Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2024 - Kunst

Eine Ai-Weiwei-Lego-Arbeit nach Vorlage Gustav Klimts stellt Olga Kronsteiner im Standard vor. Felicia Okçu spricht für monopol mit dem Installationskünstler Andrés Reisinger. In der taz interviewt Johanna Weinz den Zeichner Tobias Vogel.

Besprochen werden die Frans-Hals-Schau in der Berliner Gemäldegalerie (Berliner Zeitung), die Schau "Casablanca Art School" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn (SZ), die Ausstellung "Schauen erlaubt?" im Innsbrucker Schloss Ambras (Standard), "The Soul Station", eine interaktives Multimedia-Schau in der Halle am Berghain (monopol) und in einer Doppelbesprechung die Ausstellungen "Twilight is a Place of Promise" und "Aeroplastics" bei den Berliner Galerien Esther Schipper beziehungsweise Max Goelitz (taz Berlin).
Stichwörter: Casablanca, Berghain, Ai Weiwei

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2024 - Kunst

Bild: Sophie Taeuber-Arp, Motif abstrait (masques), Composition verticale-horizontale, 1917 © Stiftung Arp e.V., Rolandswerth/Berlin

Die Künstlerinnen des Dada wurden auch vergessen, weil sie oft keine Autorschaft auf ihre Werke erhoben - oder dem Kunstgewerbe zugeschlagen wurden, lernt Katrin Bettina Müller (taz) in der Ausstellung "der die Dada. Unordnung der Geschlechter" im Arp Museum Remagen: "Zu Dada in Köln gehörten Agnes Arntz, Angelika Hoerle und Marta Hegemann. Letztere hat 1926 August Sander fotografiert, mit einer Zeichnung von zwei Vögeln im Gesicht, die über ihre Wange fliegen. Von ihr zeigt die Ausstellung eine fantastische Landschaft (1939), in der Hände und Vogelköpfe aus amorphen Formen steigen: Sind es Hilferufe in einer Kulisse voller Ruinen? In einem Selbstporträt (mit kurzem Haarschnitt) hat sie sich als Torso dargestellt, eine klassische Form der Kunstgeschichte, in der ihr aber mit den Armen jeglicher Handlungsspielraum fehlt. Nicht alle der vorgestellten Frauen haben ein künstlerisches Werk so wie Hegemann hinterlassen, oft verlieren sich ihre Spuren auch in wenigen Dokumenten."

Bild: Keith Haring, Untitled, 1982, UAB 1317 © The Keith Haring Foundation. Foto: Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München

Nicht nur die Neue Nationalgalerie feiert aktuell einen bislang unbekannten Warhol (unsere Resümees), auch das Münchner Museum Brandhorst zeigt Andy Warhol, allerdings neben Keith Haring. Denn wie weit die New Yorker Künstler einander inspirierten, war bisher wenig bekannt, erfährt Gabi Czöppan (Tsp) in der Ausstellung "Party of Life": "Klug stellt sie die Werke Warhols neben die von Haring und entlarvt, warum beide voneinander lernten. Gleich im ersten Raum fällt der Blick auf das bunte BMW-M1-Rennauto, das Warhol 1979 in einer Blitzaktion von nur 28 Minuten selbst anmalte, angeblich ohne ein Honorar dafür erhalten zu haben. Dahinter hängen Strichmännchen, die Keith Haring einst auf eine rohe Wand strichelte, bevor sich Galeristen das Kunstwerk von der Straße unter den Nagel rissen. Man sieht Andys schillernde Selbstporträts in weißer Silberperücke neben dem quietschbunten Comicporträt des Nerd-Brillen-Boys und Harings Porträt von Warhol als Micky Maus mit Dollarzeichen vor den Augen. Harings 'Pop Shop' von 1986, in dem man die Strichmännchen des Künstlers auf Skateboards, Buttons und T-Shirts für wenig Geld kaufen konnte, ist wieder aufgebaut."

Weitere Artikel: Nach der Diebstahl-Serie im British Museum war dessen Direktor Hartwig Fischer zurückgetreten, nun ist Fischer laut saudischer Museumskommission zum Gründungsdirektor eines neuen Museums für Weltkulturen in Riad ernannt worden, meldet Alexander Menden in der SZ. Hannes Hintermeier resümiert in der FAZ eine Tagung mit dem Titel "Die Rache des Tafelbildes" im Rahmen der Kulturhauptstadt Salzkammergut.

Besprochen werden die Gruppenausstellung "Sommer 24" des CCA Berlin im Neubau der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche (taz) und die Ausstellung "Louise Bourgeois. Unconscious Memories" in der Galleria Borghese in Rom (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2024 - Kunst

Untitled 2002 Tapestry and aluminum 30,5 x 30,5 x 30,5 cm Collection The Easton Foundation, New York - All images are © The Easton Foundation

Alle Sinne "vibrieren" bei Welt-Kritikerin Gesine Borcherdt in der Ausstellung "Louise Bourgeois: Unconscious Memories" in der Galleria Borghese in Rom: Die Schau traut sich einiges, indem sie die Skulpturen der Avantgardistin neben die Werke der alten Meister stellt - und es funktioniert prächtig, jubelt Borcherdt: "Tatsächlich sind es ihre Stoffskulpturen, die noch aus der Werkstatt der Eltern stammen, die in der gesamten Schau hervorstechen: "mumienartige Köpfe aus kunstvoll bestickten, oft zusammengeflickten Teppichteilen sind wie blind starrende Wesen in der Sala degli Imperatori aufgestellt, inmitten repräsentativer Marmorbüsten und Berninis berühmter, vor Dynamik beinahe berstender Skulptur Raub der Proserpina. Bourgeois' Köpfe bilden Innenbilder, Metaphern für die verletzte Seele, die neben den idealisierten Abbildern großer Männer gespenstisch und kraftvoll erscheinen."

Weitere Artikel: In der FAZ erklärt Marc Zitzmann, warum Emmanuel Macrons Pläne, bei der Restaurierung von Notre Dame, Modernisierungen an den von Viollet-le-Duc gestalteten Kirchenfenstern vorzunehmen, nicht mit dem Denkmalschutz vereinbar sind und gestoppt werden müssen. SZ, FR und Tagesspiegel schreiben Nachrufe auf den amerikanischen Videokünstler Bill Viola. Marion Löhndorf besucht für die NZZ die Künstler Gilbert Prousch und George Passmore in London.

Besprochen werden zwei Ausstellungen zum 40-jährigen Bestehen des Braunschweiger Photomuseums: "Back to where we have started from" in der Städtischen Galerie Halle und "Erinnerungsbilder" im Museum für Photographie in Braunschweig (taz) und die Ausstellung "Van Gogh und die Sterne" Fondation Vincent van Gogh Arles (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2024 - Kunst

Frans Hals, Regenten des Altmännerhauses, Ausschnitt, 1664, Rijksmuseum Amsterdam. Foto: Wikipedia


Gestern wurde sie nun eröffnet, die große Frans-Hals-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie. Wer gravitätisch will, muss woanders hin, bei Hals erfreut sich das Bürgertum lustvoll und höchst menschlich an seinem Wohlstand, notiert ein von roten Nasen, prallen Backen und lässig drapierten Armen sichtlich beeindruckter Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Schon ein Zeitgenosse von Hals rühmte, dessen Bilder "seien gemalt, 'dass sie zu leben und zu atmen scheinen'. Eben diese Lebensechtheit ist es, die auch heute unvermindert anspricht. Hals hält seine Porträts in der Schwebe zwischen Würdeform und Bloßstellung, doch goutierten seine Auftraggeber genau diese Ambivalenz." FAZ-Kritiker Andreas Kilb betrachtet ehrfürchtig das Gruppenporträt der "Regenten des Altmännerhauses", das, wie er meint, vielleicht zum letzten Mal außerhalb der Niederlande gezeigt wird und in dem er "Vollendung und Kontrapunkt zugleich" von Hals' Schaffen erkennt. Gelacht wird hier nicht mehr. "Aber man muss in Berlin nur das Doppelporträt des Mennoniten Lucas de Clercq und seiner Ehefrau Feyntje von 1635 betrachten, um zu erkennen, dass in der Menschlichen Komödie, die Hals malte, bevor Balzac sie schrieb, von Anfang an der Knochenmann steckte."

Weitere Artikel: Die Kunstsammlung des Bundes geht an das Berliner Museum Hamburger Bahnhof, meldet eine überaus zufriedene Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. In der FAZ empfiehlt Ursula Scheer den Berlinern, sich das "Karlsruher Skizzenbuch" von Caspar David Friedrich anzuschauen, das noch bis 18. August im Berliner Kupferstichkabinett ausgestellt ist. Marie Haefner berichtet in der FAZ von der Fotografieausstellung "Les rencontres d'Arles". Freddy Langer gratuliert in der FAZ dem Fotografen Lee Friedlander zum Neunzigsten. Einen Nachruf auf den Fotografen Thomas Höpker schreiben Gerrit Bartels im Tagesspiegel, Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung und Willi Winkler in der SZ.

Besprochen wird eine Schau in der Berliner Gemäldegalerie, die an den Kaufmann und Schulmäzen Sigismund Streit erinnert (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2024 - Kunst

Mohammed Chabaa: Ohne Titel. Foto: Fouad Mazouz.

Werke aus der Casablanca Art School, die in Marokko von 1956 bis in die achtziger Jahre reichte, bekommt man unverständlicherweise fast nie zu sehen, umso besser, dass nun in der Frankfurter Schirn rund hundert davon in einer Ausstellung dieser postkolonialen Avantgarde zu sehen sind, freut sich Lisa Berins in der FR: "Maßgeblich treiben drei Künstler die neue Kunstbewegung an: Farid Belkahia (1934-2014), (…) sowie Mohammed Chabâa (1935-2013) und Mohamed Melehi (1936-2020), die Dozenten für Malerei, Collage und Fotografie, Grafik und Raumgestaltung werden. Ihre künstlerische Arbeit ist ein Befreiungsschlag von den kolonial und akademisch geprägten Vorstellungen von Kunst und Lehre: Statt des Studiums der klassischen schönen Künste, wie sie bisher in der Kunstakademie gelehrt wurden, geht es jetzt um einen eigenen Ausdruck, eine eigene Identität: Inspiration finden die Künstler im afro-amazighischen Erbe, in traditionellen marokkanischen Künsten wie der Deckenmalerei, Teppichen, Schmuck und Kalligrafie. Ihre kulturellen Wurzeln verbinden sie mit der Moderne, mit Abstraktion und den Prinzipien des Bauhauses."

Farid Belkahia war vielleicht der wichtigste Vertreter der Casablanca Art School, meint in der FAZ Katinka Fischer. Das lege auch die Ausstellung nahe: "In dem chronologisch organisierten, ein Vierteljahrhundert umspannenden Rundgang stammt das erste wie das letzte Werk von ihm. Zwei kleine, noch vor seinem Amtsantritt an der Casablanca Art School entstandene Ölmalereien erinnern an die Art Brut von Jean Dubuffet. Ein Wesen mit kreisrundem Kopf und ebenso geformtem, wie im Munch-Schrei geöffnetem Mund sowie eine an den Füßen aufgehängte Figur sind politische Motive. Das geben auch die Titel 'Cuba Si' und 'Sévices', was so viel wie Misshandlung bedeutet, zu erkennen. Gleiches gilt für Belkahias extrem querformatiges, 'Bataille' betiteltes Kupferrelief. ... Seine erdfarbene Farbpalette behält der Künstler in der mehrteiligen, 1985 entstandenen 'Procession' bei. Die kantenlosen Formen, die sich wie ein Puzzle ineinanderfügen, und die Materialien - Leder auf Holz - unterstreichen den Eindruck einer naturnahen Volkskunst, der von den geometrischen Tuschzeichnungen, die darauf zu sehen sind, aber gebrochen wird."

Weiteres: Die NZZ ärgert sich, dass das von Agnes Denes als Konzeptkunstwerk für die Art Basel angelegte Weizenfeld "Wheatfield - A Confrontation" von den Verantwortlichen nun "dem Verfall überlassen" wird. Der Fotograf Thomas Hoepker ist im Alter von 88 Jahren gestorben, Nachrufe gibt es in der FAZ, bei Zeit Online und bei Monopol.

Besprochen werden die Ausstellungen "Courage: Wilhelm Lehmbruck und die Avantgarde" Lehmbruck-Museums in Duisburg (FAZ), "Frans Hals. Meister des Augenblicks" in der Gemäldegalerie (tagesspiegel), "Der große Schwof - Feste feiern im Osten" in der Kunsthalle Rostock (monopol) und "Lucia Moholy: Exposures" in der Kunsthalle Prag (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2024 - Kunst


Eva Beresin | Thick Air, 2021 | ALBERTINA, Wien © Eva Beresin | Foto: ALBERTINA, Wien

Ulf Erdmann Zieger (FAZ) kommt hochbegeistert aus der Ausstellung "Dicke Luft" der Künstlerin Eva Beresin in der Wiener Albertina. Orgien, Menschen, Tiere und Räume, deren Grenzen zerfließen - Ziegler weiß kaum, wo er zuerst hingucken soll: "Das Laute und Frivole dieses Werks wird begleitet von Zweifel und Hohn; das Karnevaleske konterkariert von tausend Fiesheiten im Detail. Es ist nicht der Wiener Schmäh, der dieses Werk nah an der Flamme hält, sondern ein gewisser Ekel vor dem Guten, Wahren und Schönen." Der Ausstellung vorausgegangen ist die umfangreiche Auswertung des Tagebuchs von Beresins Mutter, die in Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Zieger liest die Verarbeitung von Geschichte in der allegorischen Bildsprache Berensins als "geglückten Versuch einer kompletten Subjektivierung der Lebensform. Er zeigt den Triumph einer schrillen Gegenwart über eine niemals so ganz zu begreifende Geschichte. Der Triumph wird beschleunigt durch die Überwindung von Skrupeln. Beresins frühes Alterswerk ist nicht zynisch, sondern rücksichtslos, gegen alles und sich selbst."

Frans Hals, Singender Knabe mit Flöte, Detail, um 1627 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Eine in sich widersprüchliche, spielerische Kunst. So liest Hanno Rauterberg für die Zeit die Gemälde von Frans Hals, die ab morgen in der "fulminanten Ausstellung" der Berliner Gemäldegalerie zu sehen sind. Hals malte Porträts, doch interessierte ihn mehr, was Gesichter zu verbergen haben, meint Rauterberg: "Das Steife und Präzise lässt er zurück, er will kein Maler sein, der sich mikroskopierend über die Gegenwart beugt, damit ihm nichts entgeht und alles ja seine ordnungsgemäße Form erhält. Nein, Hals ist kein Ab-, er ist ein Durchmaler. Seine Farbe deckt nichts zu, sie umschreibt, sie öffnet, wird sich selbst zum Spiel. Und wenn Hals einen Jungen malt, nur das Gesicht und eigentlich nur dessen ungebändigten Wuschelschopf, dann wirkt es fast, als habe das Kind keine Haare, dafür aber viele wild hingeschlenkerte Pinselspuren auf dem Kopf."

Weitere Artikel: FAZ, FR und Tagesspiegel freuen sich, dass die Klassik Stiftung Weimar, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Caspar David Friedrichs "Karlsruher Skizzenbuch" haben erwerben können.

Besprochen werden die Ausstellungen "Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" mit Werken von 26 "Städel-Frauen" im Frankfurter Städel Museum (FAZ), "Together We Stand" mit Werken von Marinella Senatore im Kunsthaus Stade (taz), "Territory Defense" von Marcel Dzama und Michael Sailstorfer im Münchner Kunstraum Temporary Contemporary (Tsp) und die diesjährige Auswahl des wichtigen Fotofestivals "Rencontres" im französischen Arles (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2024 - Kunst

Louise Breslau, Jeune femme et chrysanthèmes - Porträt von Mina Carlson-Bredberg, 1890. Foto: Kulturmuseum St. Gallen, Michael Elser

Das Städel Museum Frankfurt widmet einem von der Kunstgeschichte weitgehend übersehenen Netzwerk von Künstlerinnen - einem von vielen - eine umfangreiche Schau. Im Zentrum der Ausstellung, die Werke von 25 Malerinnen und Bildhauerinnen präsentiert, steht Ottilie W. Roederstein (1859-1937). Ein wichtiger Ort für das Netzwerk war, schreibt Lisa Berins in der FR, Paris: "In der französischen Kunstmetropole herrschte in den 1880ern ein freiheitlicheres Klima als in Deutschland. Künstlerinnen konnten dort in privaten 'Damenakademien' lernen und lebten oft in Wohngemeinschaften, weil es sich für eine Frau nicht gehörte, alleine zu wohnen. Louise Breslau war eng mit Roederstein befreundet. Auf ihrem 'Porträt der Freunde' von 1881 hält sie sich und ihre Künstlerinnen-WG mitsamt zotteligem Hündchen auf dem Tisch fest. Das Bild ist ein schöner Opener der Ausstellung, es will sagen: Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern um Zusammenhalt, auch um Freundschaft."

Till Briegleb betrachtet in der SZ Fotografien Henri Cartier-Bressons, die derzeit im Hamurger Bucerius-Kunst-Forum ausgestellt sind. Besonders beeindruckt ist er von Fotografien, die der Künstler am Rande weltgeschichtlich wichtiger Ereignisse schießt. Und zwar, weil sich Cartier-Bresson konsequent von den vermeintlichen Hauptpersonen abwendet: "Wackelnd wie ein Boxer oder nervös wie eine Libelle fixierte der ständig Angespannte mit seiner Leica das Geschehen und entschied sich dann, lieber die Schaulustigen der Krönungsparade mit ihren selbstgebastelten Periskopen zu zeigen, die verzweifelten und trauernden Menschen rund um Gandhis Einäscherung in Delhi 1948, oder mit der Waffe noch ungeschickte Zivilisten in den Straßen von Paris, die auf deutsche Landser zielen."

Außerdem: Thomas Wochnik schippert im Tagesspiegel mit dem Ausstellungsschiff Hošek Contemporary über die Spree. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an Sigismund Streit, Kunstmäzen aus dem 18. Jahrhundert.

Besprochen werden die Schau "Luiz Roque, Pia Arke, Jimmy DeSana & Paul P." im KW Institute for Contemporary Art, Berlin (monopol) und die Sonderausstellung "Prinzip Held* - Von Heroisierungen und Heroismen" im Militärhistorischen Museum Flugplatz Berlin-Gatow (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2024 - Kunst

'Hurrah! for the Whaler Erebus! Another Fish!' exhibited 1846, Joseph Mallord William Turner. Foto: Tate.


FAZ-Kritiker Stefan Trinks kommt in der Ausstellung "Turners sublimes Vermächtnis" im Grimaldi Forum in Monaco nicht nur in den Genuss, die schönsten Werke Turners zu sehen. Es eröffnet sich ihm mit der Verortung seines Werkes in Edmund Burkes "Theorie des Sublimen" auch eine ganz neue Perspektive auf die Bilder: "Eine schmale Serie von Bildern hat Turner den Grausamkeiten des Walfangs gewidmet, die innerhalb der Epoche des Sublimen zum Subtilsten gehören, was er geschaffen hat. Sein schon ironietriefend betiteltes Großformat 'Hurra dem Walfänger Erebus! Noch ein Fisch!' von 1846 lässt das gewaltige Tier zwischen den Menschenmassen links zu Boote und den mit unschuldig weißen Segeln getakelten Zweimaster Erebus am rechten Bildrand regelrecht verschwinden, als sei er bereits vollständig zu Tran verarbeitet. ... Alles ist in ein so gedämpftes wie scheinbar versöhnliches goldenes Licht getaucht; die wie Liliputaner auf das Tier einhackenden Waljäger sind wiederum nur in Karmesinrot konturiert."

People of Salt / 2024 / installation / metal, aluminum, scythes, pumps, water, potassium permanganate, potassium, found objects / courtesy of the artist. Biennale Matter of Art 2024, National Gallery Prague - Trade Fair Palace © Jonáš Verešpej


Yelizaveta Landenberger reist ebenfalls für die FAZ auf die Kunstbiennale "Matter of Art" in der Prager Nationalgalerie. Zu den Highlight gehört eine "eigenwillige Brunnenskulptur" des belarussischen Künstlers Uladzimir Hramovich mit dem Titel "People of Salt": "Aus verrosteten Arbeiterschutzhelmen sprudelt braunes Wasser, gerade gebogene Sicheln sind wie Bajonette auf Metallspeere aufgesteckt, von denen Seitenbleche mit rötlichen Salzkristallen abstehen. Der Titel erinnert an den Aufstand der Arbeiter in den Salzminen in der belarussischen Stadt Salihorsk während der gescheiterten belarussischen Revolution von 2020. Nachdem die friedlichen Massenproteste gegen die Dauerherrschaft von Alexander Lukaschenko gewaltsam niedergeschlagen wurden, mussten viele, auch Hramovich, das Land verlassen." Leider sieht Landenberger auch "ärgerlich schwache Arbeiten" - vielleicht haben sich die Kuratoren mit einer sehr politischen Ausrichtung etwas überschätzt, meint sie.

Besprochen wird die Ausstellung "Was sind das für Zeiten? - Grosz, Brecht & Piscator" im Kleinen Grosz Museum in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2024 - Kunst

John Singer Sargent Lady Agnew of Lochnaw (1864-1932) 1892 National Galleries of Scotland. Purchased with the aid of the Cowan Smith Bequest Fund 1925

Die Werke des "letzten Porträtfürsten" John Singer Sargent kann sich Manuel Brug (Welt) wieder und wieder anschauen, denn es gibt immer etwas Neues zu entdecken. So auch in dieser Schau: "Sargent and Fashion" in der Tate Britain in London nimmt die prunkvollen Roben der Belle Époque in den Blick, die auf den Bildern die zweite Hauptrolle spielen. Ein paar der Originalkleider gibt auch in Echt zu sehen "aus Chiffon und Tüll, Filz und Pelz, Samt und Käferpanzern". Aber während man denen ihr Alter ansieht, bleiben die Stoffe auf den Bildern für immer prunkvoll: "Da ist natürlich 'Madame X': Jenes Skandalbild aus dem Pariser Salon von 1884, wo ein heruntergerutschter Träger der Abendrobe im Verein mit einem angeblich zu herausfordernden Blick für eine verheiratete Frau negativ Furore machte, das unbotmäßige Kleiderteil musste übermalt werden. Aber da sind auch 'Nelke, Lilie, Lilie Rose' von 1885: Zwei Mädchen in weißen Kleidern zünden in einem Liliengarten Lampions an, ein Mirakel zarter Farbigkeit, impressionistisch anmutend, doch mit sehr konkretem Strich gemalt."

Birgit Rieger unterhält sich im Tagesspiegel mit dem scheidenden Direktor der Berliner KW Institute for Contemporary Art, Krist Gruijthuijsen, zum Ende seiner Amtszeit. Im Gespräch skizziert Gruijthuijsen Profil und Entwicklung des Ausstellungsortes KW und erläutert das kuratorische Leitkonzept der letzten Jahre. Außerdem thematisiert er Joe Chialos Antidiskriminierungsklausel: "Diese Klausel hat uns allen großen Stress bereitet. Ich habe mich bemüht, dem Kultursenator und der Politik nahezubringen, dass wir nur gemeinsam gegen Diskriminierung kämpfen können, dass wir uns jedoch gegenseitig zugleich Freiheit zusichern müssen. Antidiskriminierung muss gelebt werden, wir sitzen in der Kultur alle im selben Boot. Aber wir positionieren uns wie Gegner*innen und verstehen die gemeinsamen Ziele nicht mehr. Deshalb wird auch so viel rechts gewählt. Man spricht nicht mehr miteinander. Dann gibt es plötzlich Maßnahmen wie diese Klausel - ein reines Kontrollinstrument."

Besprochen werden die Installationen "Marien Discoball" und "Göttliches Licht" von Jörg Oswald und Rainer Düvell in der Berliner Kirche St. Marien (FAZ), die Ausstellung "Anna Haifisch. Bis hierhin lief's noch gut" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (SZ) und die Ausstellung "Forever young - Oskar Manigk zum 90. Geburtstag - Malerei " in der Galerie Mutare in Berln (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2024 - Kunst

Bild: Firelei Báez, A taxonomy for tenderness (Carte figurative et approximative représentant pour l'année 1858 les émigrants du globe), 2023. Privatsammlung, © Firelei Báez, Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth, Foto: Jackie Furtado

Gemeinsam mit dem dänischen Louisiana Museum of Modern Art konzipiert, ist derzeit im Kunstmuseum Wolfsburg unter dem Titel "Trust Memory Over History" eine Ausstellung der dominikanisch-amerikanischen Künstlerin Firelei Báez zu sehen und taz-Kritikerin Eva-Christina Meier bewundert, wie Baez historische Dokumente in leuchtenden Farben um Perspektiven der afrikanischen Diaspora erweitert: "Archivdrucke von Konstruktionsplänen oder Landkarten überträgt sie auf die Leinwand, um diese anschließend hinter intensiven Farbschichten und kunstvoll aufgetragenen Motiven verschwinden zu lassen. So zeigt 'Fruta Fina. Fruta estraña (Lee Monument)' (2022) die hyperrealistische Darstellung eines rätselhaft verlockenden Objekts aus leuchtend roten Frucht-, Zell- und Pflanzenelementen, die mit schwarz glänzenden Haarknoten verwoben scheinen. Nur schemenhaft erkennt man dahinter die technische Skizze einer Reiterstatue. Es handelt sich hierbei um den Plan für ein Denkmal des konföderierten Generals Robert E. Lee von 1884. Die Entfernung des heute umstrittenen Lee-Monuments löste 2017 in Charlottesville, Virginia, gewalttätige und tödlich endende Proteste von weißen Nationalisten und Rechtsradikalen aus."

Lebohang Kganye, Mohlokomedi wa Tora, 2018, Scene 2 © Lebohang Kganye

In der FR rät Lisa Berins unbedingt zu einer Reise ins Eschborner The Cube, wo mit "Echoes" und dem "Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2024" gleich zwei Schauen zu sehen sind, die "gesellschaftskritische, experimentierfreudige, humorvolle fotografische Positionen" zeigen. Der Preis geht dieses Jahr an die "Südafrikanerin Lebohang Kganye für ihre Ausstellung 'Haufi nyana? I've come to take you home' am Foam Fotografiemuseum in Amsterdam. Dort hatte Kganye in einer bühnenartigen Installation zwei fotografische Kulissen aufgebaut, die sich mit Apartheid und Kolonialismus auseinandersetzen. Die Installation ist nun, neben den Werken der drei weiteren Finalistinnen und Finalisten, im The Cube zu sehen. Mit fast lebensgroßen, schwarz-weißen Aufstellern reinszeniert die 1990 geborene Südafrikanerin Bilder aus dem Familienalbum: Zu sehen sind die Küche ihrer Großmutter und eine Außenszene, in der ihr Großvater vor einem Township House auf einem Stuhl sitzt. Weitere Verwandte tauchen in den Tableaus auf. Kganyes Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen der Apartheidsgesetze für ihre Familie, die zum Umzug und zur Änderung ihres Nachnamens gezwungen worden war."

Weitere Artikel: Für die FAS ist Karen Krüger mit dem deutschen Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano, der für sein Erinnerungsprojekt "Gegen das Vergessen" auf der ganzen Welt Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verfolgung fotografiert, unterwegs in der Toskana, wo er Überlebende eines SS-Massakers getroffen hat. Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Maximilian Gilleßen an das vor hundert Jahren entstandene "Surrealistische Manifest". Ebenda erzählt Georg Imdahl, wie Cory Arcangel Daten vom Laptop von Michael Majerus rettete, der 2002 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Am Beispiel von Caspar David Friedrichs Skizzenbuch, das im November 2023 im Auktionshaus Grisebach versteigert worden war, von der Berliner Kulturverwaltung aber an der Ausfuhr gehindert und mithilfe einer Stiftung für die Staatlichen Museen angekauft wurde, skizziert Monika Grütters im Tagesspiegel den Sinn des novellierten Kulturgutschutzgesetzes, das die Abwanderung nationalen Kulturguts aus Deutschland verhindern und den weltweiten illegalen Handel mit Kulturgütern bekämpfen will. In der NZZ erinnert Philipp Meier daran, wie Paul Klee als von den Nazis verfemter Künstler in die Schweiz zurückkehrte.

Besprochen werden die Ausstellungen "Houseplant is Leaving" mit Arbeiten der russischen Künstlerin Olga Chernysheva in der Berliner Galerie Volker Diehl (Tsp), eine Ausstellung mit Stillleben von Robert Mapplethorpe in der Berliner Galerie Thomas Schulte (Berliner Zeitung).