Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2023 - Kunst

Isaac Julien, Freedom / Diasporic Dream-Space No. 1 (Once Again...Statues Never Die, 2022, © Isaac Julien Courtesy the artist and Victor Miro


In der Zeit stellt Heinz-Peter Schwerfel den 1960 geborenen britischen Künstler Isaac Julien vor, dem die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf gerade eine Retrospektive widmet. Schwarz und schwul, ist Julien politisch, auch in seiner Kunst, aber Schönheit und Ästhetik sind ihm mindestens ebenso wichtig, was eine angemessene Würdigung bis jetzt verhindert hat, erklärt Schwerfel. "Unbeirrt setzt er seine Gratwanderungen zwischen Kino und Kunst, Malerei und Video, Politik und Ästhetik des Schönen fort, und er findet dafür 2007 in 'Western Union: Small Boats' [hier ein Eindruck] einen neuen, radikalen Ausdruck: Auf bis zu zehn Leinwände wird die Erzählung aufgeteilt und zerstückelt. Wortlos, nur mit sorgfältig komponierten Bildern sowie der Körpersprache des kanadischen Choreografen Russell Maliphant und seiner Truppe, zeigt Julien die Armut auf Sizilien, die Dekadenz der Adelspaläste, interessiert sich aber vor allem für die vielen unterschiedlichen Einflüsse, aus denen die sizilianische Kultur entstand. Das Kino Viscontis taucht bei ihm auf, und schließlich gelangt er nach Lampedusa, wo bis heute die Migranten, aus Afrika kommend, in ihren Nussschalen anlanden. Aus Platzgründen muss die Düsseldorfer Ausstellung auf einige der großen Multikanal-Arbeiten wie 'Western Union: Small Boat' oder 'Ten Thousand Waves' [hier ein Eindruck] verzichten, zeigt diese aber zumindest in Drei-Kanal-Versionen. Daneben gibt es die frühen Filme der Achtzigerjahre zu sehen und jüngere, das Thema der Blackness wieder aufgreifende Werke wie die Zehn-Kanal-Installation 'Lessons of the Hour'."

Weiteres: Sebastian Wells und Vsevolod Kazarin erhalten den Friedenspreis für Fotografie, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Besprochen wird eine archäologische Ausstellung über die Felsgräber bei Assuan "Geplündert - geschunden - gerettet (?). Die Gräber der Qubbet el-Hawa Nord" im Neuen Museum Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2023 - Kunst

Der Kunsthistoriker Konstantin Akinsha zeichnet in der NZZ die Geschichte der russischen zeitgenössischen Kunst nach. Sie beginnt während der Perestroika, die einen regelrechten Kunstboom auslöste: "Das Moskauer Kunstleben erinnerte an ein Kaleidoskop - die Ausstellungen der internationalen Stars wechselten mit beständiger Regelmäßigkeit. Mechanische Ungetüme von Jean Tinguely drehten sich in den Sälen des Zentralen Künstlerhauses, das noch wenige Jahre zuvor sogenannte 'Traktorenporträts' ausgestellt hatte, die von Vertretern des sozialistischen Realismus gemalt worden waren." Heute hat sich der Wind längst gedreht, so Akinsha. Politisch und auch ästhetisch unbequeme Künstler haben mit harten Repressionen zu kämpfen. Übrig bleibe eine jeder Widerständigkeit beraubte Kunstsimulation: "Die Faszination der domestizierten zeitgenössischen Kunst lässt sich daran ermessen, dass die russische Elite kunstbezogene Aktivitäten als attraktiven Karriereweg für ihre Töchter (aber nicht für ihre Söhne) betrachtet. Die Tochter des Außenministers Sergei Lawrow ist Kuratorin, und die Tochter des Moskauer Bürgermeisters Sergei Sobjanin betätigt sich gleich als Künstlerin. Während in Russland fast jeden Tag kritische Künstler verhaftet werden, unternimmt die offizielle russische Kunstszene unglaubliche Anstrengungen, eine Normalität des Kunstlebens vorzutäuschen."
Ignacio Zulaoga: Portät der Gräfin Mathieu de Noailles, 1913. © Arte Ederre Bilboko Museoa - Museo de Bellas Artes de Bilbao

Ganz tief, da ist sich Stefan Trinks in der FAZ gewiss, kann man in der Münchner Kunsthalle derzeit in die Mysterien Spaniens eindringen. Und zwar dank einer Ausstellung, die dem Maler Ignacio Zuloaga gewidmet ist, der die oft düsteren Geheimnisse seines Heimatlandes so intensiv durchdrungen hat wie kein zweiter. Was Trinks besonders beeindruckt, ist ein surrealistischer, dem Bizarren zugewandter Zug im Werk des Spaniers: "Nahezu jedes Bild zeigt einen Bruch in den Darstellungsebenen. Oben mag sich etwas völlig anderes abspielen als in der unteren Bildhälfte." Auch Zuloagas Farben haben es in sich: "Die monumentalen 'Frauen von Sepúlveda' (1909), einer malerisch gelegenen kastilischen Stadt mit Disney-Burg, zeigen die beiden namensgebenden Damen in einem derart grellen Lindgrün, dass es an Augenverletzung grenzt. Seine vier Altarbilder für die Heimatstadt Eibar, die eine ältere Marienstatue flankieren, stechen mit roten Kappen der Heiligen und wildblauen Himmeln in die Augen, sein monumentaler 'Blutender Christus' von 1911 steht dem Isenheimer Altar Grünewalds im Grad verwesender Intensität nur wenig nach."

Installationsansicht Füsun Onur. Retrospektive Kontrapunkt mit Blumen, 1982 (2023) Museum Ludwig, Köln 2023, © Füsun Onur. Foto: Aljaz Fuis


Das Werk der türkischen Bildhauerin Füsun Onur kann man derweil im Kölner Museum Ludwig entdecken. Alexandra Wach stellt im Tagesspiegel das Werk der inzwischen 85-jährigen vor, die 1962 zum Studium nach Amerika ging. Dort entwickelt sie unter anderem einen eigenen Begriff von Konzeptkunst: "Sie stickte und nähte auf Leinwand und verwendete Leinenschläuche, die vom Publikum aufgeblasen werden konnten. Auch 'Die dritte Dimension in der Malerei - Tritt ein' lädt 1981 zum Mitmachen ein. In einem Raum aus blauen Wollfäden hängt eine mit Perlen geschmückte Himmelsdecke herab. Man muss nur Platz nehmen auf einem Kissen, um die Skulptur in Interaktion sinnlich zu erfahren, als würde man ein Bild betreten. Oder ein Buch: In der Installation 'Traum von alten Möbeln' von 1985 transportiert Onur Möbel, Stoffe und andere Dekorationsgegenstände in eine surreale Traumkulisse. Die Objekte verwandeln sich in imaginäre Wesen in einer Bilderwelt, die der von Alices fantastischer Reise durch das Wunderland ähnelt.

Weitere Artikel: In der Welt würdigt Hans-Joachim Müller den verstorbenen Maler Fernando Botero. Katharina Rustler porträtiert im Standard den Belvedere-Art-Award-Preisträger Robert Gabris. Außerdem eine Nachricht zwischen Konzeptkunst und Gaunerstück: Leere Bilderrahmen als Kunst? Damit wollte der Künstler Jens Haaning ein Dänisches Museum abspeisen. Jetzt erhielt er die Rechnung: eine knappe halbe Million Kronen und damit den größten Teil des vereinbarten Honorars muss er zurückzahlen, melden SZ und Monopol.

Besprochen werden die Ausstellungen "human error. louisa clement" im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen (taz), "Das Queere Kinderzimmer" im Bielefelder Kunstraum Elsa (Monopol) und "Schlösser. Preußen. Kolonial" im Schloss Charlottenburg (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2023 - Kunst

Die Gründungskommission für das Deutsche Fotoinstitut wurde festgelegt, meldet Alexander Menden in der SZ. Wegen des Streits zwischen Düsseldorf und Essen um den Standort des Instituts könnte die Wahl des Vorsitzenden für Konflikte sorgen, meint Menden: "Der Fotograf Moritz Wegwerth schließlich erscheint als Vorsitzender des 'Vereins zur Gründung und Förderung eines Deutschen Fotoinstituts' auf den ersten Blick auch als offensichtliche Wahl. Doch Kritiker, die befürchten, die Institution werde vor allem der Sicherung des Erbes einigen prominenten Fotografen der 'Düsseldorfer Schule' dienen, könnten sich an ihr reiben. Wegwerth ist ein ehemaliger Student von Andreas Gursky. Dieser hat unverdrossen Lobbyarbeit für den Standort Düsseldorf gemacht, und auch den Verein mitgegründet, dessen Vorsitzender Wegwerth ist."

FAZ-Kritiker Freddy Langer hielte es für sinnvoll, das Institut nicht nur als Archiv und Forschungsstätte, sondern vor allem als "Koordinationszentrale" zu planen: "Es könnten dort, statt ein weiteres Archiv zu bauen, nationale Richtlinien im Umgang mit Fotografien und Nachlässen entwickelt werden, die einen Austausch von Wissen und Material ermöglichen. Und man könnte von dort aus Hilfestellung geben, etwa wie finanzielle Mittel zu erhalten sind. Doch wird man den Gedanken nicht los, dass Düsseldorf sich nur allzu gern mit einem Prestigeprojekt schmückte."

Weiteres: Im Tagesspiegel resümiert Birgit Rieger die Berlin Art Week. Besprochen werden die Ausstellung "Michelangelo und die Folgen" in der Albertina Wien (FAZ) und eine Ausstellung der Künstlerin Klara Lidèn in der Galerie Neu in Berlin (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2023 - Kunst

Ausstellungsansicht "Universal Metabolism". Foto: Berlin Atonal.

Wie in Trance fühlt sich Thomas Oberender (BlZ) in der Ausstellung "Universal Metabolism", die im Rahmen des Atonal-Festivals im Kraftwerk Berlin gezeigt wird. Die Objekte der Schau "warten hier nicht in scheinbarer Neutralität, sondern werden aktiv, erscheinen und verschwinden." Mit den Werken von fast dreißig Künstlern machen die Kuratoren die Veränderung von Körpern und Systemen nicht nur sicht-, sonder erfahrbar, so Oberender. Vor allem beeindruckt ihn eine Arbeit von Romeo Castellucci: "Am Rande einer Bühne bewegt sich im Dämmerlicht eine Figur, die eine Kerze entzündet. Ihre tänzerischen Bewegungen erstarren plötzlich in einer Geste des Lauschens in den Saal, worauf sich auf der Leinwand hinter der Figur die Sprache entzündet. Dieser Moment ist der Auftakt der Arbeit 'The Third Reich'... Es lässt auf einer riesigen Leinwand einen sich konstant beschleunigenden Strom aller Substantive eines Wörterbuchs erscheinen, also von allem, was in der Welt einen Namen hat. Dieser Fluss der Wörter folgt dem Takt der Musik Scott Gibbons und liegt pro Wort im Bereich einer Zwanzigstel Sekunde. Bald übersteigt das Tempo die Grenzen des menschlichen Wahrnehmungsvermögens und wird zum hypnotischen Rausch, eine Erfahrung, die Arthur Jaffa ähnlich eindringlich mit seinem Bilderstrom 'Apex' erzeugt hat."

Weitere Artikel: Welt und FAZ schreiben Nachrufe auf den Künstler Fernando Botero. In der Berliner Zeitung unterhält sich Tomasz Kurianowicz mit dem Chef des neuen Fotografiska-Museums Yoram Roth.

Besprochen werden die Ausstellung "Voicing Bethanien ein Ausstellungsort im Kontext" im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (taz), die Ausstellung "Nachts" mit Fotos aus der Berghain-Szene im Veranstaltungsort AchtBerlin (taz), die Ausstellung "Luc Tuymans - Edith Clever" in der Akademie der Künste in Berlin (FAZ), die Ausstellung "Edvard Munch. Zauber des Nordens" in der Berlinischen Galerie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2023 - Kunst

Oleksandr Bohomazow, "Schärfen der Sägen", 1927 Nationales Kunstmuseum der Ukraine


"Die Ausstellung 'Hier und Jetzt: Ukrainische Moderne, 1900 -1930' im Museum Ludwig in Köln ist ein Ereignis", ruft die Schriftstellerin Katja Petrowskaja in der FAZ. Und es geht dabei nicht einfach nur um Solidarität mit einem angegriffenen Staat. Und es geht auch nicht darum, "die ukrainische Avantgarde durchzusetzen, nach dem Muster der russischen Avantgarde, die zu einem technischen Marktbegriff geworden ist. Die Ausstellung zeigt unbekannte Phänomene, bringt vergessene Namen ans Licht, verändert den Blick auf bekannte Künstler. ... Wenn man vor dem Bild 'Schärfer der Sägen' von Alexander Bohomazov (1880 -1930), einem der wichtigsten ukrainischen Künstler, steht, wird einem unheimlich bei dem Gedanken, dass ein Künstler dieser Größe in Vergessenheit geraten konnte. Bohomazovs Werk hat kubofuturistische Züge, wurde durch finnische Kunst und italienische Futuristen beeinflusst. Er war Kunsttheoretiker, und auch in diesem Gemälde - das ein Lieblingswerk vieler Besucher zu sein scheint - kann man seine Klangexperimente erahnen. Das Überleben seiner Grafiken, die hier gezeigt werden, ist seiner Frau Wanda zu verdanken, die im Zweiten Weltkrieg alle seine Bilder versteckte und sie über alle schlechten Zeiten hinweg bewahrt hat."

Sadaf Ahmadi, Tschador


Die iranische Künstlerin Sadaf Ahmadi (Webseite) ist vor den Mullahs nach Schweden geflohen. Doch dann wurde im Kulturhuset von Borås, wo Ahmadi jetzt lebt, eine Ausstellung zweier ihrer Bilder abgesagt: wegen Sicherheitsbedenken. Und weil man religiöse Gefühle schonen wollte. Ahmadi kann es immer noch nicht fassen, erzählt Alex Rühle, der sich mit ihr für die SZ unterhalten hat. Immerhin machte die Presse Druck: "Der Proteststurm wehte so scharf nach Borås, dass die Kuratorin nach einigen Tagen vorschlug, die Tschador-Frauen doch auszustellen, allerdings in einem absperrbaren Kellerraum. Ahmadi wird im Gespräch nie polemisch, sie spricht ruhig und klar, aber es ist doch deutlich herauszuhören, dass ihr dieser Kompromissvorschlag nicht sonderlich feinfühlig vorkam: 'Dieses Werk, in dem es darum geht, dass die iranischen Frauen weggesperrt werden, jetzt in einen engen Keller zu sperren …' Eine Ader unter ihrem linken Auge pulsiert, als sie schweigend mit den Schultern zuckt." Nun darf sie aber doch beide Werke zeigen, wenn auch Tschador erst im Oktober, in einem eigenen Raum, nicht im Eingang, so Rühle.

Weitere Artikel: Peter Richter besucht für die SZ Yoram Roths Fotokunsthalle "Fotografiska Berlin" und blickt zurück auf die Geschichte des Tacheles seit der Wende. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht Ai Weiwei noch einmal über Demokratie, Freiheit und den Ukrainekrieg, von dem er nicht weiß, wer ihn angefangen hat, aber weiß, wie man ihn beendet: indem keine Waffen mehr an die Ukraine geliefert werden. Zeit online meldet den Tod des kolumbianischen Malers und Bildhauers Fernando Botero. In der NZZ schreibt Philipp Meier den Nachruf.

Besprochen werden die Munch-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (BlZ), die Ausstellung "Naples à Paris. Le Louvre invite le musée de Capodimonte" im Louvre (NZZ) und die Ausstellung "Jüdisch in der DDR" im Jüdischen Museum Berlin ("Die Ausstellung enthält sich jeder Wertung, aber auch kuratierender Einordnung. Das ist so respektvoll wie hilflos zugleich", kritisiert Raquel Erdtmann in der FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2023 - Kunst

Markus Raetz: Ohne Titel (Wolke), 2020. Bild: Kunstmuseum Bern.

Philipp Meier (NZZ) weiß kaum, wohin er den Blick richten soll bei dieser ersten Retrospektive zum Werk des 2020 verstorbenen Berner Künstlers Markus Raetz, so viel gibt es bei "oui non si no yes no" im Kunstmuseum Bern zu sehen. Der "Magier des Uneindeutigen" zwingt den Betrachter dazu, sich zu bewegen, denn es ging ihm nicht um das, was wir sehen, sondern wie wir es sehen, so Meier: "Raetz, der Künstler der minimalen Geste mit dem maximalen visuellen Effekt: Das zeigen jetzt auch seine an der Museumsdecke rotierenden Bleche, kinetische Plastiken, die je nach Position und Lichteinfall die Form dreidimensionaler Quadern annehmen, um sich sogleich wieder zum schmalen Strich zu verflüchtigen. Dieses Spiel der bewegten Form treibt Raetz immer wieder weiter, gleichsam um dem Kunstbetrachter zu offenbaren, dass Kunst nichts ist ohne dessen mitwirkende Imagination."

Anicka Yi: £†K§ñ, 2023. Bild: Galerie Esther Schipper.

In der Galerie Esther Schipper lernt Irmgard Berner (Berliner Zeitung) die südkoreanisch-amerikanische Künstlerin Anicka Yi kennen, die sich den Urformen des Daseins widmet und den Menschen als "biologisierte Maschine" imaginiert: "Sie experimentiert mit hybriden Ökosystemen, die auf ganz eigene Art lebendig wirken. Für diese Konstellationen verbindet sie Kunst mit Wissenschaft, arbeitet mit Forschern und mit Künstlicher Intelligenz. Als Material nutzt sie Keime und Mikroben, aber auch Duschköpfe oder Sandalen, die zuvor in Milchpulver gekocht wurden." Berner ist fasziniert von dieser im wahrsten Sinne lebendigen Kunst: "Ein dunkel schattiges Universum des Unbekannten, das durch den Geruch zum Leben erweckt wird. Rhythmisch bewegt von den Gezeiten des Ozeans. Oder einfach tief Luft holend. Eine Luft, die auf einmal ganz plastisch ist."

Besprochen werden außerdem Ausstellungen auf der Berlin Art Week (taz), "Edward Munch. Zauber des Nordens" in der Berlinischen Galerie (Berliner Zeitung), die Coco-Fusco-Retrospektive in den Kunstwerken (BlZ) und Anouk Lamm Anouks Ausstellung "Post/Pre Lesbian Jazz" im Frauenmuseum Wiesbaden (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2023 - Kunst

Edvard Munch, Der Mann im Kohlacker, 1943, Foto: © MUNCH, Oslo / Halvor Bjørngård


Am Freitag eröffnet in der Berlinischen Galerie die Ausstellung "Edvard Munch - Zauber des Nordens". Von dem biederen Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen, ermuntert Johanna Adorján in der SZ. Munch platzte 1892 ins Wilhelminische Berlin "wie eine Bombe", erzählt sie. Die Ausstellung, die Munchs Schaffen in Berlin gewidmet ist, vermittelt der Kritikerin eine Ahnung davon: "Sie empfängt den Besucher mit den damals so beliebten Gemälden von Sommerlandschaften und Fjorden. Direkt gegenüber hängen Werke von Munch. Der Unterschied ist in etwa so drastisch wie der zwischen einer Sibelius-Symphonie und Thelonious Monk. Auf der einen Seite geht es um äußere Wahrheit und Harmonie - auf der anderen darum, wie ein einzelner Mensch seine Umwelt erlebt. Gesichter können bei Munch schon mal grün sein, eine Landschaft nur aus Strichen oder Farbflächen bestehen. Ahnungslos hatte sich der Verein Berliner Künstler einen Epochenbruch ins Architektenhaus in der Wilhelmstraße eingeladen, in dem die Ausstellung stattfand. Und was dort einschlug, war nicht mehr rückgängig zu machen. Es war ein Riesenskandal."

Im Tagesspiegel ist Birgit Rieger beeindruckt von der "Vielfalt in Munchs Stil. Mal kreidig-matt, mal kräftig und flächig, mal extrem reduziert und kantig in den Konturen hat er ihn immer wieder verändert. Allerdings bleibt der Künstler stets dabei: Es geht um die Emotion, nicht ums Detail. Bei den Gesichtern seiner Protagonisten verzichtet Munch auf alles. Manchmal setzt er noch Kreise für die Augen und ein Loch für den Mund, wie man es aus dem 'Schrei' kennt." Der ist nicht in Berlin zu sehen, doch zeichnet die Ausstellung "vom ersten bis zum letzten Kapitel, das sich unter anderem auf eine große Ausstellung Munchs 1927 in der Berliner Nationalgalerie bezieht, den Bedeutungswandel nach, den Munchs Werk erfuhr. Erst sprengte er die Vorstellung dessen, was man sich als Landschaftsmalerei vorstellen konnte, dann wurde seine Malerei zum Inbegriff des nordischen Gefühls und schließlich wurde er als nordisch-germanisch von den Nazis vereinnahmt, die ihn aber schließlich doch der entarteten Kunst zurechneten."

Weitere Artikel: Die Neue Nationalgalerie ist in diesem Jahr Zentrum der Berliner Art Week, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Die neu eröffnete Fotografiska im ehemaligen Tacheles haben Hans-Jürgen Hafner für die taz, Tobias Timm für die Zeit und Freddy Langer für die FAZ besucht. In der taz freut sich Brigitte Werneburg über die Sanierung von Wolf Vostells Skulptur "Zwei Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja" auf dem Berliner Rathenauplatz. Die Berliner Zeitung druckt einen Text des Dramaturgen Thomas Oberender über das Ende der DDR und die Bilder von Norbert Bisky aus dem von Franziska Richter herausgegebenen Buch "Traumaland". Weil der Westen sich zurückzieht, suchen Russlands Museen jetzt neue Kooperationspartner, berichtet in der FAZ der russische Kunsthistoriker Konstantin Akinscha - Kambodscha, Myanmar, Indien, Peru, Mexiko und Iran zum Beispiel.

Besprochen werden eine Einzelschau von Lin May Saeeds im Georg Kolbe Museum in Berlin (BlZ) sowie die Ausstellungen "Tod und Teufel - Faszination des Horrors" im Kunstpalast Düsseldorf (SZ) und "#nichtmuedewerden" im Museumsquartier Osnabrück (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.09.2023 - Kunst

André Derain, Le Port de Collioure


Farbe, Wellen, Licht, Glück - mehr wollten die Fauvisten nicht, die sich zu Beginn des Jahrhunderts am Meer trafen, um zu malen, denkt sich ein von Feuerrot und Sonnengelb geblendeter Hans-Joachim Müller (Welt) in der Ausstellung "Matisse, Derain und ihre Freunde" im Kunstmuseum Basel. "Alles Anekdotische, Zeichenhafte scheint aufgehoben im zufriedenen Augenblick. Vielleicht hat Malerei nie zuvor und nie mehr später so bedenkenlos das lebbare Leben imaginiert." Gewiss, sie blieben damit allein, "schon als Matisse seine Parole 'Luxe, calme et volupté' ausrief, war ja sein großer und lebenslanger Gegenspieler Picasso mit ganz anderen Dingen beschäftigt, feierte das anmutige Menschenschicksal und begann seine kubistischen Experimente. Und Kandinsky wagte sich unterdessen weit in die Abstraktion vor, Robert Delaunay zerlegte den Eiffelturm in lauter Schalen und Scheite, und die Futuristen in Italien schärften die Kunst zur Waffe. Matisse, Derain und ihre Freunde blieben eine Insel, eine Sonneninsel. Mag schon sein, dass ihr Sommer nicht lange gedauert hat. Umso mehr haftet ihrer Malerei ein wunderbar heiterer Widerstand an."

Ai Weiwei, The Last Supper in Green, 2022, Legosteine. © Ai Weiwei, courtesy the artist and neugerriemschneider Berlin. Foto: Jens Ziehe, Berlin


Ganz anders über Kunst spricht Ai Weiwei, dessen Bilder aus Legosteinen gerade in der Berliner Galerie neugerriemschneider gezeigt werden, darunter eine Kopie von da Vincis Abendmahl, mit Ai Weiwei als Judas. Warum Judas, fragt ihn Minh An Szabó de Bucs im Tagesspiegel. "Na ja, ohne Judas hätte sich Jesus nicht für die Menschheit opfern können. Aber vielleicht sollte ich beim nächsten Mal einen anderen Jünger wählen." Für Jesus interessiere er sich, seit sein Vater ein Gedicht über dessen Leiden geschrieben habe. "Als er es schrieb, war er als 23-Jähriger wegen angeblich radikaler Gedanken in Haft. Er wurde sehr krank und dachte ernsthaft, er würde bald sterben. An einer Stelle im Gedicht taucht Judas in einer anderen Interpretation auf. Mein Vater schreibt, dass Maria Magdalena Jesus' Füße vor dem letzten Abendmahl mit kostbarem, duftendem Öl einsalbt. Judas erhebt sich und ruft aus: Oh, wie das duftet! So kostbares Öl! Warum verkaufen wir das Öl nicht für 30 Silberlinge? Das Geld könnten wir doch an die Armen verteilen! Etwas Ähnliches ist mir selber passiert. Als ich meinen Film 'Human Flow' an der UdK den Studierenden vorführte, fragte ein Student: Warum verschwendest du das Geld für einen Film? Warum nimmst du nicht das Geld, um Zahnbürsten für die Geflüchteten zu kaufen? Das ist doch dieselbe Frage, die Judas gestellt hat!'"

Die Berlin Art Week hat begonnen. Birgit Riegler schaut sich für den Tagesspiegel um und hat unter anderem Freude an "Hungry", einer Performance der in der Türkei geborenen und in Berlin lebenden Göksu Kunak. "Kunstgeschichte, Populärkultur und Pornowelt" fügen sich in "Hungry" zu einer wilden Mischung: "Eine Poledance-Artistin drehte sich inmitten des Publikums in olympiareifer Athletik und sehr sexy an der Stange, ein Profi-Bodybuilder spreizte seine Muskeln, eine Burlesque-Tänzer*in wiegte sich vor dem Spiegel, Kurnak selbst fuhr sich und die ganze Truppe, winkend wie Queen Mum, mit einem Kran durch die Halle. Dazu hämmernde Technomusik." Ebenfalls im Tagesspiegel stellen Riegler und andere Autoren kommende Highlights der Art Week vor.

Weitere Artikel: Laura Ewert besucht für Monopol das Berliner Kunstfestival Atonal. Manuela Enggist schreibt auf Zeit Online über den umstrittenen Plan des Museums Langmatt (in Basel, CH), Bilder zu verkaufen. Standard und Zeit Online berichten über einen wiedergefundenen Van Gogh.

Besprochen wird die Ausstellung "Werner Bischof - Unseen Colour" in der Fotostiftung Schweiz, Winterthur (NZZ). Bischofs Fotos basieren auf der Dreifarbentheorie, erzählt Dario Veréb. Hier ein Beispiel:

Werner Bischof, Orchideen Studie, Zürich, 1943 © Werner Bischof Estate / Magnum Photos

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2023 - Kunst

Der Hans-Thoma-Preis wurde dieses Jahr an den niederländischen Grafiker Marcel van Eeden vergeben - das war vorauszusehen, meint FAZ-Kritikerin Julia Schmidt, imaginierte dieser doch schon im "The Karlsruhe Sketchbook" zeichnerisch eine Begegnung mit dem Maler. Die Verleihung des Preises findet sie jedoch nicht unproblematisch. Immerhin stand Thoma antisemitischen reaktionären Kreisen nahe, erklärt sie. Bei einer Ausstellung im Hans-Thoma-Museum in Bernau sucht van Eeden nun einen anderen Zugang zu Thoma, so Schmidt: Er wartet "nicht mehr mit dem Stil seiner nachgerade kanonisch gewordenen Graphic Novels auf, sondern mit Kontaktabzügen digitalisierter, auf großformatigen Transparentfolien zwischenkopierter fotografischer Negative auf eigenhändig mit einer lichtempfindlichen Schicht versehenem Papier. ... Auch ist es nicht mehr eine Bilderzählung, die van Eeden präsentiert, sondern eine Folge fotografischer Reisebilder. Ihr Sujet wiederum ist einer wenig bekannten Reise abgewonnen, die Hans Thoma im Frühherbst 1898 in die Niederlande unternahm." Im Grunde, so Schmidt, entfalten van Eedens Gummidrucke hier "eine Parallelgeschichte. Und suchen womöglich durch den nostalgischen Zugriff historische Distanz zu gewähren."

Weitere Artikel: Die Berlinische Galerie erhält das Werk "Hours of Fun" von Wolf Vostell als Schenkung der Berliner Volksbank, berichtet Ingeborg Ruthe in der FR. Die Fassade des Parlaments in Bern wurde vom Basler Studio Renée Levi neu gestaltet, schreibt Phillip Meier in der NZZ. Tom Mustroph resümiert für die taz das Medienkunstfestival Ars Electronica in Linz. In der Berliner Zeitung porträtiert Ingeborg Ruthe den Künstler Norbert Bisky.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2023 - Kunst

In der FAZ gratuliert Freddy Langer der Fotografin Nan Goldin zum Geburtstag. Die "brutale Distanzlosigkeit", mit der sie fotografisch das New York der späten siebziger und frühen achtziger Jahre festhielt, machten sie zu einer Pionierin der Autorenfotografie, wie Langer weiß: "Ihre Bilder ergaben sich aus Beziehungen, nicht aus Beobachtungen. Sie waren die optischen Tagebuchnotizen einer Dauerorgie, an der sie aktiv teilnahm wie alle anderen auch. Sie sprach von Schnappschüssen, weil diese Form der Fotografie aus Liebe und dem Wunsch nach Erinnerung entstünde."
Stichwörter: Goldin, Nan