen - Deutsch und Ukrainisch übertitelt - Texte über Pogrome in Deutschland, die Hungersnot Holodomor und Terrorwellen in der Sowjetukraine, aber auch Augenzeugenberichte aus Butscha."
Besprochen werden außerdem Barbora Horákovás Inzenierung von Georg Friedrich Haas' Kammeroper "Thomas" an der Staatsoper Berlin (Tsp, BlZ) und - in einer Doppelbesprechung - Niels Niemanns Inszenierung von Andrea Bersconis Oper "L'huomo" und Marshall Pinkoskys Inszenierung von Marc-Antoine Charpentiers Barockoper "David et Jonathas" (nmz).
Das Theater von Mariupol in der Rekonstruktion des Center for Spatial Technologies. Bild: Berliner Festspiele Das ukrainische Center for Spatial Technologies (CST) hat sich in Berlin als Ableger der Londoner Gruppe Forensic Architecture gegründet, einer Mischung aus Rechercheagentur und künstlerischer Intervention. Jetzt hat das CST die Geschichte des Theaters in Mariupol rekonstruiert, das durch einen russischen Bombenangriff zerstört wurde. Bis zu sechshundert Menschen wurde dabei getötet, wie Amelie Sittenauer in der taz in Erinnerung ruft: "Doch war der Ort, wie sich herausstellte, viel mehr als der Schauplatz eines Kriegsverbrechens. In den Wochen zuvor hatte sich das Gebäude in einen Mikrokosmos zivilen Widerstands verwandelt - 'in eine Stadt in einem Gebäude'. Wie aus den Zeugenaussagen und Rekonstruktionen hervorgeht, wurde das Theater in kurzer Zeit zu einem Raum der Solidarität, der Kreativität und gemeinsamen Verantwortung. Menschen versammelten sich um die Feldküche und ums Klavier, Kinder spielten dort. Die Rekonstruktion bedeutete für die Überlebenden auch ein Stück Erinnerung zurückzubekommen, während sie die Beweise dafür unter der russischen Besatzung von ihren Handys löschen mussten."
Die Krise der Demokratie in Frankreich und die ideologische Kulturpolitik der extremen Rechten erfassen auch die Theater, wie im Interview mit Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst Joris Mathieuberichtet, der Intendant des Théâtre Nouvelle Génération in Lyon: "Wir leben in einem Land, in dem die extreme Rechte zwar nicht die Wahlen gewonnen hat, ihre Ideen aber bereits einen enormen Einfluss ausüben. Das politische Gravitationszentrum verschiebt sich leider in diese Richtung. Gleichzeitig müssen wir im Dialog bleiben - auch mit denjenigen, die für diese Parteien gestimmt haben. Als Institutionen müssen wir offen sein und bleiben. Künstler:innen müssen deutliche Worte finden, aber auch weiterhin unsere Wahrnehmung für das Imaginäre öffnen. Es ist eine ständige Spannung zwischen dem Sprechen über die Realität und dem Entwickeln von Fiktionen."
Besprochen werden Elisabeth Papes Stück "Extra Zero" über Essstörungen am Staatstheater Augsburg (das Nachtkritiker Christian Muggenthaler als ein "Epos voll gut durchkomponierter Information" lobt, in der SZ nennt es Egbert Tholl "notwendig"), Christian Weises Musical zu Schillers "Wilhelm Tell" in Mannheim (SZ) und der von Marco Goecke kuratierte Tanzabend "Sphären"am Bayerischen Staatsballett (der SZ-Kritikerin Dorion Weickmann zeigt, dass die Tanzwelt auf Goeckes "künstlerisches Genie" auch nach der Hundekot-Attacke auf eine Kritikerin nicht wird verzichten können).
Szene aus "Wilhelm Tell". Foto: Christian Kleiner Für seine Inszenierung auf der Seebühne im Karpfenteich bei den Schillertagen Mannheim hat Christian Weise den "Wilhelm Tell" nicht nur als Musical angelegt, sondern das ganze Ensemble in Fischkostüme gesteckt. Gute Idee - eigentlich, meint Christiane Lutz in der SZ: "Es wird gesungen, getanzt, mit Flossen gewedelt und ins trübe Wasser gesprungen, Männerrollen und Frauenrollen gibt es nicht. Der Tell, ein Karpfical. Die Idee ist so gaga, dass sie an sich schon wieder gut ist, weil es absolut keinerlei zwingenden Anlass gibt, aus dem 'Tell' thematisch irgendwas Karpfenähnliches oder auch nur Fabelhaftes herauszulesen." Leider haut es "nicht recht hin, weil zwischen all den Fisch-Gags, dem Gesang, der pausenlosen Ironie und den wogenden Karpfenschädeln dann eben doch einiges an Inhalt verloren geht. (…) Aus starren Karpfenmündern wirkt der Text vor allem albern." Nachtkritikerin Esther Boldt amüsiert sich hingegen prächtig: "Der Freiheitsdrang liegt an diesem Abend eher im lustvollen Gegen-den-Strich-Bürsten - und da liegt er gut."
Außerdem: Maximal zwanzig Prozent des Ensemble des Wiener Burgtheaters sollen laut dem designierten Intendanten Stefan Bachmann ausgetauscht werden, entwarnt Margarete Affenzeller im Standard. In der SZ berichtet Christine Dössel von den Geburtstagsfeierlichkeiten zu Klaus Maria Brandauers Achtzigstem im Burgtheater. Besprochen werden außerdem eine Inszenierung von Louise Bertins "Faust"-Oper beim Festival Palazzetto Bru Zane im Pariser Théâtre des Champs-Elysées (FAZ) und Ahmad Ali und Wiktor Baginskis Steppenwolf-Inszenierung am Theater Freiburg (nachtkritik).
"Idiota" ist eine Ein-Personen-Show, bei der sich die Choreografin und Performerin Marlene Monteiro Freitas auf den Berliner Festspielen in die Büchse der Pandora zwängt. Diverse Rollen nimmt sie dabei in Anlehnung an antike Mythen ein, verrätNachtkritikerin Elena Philipp. "Mal sind die Augen der kapverdischen Choreographin und Performerin voll Schreck aufgerissen, dann klafft der Mund, im Schrei erstarrt. Auf Agonie folgt Arroganz, auf Genuss das Grauen." Idiota "hat kein Geschlecht, sie hat keine fixierte Identität, sondern ist offen für den gestaltenden Zugriff ihrer Schöpferin. Ein fluides Werkstück. Wie Pandora, die vom Götter-Schmied Hephaistos aus Lehm geschaffen wurde. Idiotas Auftrag: Sich auf der Suche nach der Hoffnung dem Menschsein in all seinen Facetten aussetzen."
Beim feministischen HAU-Festival "Protagonistas!" lässt sich Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung von Marina Oteros Videobotschaft "Fuck Me" verstören: "In seiner einnehmend-abstoßenden Wirkung ist 'Fuck me' ein mutiges, komplexes Kunstwerk, das verunsichert und wehtut, über den Fetisch von Macht, Leistung, Geschlechterhierarchie, Gewalt und Freiheit nachdenken lässt, das einem das eigene bürgerliche Leben auf eine Weise um die Ohren haut." Das lenkt ihn aber nicht von einer Aktion der israelisch-palästinensischen Künstlerin Himmat Zoubi ab: In deren Performance "bleibt ein Plattencover der schwedisch-palästinensischen Band Kofia sichtbar, die in den Siebzigern mit antizionistischen Liedern von sich reden machte, in denen zur Zerschlagung und Vernichtung des Zionismus aufgerufen wird, in denen Steine und Raketen des palästinensischen Befreiungskampfes besungen werden. Was soll das heißen? Ist der Hamas-Terror jetzt auch eine feministische Sektion?"
Weiteres: Die Dresden Frankfurt Dance Company hat mit Ioannis Mandafounis einen neuen Chef, melden FR und FAZ. Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Arne Gieshoffs Oper "Bär:in", inszeniert von Franziska Angerer an der Deutschen Oper Berlin (Tsp), Verdis "Aida" in der Arena von Verona (Welt) und die Choreografie "Möbius" der Compagnie XY am Staatstheater Wiesbaden (FR).
Claudius Seidl und Simon Strauß schreiben in der FAZ je zum Achtzigsten des Schauspielers Klaus Maria Brandauer. In der Berliner Zeitunggratuliert Ulrich Seidler, in der SZ Christine Dössel.
Besprochen werden die Uraufführung von Kai Krösches "Linie Q. Ein No-Escape-Room" im Wiener WUK (nachtkritik), Christof Seeger Zurmühlens Stadtspiel "Dunkeldorf" beim Düsseldorfer Asphalt-Festival (nachtkritik), Monteverdis "Die Krönung der Poppea" am Theater Bremen (nmz), John Adams' "Nixon in China" an der Staatsoper Hannover (taz) und die Barockopern "David et Jonathas" und "L'Huomo" bei den Potsdamer Musikfestspielen (van).
"Wozzek" im Theater Chemnitz. Foto: Nasser Hashemi. nmz-Kritiker Roland H. Dippel stimmt ohne zu Zögern ein in den begeisterten Applaus nach Balàcz Kovaliks Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" am Theater Chemnitz. Kovaliks inszeniert das Stück als "kalt-weiße Gegenwartsstudie", lesen wir: "Wozzeck wirkt nicht verrückt und nicht arm, sondern 'nur' hilflos. Ein unauffälliger Arbeitsbeflissener in Weiß und Grau. Auf dem Männerklo überwältigen ihn die Wahnvisionen, sonst bleibt Wozzeck bis zum Mord an Marie voll normal. Das System flutscht, allerdings ohne menschliche Nähe. Sehnsüchte brechen sich Bahn trotz junger Moraldiktatur, die sich als Beobachtung aller durch alle zeigt. Manchmal funktioniert der Text zur inszenierten Geschichte, manchmal klaffen Risse zwischen Situation und Wort. Musikalisch ist die Regie insofern, dass Bergs formale Strenge sich in der szenischen Klarheit und Knappheit spiegelt. Ein ästhetisch bestechender Alptraum aus dem begonnenen Zeitalter der totalen Transparenz."
Weitere Artikel: In der SZ schreibt Egbert Tholl einen Nachruf auf die Opernsängerin Gabriele Schnaut. Ebenfalls in der SZ trifft Dorion Weickmann die Primaballerina Alessandra Ferri, die mit sechzig Jahren immer noch große Rollen tanzt.
Besprochen werden Marshall Pynkoskis Inszenierung von Marc-Antoine Charpentiers Oper "David et Jonathas" sowie Niels Niemanns Inszenierung von Andrea Bernasconis Oper "L'huomo", beide im Rahmen der Musikfestspiele Sanssoucis (FAZ), Paula Rosolens Tanzstück "Orbis" im Gießener Stadttheater (FR) und Mirja Biels Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" am Staatstheater Wiesbaden (FR).
Lemohang Jeremiah Mosese: Ancestral Visions of the Future / Pageantry of Wailing. Bild: Haus der Berliner Festspiele Hin und weg ist SZ-Kritiker Peter Laudenbach vom Festival "Performing Exiles" im Haus der Berliner Festspiele, das mit einem krachenden Konzert des extra aus Charkiw angereisten ukrainischen Rockstarautors Serhij Zhadan begann: "Auch wer kein Wort ukrainisch versteht, ist umgehauen von der puren Wucht des Konzerts, bei dem Hunderte Ukrainer jede Zeile mitsingen und die 'Fuck Putin'-Parolen feiern... Das neue, von Matthias Lilienthal erfundene 'Performing Exiles'-Festival der Berliner Festspiele unternimmt eine ziemlich groß angelegte Vermessung einiger Frontverläufe und Konfliktlinien der zerrissenen Gegenwart. Vor dem Konzert der ukrainischen Band kann man in zwei Theaterstücken den Lebensgeschichten von Menschen in libanesischen Flüchtlingslagern oder einem iranischen Gefängnis begegnen. Nach dem Konzert geht es um Mitternacht in der Bar mit bestem afrikanischem Jazz weiter. Und am nächsten Tag erzählen nach Berlin emigrierte Künstlerinnen der russischen Opposition bei 'performativen Stadtspaziergängen' von den Orten des russischen Exils im Berlin des vergangenen Jahrhunderts und der Gegenwart. Dass russische und ukrainische Künstler bei einem Festival auftreten, ist derzeit fast ein Ding der Unmöglichkeit."
Auch in der Nachtkritikfeiert Sophie Diesselhorst den gelungenen Brückenschlag zwischen den Communities, wovon auch die Wiederbelebung der einst legendären Schöneberger Pinguin Bar im Foyer des Festspielhauses zeuge, sie hat sich aber einen anderen Favoriten ausgesucht: "Der in Berlin lebende, aus Lesotho stammende FilmemacherLemohang Jeremiah Mosese verarbeitet in 'Ancestral Visions of the Future / Pageantry of Wailing' Motive aus seinen international vielbeachteten Filmen 'Mother, I Am Suffocating. This Is My Last Film About You' und 'This Is Not a Burial, It's a Resurrection' (beide 2019 herausgekommen). Und macht ein genuines Stück Theater draus. Visuelle Poesie mit langsam fließenden lebenden Bildern, die immer wieder von Sarai Coles Sopran emotional verstärkt und von Live-Performance durchbrochen werden."
Eine neue Wertschätzung für den Text im Theaterbemerkt Margarete Affenzeller vor der Verleihung des Retzhofer Dramapreis im Standard, ein neues Interesse an Sprache und Sprechweisen: "Dennoch stehen die Zeichen weiterhin auf Romandramatisierungen. Netflix heizt dem Theaterbetrieb gehörig ein und forciert eine Plotgetriebenheit, die die deutsche Autorin Ulrike Syha einmal zynisch kommentierte: 'Ich schreibe jetzt einen Roman, damit ich am Theater aufgeführt werde.'"
Besprochen werden Ewe Benbeneks Stück "Juices" am Nationaltheater Mannheim (zutiefst bewegend findet taz-Kritiker Björn Hayer diesen Text über Scham und Armut), Puccinis Oper "Turandot", die in Zürich als das Fragment gezeigt wird, das sie durch den Tod des Komponisten eigentlich geblieben ist (NZZ), Jules Massenets Salome-Vertonung "Hérodiade" an der Düsseldorfer Oper (bei der es Welt-Kritiker Manuel Brug aber deutlich sittsamer zugeht als in Richard Strauss' Version), das Stück "Now and Then" im English Theatre Frankfurt (das von einer Räumungsklage bedroht ist, wie Sylvia Staude in der FR hinzufügt) und der theatralische Musikabend "Spatz und Engel" bei den Burgfestspiele Bad Vilbel (FR).
Große Gesellschaft in Verona. Zur hundertsten Ausgabe des Opernfestivals wurde Verdis "Aida" gespielt, die Kunstfliegerstaffel der Frecce Tricolori sprühten im Tiefflug Grün, Weiß und Rot in den Himmel über das Amphitheater, und Anna Netrebko durfte singen. In der SZ bemerkt Michael Stallknecht, dass Netrebkos Ansehen schon wieder so weit hergestellt sei, dass sogar ihr Mann Yusif Eyvazov den Radamès geben durfte, findet die Inszenierung ansonsten aber solide: "Überhaupt wird trotz des Massenaufgebots bemerkenswert differenziert musiziert, klingt das Orchester der Fondazione Arena di Verona hochtransparent. Der italienische Dirigent Marco Armiliato verführt es immer wieder zu fast tänzerischer Eleganz, vermag aber bei Bedarf ebenso leichthin zuzuschlagen. In klaren Klanggesten tritt das Chiaroscuro der Partitur hervor." Im Standarderlebt Dominik Straub eher ein "mit großer Kelle" angerührtes, ganz und gar unpolitisches Spektakel.
Weiteres: Till Briegleb schreibt in der SZ zum Abschied des Intendanten Ulrich Khuon, der nach 14 Jahren das Deutsche Theater verlässt und interimsweise das Zürcher Schauspielhaus leiten wird.
Besprochen werden Ewe Benbenek Stück "Juices" (das Nachtkritiker Steffen Becker als Sprachkunstwerk lobt), Holger Schultzes "Hamlet"-Inszenierung am Theater Heidelberg (Nachtkritik), Anne Leppers "Jugend ohne Chor" am Staatstheater Darmstadt (FR), eine halbszenische Aufführung von Beethovens "Fidelio" in der Tonhalle Zürich (NZZ) und Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" an der Wiener Volksoper (Standard).
Immerhin, zum Schluss schimmert etwas Optimismus auf in Eva Langes Inszenierung von Anne Leppers Text "Jugend ohne Chor", atmetNachtkritikerin Shirin Sojitrawalla am Ende der Uraufführung im Staatstheater Darmstadt auf. Davor versuchte man in einer Backstube den Kapitalismus zu überwinden: "Um die Verkommenheit der Menschen geht es auch bei Lepper. Ihr titelgebender Chor ist dabei längst zur Massenware geworden, nichts Besonderes, man kann ihn im Internet bestellen und dann schon sehen, was man davon hat, im Kern tot, auf der Bühne in Darmstadt indes quicklebendig. Aus 60 spärlich bedruckten Seiten Text macht die Regisseurin und Co-Intendantin des Marburger Landestheaters, Eva Lange, 60 vielschichtige Minuten, die von krassen Licht- und lässigen Tonwechseln leben. Ihr Chor besteht aus sechs uniformen Menschen, die zu Anfang blonde Mireille-Mathieu-Perücken, später kahle Schädel tragen. Der Chor ist Volk, Gesellschaft, Publikum, kritisches Bewusstsein. Nichts Dramatisches mehr, sondern lediglich nice to have."
Weiteres: In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting der ungarischen Sopranistin Éva Marton zum Achtzigsten. Besprochen werden Alexander Zeldins Stück "The Confessions" bei den Wiener Festwochen (bisschen viel Klischees, meint Martin Lhotzky in der FAZ) und eine konzertante Aufführung von Massenets Oper "Hérodiade" an der Deutschen Oper Berlin (BlZ)
Relektüren des eigentlich sehr klassisch-romantischen Balletts "Giselle" haben Konjunktur, stellt Dorion Weickmann (SZ) fest, so auch an der Düsseldorfer Rhein-Oper. In der Inszenierung von Demis Volpi soll es darum gehen, die eigentlich binären Geschlechteroppositionen im Stück "queer und polyamourös zurechtzubiegen und mit feministischen Applikationen - Anleihen bei Virginia Woolf und Ingeborg Bachmann - zu versehen." Das gelingt zwar nicht immer, findet Weickmann, dennoch sieht sie Potential: "Schicksalsmomente ziehen vorbei, Sternstunden und Niederlagen. Es sind die Schwarmgeister, die Wilis in weißen Tutus, die diesem biografischen Defilee ein beinahe liturgisches Gepräge geben. Bei Volpi sind es Frauen und Männer, die den Totentanz vollführen - intensiv und anrührend."
Szene aus "Song of the Shank" in Wien. Foto: Nurith Wagner-Strauss
Ganz glücklich ist Maxi Broecking in der taz nicht mit der Uraufführung von George E. Lewis' Oper "Song of the Shank" bei den Wiener Festwochen: Die Geschichte um den schwarzen Komponisten "Blind Tom", als Sklave geboren, "hätte subtiler umgesetzt werden können, selbst wenn - quasi mit dem Holzhammer - deutlich wird, dass sich der in seinem Monolog selbst ermächtigende Tom zum Afropessimisten entwickelt hat: Auch in Zukunft wird sich nichts ändern." Der Ansatz für mehr Diversität auf den deutschsprachigen Bühnen ist aber durchaus lobenswert, so der Kritiker: "Im Unterschied zur Figur des 'Blind Tom' bleibt Lewis selbst optimistisch. Eine Botschaft seiner Oper sei, westliche Kultur in ihrer Selbstwahrnehmung zu dekolonisieren und zu erkennen, dass es weitaus mehr Perspektiven auf Musik gibt als jene, die wir gewohnt sind. Auch die einzige Künstlerin im Ensemble, die Bratschistin Megumi Kasakawa, ist zuversichtlich, dass es auch dort im Sinne der angestrebten Diversität bald mehr Instrumentalistinnen geben wird."
Besprochen werden außerdem Alexander Zeldins "The Confessions" bei den Wiener Festwochen(Nachtkritik, Standard), Joel Pommerats "Contes et Légendes", ebenfalls bei den Festwochen (Nachtkritik), Kathrin Kondaurows Inszenierung der "Fledermaus" an der Staatsoperette Dresden (nmz), Markus Öhrns Performance "Häusliche Gewalt" an der Volksbühne (BlZ) sowie Adam Ganz' Installation "Felix's Room" am Berliner Ensemble (FR).
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