Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2023 - Kunst

Szene aus Shirin Neshats "Fury".


Charlotte Jansen unterhält sich für den Guardian mit der iranischen Künstlerin Shirin Neshat, deren Ausstellung mit dem sprechenden Titel "The Fury" kommenden Samstag in der Goodman Gallery in London eröffnet. "Es ist ein scharfer Angriff auf die iranische Regierung, ein durchdringender Protest dagegen, dass der Körper der Frauen als Schlachtfeld für nationale Politik und persönliche Wünsche benutzt wird", schreibt Jansen. "Wenn Neshat spricht, ist ihr Ton sanft, aber ihre Worte sind entschlossen. 'In einem Land, das Frauen unterdrückt und zum Schweigen bringt, haben Frauen so viel Macht. Ihre Körper sind wie Messer! Man kann die Energie der Frauen nicht unterdrücken. Wir stehen im Zentrum des politischen Diskurses.'" Und das zeigt auch der 15-minütige Film, der im Zentrum der Ausstellung steht, so Jansen, "eine stark stilisierte Fiktion, die wieder in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Im Mittelpunkt steht eine weibliche Protagonistin, gespielt von der iranisch-amerikanischen Schauspielerin Sheila Vand, die in dem Oscar-prämierten Film 'Argo' mitspielte. Diese Frau wurde inhaftiert und vergewaltigt - und kämpft nun mit den Auswirkungen ihrer Erlebnisse." Die Musik ist eine Version des Liebeslieds "Holm" (Traum), eigentlich aus einem Film von 1968, "es wurde jedoch zur Hymne der Freiheitsbewegung Woman Life Freedom, nachdem die 16-jährige Demonstrantin Nika Shakarami bei den letztjährigen Protesten in Teheran brutal ermordet worden war".

Hier der Trailer:



Besprochen werden eine Ausstellung zu Deutschlands erster Kunsthändlerin, "Grete Ring. Kunsthändlerin der Moderne", in der Liebermann-Villa in Berlin (Tsp) und eine Ausstellung der Künstler, die auf der Shortlist für den Prix Pictet Human standen, im  V&A in London (Guardian).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2023 - Kunst

Doug Aitken, 3 Modern Figures (don't forget to breathe), 2018; © Doug Aitken; Courtesy of the artist; 303 Gallery, New York; Galerie Eva Presenhuber, Zürich; Victoria Miro, London; Regen Projects, Los Angeles

FAZ-Kritikerin Katinka Fischer streift durch Doug Aitkens Ausstellung "Return to the real" im Schauwerk Sindelfingen wie durch eine Landschaft, die immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Denn Aitken verhandelt seine Themen nie so, wie man es vielleicht erwarten würde, so Fischer. In der Videoinstallation "Wilderness" von 2022 wird die Kritikerin an die kalifornische Küste versetzt: "In der etwa 1500 Quadratmeter großen Shedhalle des Museums...breitet sich ein erdenrundes transparentes Leinwandpanorama aus und schafft dort buchstäblich Projektionsraum. In ihn können Betrachter sich hineinbegeben und dem Jahrmillionen alten Rhythmus der - in diesem Fall über der kalifornischen Küste - verlässlich auf- und wieder untergehenden Sonne folgen, die Menschen beobachten, die sich zwischen Licht und Dunkel treffen...Der archaische Kreislauf wird allerdings unterbrochen durch Heerscharen an Selfie-Touristen, die das Spektakel eines im Meer versinkenden Feuerkreises allabendlich an den Strand zieht und deren Fotos in Echtzeit selbst die hintersten Winkel der Welt erreichen. Darauf, dass das menschliche Fassungsvermögen mit dem Tempo der digitalen Revolution nicht mithalten kann, reagiert Aitken nicht etwa mit Kulturpessimismus, sondern mit beinahe kindlicher Verwunderung."

Nicht als "nihilistischer Rasenmäher", sondern als "revolutionäre Bewegung" erscheint die Postmoderne in der Ausstellung "Anything Goes. Alles auf einmal. Die Postmoderne, 1967-1992" in der Bundeskunsthalle Bonn für FAS-Kritiker Johannes Franzen. Humor spielte dabei eine wesentliche Rolle, so Franzen: "Überhaupt werden Ironie und Camp...als die bestimmenden Faktoren postmoderner Ästhetik stark inszeniert. Diese Ästhetik hat einige triumphal scheußliche Möbel, Kleidungsstücke und Küchenutensilien hervorgebracht. Insbesondere die schrillen und zumindest vom Aussehen her nicht gerade bequemen Sessel wie Alessandro Mendinis 'Poltrona di Proust' oder Peter Shires 'Bel Air' fallen ins Auge, aber auch Kleider mit verwirrenden Mustern und breiten Schulterpolstern oder ein klobig-futuristisches Teeservice von Hans Hollein. Hier wird die überbordende Spielfreude der Zeit deutlich - eine Tendenz zur Überfrachtung und Übersteigerung, die in einem angenehmen Kontrast zum heute herrschenden Minimalismus des liberalen Bürgertums steht." Auch Welt-Kritiker Marcus Woeller konstatiert: "Ohne Ironiebegabung kommt man in der Postmoderne nicht weit" und plädiert dafür, ihr im Angesicht "modernistischer Einfalt" eine zweite Chance zu geben.

Weitere Artikel: Der politische weit rechts stehende Journalist und TV-Moderator Pietrangelo Buttafuoco wird neuer Präsident der Kunst-Biennale in Venedig. "Kein gutes Omen" für die italienische Kunstszene, kommentiert Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden die Ausstellung "Ach was. Loriot zum Hundertsten." im Caricatura Museum Frankfurt (FAZ, SZ), Gregor Schneiders Ausstellung "Homeless" in der Galerie Konrad Fischer in Berlin (tsp), die Ausstellung "Grete Ring. Kunsthänderlin der Moderne" in der Liebermann-Villa am Wannsee (tsp) und die Ausstellung "Jasper Johns - der Künstler als Sammler" im Kunstmuseum Basel (WamS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2023 - Kunst

Reliqiue des Hl. Erectus, 1978. Bild: Belvedere.

Im Standard freut sich Katharina Rustler über die erste Soloausstellung, die der immerhin nun 80-jährigen Renate Bertlmann im Wiener Belvedere zuteilwird. Empfindsamen Besuchern, die von derart feministischer Kunst verstört werden könnten, wird vorsichtshalber eine Triggerwarnung mitgegeben: "Die Warnung gibt es ganz zu Recht, denn so manche Arbeiten von Bertlmann sind wahrlich keine leichte Kost. Die meisten aber sind mit herrlicher Ironie gespickt. Dass es von Penissen, Vulven, Brüsten und Sextoys nur so wimmelt, muss wohl nicht dazugesagt werden. So brachte die Künstlerin mit der Performance 'Die schwangere Braut mit dem Klingelbeutel', die sie 1978 in Düsseldorf aufführte, bereits einige ihrer zentralen Motive zusammen: Als schwangere Braut verkleidet fuhr sie in einem Rollstuhl umher und sammelte vom Publikum Spenden für die Reliquie des Hl. Erectus ein. Dieses Heiligenbild huldigte einem pompösen erigierten Penis. Der Klingelbeutel erinnerte an ein überdimensionales Kondom samt Brustwarze. Das Gesicht der Künstlerin verbarg sich hinter einer irritierenden Schnullermaske." Der patriarchalen katholischen Kirche setzt sie ihre eigenen Dogmen entgegen, "ihre Dreifaltigkeit lautete: Pornografie, Ironie, Utopie."

Le Concert, 1955. Bild: arthur.io/Annemarie Vandeput.

Eine rund zweihundert Werke umfassende Retrospektive zum Werk des früh durch Suizid gestorbenen Nicolas de Staël im Musée d'Art Moderne in Paris zeigt FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfarth dessen "faszinierenden Kampf mit Farbe und Motiv", der sich durch die verschiedenen Werkphasen zieht. "Die Gemälde von 1946 und 1947 erscheinen mit ihren verästelten, pastosen Farbbalken wie dunkle Netze, in denen sich Licht und Farbe verfangen oder mit obskuren Kräften zu kämpfen scheinen. Bald darauf werden die Farbfelder größer, die Gemälde atmen wie abstrakte Landschaften. De Staël arbeitete vornehmlich mit Malmesser und Spachtel, schichtete Farben übereinander, sodass zwischen den Formen leuchtende Farbstrukturen sichtbar werden." Einzig das späte Schaffen kommt ihr zu kurz, sie vermisst das letzte Meisterwerk "Le Concert", denn damit "war Nicolas de Staël am Endpunkt seiner Malerei angekommen. Es hätte auch ein Neuanfang werden können."

Im Städtischen Museum Braunschweig widmet sich die Retrospektive "Lette Valeska. Stars ohne Glamour" nun endlich einer Fotografin, die nach ihrer Emigration aus Nazi-Deutschland in Hollywood späte Karriere gemacht hat, freut sich Bettina Maria Brosowsky in der taz. "Sie stellt ihre Protagonisten in die Natur oder einen Architekturkontext, lässt sie sich aus dem Fenster lehnen, mit Kind oder Hund interagieren, sie schaut ihnen zu Hause zu: beim Lesen, in der Küche oder gar dem Anziehen. Das war neu, war kein bewusster 'Stil' und holte selbst entrückte Stars auf ein menschliches Maß herunter - sicherlich: gutes Marketing."

Es regnet Preise: Anna Boghiguian darf sich über den Wolfgang-Hahn-Preis der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig freuen (FR, FAZ, monopol). Mariechen Danz erhält den Kunstpreis des Energieunternehmens Gasag und der Berlinischen Galerie, nachdem die ursprüngliche Kandidatin Emilija Skarnulyte den Preis wegen der Verstrickungen der Energiebranche in den Ukrainekrieg abgelehnt hatte (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2023 - Kunst

Auguste Herbin, Erich Mühsam, 1907


In der taz fragt sich Peter Kropmanns, ob der Ankauf von Auguste Herbins 1907 entstandenem Porträt des Schriftstellers Erich Mühsam durch die Neue Nationalgalerie wirklich an der Provenienz scheitern musste: "Seine Historie kann für die politisch problematischen Jahre 1940 bis 1944 nicht lückenlos nachgewiesen werden. In dieser Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich, als Juden verfolgt und enteignet wurden, florierte der dortige Kunstmarkt. Auf Beschlagnahme-Listen oder Auktionskatalogen konnte das Mühsam-Porträt aber nicht nachgewiesen werden. Das Bild befand sich in diesen Jahren an einem unbekannten Ort. Durch diese Provenienzlücke wird das Kunstwerk heute jedoch sozusagen unter Generalverdacht gestellt, es könnte ja das Risiko einer zukünftigen Restitutionsforderung geben. Deswegen wurde das Mühsam-Porträt von Herbin nicht von der Neuen Nationalgalerie aufgekauft." Bedauerlich, findet Kropmanns. "Der Schriftsteller Erich Mühsam verdient es, dass in dieser Sache eine Lösung gefunden wird."

Besprochen wird die Ausstellung "Picasso/Beckmann" im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal ("Am Ende bleibt so weniger der Eindruck, einem Dialog, sondern zwei parallelen Monologen beigewohnt zu haben, von denen einer ungleich variantenreicher und interessanter ist als der andere", meint Alexander Menden in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2023 - Kunst

Peyman Rahimi: "Schein". © Peyman Rahimi, Quelle: Oldenburger Kunstverein


Fasziniert berichtet der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler in der FAZ von Peyman Rahimis Installation "Schein" im Oldenburger Kunstverein. Die komplexe, vielschichtige Installation, führt der Kritiker aus, ist teilweise einem Gefängnis nachempfunden, obwohl der mit 22 Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflohene Rahimi die Geister eher auszutreiben suche als zu beschwören. Besonders ein Raum hat Ziegler beeindruckt: "Am Boden liegt ein in etwa 250 geometrische Stücke geschnittener riesiger Spiegel, als Rechteck perfekt in Form wie die Perversion eines Teppichs. Das unwirkliche, grün-blaue Licht kommt von gashaltigen Narva-Lampen, die wie übermächtige Stielaugen von der Decke abgehängt sind. Die Bildergalerie im Spiegel-Tempel ist knapp gehalten. Dominiert wird sie von einem größeren Siebdruck in Schwarz-Weiß, der eine geknebelte Figur mit ausgelöschten Augen zeigt, und zwar gedoppelt und über die Ohren miteinander verschmolzen, ein Hauch von Dada oder Cabaret. Die Figur erinnert an Formen, die der Rorschachtest hervorbringt. Zufällige Symmetrien - 'Schein' - werden von Patienten der Psychiatrie fabulös kommentiert. Es geht um die Schwelle, an der Vorstellungskraft umkippt in haltlose Imagination." Das Resümee: Hoffentlich wird Rahimi bald nicht nur in Oldenburg ausgestellt, sondern überall.

Tobias Timm befasst sich auf Zeit Online mit Spekulationen auf dem Kunstmarkt und dem damit zusammenhängenden Unsichtbarwerden vieler Kunstwerke. Ein besonders anschaulicher Fall ist die Sammlung des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch: "Bekannt war, dass Abramowitsch insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar für Gemälde von Francis Bacon und Lucian Freud ausgegeben hat", wie eine Recherche mehrerer Medienhäuser zeigt, die "geleakte Unterlagen des zypriotischen Finanzdienstleisters MeritServus analysieren und so bislang Unbekanntes über Abramowitschs Sammlung berichten [konnten]. Fast eine Milliarde US-Dollar sei die Sammlung mit über 300 Werken wert, so die Erkenntnis. Und sie wird - oder wurde - über Trusts mit Namen wie Harmony, Ermine oder Seline verwaltet, die in Zypern oder auf der Kanalinsel Jersey residieren. Die Abramowitsch-Sammlung ist Teil des globalen Offshore-Kunstsystems, und das, was man auf jenem Teil des Kunstmarkts, der sich auch sprachlich an den Aktienmärkten orientiert, eine Blue-Chip-Sammlung nennt. Sie besteht aus extrateuren Werken von den großen Namen der modernen wie der zeitgenössischen Kunst, darunter: Pablo Picasso, Lucian Freud, David Hockney, Kasimir Malewitsch, Peter Doig, Alberto Giacometti, Egon Schiele. Die auf dem Kunstmarkt besonders beliebten deutschen Künstler sind auch dabei, Maler wie Gerhard Richter und Daniel Richter, Fotografen wie Thomas Ruff oder bleischwer arbeitende Bildhauer wie Anselm Kiefer." Zu sehen bekam man die Werke kaum noch, nachdem Abramowitsch sie erworben hatte, was freilich auch daran liegt, dass sie seit dem Ukrainekrieg beschlagnahmt würden. 

Weitere Artikel: FAZ-Kritikerin Gina Thomas freut sich im Schloss Windsor über Artemisa Gentileschis wiederentdecktes und frisch renoviertes Gemälde "Susanna im Bade". Ebenfalls in der FAZ schreibt Stefan Trinks über einen Fall von Kunstdiebstahl und -fälschung im Deutschen Museum München. Die Stiftung des Museums Langmatt verkauft drei Cézanne-Gemälde, um ihren Fortbestand zu sichern, schreibt Philipp Meier in der NZZ. In der FR meldet sich Hans Eichel noch einmal, mit den bekannten Argumenten, in Sachen BDS, Israel und Kunstfreiheit zu Wort.

Besprochen werden die Ausstellungen "Raffael. Gold & Seide" im Kunsthistorischen Museum Wien (Standard), "Michelangelo und die Folgen" in der Wiener Albertina (Tsp), "History Tales. Fact and Fiction in History Paintings" in der Wiener Gemäldegalerie (Standard), die Immersions-Schau "In anderen Räumen. Environments von Künstler*innen 1956-1976" im Haus der Kunst München (Zeit Online), sowie eine weitere (nach "It's Pablo-matic") Picasso-Ausstellung in New York (Hyerallergic).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2023 - Kunst

Edgar Degas, Absinthtrinkerin im Café, 1873. Foto: Musée d'Orsay, Paris
Edouard Manet "Die Pflaume". Foto: National Gallery of Art, Washington D.C.

Die Schau "Manet/Degas" am Metropolitan Museum of Art hat alles, was sich SZ-Kritiker Christian Zaschke von einer Ausstellung wünschen würde. Durch die hervorragende Kuration tritt die Kunst der beiden Maler, die eine nicht ganz ausgeglichene Freundschaft verband, in ein erhellendes Gespräch, so Zaschke. Der "laute, expressive Manet und der stillere, scharfsinnige Degas" beeinflussten sich künstlerisch gegenseitig, die Bewunderung war auf Seiten Degas jedoch größer als andersherum. Die künstlerische  Verwandtschaft zeigt sich beispielsweise zwischen Manets Gemälde "Der tote Torero" und Degas Darstellung eines "bewusstlosen, womöglich toten Jockeys", beobachtet Zaschke: "Noch intensiver wird der Dialog zwischen Degas' 'Der Absinth' und Manets 'Die Pflaume'. Beide zeigen eine einsame Frau im Café, vor sich ein Glas Schnaps, die Gemälde ähneln einander wie Schwestern. Sie hängen direkt nebeneinander, und natürlich handelt es sich nicht um einen Wettbewerb oder gar ein Duell, aber beim Betrachten dieser Gemälde denkt man unwillkürlich: Punkt an Degas. Sein Bild hat mehr Tiefe, es ist eindringlicher, und: Er hat es ein Jahr vor Manets Version des gleichen Motivs gemalt."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schaut sich Rilana Kubassa Edvard Munchs Drucke genauer an, die in "Edvard Munch. Zauber des Nordens" in der Berlinischen Galerie zu sehen sind.

Besprochen wird die Ausstellung "Michelangelo und die Folgen" in der Albertina in Wien (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2023 - Kunst

Portraits of the Qianlong Emperor and His Twelve Consorts (detail), 1736-70s. Giuseppe Castiglione (Italian, 1688-1766) and others (Chinese). Handscroll; ink and color on silk; painting: 53 x 688.3 cm. The Cleveland Museum of Art, John L. Severance Fund, 1969.31

FAZ
-Kritiker Lothar Ledderose ist fasziniert von den Werken chinesischer Kunst, die er in der Ausstellung "China's Southern Paradise: Treasures from the Lower Yangzi Delta" im Cleveland Museum in Ohio sieht. Die These der Ausstellung lautet, so der Kritiker, dass vor allem die Gegend Jiangnan, südlich des Jangtse-Flusses, "über Jahrhunderte hinweg die Vorstellung von dem prägte", was chinesische Kunst ist: "Wesentlich für die Konzentration auf den Süden war die Kunstpolitik der chinesischen Kaiser. So ist eines der spektakulärsten Stücke der Ausstellung eine bisher kaum je gezeigte, 22 Meter lange Querrolle von 1698 aus einer Serie von zwölf solcher Rollen, die die Südreise des Kaisers Kangxi (1661-1722) illustrieren. Kangxi, einer der bedeutendsten Herrscher, die China je hatte, war ein Kaiser der fremdländischen Mandschu-Dynastie, die China 1644 erobert hatte. Er unternahm diese sogenannte Inspektionsreise, um die politische und kulturelle Integration des Südens, wo der Widerstand gegen die Mandschu besonders erbittert gewesen war, zu vollenden. Das Detail zeigt den Kaiser, noch in seinem Boot sitzend, das gerade in Suzhou anlandet. Er trägt einen einfachen roten runden Hut, wie auch all die vielen Untertanen, die zur Begrüßung gekommen sind. Der rote Teppich ist ausgerollt, gesäumt von der Leibwache. Die Männer halten Schwerter, Laternen und ein Weihrauchfass. Der Schimmel steht bereit. Alle Figuren sind detailliert gemalt, manche wohl auch mit porträthaften Zügen. Im Ganzen sind um die tausend Menschen auf dieser Rolle zu sehen."

Der russische Oligarch Roman Abramowitsch hat es durch die Überschreibung eines Großteils seiner riesigen Kunstkollektion an seine Ex-Frau Dascha Schukowa erfolgreich geschafft, sich vor internationalen Sanktionen zu schützen, berichtet Ursula Scheer in der FAZ. Die daraus zu ziehenden Schlüsse sind unerfreulich, so Scheer: "Das nach der russischen Invasion geschaffene internationale Sanktionssystem ist voller Schlupflöcher. Und obendrein gibt es genügend Länder, in denen es sowieso nicht gilt."

Weiteres: FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier besucht den Südtiroler Bildhauer Lois Anvidalfarei, der gleichzeitig auch Bergbauer ist. Im Tagesspiegel-Interview unterhält sich Stefanie Heckmann, Kuratorin der Ausstellung "Edvard Munch. Zauber des Nordens" in der Berlinischen Galerie, mit Uwe Badelt. In der FR schreibt Ingeborg Ruthe einen Nachruf auf den Fotografen Erwin Olaf K. Derya Türkmen besucht für die taz die Künstlerin Mila Panic in ihrem Atelier. FAZ-Kritiker Stefan Trinks gratuliert dem Kunsthistoriker Christoph Luitpold Frommel zum Neunzigsten.

Besprochen wird die Ausstellung "Channeling" am Museum für Moderne Kunst Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2023 - Kunst

Tobias-Rehberger, "Through the back side of my eyes" im GL Strand. Foto: David Stjernholm


Nicole Büsing und Heiko Klaas haben für den Tagesspiegel im GL Strand in Kopenhagen eine Ausstellung von Tobias Rehbergers eigenen Sammlungen besucht. Dazu gehören Kunst, Möbel, Kochbücher, Teekannen oder naturgetreue Pilzmodelle. Über allem steht dabei für die beiden Kritiker die Frage: "Wie kommen künstlerische Ideen überhaupt zustande? Über seine ganze Karriere hinweg hat sich Tobias Rehberger dabei nie als genialischer Einzelkünstler definiert. Bekannt ist er für seine Kollaborationen mit anderen Kunstproduzenten. So zeigt ihn eine Fotografie, die er hier als Wandtapete aufgezogen hat, im Kreise seiner Künstlerfreunde Not Vital, Richard Long und Rirkrit Tiravanija in der Sahara sitzend, während sie über gemeinsame Projekte sinnieren. Davor sind, in Rot, Gelb und Blau, drei große Skulpturen platziert, die aus eins zu eins - Abformungen von Termitenhügeln hervorgegangen sind. Die Frage der Formfindung hat er in diesem Fall komplett den Staaten bildenden Insekten überlassen. Er selbst fungierte, wie so oft, nur als Katalysator oder Einschleuser in die Wahrnehmungsmechanismen des Kunstbetriebs."

In der FAZ ist Stefan Trinks hin und weg von Thao Nguyen Phans erster großer Einzelschau in Mailands Hangar Bicocca: Endlich lernt er mehr über Vietnam, meint er, während er beobachtet, wie Phan ganz ohne zu moralisieren die Geschichte der über den Mekong miteinander verbundenen Völker in "Vietnam, Myanmar, Laos, Thailand und Kambodscha in atemnehmend formstarke Bilder ummünzt und mit aktuellen Fragen von Umweltzerstörung, Migration und Fortschrittsglauben versus Neunutzung alter Kulturtechniken gegenschneidet".

Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Fotografen Erwin Olaf. Henning Kober besucht für die FAZ den Sohn des Fotografen Will McBride im Gutshaus von Bristow.

Besprochen werden die Retrospektive von Füsun Onur im Kölner Museum Ludwig (Tsp), die Ausstellung "Luc Tuymans - Edith Clever" in der Berliner Akademie der Künste (Tsp) und die Schau "General Idea" im Berliner Martin Gropius Bau (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2023 - Kunst

Irgendwie unspektakulär auf Entzauberung gerichtet ist die Kunst Alicja Kwades, die das Lehmbruck Museum in Duisburg gerade in der Ausstellung "In Agnosie" zeigt, notiert Max Florian Kühlem in der SZ. Angeregt wird er dennoch: "Agnosie bezeichnet als Krankheitsbild die Störung von Sinneswahrnehmungen oder ihrer Interpretation. Alicja Kwade ist allerdings nicht auf die perfekte Sinnestäuschung aus. Wenn die Besucher in der zum ersten Mal in Deutschland gezeigten Arbeit 'Superheavy Skies' schwere Steine an Mobiles schweben sehen oder in 'Between Glances' um ein Kabinett aus Spiegeln, Fenstern, leeren Rahmen kreisen und bald nicht mehr wissen, welche der darin stehenden Glühbirnen nun echt oder nur ein Spiegelbild, dann ist das Handwerk hinter der Illusion immer noch zu erkennen - und stiftet trotz aller Verwirrung, die die Künstlerin gerne auslöst, auch ein aufklärerisches Moment, ein Moment der Entzauberung eben."

Cornelis de Heem: "Frühstücksstillleben", 1660-1669. Kunsthistorisches Museum Wien



NZZ-Kritiker Philipp Meier erlebt eine Tour d'Horizon zum Zeitphänomen in einer Ausstellung des Kunsthauses Zürich zur "Zeit - von Dürer bis Bonvicini", von der Renaissance bis zur Gegenwart. "Dabei vergisst man gerne ausgerechnet die Zeit selber: etwa vor einem Bild mit Austern, das vor dreihundertsechzig Jahren gemalt wurde. Die Meeresfrüchte dienten damals dem niederländischen Stilllebenmaler Cornelis de Heem als Vorlage, bevor sie bald schon zu faulen und zu stinken begannen, um sich dann in nichts aufzulösen. Vergänglichkeit und Dauer treten hier in ein dialektisches Verhältnis."

Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Freddy Langer zum Tod des Fotografen Erwin Olaf.

Besprochen werden eine Ausstellung des malerischen Werks von Louise Bourgeois im Wiener Belvedere (Standard), eine Ausstellung Jakob Mattners in St. Matthäus am Kulturforum Berlin (BlZ), eine Ausstellung des Malers Michael Hegewald in der kommunalen Hohenschönhausener Galerie 100 in Berlin (FR) und die Gruppenausstellung "Image Ecology" im C/O Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2023 - Kunst

Isaac Julien, Freedom / Diasporic Dream-Space No. 1 (Once Again...Statues Never Die, 2022, © Isaac Julien Courtesy the artist and Victor Miro


In der Zeit stellt Heinz-Peter Schwerfel den 1960 geborenen britischen Künstler Isaac Julien vor, dem die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf gerade eine Retrospektive widmet. Schwarz und schwul, ist Julien politisch, auch in seiner Kunst, aber Schönheit und Ästhetik sind ihm mindestens ebenso wichtig, was eine angemessene Würdigung bis jetzt verhindert hat, erklärt Schwerfel. "Unbeirrt setzt er seine Gratwanderungen zwischen Kino und Kunst, Malerei und Video, Politik und Ästhetik des Schönen fort, und er findet dafür 2007 in 'Western Union: Small Boats' [hier ein Eindruck] einen neuen, radikalen Ausdruck: Auf bis zu zehn Leinwände wird die Erzählung aufgeteilt und zerstückelt. Wortlos, nur mit sorgfältig komponierten Bildern sowie der Körpersprache des kanadischen Choreografen Russell Maliphant und seiner Truppe, zeigt Julien die Armut auf Sizilien, die Dekadenz der Adelspaläste, interessiert sich aber vor allem für die vielen unterschiedlichen Einflüsse, aus denen die sizilianische Kultur entstand. Das Kino Viscontis taucht bei ihm auf, und schließlich gelangt er nach Lampedusa, wo bis heute die Migranten, aus Afrika kommend, in ihren Nussschalen anlanden. Aus Platzgründen muss die Düsseldorfer Ausstellung auf einige der großen Multikanal-Arbeiten wie 'Western Union: Small Boat' oder 'Ten Thousand Waves' [hier ein Eindruck] verzichten, zeigt diese aber zumindest in Drei-Kanal-Versionen. Daneben gibt es die frühen Filme der Achtzigerjahre zu sehen und jüngere, das Thema der Blackness wieder aufgreifende Werke wie die Zehn-Kanal-Installation 'Lessons of the Hour'."

Weiteres: Sebastian Wells und Vsevolod Kazarin erhalten den Friedenspreis für Fotografie, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Besprochen wird eine archäologische Ausstellung über die Felsgräber bei Assuan "Geplündert - geschunden - gerettet (?). Die Gräber der Qubbet el-Hawa Nord" im Neuen Museum Berlin (FAZ).