Bereits vor ein paar Tagen ärgerte sich Thomas Hummitzsch auf Intellectures darüber, dass in den Literaturbeilagendergroßen Zeitungen zur Buchmesse (hier unsere Auswertungen) fast überhaupt nicht mehr auf die Arbeit von Übersetzern eingegangen wird und sie noch seltener überhaupt erwähnt werden. Michael Wurmitzer (Standard) und Ulrike Timm (Dlf Kultur) unterhalten sich mit der Schriftstellerin und Übersetzerin AnnetteHug, die philippinischeBücher aus dem Tagalog übersetzt. In der Zeit gratuliert der SchriftstellerClemensMeyer seinem KollegenLászló Krasznahorkai zur Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis. Waren Bücher in Annoncen und Klappentexten früher "virtuos" und "fesselnd", sind sie im Zeitalter der Autofiktion unbedingt das "persönlichste" ihrer Autoren, stellt Rainer Moritz im FAZ-Kommentar fest und hofft inständig, dass solche Vokabeln "alsbald wieder in der Mottenkiste der Werbebanalitäten" verschwinden. Julia Hubernagel (taz) und Marie Schmidt (SZ) berichten vom Auftakt der FrankfurterBuchmesse. Das FAZ-Team liefert verstreute Eindrücke vom Messegeschehen. Louisa Zimmer ist für die taz nach Finnland gereist, wo man 80 Jahre "Mumins" von ToveJansson feiert.
Außerdem ist die sechste Folge unseres "Bücherbrief Live"-Podcasts online: Benita Berthmann und Lukas Pazzini reden über DorotheeElmigers"Die Holländerinnen" und RaphaelaEdelbauers"Die echtere Wirklichkeit".
Besprochen werden unter anderem HåkanNessers "Eines jungen Mannes Reise in die Nacht" (FR), PatriciaEvangelistas Memoiren "Some People Need Killing" (taz), MaxBaitingers Comic "Hallimasch" (FAZ.net), Sarah Bernsteins "Übung im Gehorsam" (FAZ) und Angela Steideles "Ins Dunkel" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Gestern Abend wurde die FrankfurterBuchmesse eröffnet. Kulturstaatsminister WolframWeimer versprach dabei, wie Gerrit Bartels im Tagesspiegelberichtet, Google, wenn es hart auf hart kommt, zur Not auch mit Rilke zu zerschlagen. Michael Wurmitzer erkundigt sich für den Standard bei der Österreichischen Nationalbibliothek, wie diese mit zahlreichen dort eingelagerten Vor- undNachlässen namhafter Schriftsteller umgeht, wobei insbesondere der erst vor kurzem überlassene Vorlass des nunmehr zum Literaturnobelpreisträger geadelten LászlóKrasznahorkai auf Wurmitzers reges Interesse stößt.
Besprochen werden unter anderem ThomasPynchons "Schattennummer" (taz, Welt), DorotheeElmigers eben mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Die Holländerinnen" (online nachgereicht von der Welt, Freitag), JohnBoynes "Wasser" (FR) sowie JanKuhlbrodts, MariaHefters und SofiaHefters Lyrikband "Wäsche im Wind und Polizisten." (FR).
Außerdem bringt die taz heute ihre Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir zeitnah an dieser Stelle auswerten - dort finden Sie auch schon unsere Notizen zu den Literaturbeilagen der anderen Zeitungen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Fast durchweg sehr zufrieden sind die Kritiker damit, dass der DeutscheBuchpreis in diesem Jahr an DorotheeElmiger für "Die Holländerinnen" gegangen ist. "Eine ganz ausgezeichnete Wahl", jubelt Adam Soboczynski in der Zeit, denn die Schweizer Schriftstellerin "ist dem Lebensgefühl unserer Gegenwart auf der Spur, dieser Ahnung, dass sich Selbstverständlichkeiten auflösen, dass wir nicht mehr sicher sind, ob die liberale Weltordnung, in der wir uns eingerichtet haben, noch eine Zukunft hat". Andreas Platthaus jubelt in der FAZ mit, da dieser Roman "souverän wie kein anderer in der Konkurrenz sein literarisches Spiel veranstaltet. ... Was da im Buch vorgeführt wird, ist ein Fest der indirekten Rede, weswegen sich Elmiger neben ihrem Lektor und ihrem Verleger auch ausdrücklich bei ihrer Korrektorin bedankte." Mara Delius atmet in der Welt auf: In diesem Roman "geht es nicht um Fragen der eigenen Identität. Keine Autofiktion, nirgends, auch kein Ich, das mehr oder weniger kaschiert durch den Roman spaziert". Der Autorin geht es in ihren Büchern um "die möglichst genaue poetische Durchdringung von Phänomenen, Ereignissen und Bildern." Einem auch in den Ansprachen zum Buchpreis wieder laut gewordenen "Verständnis von Literatur als Kuscheldecke für gestresste Gegenwartsseelen verweigert sich Dorothee Elmiger radikal mit ihrem literarischen Plädoyer zum Rätselhaften."
Gerrit Bartels hingegen hält im Tagesspiegel nicht allzu viel von dieser Jury-Entscheidung: Dieser Roman ist "vor allem eine schöne literarische Spielerei, eine Fingerübung. Elmiger demonstriert, was sie alles kann und kennt. Das Werk von Werner Herzog, das von Joseph Conrad, das von Annie Ernaux, das hier fiktionalisiert einigen Platz einnimmt, das von Thomas Bernhard, dessen Sprachsound Elmiger sich mit ihrer vielen indirekten Rede, 'angezogen/abgestoßen', einverleibt hat. ... Das größere Sprachkunstwerk auf dieser Shortlist ist ChristineWunnickes Roman 'Wachs' gewesen; und die größte erzählerische Leistung ThomasMelles Krankheits- und Todeserkundung 'Haus zur Sonne'."
Die Autorin hat gut feiern, die Verlage hingegen sind gerade etwas nervös, berichtet Marie Schmidt in der SZ: "Die Druckereien im Land haben Lieferschwierigkeiten und Verlage kalkulieren mit knappen Auflagen, die sie bei einer Gelegenheit wie so eines Buchpreisgewinns auch mal sehr kurzfristig nachbestellen. Der worst case wäre: Den einmaligen Turbo der Aufmerksamkeit, den der Deutsche Buchpreis bedeutet, zu verpassen, weil zumindest das physische Buch nicht zu kaufen ist." Weitere Würdigungen des Romans in FR und NZZ. Julia Hubernagel und Dirk Knipphals resümieren in der taz die Preisverleihung. Der Standardrezensiert den Roman. Dlf Kultur hat mit der Autorin gesprochen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Yasmine M'Barek spricht für Zeit Online mit OceanVuong über dessen neuen Roman "Der Kaiser der Freude", der von den ärmsten Schichten in den USA und deren Solidarität am Ende der Nullerjahre erzählt. Diese Solidaritär ist im Wandel, "unter schwierigen Bedingungen. Weil Amerika keine würdevolle Mythologie für die Armen hat. Hier gilt: Wenn man arm ist, ist man selbst schuld. Man ist ein schlechter Mensch, man verdient es, arm zu sein. Armut ist also eine Art gerechte Strafe. ... Wenn man in Armut aufwächst, wird man sehr jung zum existenziellen Denker. Meine Mutter setzte sich eines Tages zu mir und sagte: 'Du bist 16 Jahre alt, du musst jetzt bei McDonald's arbeiten, denn das ist unser amerikanischer Traum.' Reiche Eltern sagen ihrem Kind: 'Hey, werde Arzt!' Wir aber lebten in einer Sozialwohnung, und meine Mutter erklärte mir: 'Wenn unser gemeinsames Einkommen einen bestimmten Betrag übersteigt, werden wir rausgeworfen.'"
Weitere Artikel: Die Literatur des Buchmessen-Gastlandes Philippinen ist sehr gegenwartsgesättigt, schreibt Katharina Borchardt in der NZZ. Vor allem Comics stehen dort hoch im Kurs, berichtet David Pfeifer in der SZ. Die Zahl der Romane über den Klimawandel steigt, beobachtet Lisa Kuner in der taz. Im Nachlass des New Yorker Mafiagangsters Paul Castellano wurde ein makelloses Manuskript einer im "On the Road"-Universum angesiedelten Kurzgeschichte von JackKerouac gefunden, meldet Roman Bucheli in der NZZ unter Rückgriff auf diese Meldung im Guardian, der die zwei Seiten in voller Länge präsentiert. Außerdem kürt die FAZ die bestenSachbücher im Herbst, darunter EvaIllouzs"Der 8. Oktober" und UlrichRaulffs"Wie es Euch gefällt".
Besprochen werden unter anderem Thomas Pynchons "Schattennummer" (FR), Fiona Sironics "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" (Standard), Michael Angeles "Ein deutscher Platz" über den Stuttgarter Platz in Berlin (online nachgereicht von der Zeit), Harald Jähners "Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 -1967" (online nachgereicht von der FAZ) und AnnaPrizkaus "Frauen im Sanatorium" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Für die FAZunterhält sich Andreas Platthaus mit der philippinischen Senatorin LorenLegarda, die als treibende politische Kraft hinter dem Gastauftritt der Philippinen bei der FrankfurterBuchmesse steht und dementsprechend ein Loblied auf die philippinische Literatur und deren Bedeutung für die "Gestaltung der nationalen Identität" singt. "Wir gehören zu den gefährlichsten Orten der Welt für Journalisten", zitiert derweil Holger Heimann in seinem Tagesspiegel-Bericht über seine Reise auf die Philippinen den Schriftsteller JoseDalisay, doch "Romanautoren und Dichter sind sicher. Denn niemand liest uns. Die Regierung ist ungebildet." Und Heimann selber weiter: "Vielen Filipinos mangelt es erwiesenermaßen an grundlegendsten Kenntnissen. Das hat im Vorjahr eine breit angelegte Studie ergeben. 19 Millionen Menschen im Land zwischen zehn und 64 Jahren sind funktionaleAnalphabeten, das sind 30 Prozent der Altersgruppe. Bücher stehen aber auch bei denen, die lesen können, nicht hoch im Kurs. Außerdem sind sie vergleichsweiseteuer. Ein Buch kostet oft so viel, wie ein Filipino an einem Tag verdient." In einer Langen Nacht für den Dlf Kulturwidmen sich Katharina Borchardt und Stephanie von Oppen der philippinischen Literatur, genau wie Cornelia Zetzsche im Literatur-Feature.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Iris Mayer und Ulrike Nimz sprechen für die SZ mit KalebErdmann, der den ErfurterAmoklauf an einem Gymnasium 2002 überlebt hat und in seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten (und in Standard und FR besprochenen) Roman "Die Ausweichschule" verarbeitet. Für den Tagesspiegel spricht Gerrit Bartels mit ThomasMelle, der in "Haus zur Sonne" erneut seine manischeDepression verarbeitet. Der SchriftstellerHansZippert macht sich in der FAZ Gedanken dazu, wie es den Vertretern seiner Zunft gelingen kann, unsterblichen Ruhm zu erlangen.
Besprochen werden unter anderem FionaSironics "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" (taz), MilenaMichikoFlašars Erzählungsband "Der Hase im Mond" (NZZ), JasmilaŽbanićs "Blum" (Standard) und MarinaChernivskys "Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober" (Jungle World). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Ausbeute zur FrankfurterBuchmesse fällt dieses Jahr aber ziemlich schmal aus, muss Andreas Platthaus in der FAZ bekümmert feststellen: Nur 32 Bücher (14 davon Comics) wurden aus dem Gastland Philippinen übersetzt - selten gab es weniger und dann sind die Übersetzungen im einzelnen auch nicht immer voll gelungen. Auch sind es vor allem Kleinverlage, die sich diesmal bemühen, von den Großverlagen hört man so gut wie nichts. Was sind die Gründe dafür? "Der erste könnte lauten, dass es schlicht an Qualität fehle. Das ist Unsinn, wie ein Blick aufs breite Spektrum philippinischer Bücher lehrt. Und der ist ungeachtet fehlenden deutschen Übersetzungsinteresses leicht möglich. Denn der zweite mögliche Grund könnte darin gesehen werden, dass ein Großteil der Literatur der Philippinen einem hiesigen Publikum ohnehin leicht zugänglich ist, weil er auf Englisch erscheint." Unsere verschlagworteten Buchnotizen bieten Ihnen natürlich einen guten Überblick über die aktuellen Veröffentlichungen und Rezensionen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die wenigen auf Filipino verfassten und nun auf Deutsch erscheinenden Romane aus den Philippinen hat Annette Hug übersetzt. "Als ich vor Bekanntwerdung des Gastlandauftritts der Philippinen Übersetzungsdossiers an Verlage schickte, reagierten die eher verhalten", sagt sie im taz-Gespräch gegenüber Julia Hubernagel. Auch erzählt sie von Herausforderungen beim Übersetzen, etwa von AllanDerains "Das Meer der Aswang", in dem vorkolonialeMythen eine große Rolle spielen: "Ich hatte eine große Scheu, europäische Begriffe für die vielen Geisterwesen zu verwenden, aber es waren zu viele! Hilfe habe ich dann tatsächlich bei Jacob Grimm in seinem Buch 'Deutsche Mythologie' gefunden. In den verschiedensten Landstrichen beobachtet er auch lateinische Begriffe, französische, wendische, sorbische, slawische, jeder Begriff hat vielfache regionale Abwandlungen - ähnlich unübersichtlich und kompliziert wie auf den Philippinen! Ich habe dann realisiert, wie sehr die Standardisierung von Sprachen mit der Etablierung eines starken Zentralstaates zusammenhängt, der die ganzen Institutionen schafft, eine Grammatik durchsetzt und Wörterbücher erzeugt."
Weiteres: "Literatur alleine kann nicht Frieden schaffen", schreibt die SchriftstellerinMaricaBodrožić in "Bilder und Zeiten" der FAZ, doch kann sie auf "erlittene Gedächtnisse ... aufmerksam machen". Thomas Lindemann erzählt in der FAZ von seiner Begegnung mit SiriHustvedt auf Mallorca, die nach dem Tod ihres Ehemanns PaulAuster allmählich "ins Leben zurückfindet". Ronald Pohl (Standard), Matthias Heine (Welt) und Roman Bucheli (NZZ) erinnern an den vor 200 Jahren in Zürich geborenen DichterConradFerdinandMeyer. Mladen Gladic hat sich für die Welt die aktuelle Folge des "LiterarischenQuartetts" angesehen, für deren Jubiläumsfolge Thea Dorn sich drei frühere Kulturstaatsministerinnen eingeladen hat. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert einen vor Kindern gehaltenen Vortrag des LyrikersJanWagner über seinen Weg zum Dichten. Thomas Steinfeld erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den im Ersten Weltkrieg gefallenen Dichter Walter Flex. Nina Apin spricht in der taz mit SarahKuttner über deren neuen Roman.
Besprochen werden unter anderem Christine Wunnickes "Wachs" (Standard), AbdulrazakGurnahs "Diebstahl" (taz), Matteo Melchiorres "Der letzte Cimamonte" (FAZ), Dimitré Dinevas "Zeit der Mutigen" (Zeit), ein Bildband mit Fotografien ungewöhnlicherBibliotheken (FAZ), der von RainerWerning und JörgSchwieger herausgegebene Band "Von Marcos zu Marcos. Die Philippinen seit 1967" (taz), MaggieNelsons "Pathemata - Die Geschichte meines Mundes" (FAS) und GritStraßenbergers Biografie über HannahArendt (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
FAZ, FAS und SZ bringen heute ihre Literaturbeilagen zur FrankfurterBuchmesse. Die Literarische Welt ist de facto ebenfalls eine - hier haben wir sie bereits ausgewertet. Zudem empfiehlt die NZZ-Feuilletonredaktion Bücher für den Herbst.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Joseph von Eichendorffs "Zum Abschied"
"Der Herbstwind schüttelt die Linde, Wie geht die Welt so geschwinde! Halte dein Kindelein warm ..."
László Krasznahorkais Werk ist von der Melancholie über die "BrüchigkeitdereigenenExistenz" geprägt, aber auch vom "Staunen über den Zustand der Welt", schreibt Tilman Spreckelsen in der FAZ. "Beides geht in vielen seiner Romane und Erzählungen einher mit der nervösen Unruhe derjenigen, die sich nicht damit abfinden wollen, irgendwann einmal vor Trümmern zu stehen." So gesehen ist die Entscheidung ja vielleicht doch politisch und zwar dahingehend, "dass uns in einer Zeit, die von politischen Machtdemonstrationen geprägt ist, die Lektüre von Krasznahorkais Romanen eine Perspektive auf die Endlichkeit solcher Erscheinungen und die Möglichkeit beharrlichen Widerstands eröffnet."
Seine Romane "bewegen sich an der Grenze von Realem und Fantastik", schreibt David Hugenduck auf Zeit Online, und "werden bevölkert von etlichen verschlungenen Erzählstimmen, Gedankenströmen, von rasend tragikomischen und aufs Bitterste vereinsamten Figuren. Sie leben in dunklen Zerrbildern der Wirklichkeit, in überzeitlichen Panoramen, sie geraten in eigenwillige mythische Landschaften. ... Unsere Realität wird in dieser Literatur vom Rand des Wahnsinns aus betrachtet. Sie ist anmutig durch die Vielstimmigkeit, die Wiederholungsschleifen und Motivketten. Wir geraten in einen Erzählfluss, der niemals zu versteinern droht oder in lähmender Unverständlichkeit vertrocknet, und manchmal stoßen wir auf Sentenzen, die aus dieser Prosa herausragen wie Granitblöcke."
"Für Krasznahorkai ist die Kunst ein Feld des Widerstands und des konsequenten Außenseitertums, da wir keine brauchbaren Konzepte für die sogenannte 'Realität' besitzen", schreibt Marcel Inhoff in der taz. "Verliebt ist er einzig in die immer wieder neu gesuchte und durch das Schreiben erlangte Absolutheit seiner Einsamkeit", hält Wilhelm Droste in der NZZ fest. In diesen "Erzählkosmos ... dringt kaum ein Licht", schreibt Ronald Pohl im Standard. Weitere Würdigungen im Tagesspiegel und in der Welt. Und Ronald Pohl sorgt im Standard schon mal für Katerstimmung: Nichts verweht so leicht wie Ruhm, schreibt er, ein ansehnlicher Teil der Preisträger aus der Geschichte des Literaturnobelpreis ist seit langem vergessen. Weiteres: Peter Körte führt in der FAZ (online nachgereicht) durch Krimi-Neuerscheinungen. Besprochen werden unter anderem IreneDisches "Prinzessin Alice" (Freitag), BenjaminWoods "Der Krabbenfischer" (NZZ), PhilippTheisohns Biografie über den Schweizer Dichter ConradFerdinandMeyer (FAZ) und JehonaKicajs "ë" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"Früher konnte ich unbekümmert sagen, das Gedicht entstehe etwa auf der Hälfte zwischen Milz und Gehirn", sagt der Autor und frühere Verleger MichaelKrüger im SZ-Gespräch mit dem LyrikerTadeuszDąbrowski. "Dann war ich mir nicht mehr so sicher, ob es nicht doch mit dem Herzen zu tun hat. Jetzt, als alter Mann, schreibe ich es verschiedenen Substanzen zu, wenn es mir gelingt, noch ein Gedicht aus mir hervorzulocken. Gott sei Dank weiß keiner, auch nicht die künstliche Intelligenz, wie ein Gedicht entsteht. ... Auch die Literatur ist Teil eines neuen Geschäftsmodells geworden. Sie ist nicht mehr der Versuch, mit kleinen Mitteln, einem Gehirn, einem Bleistift, einem Stück Papier, zwei Augen und einem Gefühl für die Welt, diese Welt zu beschreiben. Aber selbstverständlich gibt es keine andere Möglichkeit, als einfach weiterzumachen."
Gina Thomas (FAZ) beugt sich mit regem Interesse über die Exponate einer John-le-Carré-Ausstellung in Oxford, gestatten diese doch einen einmaligen Einblick in die Schreibwerkstatt des 2020 verstorbenen Thrillermeisters und "das mühsame Entstehen seiner Texte. Der erste Satz von 'Der Nachtmanager' ist in sechzehn Fassungen überliefert. Und die Notizen (wie alles von Le Carré ursprünglich handschriftlich verfasst und von seiner ergebenen Frau dann abgetippt) für diesen ersten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfassten Roman, mit dem der Autor beweisen wollte, dass er auch andere als Spionagestoffe meistern konnte, belaufen sich auf mehr als 600 Seiten."
Besprochen werden unter anderem JehonaKicajs "ë" (taz), ValMcDermids "Queen Macbeth" (FR), Lena Schättes "Das Schwarz an den Händen meines Vaters" (online nachgereicht von der FAZ), Vea Kaisers "Fabula Rasa" (Standard), GiovanniBoccaccios "Filocolo Oder die verschlungenen Wege" (online nachgereicht von der FAZ) und ArundhatiRoys Autobiografie (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Der Zeit bringt heute außerdem ihre Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse.
Jürgen Verdofsky (FR), Ines Geipel (FAZ) und Lothar Müller (SZ) gratulieren dem SchriftstellerHansJoachimSchädlich zum 90. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem ClemensJ. Setz' "Das Buch zum Film" (Standard), ArundhatiRoys "Meine Zuflucht und mein Sturm" (FR), eine Neuübersetzung von WilliamHeinesens Roman "Noatun", der im Original 1938 erschienen ist (NZZ, FAZ), Andreas Pflügers Thriller "Kälter" (online nachgereicht von der FAZ) und Tomer Dotan-Dreyfus' "Keinheimisch" über das Leid in Gaza (Standard). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Vom Schreiben allein ließ sich noch nie gut leben, doch wird die Lage zuletzt immer schlimmer, sagt die SchriftstellerinBettinaWilpert im taz-Interview gegenüber Clemens Böckmann. In ihrem Fall war es sieben Jahre lang gut gegangen, jetzt ist sie wieder in einem Brotjob. "Die Verkäufe konzentrieren sich auf wenige große Namen", was noch verstärkt wird durch Autoren, die bereits prominent waren, bevor sie schrieben und nun ebenfalls in die Buchregale drängen. Hinzu kommt die gestiegene Zahl von Schreibstudiengängen. "Die Verlage planen ihr Budget entsprechend nur für einen Toptitel, nicht auf mehrere. Wenn du nicht dieser Toptitel bist, bist du weiter hinten im Programm und bekommst kaum Werbebudget. Die Medien schließen sich diesem Hype an und setzen auf die paar großen Namen, weil es Klickzahlen gibt, bei gleichzeitig immer weniger Rezensionen. ... Social Media spielt bei dem Fokus aber auch eine große Rolle. ... Die Autor:innen stehen immer auch als Persönlichkeit, die sich vermarkten muss, in der Öffentlichkeit. Das Werk steht niemals nur allein. Am Beispiel von CarolineWahl kann man das gut mitverfolgen. Die Diskussion beruht vorrangig auf ihr als Person, gar nicht auf ihrem Werk."
Weiteres: Im Dlfspricht Dirk Fuhrig mit KamelDaoud über Meinungsfreiheit und die Bedrohung von Schriftstellern insbesondere durch Islamisten. Auch in diesem Jahr wird keiner der einschlägigen Favoriten den Literaturnobelpreis erhalten, ist Gerrit Bartel in einer Tagesspiegel-Glosse überzeugt - am Donnerstag um 13 Uhr wissen wir mehr.
Besprochen werden Marina Chernivskys Essay "Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober" (NZZ), NelioBiedermanns "Lázár" (FR), KimWünschmanns und StefanieFischers Comic "Oberbrechen - A German Village Confronts its Nazi Past" (FAZ), PeterStamms "Auf ganz dünnem Eis" (NZZ), IanMcEwans "Was wir wissen können" (Standard), MichailPrischwins Tagebücher (online nachgereicht von der FAZ), neue Sachbücher, darunter AgnesArnold-Forsters "Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls" (FAZ), und JoeSaccos Comicreportage "Indien" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst und Ambition haben es im durchformatierten und durchregulierten Literaturbetrieb zusehends schwer, kritisiert Peter Truschner (der im Perlentaucher das Fotolot schreibt) in der NZZ: Schwindende Konzentrationsfähigkeit, die Hegemonie kleinbürgerlicher Literaturentwürfe, ideologisch-kunstferne Auflagen in der Literaturförderung und eine allgemeine Müdigkeit, sich Ambitioniertem zu stellen, sind seiner Ansicht nach die Gründe dafür, dass es "keine aufsehenerregenden Bücher und Filme gibt über: Frauen, die die patriarchale Klaviatur bestens beherrschen und in Top-Positionen aufsteigen; Politiker, die sich und ihre Klientel durch Deals mit Corona-Masken und anderen Gütern bereichern; Migranten, die auf der Straße Süßigkeiten verteilen, wenn irgendwo auf der Welt Juden massakriert werden; rechtsextreme Vordenker, die Remigrationspläne erstellen und da 'Kaffer' sagen, wo das üblich gewordene Schneeflocken-Lektorat nur noch 'Person of Color' erträgt. ... Wer heute etwas Ambivalentes, Riskantes in der Kunst in Angriff nimmt, das der Etikette zuwiderhandelt, steht allein da", erklärt er. "Die Angst, andere mit Aspekten eines Textes zu verletzen, ist groß. Dabei gehört diese Form der Zumutung zwingend zu einem relevanten Werk der Gegenwartskunst, stellt ihr aufrüttelndesPotenzial dar."
Weitere Artikel: Alena Wagnerová (NZZ), Judith von Sternburg (FR) und Tilman Spreckelsen (FAZ) schreiben Nachrufe auf den tschechischen SchriftstellerIvanKlíma. Lars von Törne liest sich für den Tagesspiegel durch einen halben Regalmeter von philippinischen Comics, die anlässlich der Frankfurter Buchmesse auf Deutsch erschienen sind (insbesondere PaoloHerras' und Jerico Martes "Strange Natives" über die Geschichte des Landes legt er uns ans Herz). Welt-Autor Mladen Gladić sieht nach einer Handke-Lektüre vom PilzesuchenimWald dann doch lieber ab. Tilman Spreckelsen liest für die FAZSchul- undInternatsromane und stellt fest: "Was Autorität ist, wird in den neueren Büchern ganz anders aufgefasst als in den Gründungswerken des Genres".
Besprochen werden unter anderem AlexanderKluges Bilderatlas "Sand und Zeit" (Standard), eine Neuausgabe von NorbertElias' Essay "Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen" (Tsp), J. P. Roses "Birdie" (online nachgereicht von der Zeit) und neue Krimis, darunter SusanneTägders "Die Farbe des Schattens" (FAZ).
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