Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2023 - Bühne

"Il teorema di Pasolini", Foto: Eike Walkenhorst.

NZZ
-Kritikerin Eleonore Büning hat sich die Giorgio Batistellis Opern-Adaption von Pier Paolo Pasolinis Film "Teorema" an der Deutschen Oper Berlin angesehen und ist begeistert. Fasziniert verfolgt sie, wie in "Il teorema die Paolini" die "Bilder laufen lernen" und ist vor allem beeindruckt von der musikalischen Gestaltung durch Daniel Cohen: "Sie beginnt mit einem krimireifen, zauberisch ins Glissando absinkenden Pistolenknall und entwickelt alsbald einen eigentümlichen Sog. Melodien sind rar. Doch betörend tonmalerische Orchesterzwischenspiele gliedern das Geschehen, auch der Warnschuss vom Anfang kehrt, wie ein Ausrufezeichen, von Zeit zu Zeit wieder. Effektvoll oszillieren die Sängerpartien, sie bewegen sich textnah, zwischen Sprechen, Sprechgesang und Rezitativischem, mit markanten Espressivo-Ausbrüchen."

Weitere Artikel: Antonia Munding besucht für das Van Magazin einen "Hidden Champion", nämlich das beherzte Theater Bielefeld. In der Zeit hat Peter Kümmel seine Freude daran, eine ganz spezielle Kulturtechnik genauer zu betrachten: den "Theaterhusten". Den gibt es nämlich in ganz verschiedenen Variationen, lesen wir. Die Palette reicht vom "feuchten Vorwurfs-" über den "Vertuschungshusten" (mit dem sich etwa Verpackungs-Knistern überdecken lässt), zum Echo-Husten (das dem Erst-Huster die Peinlichkeit ersparen soll). Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker einen Nachruf auf den Theaterproduzenten Jochen Hahn.

Besprochen werden Olivier Messiaens Oper "Saint François d'Assise" in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler an der Stuttgarter Staatsoper (Zeit, tsp), Julien Gosslins Inszenierung von "Extinction" bei den Wiener Festwochen, für die er Texte von Arthur Schnitzler und Thomas Bernhard fusioniert hat (SZ, Standard), die Theater-Installation "Felix' Room" von Adam Ganz am Berliner Ensemble (BlZ), Christine Wipplingers Inszenierung von Heinrich von Kleists Lustspiel "Der zerbrochn'e Krug" am Theater Meggenhofen (Standard) und Doris Harders Inszenierung von Shakespears "Ein Sommernachtstraum" im Globe Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2023 - Bühne

leicht bis in den Tod: Julien Gosselins "Extinction" bei den Wiener festwochen. Foto: Simon Gosselin

Size matters, ruft Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller nach dem Fünfstünder "Extinction", mit dem der französische Regisseur Julien Gosselin seinen Einstand bei den Wiener Festwochen gab. Ein echter Galaabend mit Thomas Bernhard, Schnitzler und Apokalypse: "Gosselin lässt die Zeit filmrealistisch aufleben, verankert die Jahrhundertwende thematisch mittels Psychoanalyse, Expressionismus, Trends wie Hypnose oder Haschisch sowie Disputen über Mahlers Kindertotenlieder. Die Erde beginnt alsbald tatsächlich zu beben und die Kamera stellt in einem weiteren harten Schnitt auf Farbe um und filmt ein makaberes Volksmusikringelspiel in Tracht und mit Hackebeil. An dem Punkt wurde bereits so viel Albtraumhaftes spürbar, dass das Massaker nur logisch erscheint." Nachtkritikerin Gabi Hift versank beim Schnitzler-Part geradezu in ihrem Theatersessel: "Eine wahre Hochglanzpracht im Stil der fünfziger Jahre Filme, wie etwa von Max Ophüls, opulent, elegant, changierend zwischen Melodram und Burleske... Gesprochen wird mal deutsch, mal französisch, in selbstverständlichem, verspieltem Wechsel. Französische Frivolität und schlamperte Wiener Sentimentalität harmonieren wunderbar - beide ironisch, beide leicht bis in den Tod."

Besprochen werden Aufführungen beim NRW-Theaterfestival "Impulse" (bei dem SZ-Kritikerin Cornelia Fiedler der "Trend hin zu konkreten, oft politischen Erzählungen und weg vom formal-ästhetischen Experiment" auffält), die Wiederentdeckung von Andrea Bernasconis Barockoper "L'Huomo" bei den Potsdamer Musikfestspielen ("Ein Ereignis!", ruft Peter von Becker im Tsp), die "Pension SchöllerInn" am Münchner Volkstheater (taz), Olivier Messiaens Monumentaloper "Saint François d'Assise" in Stuttgart (FR, Tsp), die Uraufführung von Giorgio Battistellis Pasolini-Oper "Teorema" ("Ohne jeden Mehrwert gegenüber dem Film", schimpft Manuel Brug in der Welt), Mozart-Opern bei der Landlebengala in Glyndebourne (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2023 - Bühne

Im Mai wurde die Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch verhaftet, einige Stücke wurden bereinigt und etliche weitere Künstler haben das Land verlassen. Aber im Grunde floriert das kulturelle Leben, berichtet Kerstin Holm in der FAZ aus Moskau, allerdings mit einem Hauch von Schwefel: "Der lustvolle Zyniker des russischen Theaters, Konstantin Bogomolow, vergießt unterdessen Krokodilstränen über die europaaffine Elite, die sich vom westlichen Luxus verabschieden muss. An der von ihm geleiteten Bühne an der Malaja Bronnaja läuft seine Farce 'Hamlet in Moscow', worin der Titelheld, ein Oligarchensohn, der in London lebte und Russisch mit britischem Akzent spricht, aus Anhänglichkeit an seinen im Corona-Koma verblichenen Vater auf dem als groteskes Requisit erscheinenden Geschlechtsorgan von dessen Geist Flöte spielt. Überhaupt wird die Frage nach Sein oder Nichtsein hier von der nach (auch sexuell ausgedrückter) Subordination beiseitegedrängt. Flankierend veröffentlichte Bogomolow ein Manifest, worin er Russlands Bruch mit Europa begrüßt und seine verwestlichte Finanz- wie Geisteselite, die dadurch entmachtet oder vertrieben wurde, verhöhnt."

Messiaens "Saint François d'Assise". Martin Sigmund / Staatsoper Stuttgart

Anna-Sophia Mahler
hat in Stuttgart Olivier Messiaens' tiefreligiöse Monumentaloper "Saint François d'Assise", als achtstündiges Volksfest mit Naturerfahrung inszeniert. In der FAZ ist Jan Brachmann nicht unbedingt glücklich mit dieser "Resignation vor dem Totalverlust der Transzendenz", tröstet sich aber mit der ungebärdigen Musik. Ähnlich geht es Egbert Tholl in der SZ: "Das Staatsorchester sitzt auf der Bühne und vollbringt Wunder, der Chor füllt die Ränder des Zuschauerraums und tut es den Instrumentalisten gleich. Was musikalisch hier passiert, ist von allergrößter Großartigkeit, Titus Engel dirigiert dieses hochkomplexe Konstrukt mit stupender Selbstverständlichkeit. Und Michael Mayes ist ein Ereignis. Sein François glüht, betört, die Stimme ist wundervoll lyrisch, aufbrausend, gleichzeitig hell und baritonal zornig."

Weiteres: In der Welt erlebt Manuel Brug Barrie Koskys Inszenierung von Poulencs "Dialoge der Karmeliterinnen" in Glyndebourne als Triumph. In der SZ stellt Michael Stallknecht den Verein Förderband vor, der sich für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Kulturleben einsetzt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2023 - Bühne

Giorgio Battistellis "Teorema". Foto: Eike Walkenhorst / Deutsche Oper Berlin

Der italienische Komponist Giorgio Battistelli hat zu Pier Paolo Pasolinis Film "Teorema" eine Oper geschaffen. In der FAZ ist Gerald Felber nicht unbedingt überzeugt von Battistellis routinierter Delikatesse und seinen den Raum "durchschlurfenden Klangbändern". Aber am Ende weiß er die Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin als Kontrapunkt zu unserer durchzappelten Welt zu schätzen: "Dass auch bourgeoise Clans so ihre Sorgen und leergelaufene Lebensentwürfe einen gewissen Ewigkeitswert haben - eigentlich geschenkt. Worüber man freilich nachdenken darf: ob sie damals, vor einem halben Jahrhundert, vielleicht doch ein anderes, existenzielleres Gewicht hatten als in unserer verzappelten, alle Tage neue Problemchen oder Sensatiönchen durch die Kanäle treibenden Gegenwart. Die bittere, selbst befragende Ernsthaftigkeit ins ganz Private hinein, wie sie Pasolini demonstrierte und schließlich auch selbst lebte: Sie kommt in dieser Opern-Umformung zwar einigermaßen aufgeweicht, aber immer noch deutlich genug herüber." Im Tagesspiegel schreibt Eleonore Büning.

Weiteres: Im Standard-Interview erzählt ein gut aufgelegter Klaus Maria Brandauer von den herrlichen alten Zeiten und erklärt, warum er nichts von Stundenplänen an Schauspielschulen hält und warum das Theater noch lange nicht am Ende sein wird: "Das Theater braucht nicht viel, ein Raum, ein paar Leute reichen. Wer je eine gelungene Theaterarbeit erlebt hat, vom Ich zum Du, vom Du zum Ich, der wird wieder versuchen, eine solche zu erleben."

in der taz unterhält sich Katrin Bettina Müller mit dem Intendanten des deutschen Theaters, Ulrich Khuon, der das Haus nach vierzehn Jahren verlässt, über seinen Lieblingsort, Diversität und die Notwendigkeit der Frauenquote: "Im Bühnenverein habe ich lange genug gedacht, das kommt so Schritt für Schritt. Am Anfang gab es eine Intendantin in unserer Männerrunde, 20 Jahre später waren 20 Prozent der Intendanten Frauen - aber 80 Prozent sind dann immer noch Männer, das geht zu langsam. Da muss man Druck aufbauen."

Besprochen werden die Diskursrevue "Shanzai Express" des Performancekollektivs andcompany&Co an der Berliner Volksbühne ("Die Kostüme sind der Hammer", versichert Nachtkritikerin Esther Slevogt), Jaz Woodcock-Stewarts "Jason Medea Medley" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik), Richard Strauss' "Salome" am Staatstheater Mainz (FR), Joël Pommerats Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" vom Schauspiel Leipzig im Zoo der Stadt (FAZ) und Yael Ronens Weltuntergangskomödie "Planet B" am Berliner Gorki-Theater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2023 - Bühne

Szene aus "Planet B". Bild: Stefan Di Buduo

Lange hat Christine Wahl (Tsp) im Theater nicht mehr so gelacht wie bei "Planet B", dem neuen Stück von Yael Ronen und Itai Reicher am Berliner Maxim Gorki Theater, das sich nicht weniger als das Massenartensterben vorknöpft. Nur fünf Prozent aller Arten haben das Wüten des Homo Sapiens überlebt - und müssen sich nun gegen Aliens zur Wehr setzen, resümiert Wahl: "Auch diesmal gibt es, verpackt in hochtouriges Pointen-Pingpong, jede Menge Debattenstoff. Der Survival-Show-Cast gibt sich als Fabeltiergrüppchen mit Humanspiegelbildfunktion zu erkennen: Orit Nahmias brilliert als aktivistisches Huhn und Aysima Ergün als kollektivistische Ameise. Alexandra Sinelnikova lässt als sexpositive Influencer-Füchsin keinen Zweifel daran, dass sie den urbanen Raum längst unter Kontrolle hat. Maryam Abu Khaled verströmt als Panda aus jeder Fellfalte die Depression, die eine Dauerdegradierung zum Kuscheltier zeitigt."

Alles wirkt "frisch und originell, weil die Charakterzüge - eine Verneigung vor der Fabel - auf allen Ebenen fein auf die tierischen Eigenschaften abgestimmt sind. Amit Epstein hat ihnen hinreißende Kostüme auf den Leib geschneidert, mehr menschliche Charakterhüllen als Tierhäute", kommentiert Nachtkritiker Georg Kasch. Und in der Berliner Zeitung amüsiert sich Doris Meierhenrich über "eine hintersinnig witzige SciFi-Komödie".

Besprochen werden Roger Vontobels "Macbeth" in einer Fassung von Elisabeth Bronfen bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (SZ, nachtkritik), Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" in der Inszenierung von fünf Regiestudierenden der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und RambaZamba-Intendant Jacob Höhne am Berliner RambaZamba Theater (nachtkritik) und das Musical "Bis keiner weint", eine der Neuköllner Oper mit dem Musical-Studiengang der UdK (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2023 - Bühne

"Abteilung Leben" am Theater Basel. © Ingo Höhn.

Büromief auf der Bühne - was langweilig klingen mag, wird für Simon Strauß (FAZ) in Christoph Marthalers Inszenierung "Abteilung Leben" am Theater Basel trotz leichter Längen ein anregender und atmosphärisch dichter Abend, wie er es von dem Schweizer Regisseur gewohnt ist, nicht zuletzt dadurch, dass er die Aufführung in ein altes Birsfeldener Gemeindeamt verlegt: "Die ausgesonderte Amtsstube bietet an sich schon eine wehmütig-verblichene Atmosphäre, die von Bühnenbildner Duri Bischoff noch unterstrichen wird: In einem der Zimmer scheint eben erst eine Weihnachtsfeier zu Ende gegangen zu sein, Lampions, Girlanden, Sektflaschen zeugen als traurige Überreste von einer gezwungenen Gemütlichkeit. Andernorts reinigt sich eine Kaffeemaschine alle fünf Minuten selbst und unterbricht damit den gelangweilten Redefluss einer Vorzimmerdame. Über Lautsprecher wird die aktuelle Höhe der Bestechungssumme für Baugenehmigungen durchgegeben - ganz ohne sozialkritische Spitze soll auch diese Inspektion nicht vonstattengehen."

Außerdem: Dem Frankfurter English Theatre, das größte seiner Art im kontinentalen Europa, droht eine Räumungsklage der Commerzbank, meldet die FR. Besprochen werden: Die Inszenierungen "Onkel Wanja" von Tomi Janežič und "La Obra" von Mario Pensotti (FAZ), "Song of the Shank" von George Lewis, "Contes et légendes" von Joel Pommerat und "Extinction" von Julien Gosselin (alle drei Standard), die bei den Wiener Festwochen aufgeführt werden.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2023 - Bühne

Besprochen werden die Komödie "Einszweiundzwanzig vor dem Ende" von Matthieu Delaporte am Renaissance-Theater Berlin in der Inszenierung von Sebastian Sommer (BlZ) und die Adaption von Delphine de Vigans Autofiktion "Nichts widersetzt sich der Nacht" am Deutschen Theater Göttingen in der Inszenierung von Schirin Khodadadian (taz).
Stichwörter: Autofiktion

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2023 - Bühne

Joachim Meyerhoff als Platonow. Foto: Armin Smailovic / Kammerspiele

Jette Steckel hat an den Münchner Kammerspielen Tschechows Stück "Platonow" als "Die Vaterlosen" inszeniert. Zeit-Kritiker Christian Gampert liebt das Stück über diesen gescheiterten Mann, der als Dorfschullehrer in seine Heimat zurückkehrt. Auch wenn der Kritiker nicht mit allem einverstanden ist, sieht er am Ende - vor allem dank Joachim Meyerhoff - Momente heller Wahrheit und des Theaterglücks aufleuchten: "Die grandiosen Schauspieler der Kammerspiele agieren diskurstheatermäßig vor sich hin, aber sie gehen auch in die Zonen, wo es wehtut. Die Regisseurin Jette Steckel wiederum weiß nicht so genau, wo man an diesem vierstündigen Abend dringend kürzen müsste (und will es wohl auch gar nicht wissen). Aber gerade aus dem Überflüssigen, aus dem Geschwätz entsteht jener merkwürdige Sog selbstquälerischer komischer Traurigkeit, der die Aufführung nah an uns heranrückt..." Auch in der FAZ lobt Christian Gohlke Steckels gekonnt zwischen Komik und Tragik changierende Inszenierung, die ihm eine sinnentleerte Gesellschaft vor Augen führt, die geradezu erschreckend modern auf ihn wirkt.

Weiteres: Im Standard berichtet Laurin Lorenz, dass die Leiterin des Wiener Max-Reinhardt-Seminars Maria Happel zurücktritt. Studenten hatten Lorenz zufolge mehrfach Missstände angeprangt, worauf Happel nicht hinreichend reagiert haben soll. Im Tagesspiegel blickt Sandra Luzina auf den Tanz im August voraus, dessen Programm der neue festivalleiter Ricardo Carmona vorgestellt hat.

Besprochen wird Franz Schrekers selten gespielte Oper "Der singende Teufel" in Bonn (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2023 - Bühne

In der Berliner Zeitung interviewt Aleksander Polozov den russisch-israelischen Regisseur Artur Solomonow, dessen Stück "Wie wir Josef Stalin beerdigten" jetzt auch im Berliner Theater im Palais gezeigt wird. Es geht darin um eine Theatertruppe, die verzweifelt versucht, ihr Anti-Stalin-Stück vor den Eingriffen des Präsidenten zu retten. In Moskau hatte es zu Kriegsbeginn Premiere, wie Solomonow erzählt: "Alle Beteiligten - die Schauspieler, der Regisseur, die Theaterleitung - waren schockiert, deprimiert, verwirrt. In diesem Moment war nicht klar, ob es moralisch richtig wäre, die Premiere stattfinden zu lassen. Wir entschieden uns, zu spielen. Am Tag der Premiere war der Saal gefüllt mit dem traurigsten Publikum, das ich je gesehen habe. Als die Aufführung zu Ende war, sprachen Zuschauer die Schauspieler an und sagten, sie seien schockiert gewesen, als sie von der Bühne hörten: 'Der Staat braucht Leichen! Er will die Toten! Der Mensch ist nichts, der Staat ist alles!' - Diese Sätze waren nicht die wichtigsten im Stück, als wir mit den Proben begannen. Aber das Leben selbst hat diese schrecklichen Akzente gesetzt."

Weiteres: Beglückt berichtet Jan Brachmann in der FAZ, dass ein Berliner Antiquar auf acht bisher unbekannte frühe Arien des Komponisten Christoph Willibald Gluck gestoßen ist. In der Nachtkritik erkundet Dorte Lena Eilers, Professorin für Kulturjournalismus, die Lage an den Münchner Kammerspielen und beantwortet jede Aussage von Intendantin Barbara Mundel zu stadtpolitischen Interventionen, Diversity und Klassismus mit einer Frage. "Dennoch scheint es, als würden sich die Kammerspiele in den Widersprüchen derzeit eher noch verhaken, anstatt sie auf die Bühne zu bringen. In die Konfrontation, sagt Mundel, könne man ja nur gehen, wenn man ganz genau wisse, worin sie besteht. Muss man es so genau wissen? Oder lässt es nicht gerade das Theater zu, Beobachtungen, Haltungen, Diskurse offen zu lassen?"

Besprochen werden die Bühnenfassung von Nino Haratischwilis Variation "Phädra, in Flammen" am Berliner Ensemble (die zum Ärger von FAZ-Kritikerin Irene Bazinger Euripides' Drama zur Geschichte einer privilegierten Frau in der Midlife-Crisis vereinfache), von Hengameh Yaghoobifarahs Roman "Ministerium der Träume" am Staatstheater Kassel (FR), Ewelina Marciniaks "Tove-Projekt am Frankfurter Schauspiel (das SZ-Kritiker Egbert Tholl zufolge Tove Ditlevsens Autobiografie verheerend glättet), René Polleschs Bühnensause "Mein Gott, Herr Pfarrer!" an der Berliner Volksbühne (taz) und Auftritte unter anderem von Lise Davidsen bei den Festspielen in Bergen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2023 - Bühne

Kyle Abrahams" Mixed Repertoire". Foto: Christopher Duggan / Kampnagel

Alles Wichtige über schwarze Kultur und schwarze Geschichte sieht FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster von Kyle Abraham und seiner New Yorker Tanzkompanie A.I.M. verhandelt. Aber der Abend "Mixed Repertoire" auf Hamburgs Kampnagel öffnete ihr auch in anderer Hinsicht die Augen: "Zwei Mitglieder des ausschließlich schwarzen Ensembles definieren sich als non-binär, und auch darin ist dieser Tanz auf poetische und unideologische Weise politisch. Es wird nämlich deutlich, dass Abrahams Tänze, die im wechselseitigen künstlerischen Vertrauen mit den Tänzern entstehen, jeden ihrer Körper in seinem ganz eigenen, besonderen Körpergefühl tanzen lassen. Was noch lange auch im zeitgenössischen Tanz klar aufgeteilt war - hier die Männer, athletischer, größer, stärker, hilfreich haltend, hebend und tragend, und dort die Frauen, zarter, elegischer, schmaler, elfenhafter und anschmiegsamer -, das ist hier auf eine Weise individualisiert, die keine Fragen aufkommen lässt. Plötzlich ist klar: Diese Entwicklung ist nur folgerichtig und natürlich. Alle können so sein, wie sie möchten. Verblüffend, dass das je anders war im sogenannten modernen Tanz!"

Besprochen werden René Polleschs Spektakel "Mein Gott, Herr Pfarrer" mit Sophie Rois an der Berliner Volksbühne (das Nachtkritikerin Stephanie Drees als "Gaga-Komödie der Extraklasse" würdigt, SZ), das "Das Tove-Projekt" am Schauspiel Frankfurt (FR), Jette Steckels Inszenierung von Tschechows "Die Vaterlosen", auch als "Platonow" bekannt, an den Münchner Kammerspielen (SZ, Nachtkritik) und Aufführungen bei den Wiener Festwochen (Standard).