"Die Berliner Clubcommission hat ein Antisemitismusproblem", stellt der Berliner DJ Thorsten Sommer in der Welt fest. Im Zuge des 7. Oktobers häuften sich Fehlgriffe und wirres Social-Media-Verhalten (ausgerechnet die Mitbegründerin der internen "Awareness Akademie" likte auf Instagram Postings, in denen der 7. Oktober als Form des legitimen Widerstands dargestellt wurde) und auch jüngst gibt es wieder zu Irritationen Anlass: "Das 2024 neu gewählte Vorstandsmitglied Zuher Jazmati ... markierte vor Kurzem auf Instagram einen Beitrag der 'Student Coalition Berlin mit einem 'Gefällt mir'." Das Posting "zeigte eine Palästina-Flagge sowie einen Paraglider - eine eindeutige Anspielung auf den Hamas-Angriff auf das Nova-Festival - und war mit den Worten '...until total liberation' versehen." Auf Kritik daran reagierte Jazmati "mit einer Instagram-Story, in der er sich demonstrativ mit einer Cap zeigte, auf der ein rotes Dreieck prangt. Das Symbol wird unter anderem in der israelfeindlichen 'Pro-Palästina'-Szene als Ausdruck von Solidarität mit der Hamas verwendet."
Weiteres: Julian Weber (taz) und Philipp Krohn (FAZ) schreiben zum Tod des Musikmanagers AlfredHilsberg (weitere Nachrufe bereits hier). Helene Slancar denkt im Standard über die Gründe nach, warum die Pop- undRockdinosaurierderBoomer-Jahrzehnte gerade wieder so angesagt sind. Joachim Hentschel spricht in der SZ mit JohnFogerty, der sich nach vielen Jahrzehnten die Rechte an seinen Songs zurückgekauft hat. In der FAZ gibt Julia Schymura Lehrern Tipps für den digitalenMusikunterricht.
Besprochen werden BillyShebars und DavidC. Roberts' Kinoporträt "Monk in Pieces" über die Komponistin MeredithMonk (FR), der Auftakt der Boulez-Hommage bei den SalzburgerFestspielen (Presse), ein Auftritt von ChappellRoan in Zürich (NZZ) und das neue Album von Haim (Jungle World).
Kaum jemand in Deutschland hat Punk und andere Nischenmusik so auf den Weg gebracht wie AlfredHilsberg - erst als Journalist für Sounds in den Siebzigern, später dann als Labelbetreiber von ZickZack bis What's So Funny About. Jetzt ist er im Alter von 77 Jahren gestorben. Ja, ohne ihn "wäre die Geschichte der deutschen Popmusik eine andere gewesen", schreibt Jens Balzer in der Zeit. "Die ersten Bands, die er veröffentlichte, hießen Geisterfahrer, Abwärts und FreiwilligeSelbstkontrolle; in letzterer spielte der Journalist ThomasMeinecke, der später auch als Schriftsteller zu Bekanntheit gelangte. 1981 brachte ZickZack die erste EP ('Kalte Sterne') und das erste Album der EinstürzendenNeubauten heraus: 'Kollaps' prägte mit seinem infernalischen, selbstbewusst amusikalischen Krach und den romantisch-nihilistischen Texten des Sängers Blixa Bargeld eine ganze Generation junger Menschen, die mit der Gesamtsituation unzufrieden waren. ... Die von Hilsberg geförderten Bands bildeten gemeinsam eine deutschsprachige Pop-Avantgarde, in der wirklich etwas Neues passierte. Wenn es eine Neue Deutsche Welle gab, die diesen Namen verdiente, dann hat Alfred Hilsberg sie erfunden."
Als zentrale Initialzündung für ZickZack nennt Balzer die Compilation "Geräusche für die 80er", wir hören rein:
Hilsberg war allerdings auch so verdienstvoll, wie er berüchtigt war. "Mit Marketingstrategien, Bandpflege und Imageproduktionen hatte er es nicht so", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "Was da war, sollte raus, und das sollte bitte schön quer zum Markt liegen, echter Punk und Noise halt. In Jürgen Teipels Film 'Verschwende Deine Jugend' erzählt ein Musiker im Rückblick, wie das bei Hilsberg zuging: 'Alfred zog auf Anfrage einen Schuhkarton unterm Bett hervor und gab ein paar Hunderter heraus'. Und auch in Christoph Meuelers 2016 veröffentlichter, unautorisierter Hilsberg-Biografie 'Das ZickZack-Prinzip' erinnert sich der Family-Five-Musiker Xao Seffcheque, dass ZickZack 'das beste Label der Welt mit der schlechtesten Zahlungsmoral der Welt war'." Stimmt schon, Hilsberg "war eine Naturgewalt", schreibt Thomas Venker im Kaput Mag und gibt diverse Anekdoten zum Besten, die diese Einschätzung anschaulich unterstreichen. Um Regeln, Security und ähnlich Lästiges kümmerte er sich selten: "Gut, dass er sich dann irgendwann aus dem Betrieb zurückgezogen hat, bevor dieser nur noch von Beamten geführt wurde." Aber "die Welt ohne Alfred ist eine kältere. Mach es gut, OldNobody."
Außerdem: In der NZZfreut sich Marco Frei, dass der BoswilerSommer sich in seiner Neuausrichtung von den Experimenten zur mehr Offenheit des Davos-Festival inspirieren lässt. Jan Brachmann resümiert in der FAZ die "Raritäten der Klaviermusik" in Husum. Ljubiša Tošić blickt für den Standard vorab aufs JazzfestSaalfelden. Yuval Dvoran führt im VAN-Magazin durch die Musik von MariaHerz, die vor etwa 100 Jahren (damals noch unter Verwendung des Vornamens Albert ihres zuvor verstorbenen Mannes) mit ihren Kompositionen wahre Begeisterungsstürme beim Publikum hervorrief.
Besprochen wird das Album "Vom Jandln zum Ernst" von ChristianMuthspiel und dem OrjazztraVienna (FR).
Gerald Felber resümiert in der FAZ mit sehr langen, am frühen Morgen nicht immer gleich auf Anhieb durchdringbaren Schachtelsätzen die ersten Tage des LucerneFestivals in der Schweiz. Den Auftakt bestritt das Lucerne Festival Orchestra unter RiccardoChailly mit Musik von PierreBoulez und GustavMahler. Bei Letzterem und seiner unvollendeten, von Deryck Cooke fertiggestellten Zehnten Sinfonie traten die "über das Klangliche hinaustretenden, tief Innermenschliches zum Reden bringenden Seiten" der Musik zum Vorschein. "Was die Musiker und Chailly hier in erschütternder, sich von Satz zu Satz neu hingebender Weise ausspielten, war die gähnende Kluft zwischen der völligen Entleerung und dem aschigen Zerfall einstiger Bindekräfte und der dennoch verzehrenden Sehnsucht nach endgültiger Geborgenheit; nicht mehr Visionen und Sehnsüchte, sondern nur noch Visionen von Visionen und Sehnsüchte nach Sehnsüchten, Gesänge des unmöglich Gewordenen, in deren Trance man als Hörer förmlich hineingezwungen wurde, so dass das Ende des langen Abends nach Mahlers finaler, ins Endlose ragender Resignation trotzdem gleichsam zu früh kam, weil nicht nur Lust, sondern manchmal auch Schmerz nach Ewigkeit verlangen kann."
Weiteres: Nadine Conti berichtet in der taz von den Problemen mit den Behörden, die sich in diesem Jahr dem Festival "Jamel rockt den Förster" stellten, mit dem das Künstlerehepaar Horst und Birgit Lohmeyer dem fest in rechtsextremer Hand befindlichen Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern etwas entgegen setzen wollen. In der FAZgratuliert Jan Wiele dem Deep-Purple-Sänger IanGillan zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Tylers Album "Don't Tap the Glass" (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter DinoSaluzzis gemeinsam mit JoséSaluzzi und JacobYoung aufgenommenes Tango-Album "El Viejo Caminante" (Standard).
Einmal frostiger Abgrund mit alles, bitte! tazler Robert Mießner versenkt sich tief in AleksandraSłyż' gemeinsam mit AlexFreiheit umgesetztes Album "Ghsting". Zu erleben "ist ein avanciertes Hörstück, eine dramatische Text-Ton-Collage mit bestürzenden und verstörenden Klangbildern: vier Kapitel nebulöser Ereignisse in einem namenlosen Hotel in einer namenlosen Stadt. Die Auflösung schafft Klarheit, aber hilft nicht gegen das Unbehagen. Alex Freiheit beschwört, verflucht und spottet. Sie performt den Text im polnischen Original. ... Słyż greift tief in die Trickkiste von Horrorfilm-Soundtracks: Synthesizer vermessen Hallräume und erzeugen Kellerambient, es grummelt und fiept, und tatsächlich meint man den eisigen Wind hinter dünnen Fenstern zu hören. ... Einiges in dem Text deutet darauf hin, dass er tatsächlich in Osteuropa angesiedelt ist, aber es handelt sich um ein ziemlich gewieftes Spiel mit dem Osten als Projektionsfläche, als Versuchung, auch erotischer Natur: Dracula spielt mit hinein, Leopold von Sacher-Masoch, Carl Felix von Schlichtegroll, 'Die Hexe von Klewan', Texte, in denen, wie das unwirtliche Hotel von 'Ghsting', entrückte Orte und Räume, ein Schloss oder eine Burg, die Handlung mitbegründen."
Weiteres: Für die FAZ porträtiert Robin Passon den Geiger JohannesPramsohler. Besprochen werden der Auftakt des LucerneFestivals (NZZ), ein Konzert des West-EasternDivanOrchestras unter DanielBarenboim mit LangLang in Salzburg (Standard), RolandKaisers Konzert in Berlin (BLZ), ein neues Album von Erkki-SvenTüür (FR), ein Konzert des Sängers und Pianisten DanielHeide in Salzburg (Standard), LukasSternaths Auftritt beim Rheingau Musikfestival (FR), ein Konzert des OrchestreduChambredeLausanne unter RenaudCapuçon in Wiesbaden (FR), Natalie Bergmans Album "My Home Is Not in this World" (Standard) und AnatForts Album "The Dreamworld of Paul Motian" (Tsp).
Die Welt der physischenTonträger differenziert sich aus: Aktuell macht insbesondere in der Welt des K-Pop und generell im asiatischen Raum das KiT-Format von sich reden, das analoge Physis und digitale Welten miteinander verbindet. Jochen Overbeck weiß in der Welt Genaueres: "Es ist ein hybrides Plastikding" und "digitales Identifikationstool. ... Verbunden wird es mit dem Smartphone. Man drückt dazu das Album ans Handy", dann "öffnet sich die App und schaltet anschließend die Musik und, je nach Release, verschiedene Videos, Fotoinhalte und auch Community-Funktionen frei. So kann man nicht nur mit anderen Anhängern einer Band in Kontakt treten, sondern wird zudem mit digitalen Fleißplaketten belohnt, wenn man einen Song mehrfach anhört." Außerdem gibts noch analoge Beigaben, die das Retrogefühl stärken. "Ziemlich wahrscheinlich, dass wir in den nächsten Monaten Veröffentlichungen aus dem Hip-Hop und Mainstream-Pop sehen werden. Denn wer einmal beim Record Store Day in der Schlange eines teilnehmenden Plattenladens stand, weiß: Die Musikindustrie gibt ihr Bestes, um auch die Jugend wieder zu treuenTonträgerkäufern zu erziehen."
Weiteres: Nö, schreibt Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne an die Adresse des Welt-Autors Jens Ulrich Eckhard (unser Resümee): Was dieser an aktuellen Nostalgiephänomen aufzählt, habe mit der "Retromania", wie sie SimonReynolds vor fast 15 Jahren diagnostizierte, im engeren Sinne nichts zu tun. Im Freitagschlägt Konstantin Nowotny vor, Musik künftig wieder physisch oder wenigstens digital zu kaufen statt Streamingdienste zu abonnieren, die die Künstler erst nicht bezahlen und dann, wie DanielEk von Spotify dies eben getan hat, die so erwirtschafteten Erträge in KI-Waffensysteme zu investieren. Wolfgang Schreiber resümiert in der SZ das Berliner Festival "YoungEuroClassic".
Besprochen werden ein Bruckner- und Schubert-Abend der WienerPhilharmoniker unter RiccardoMuti bei den SalzburgerFestspielen (Standard), der Auftakt des Grafenegg-Festivals (Standard), das Buch "Soundtracks" des Musikarchäologen GraemeLawson (FR), AndreasSchaerers Auftritt in der Frankfurter Reihe "Jazz im Palmengarten" (FR), S.G. Goodmans Album "Planting By the Signs" (FR) und das Memoir "Dass es uns überhaupt gegeben hat" des österreichischen Rockmusikers MarcoWanda (SZ, FAS).
Benjamin Moldenhauer führt in der taz schwer beeindruckt durch die besten Metal-VeröffentlichungenausdemglobalenSüden. Die Zeiten, als man im globalen Norden auf popkulturelle Erzeugnisse aus dem Süden noch mit zwar wohlwollender Arroganz blickte, sind endgültig vorbei, freut er sich. Gerade nach Indonesien lohnt der Blick: "Metal war schon zu Zeiten der indonesischen Militärdiktatur zentraler Bestandteil der Jugend- und Subkultur des Inselreichs und kulturell so bedeutsam wie in wahrscheinlich keinem anderen als Schwellenland geltenden Staat. Metalbands galten der Kulturpolitik unter Suharto als 'Setan Barat', westliche Teufel, Alben wurden vielfach zensiert oder in vorauseilendem Gehorsam gar nicht erst veröffentlicht. ... Trotz aller Unterschiede in den politischen Systemen zeigen sich ähnliche Dynamiken auch in Westafrika - etwa bei Arka'nAsrafokor", dessen vielgestaltige Songs"sich - analog zu den politischen Protesten auf der Straße seit 2024 - als energetischer Angriff auf eine einbetonierte politische Landschaft lesen" lassen.
Insbesondere dieses Stück der indonesischen Band Incinerated legt uns Moldenhauer ans Herz:
Weitere Artikel: Christoph Forsthoff singt in der NZZ ein Loblied auf das Schweizer FestivalKlostersMusic. Stefan Weiss blickt gemeinsam mit dem Rockmusiker MarcoWanda im Standard-Gespräch auf die Geschichte dessen Band Wanda zurück. Kevin Weber erinnert in der NZZ an den Aufstieg der Teenieband TokioHotel vor zwanzig Jahren. Ronald Pohl erinnert derweil im Standard an BruceSpringsteens vor 50 Jahren erschienenes Album "Born to Run".
Besprochen werden NatalieBergmans Album "My Home Is Not In This World" (FR), ein Konzert des Bundesjugendorchesters beim Rheingau Musik Festival (FR), ein Konzert von Jethro Tull in Bad Nauheim (FAZ) und das neue Album von Twins ("Die Unperfektheit des Handgemachten lungert in jeder Note", schreibt Hilka Dirks in der taz).
"Dieser Zauberklang": SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck hat viel Freude an dem 300 Jahre alten ClavichordnamensUrsula, das ihm AlexanderGergelyfi in Salzburg präsentiert. Ausweislich einer Notiz seiner Witwe komponierte Mozart auf genau diesem Instrument einst "Die Zauberflöte": "Kaum jemand wird sich dieser übermächtigenAura, der Genius scheint dann unter den Hörern zu weilen, verschließen können. Erst recht nicht, wenn Gergelyfi die 'Zauberflöten'-Ouvertüre darauf intoniert. Oder wenn man gar selber ungelenk ein paar Töne darauf anschlagen darf. Beim Mozart-Abend der 'Nachtmusiken' (unser erstes Resümee) stehen denn auch die drei Herren Nigl, Gergelyfi und der Schauspieler August Diehl ergriffen wie bei einer Leichenfeier um den unspektakulären und durchaus einem Sarg ähnelnden Kasten herum. Dann erst sperrt Gergelyfi den Deckel auf und entlässt den 'Zauberflöten'-Beginn in Richtung des atemlos lauschenden Auditoriums, das sich sehr schnell an das Leise, Intime und Elysische dieses Instruments gewöhnt. So nah kann man Mozart sonst nie kommen." Benjamin Moldenhauer versteht in der taz den hiesigen Musikjournalismus nicht mehr: In Großbritannien hat die US-Künstlerin SofiaIsella letztes Jahr schon Stadionkonzerte für Taylor Swift eröffnet. Insbesondere über die geschickte Social-Media-Präsenz der Singer-Songwriterin hat sich um Isella eine regelrecht kultische, vor allem weiblicheFanbase gebildet. Aber hierzulande scheint sie gerade auch bei den Auskennern komplett unter dem Radar zu laufen. Nun hat sie in Berlin gespielt: "Das Publikum ist zu über 90 Prozent weiblich, und die üblichen Konzertquälereien bleiben entsprechend aus. Es wird nicht gerempelt und dominant gelärmt. ... Isella spielt alleine Gitarre, Violine und Klavier; der Rest kommt vom Band. In ihrer Musik verbinden sich Gothic-Pop, der Industrial Rock der neunziger Jahre und Neoklassik zu etwas Düsterem, das aber aufputscht - vielleicht, weil alle Intensitätserzeugung hier immer als allseitiges Empowerment verstanden werden will. In einigen Songs von Isella stecken mehr Ideen und Wendungen, als andere Künstler*innen auf einem ganzen Album zustande kriegen." Diese Musik "ist auf eine schwer fassbare Weise nicht nur ausgeprägt formbewusst, sondern wirklichformvollendet".
Außerdem: Luzi Bernet schreibt in der NZZ über den Cantatore FrancescoDeGregori, der mit seinem beliebten, vor 50 Jahren veröffentlichten Album "Rimmel" wieder auf Tour geht. Besprochen werden ein Konzert von Bonaparte in Frankfurt (FR) und ein Konzert der Wailsers in Hanau (FR).
Manuel Brug berichtet in der Welt über die "Kleinen Nachtmusiken", eine sich zusehends als feine Tradition entwickelnde Veranstaltung der Salzburger Festspiele. "Im weißen Europa-Saal der Edmundsburg, draußen dunkelt es, klingt die 'Zauberflöten'-Ouvertüre zart und zirpend verwispert. GeorgNigl singt und säuselt dazu sitzend Papagenos 'Mädchen oder Weibchen' mit der leicht beschwipsten Heurigen-Seligkeit eines Wienerlieds. Mozart wird hier trotz der leise-silbrigen Nuancen jede feinbalancierte Klassik ausgetrieben. Er gebärdet sich greinend noch einmal todeswund als junger Wilder. Doch beide Musiker können es auch mit sehr viel mehr Zurückhaltung, vor allem horcht Nigl in eben nicht nur flüssig-galant servierten Liedern mit oft nur halber Stimme jeder Textnuance nach. AlexanderGergelyfi findet in Rondos, Trauermusiken, Fantasiefragmenten Mozart als Modernen."
Weiteres: Jakob Biazza denkt in der SZ über die Marketingstrategie von Taylor Swift nach, die gerade auf kryptischen Umwegen ein neues Album angekündigt hat. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Jazzsängerin SheilaJordan. Besprochen werden Drakes Konzert in Zürich (NZZ), GraemeLawsons musikarchäologisches Buch "Soundtracks" (FR), RenéeRapps Popalbum "Bite Me" (Standard) und diverse neue Musikveröffentlichungen, darunter "Love" von Das B, eine Interpretation von John Coltranes Jazzklassiker "A Love Supreme" (online nachgereicht von der FAZ).
Robert Mießner führt in der taz anhand der Compilation "Rövolution" durch die überaus lebendige Indieszene in Chemnitz. In der tazgratuliert Benjamin Moldenhauer dem Berliner IndielabelNoisolution zum 30-jährigen Bestehen. Besprochen werden der Berliner Abend "TSA: in transmission" mit experimenteller Musik aus Georgien (taz), ein Schostakowitsch-Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard), ein Konzert von Drake in Zürich (TA), Robbie Williams' Auftritt in Frankfurt (FR), MarkErnestus' Album "Khadim" (FR) und eine öffentliche Generalprobe des Mozarteumorchesters unter RobertoGonzález-Monjas (FAZ).
Auch ein verregneter Sommer kann einen Sommerhit hervorbringen, schreibt Joachim Hentschel in der SZ. 1980 gelang das etwa der Goombay Dance Band mit "Sun of Jamaica" (gottlob längst vergessen), aber auch Lipps Inc mit "Funkytown" (bis heute ein Abräumer). Die Voraussetzungen dafür sind natürlich trotzdem eingeschränkt, denn Sommerhits machen "ja besonders ihre völlig ungefragte Präsenz aus. Diese bestimmte, nicht verhinderbare Art von Play-ohne-Demand, wie man sie fast nur im Sommer erlebt, wenn öffentliche Orte, Flussufer oder Plastikstuhl-Sitzgruppen zu ständigen Schauplätzen werden." Und in diesem Jahr? Vielleicht schafft es ja auf den letzten Metern doch noch dieser Youtube-Zufallsfund der früheren Viva-Moderatorin Luca Vasta, der "auf magische Art alles einlöst, für einen Moment. 'Disco Mare', Ende Juli hochgeladen, hört sich an wie der letzte Blick in die tiefstehende Feriensonne. Ein wunderbarer kleiner Ohrwurm mit klarer, nicht zu aufdringlicher Spätachtziger-Farbe, zum Tanzen, aber auch ein Stich ins Herz."
Für Nick-Drake-Philologen ist die umfangreiche Box "The Making Of 'Five Leaves Left'" schlicht eine "Sensation", versichert Jürgen Goldstein in der FAZ. Zu hören sind zahlreiche Probeaufnahmen und abweichende Einspielungen aus den Sessions zu Drakes Debütalbum von 1969. "Für Puristen, die das Debüt für überproduziert halten, werden diese Einspielungen die gültigen Fassungen darstellen. Der Klang ist superb, die Songs sind bemerkenswert. ... Drake eilt der Ruf voraus, ein einsamer Schweiger gewesen zu sein, ein schüchterner Melancholiker. Nun aber hört man einen entspannten Drake kommentieren, mal humorvoll, immer zupackend. Als Musiker wusste er, was er wollte. Die ersten Einspielungen lassen auch das Potential erkennen, das Boyd entfalten sollte. Was bei den Proben nach Rohdiamanten klingt, hat auf dem Album seinen letzten Schliff erhalten. ... Das Herantasten an die finalen Fassungen wird nacherlebbar."
Weitere Artikel: Max Nyffeler spricht für die FAZ mit Michael Haefliger, der nach 26 Jahren seinen letzten Jahrgang als Leiter des LucerneFestivals bestreitet. Adrian Schräder stellt in der NZZ den Schweizer Rapper OGFlorin und dessen Produzenten Melodiesinfonie vor.
Besprochen werden Konzerte von RomanBorisov und dem TenebraeChoir beim Rheingau Musik Festival (hier und dort in der FR), FrançoisLazarevitchs Album "Voix humaines" mit Kompositionen von MarinMarais (FAZ) und das Album "Puff of Smoke" von den WoodBrothers ("Selten hat man einen Kontrabass auf einer Studioaufnahme derart scheppern und schnarren, dabei aber schlafwandlerisch sicher grooven gehört wie jenen von ChrisWood", freut sich Jan Wiele in der FAZ).
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