Im Kino
Den Hühnern zum Fraß
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
13.11.2024. Keineswegs bloße Nachlassverwaltung betreibt Ridley Scott in seinem Historienfilm-Blockbustersequel "Gladiator II". Stattdessen erzählt der neue Film auf idiosynkratische Art die Geschichte des allzu bedeutungsschweren Originals als Farce nach.
"Gladiator" begann mit dem Traumbild einer Hand, die weihevoll durch ein Kornfeld streicht. Wie der Regisseur des Films, Ridley Scott, diese Einstellung 24 Jahre später wieder aufgreift und weiterdenkt, könnte der nicht von ungefähr schlecht beleumundeten Kunstform der Legacy Sequels - spät nachgereichten Fortsetzungen, die ihre Geschichte als wieder aufgenommene Kontinuität erzählen - zu einer Daseinsberechtigung verhelfen: Wieder eine Hand, sie gehört Paul Mescal, greift in eine Schüssel… und wirft das geerntete Korn den Hühnern zum Fraß vor.
Mescal spielt in "Gladiator II", das wissen wir als Zuschauer früher, als es die Geschichte seinen anderen Figuren zu erkennen gibt, Lucius Verus, der im Vorgängerfilm nach dem Tod seines Onkels, Kaiser Commodus (Joaquin Phoenix), als 12-Jähriger aus Rom entfernt wurde und in den zwischen beiden Filmen liegenden 20 Jahren in einer nordafrikanischen Provinz aufwächst, die sich als eine der wenigen der Kolonialisierung widersetzt. Bei einer Auseinandersetzung mit dem Heer des Tribuns Acacius (Pedro Pascal) wird Lucius gefangen genommen und gelangt als Sklave wieder in das Römische Reich, das er als Gladiatorenkämpfer ähnlich durchschreiten muss wie seinerzeit Russell Crowe.
2000 stellte "Gladiator" den kommerziell geglückten Versuch Ridley Scotts dar, sich nach einer Dekade voller finanzieller Tiefschläge und unzulänglicher Großprojekte eine neue Form von Respektabilität als Blockbuster-Regisseur zu erarbeiten. Das geradezu ridikül ernsthafte, von keinerlei Ironie getrübte Pathos des Films schien an der Jahrtausendwende unverhofft den Zeitgeist zu treffen und führte eine Welle an weiteren, dem Historien- und Sagenreservoir der Antike entlehnten Monumentalfilmen wie Oliver Stones "Alexander" oder Wolfgang Petersens ungleich lustvolleren und verspielten "Troy" nach sich. Von heute aus betrachtet, lässt sich gleichwohl in vielen ästhetischen Entscheidungen des Films, dem Hang zum monochromen Colorgrading etwa, dem Wechsel von Bildfrequenzen bei dynamischen Szenen und der zunehmenden Dominanz von CGI bei Szenerien und Schauplätzen, der Beginn eines Tentpole-Kinos erkennen, wie es seitdem den amerikanischen Mainstream dominiert.

Scott schien stets mit seiner Nobilitierung durch den Film gefremdelt zu haben, entzog sich in Folge immer wieder den allzu passgenauen Vereinnahmungsversuchen der Filmbranche durch missglückte Komödienprojekte wie "A Good Year" oder eigensinnige Genremischungen wie "The Counselor". Zu sehr gehen bei ihm oftmals Grandiosität und hochbudgetierte Gigantomanie mit einem selbstbewussten Hang zur handwerklichen Schludrigkeit und Sorgenlosigkeit einher, einer irritierenden Unberechenbarkeit, die seine Filme nicht von ungefähr zu einem bevorzugten Studienobjekt des sogenannten vulgar auteurism machen. Wie zuletzt bei seinen unverhältnismäßig ungeliebten Fortsetzungen des "Alien"-Franchises, "Prometheus" und "Alien Covenant", kümmert er sich auch bei "Gladiator II" herzlich wenig um Erwartungen. In allen wesentlichen Motiven und Handlungsentwicklungen folgt der Film zwar seinem Vorgänger wie auf einer nachschraffierten Route, unterwandert aber dessen dramatische Rachetheatralik durch einen idiosynkratischen Hang zu verkomplizierten Soap-Opera-Konflikten und spleenigen Attraktionen, die ähnlich wie zuletzt im wundervoll launigen Biopic-Schmierentheater "Napoleon" eher als ein Steinbruch mehr oder minder inspirierter Miniaturen funktionieren.
Anders als die Gladiatorenkämpfe des ersten Films, die sich mit Steadicams gefilmt ganz auf die körperliche Präsenz des seine Starqualitäten entdeckenden Crowe konzentrierten, sind die Gefechte nun ein indifferent wuselnder Rummel voller Sehenswürdigkeiten: Wilde, durch Pfeile in Erregung gebrachte Paviane stürzen sich mit tödlichen Nackenbissen auf die Kämpfer, ein römischer Legionär reitet auf einem monströs überproportionierten Nashorn durch die Arena, die schließlich mit Wasser geflutet wird, damit darin inmitten von Haien die Schlacht von Salamis nachgespielt werden kann. Spätrömische Dekadenz feiert Ridley Scott in farbsatten Bildern als eine Komödie des Spektakels und der Lächerlichkeit - von niemandem besser verkörpert als von Denzel Washington in der Rolle eines mit Ketten behangenen Sklavenhalters, der als einziger Schauspieler des Films das Prinzip des Durcharbeitens des Originals als Farce verstanden zu haben scheint. Mit 86 Jahren kümmert sich Scott nicht mehr um Ruf und Nachlassverwaltung, er wirft lieber einen seiner respektiertesten Filme den Hühnern zum Fraß vor.
Kamil Moll
Gladiator II - USA 2024 - Regie: Ridley Scott - Darsteller: Paul Mescal, Pedro Pascal, Joseph Quinn, Connie Nielsen, Denzel Washington - Laufzeit: 148 Minuten.
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