Efeu - Die Kulturrundschau

Zustand der Ungewissheit

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16.01.2026. In der taz fragt sich die russische Schriftstellerin Marija Stepanova, ob nicht alle Russen eine unbewusste Mitschuld am Krieg gegen die Ukraine tragen. Die taz bewundert außerdem die Courage des Kunstraums Hase29, der in der Domstadt Osnabrück Porträts von Missbrauchsopfern zeigt. Die FR lernt in Düsseldorf, dass auch abstrakte Kunst queer sein kann. Und die SZ erkennt dank der Berlin Ballett Company: Techno und Ballett passen perfekt zusammen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2026 finden Sie hier

Literatur

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Petra Schellen unterhält sich für die taz mit der nach Deutschland ausgewanderten russischen Schriftstellerin Marija Stepanova, die in ihrem neuen Roman "Der Absprung" von einer Russin im Exil erzählt, die sich zunehmend Selbstvorwürfe macht aufgrund einer "subjektiv empfundenen Bürde von Schuld. Denn abgesehen davon, dass man sie als Repräsentantin des Staates sieht, aus dem sie floh, fühlt sie sich selbst schuldig. Sie fragt sich, inwieweit sie Teil der Gesellschaft des angreifenden Landes war. Gibt es etwas in ihr, das sie auf unbewusste Art brutal macht?" Dennoch sei sie "dagegen, Sprache verantwortlich zu machen oder bestimmte Nationen oder Sprachen als besonders anfällig für Grausamkeit zu betrachten. ... Sprache ist eher ein Opfer. Die offizielle Presse in Russland etwa übt gerade einen Akt der Brutalität gegenüber der Sprache."

Außerdem spricht Petra Schellen für die taz mit der Grönländerin Laali Lyberth, die mit ihrem Inuit Verlag der Literatur ihres Heimatlandes ein Forum in Deutschland bieten will. Besprochen werden unter anderem Volker Weidermanns "Wenn ich eine Wolke wäre" über die Dichterin Mascha Kaléko (FR), Mirinae Lees "Die acht Leben der Frau Mook" (FR) und die von Hans Pleschinski herausgegebenen und übersetzten Erinnerungen von Marie Antoinettes Kammerfrau Henriette Campan (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
Archiv: Literatur

Kunst

Arnaud, 41, sexualisierte Gewalt durch Kleriker und in der Familie, Foto: Simone Padovani. Kunstraum Hase29

Ausgerechnet in der Domstadt Osnabrück, wo der katholische Missbrauchsskandal 2023 zu einem Bischofsrücktritt führte - und wo Theaterintendant Ulrich Mokrusch im Sommer das Stück "Ödipus Exzellenz" über den Skandal aus "Rücksicht auf die Kirche" vom Spielplan nahm (unsere Resümees) - zeigt der Kunstraum Hase29 nun die großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts der Serie "Shame - European Stories" des italienischen Fotografen Simone Padovani. Entstanden sind sie 2022 und zeigen Opfer sexualisierter Gewalt von Norwegen bis Rumänien, berichtet in der taz Harff-Peter Schönherr, der die Ausstellung nur empfehlen kann: "Texte gruppieren sich zu den Bildern, erzählen Lebens- und Überlebensgeschichten von Schweigen und Trauma, von Aufklärungshoffnung und Aufbegehren. Auch sie sind kaum erträglich. Aber sie öffnen Augen. Sie zeigen: Scham lässt sich ablegen, Gerechtigkeit einfordern, und: Sexualisierte Gewalt gibt es in allen Milieus. (…) Alle Bilder hängen auf derselben Höhe. Sie wirken wie eine Phalanx des Widerstands." 

Die großartige Ausstellung "Queere Moderne" im Düsseldorfer K20 macht nicht nur Kreative jenseits der heteronormativen Sexualität sichtbar, sie zeigt auch, wie weit diese untereinander vernetzt waren, erkennt Ralf Stiftel in der FR. Neben Entdeckungen wie Hannah Gluckstein oder Milena Pavlovic-Barili lernt Stiftel hier auch, dass queere Künstler auch in der abstrakten Kunst Impulse setzten: "Marlow Moss erweiterte den Neoplastizismus von Piet Mondrian um Elemente, die der niederländische Künstler sogar wieder übernahm. Und wo Mondrian in seinen strengen Kompositionen zunächst nur die männlich konnotierte Vertikale und die weibliche Horizontale gelten ließ, da führte Moss Doppellinien ein. In ihrem Bild 'Untitled (White, Black, Blue, and Yellow)' (um 1954) gibt es sogar ein schwarzes Quadrat, das nicht mit der Gitterkonstruktion verbunden ist."

Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Stefan Trinks der Künstlerin Annegret Soltau zum Achtzigsten. Die Londoner National Portrait Gallery hat frühe Daguerreotypien der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, aufgenommen von dem französischen Fotografen Antoine Claudet, erworben, meldet Ursula Scheer ebenfalls in der FAZ. Die Zeichnung "Portrait de Susanne Pfeffinger", angefertigt 1484/1485 von Hans Baldung Grien, ist nach mehr als 500 Jahren im Besitz der Nachfahren der Porträtierten entdeckt worden, meldet der Standard.

Besprochen werden außerdem die Lisette-Model-Retrospektive in der Wiener Albertina (SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Up in Flames" im Prager DOX Centre for Contemporary Art, die den Maler David Lynch würdigt (NZZ, mehr hier).
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Bühne

"A Techno Ballet Odyssey". Foto: Yan Revazov


Ballett und Techno? Funktioniert ziemlich gut zusammen, erkennt Dorion Weickmann (SZ) dank der Berlin Ballett Company (BBC), die sich vom klassischen Ballett verabschiedet hat, Risiken eingeht - und ja, auch von der Stadt mit knapp 400.000 Euro Jahressubvention gefördert wird. Besser besucht als klassische Ballettstücke ist die Uraufführung von "A Techno Ballet Odyssey" im Hangar 5 des ehemaligen Flughafens Tempelhof in jedem Fall, stellt Weickmann fest: "Dort findet die Performance in echter Club-Atmosphäre statt. Ab sechs Uhr abends steht DJ Marco Nastič am Pult und schickt seine mit Wumms arrangierten Soundschleifen in die winterdunkle Halle. ... Die Show startet mittendrin, ohne großes Tamtam, als der umherstreifende Kameramann ein blondes Geschöpf aus dem Menschenmeer fischt und dessen Gesicht an die Wände ringsum wirft. Es handelt sich um einen androgynen Großstadt-Odysseus, der blitzartig eines der drei Podeste am Rand des Dancefloors entert, um mit einer schicken Circe den ersten Pas de deux des Abends zu absolvieren."

Die Theater versuchen derweil auf andere Weise ihre Häuser voll zu kriegen, bemerkt Nachtkritiker Georg Kasch: Immer häufiger setzen sie auf offene Foyers, auch um das Theater diverser und zugänglicher zu gestalten, so Kasch, der Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz besucht hat. Dumm ist die Idee nicht, findet er, denn: "Zentral liegen die meisten Theater. Oft bleiben ihre Foyers tagsüber ungenutzt. Leerer, beheizter, bereits öffentlich finanzierter Raum in Toplage - das schreit danach, sie für Menschen zu öffnen, die sie letztlich ohnehin bezahlen. Zumal es wenig echte Dritte Orte gibt. In jedem Café muss man früher oder später etwas bestellen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel unterhält sich Simone Kaempf mit dem Regisseur Johan Simons, der aktuell Sophokles' Tragödie "Antigone" am Berliner Ensemble inszeniert.
Archiv: Bühne

Film

"Mother's Baby" von Johanna Moder

Im Titel des Mutterschaftsdrama "Mother's Baby" der österreichischen Regisseurin Johanna Moder klingt nicht umsonst Polanskis "Rosemarys Baby" an, schreibt Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher. Doch Moders Film über eine Mutter, der eine postnatale Depression wohl eher untergejubelt als attestiert wird und die sich von ihrem jungen Kind zusehends entfremdet fühlt, zielt nicht auf übernatürlichen Horror. Es sind die "mit mikrosoziologischer Genauigkeit eingefangenen Interaktionen, anhand derer 'Mother's Baby' ein Bild von Mutterschaft als Zustand der Ungewissheit, Entfremdung und des Selbstverlustes zeichnet. Ein Zustand, der nicht individualpsychologisch und schon gar nicht biologisch erklärt werden kann, sondern das Ergebnis einer sozialen Konstellation ist, innerhalb derer die Frau, als Mutter, vom Subjekt zum Objekt degradiert wird." Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland hält den Film ebenfalls für gelungen und durchaus klug, allerdings ist in seinen Augen "die hier implizit formulierte Kritik an der Reproduktionsmedizin und ihren Versprechen ein bisschen schlicht".

Weitere Artikel: Pavao Vlajcic erinnert sich auf critic.de an zwei filmische Offenbarungen, die ihm der kürzlich verstorbene Béla Tarr bescherte. Marisa Buovolo erinnert in der NZZ an David Lynch, der vor einem Jahr gestorben ist und der am 20. Januar 80 Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Ildikó Enyedis Baumdrama "Silent Friend" (Artechock, unser Resümee), Paul Feigs Erotikthriller "The Housemaid" mit Sydney Sweeney (Artechock, Standard, unsere Kritik), Nia DaCostas Horrorfilm "28 Days Later 2" (Zeit Online), Hille Nordens "Smalltown Girl" (Artechock), Alexe Poukines "Madame Kika" (Artechock, critic.de), Carmen Emmis "Plainclothes" (critic.de), Marcus H. Rosenmüllers Komödie "Extrawurst" mit Hape Kerkeling (Artechock, SZ) und Thomas Imbachs vorerst nur in der Schweiz startender Film "Nacktgeld" (NZZ).
Archiv: Film

Musik

So ansteckend und mitreißend liest es sich, wenn Hainbach im VAN-Gespräch gegenüber Alex Ketzer von seinen Experimenten mit obsoloten, raren und bizarren Werkzeugen zur Klangerzeugung erzählt, dass man sich mit dem Berliner Avantgarde-Komponisten (homepage) am liebsten eine Nacht lang zum Rumdaddeln im Studio einsperren lassen möchte. Sein Herz gilt den Irrläufern der Instrumentengeschichte, so etwa einem Oberton-Synthesizer aus den Siebzigern, der Töne in 15 Obertöne zerlegt: "Du kannst jeden dieser einzelnen Obertöne auf links und rechts verteilen und in der Phase drehen. Das war für die Oberton-Forschung gedacht. Total verrückt. Es macht eine ganz psychedelische Welt, weil es halt nicht für Musik gedacht ist." Verschaltet man das mit anderem Equipment, "wird jeder Klang zu einer glitschigen Schlamm-Landschaft. Das Ding versucht die ganze Zeit irgendwas zu tracken, was es nicht findet - dann stürzt es wieder ab. Wie Sumpfmonster, die plötzlich aus dem Boden herauskommen und wieder verschwinden." Auf Bandcamp gibt es Musik von ihm (etwa mit dem Ensemble Modern), auf Youtube stellt er seine Archivschätze ausführlich vor.

Weitere Artikel: Die insbesondere für unabhängige Musikerinnen und Musiker äußerst wichtige Plattform Bandcamp untersagt künftig den Vertrieb von KI-generierter Musik, meldet Julian Weber in der taz. Hartmut Welscher unterhält sich für VAN mit der Pianistin Anna Vinnitskaya.

Besprochen werden DJ Hells neues Album "Neoclash" (Standard), Sylvie Courvoisiers gemeinsam mit dem Trompeter Wadada Leo Smith eingespieltes Album "Angel Falls" (FR), das Album "A Man for all Seasons" der britischen Band Insecure Men (taz), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Alexander Soddy (Standard), ein Frankfurter Abend mit Murat Güngör und Hannes Loh (FR) und das Debütalbum der Berliner All-Stars-Indieband The Morning Stars rund um Barbara Morgenstern (taz).
Archiv: Musik
Stichwörter: Hainbach, Experimentalmusik