Jan Brachmann spricht für die FAZ mit FlorianAmort, dem neuen Leiter der Händel-Festspielein Halle, über das Festspielprogramm 2025. Auf dem Programm steht auch ReinhardKeisers Oper "Octavia". Bei Keiser ging der junge Händel einst in die Lehre und tatsächlich ähnelt dessen "Agrippina" Keisers Werk doch überaus auffällig. Ein Fall von geistigem Diebstahl also? Amort differenziert: "Heute sprechen wir schnell von Plagiat - ein Urteil im Kontext des modernen Urheberrechts. Die damalige Kompositionspraxis war eine andere, man könnte stattdessen wertungsfrei von Intertextualität sprechen: Händel hat bei seinem Mentor und Konkurrenten Keiser nicht einfach abgeschrieben, sondern Passagen übernommen, bearbeitet und neu kontextualisiert. Es ging nicht immer nur um Originalität im heutigen Sinn, sondern um Wirkung, AufführungspraxisundKunstfertigkeit. Händel hat sich die Musik angeeignet - als kreative Strategie, aber auch als Zeichen von Selbstbehauptung, das Vorbild zu übertreffen."
Mit regem Interesse hört sich Luca Glenzer (Jungle World) durch die Compilation "Free/Future/Music" aus dem Hause AltinVillage & Mine. Die Ursprünge des in Leipzig ansässigen Labels liegen in der Hardcore-Punk-Szene der Neunziger, seitdem hat es aber "einige musikalischeMetamorphosen erlebt" und sich "zu einem Hort für Minimal Music, Jazz, Dub, HipHop, Ambient und Krautrock entwickelt". Geblieben ist die unabhängige Haltung. "Soundästhetische Einigkeit sucht man deshalb eher vergeblich. Das ist nicht nur verschmerzbar, sondern geradezu zu begrüßen, zeigt sich doch gerade darin ein Zugang zu Musik, der von Offenheit und Neugier geprägt ist." Was auch Patrick Hohlweck in seinem der aktuellen Compilation beiliegenden Kurzessay unterstreicht: "Darin geht es um das Verhältnis der drei Dimensionen Freiheit, ZukunftundMusik. Demnach verfolgt das Label den Anspruch, 'ein Forum für freie Musik und Zukunftsmusik' zu sein - was nicht nur impliziere, jenseits von Nostalgie und Trendbezogenheit zu operieren, sondern auch, Musik als 'Vehikel für flüchtige Blicke in eine Zukunft zu verstehen'."
Weitere Artikel: Die MünchnerJazzszene - vor Jahrzehnten noch tonangebend, seitdem eher in alle Winde verstreut - stellt sich neu auf, beobachtet ein darüber hocherfreuter Andrian Kreye in der SZ: Als Hotspots notieren wir uns die Jazzbar Vogler sowie die Jazzveranstaltungen im Bergson, Boxwerk und im Live Evil. "Punk lebt von Provokation", schreibt Nicholas Potter in der taz und porträtiert RoyElani, den Sänger der (allerdings im sehr überschaubaren Rahmen von Kellerkonzerten tätigen) israelischen Punkband TheHolocausts, die in Israel angefeindet wird, bei Konzerten in Deutschland sich für ihren Namen rechtfertigen muss und in der BDS-geprägten britischen Punkszene - trotz demonstrativer Pali-Solidarität - nicht willkommen ist, weil sie aus Israel kommt.
Besprochen werden das neue Pulp-Album "More" (Standard), MileyCyrus' neues Album "Something Beautiful" (Presse, NZZ, unser Resümee), die Memoiren von Beyoncés Mutter TinaKnowles (NZZ), das Frankfurter Konzert von Stereolab (FR), das neue Album "Strawberries" des australischen Songwriters RobertForster (Standard), der Abschluss von IgorLevits Luzerner Pianoreihe (NZZ), RashadBeckers Album "The Incident" (FR), das neue Blond-Album "Ich träum doch nur von Liebe" (taz), ein Konzert der Jazzmusiker JulianundRomanWasserfuhr in Frankfurt (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Foxwarren (Standard).
Celina Plag (Zeit Online) und Jakob Biazza (SZ) berichten, dass TaylorSwift es nach vielen Jahren und taktischen Manövern - unter anderem hatte sie ihre ersten Alben komplett neu aufgenommen - nun doch gelungen ist, die ihr zuvor unter schemenhaften Deals abhanden gekommenen Master-Rechte an ihrem frühen Backkatalog zu erwerben. Heißt: "Ihr gehört einfach wieder, was sie geschaffen hat", schreibt Plag. "Ein Umstand, der in der Musikindustrie selbst unter den größten Popstars alles andere als üblich ist." Für einen feministischen Triumph hält Plag dies allerdings nicht vorbehaltslos: "Man sollte sich nichts vormachen: Taylor Swifts Traum nützt vor allem Taylor Swift selbst. Seine Erfüllung wird eine reiche und mächtige Frau noch reicher und mächtiger machen, während die häufig ungerechten Strukturen der Musikindustrie davon unberührt bleiben. ... Man würde sich wünschen, dass sie mit den restlichen Erlösen aus der Eras-Tour etwas macht, das die Welt verändert." Doch "warum sollte sie? Komisch zu glauben, aus dem Einstehen für sich selbst ergäbe sich für einen Popstar die moralische Pflicht, unsere Träume von einer besseren Welt zu finanzieren."
Außerdem: Thomas Hahn schafft in der SZ einen Überblick über aktuelle Tendenzen und Aufreger im milliardenschweren K-Pop. Karl Fluch freut sich im Standard auf das Konzert von TheThrowingMuses heute in Wien. Oliver Hochkeppel wünscht sich in der SZ, dass nach Joachim Kühn und Michael Wollny auch ChrisGall als deutscher Jazzpianist international berühmt wird. Vor kurzem ist sein Album "Impressionists Improvised" erschienen, daraus ein Auszug:
Besprochen werden die Memoiren des Musikmanagers StefanRedelsteiner (Standard) und ein neues Album von PressClub (FR).
Mit ihrem neuen Album "Something Beautiful" beginnt beim US-Popstar MileyCyrus wohl "das Zeitalter der psychedelischen Prog-Pop-Oper", schreibt Juliane Liebert auf Zeit Online. Angeblich standen Pink Floyd für das als opernhaftes Begleitmaterial zu einem demnächst ins Kino kommenden Musikfilm konzipierte Album Pate, Liebert hört aber eher den "Kamikaze 1989"-Soundtrack von Edgar Froese heraus. "Dazu spricht Cyberpunk-HohepriesterinMiley ihre Prophezeiung: von Zügen, vorbeihuschenden Landschaften, luziden Träumen. Ein abysstiefer, wimmernder Bass warnt uns vor einer unbestimmten Gefahr: Wir rasen durch die musikalische Neonlicht-Dunkelheit, auf Motorrädern, von allen Seiten wird geschossen. Streicher fallen aus einem Helikopter, im Todessturz noch den Sonnenaufgang herbeifiedelnd." Und das funktioniert "als episches Opus ... erstaunlich gut."
SZ-Kritiker Jakob Biazza hat viel Freude an den "herrlichen kleinen Überraschungen", auf die man beim Hören dieses Albums überall stößt. "In den beiden sanft endzeitlichen Instrumental-Interludes 1 und 2. In 'Walk of Fame', das beginnt wie eine Donna-Summer-Giorgio-Moroder-Gedächtnis-Hymne, und dann - mitten im 2,20-Minuten-Songlänge-Tiktok-Zeitalter - sechs Minuten lang nicklige kleine Haken schlägt. Im sehr lässigen 60s-Soul-Groove von 'Easy Lover'. In 'Pretend You're God', dieser relativ direkt aus dem London der 90er herübergewehten Trip-Hop-Schönheit." Für den Standardbespricht Karl Fluch das Album.
Besprochen werden ein neues Album von BenKweller (Welt), ein Konzert von ImagineDragons in Zürich (NZZ) und SteveLands' Konzeptalbum "Rearranging the Planets", das "heller strahlt als die Sonne", wie tazler Julian Weber jubelt: "Ein fulminantes Meisterwerk, über das noch lange zu sprechen sein wird." Hier die Live-Premiere der Komposition in New Orleans im April 2022:
Axel Brüggemann ärgert sich auf Backstage Classical über den Zustand der Klassik-Kritik. Anlass dazu bieten ihm nicht nur Ausfälligkeiten in einer aktuellen Opernkritik, sondern insbesondere Christine Lemke-Matweys buchstäblich undistanziertes, in der Zeit veröffentlichtes Porträt des Jungstar-Dirigenten KlausMäkelä (unser Resümee, das darauf ebenfalls schon mit lakonischer Ironie hinwies): "Ist das schon Groupietum", wenn Lemke-Matwey über Mäkeläs Duft schreibt und seine Ausdrucksweise "niedlich und wikingerhaft zugleich" findet, fragt sich Brüggemann. "Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, ein männlicher Kritiker würde so etwas über eine Frau schreiben!" Auch ansonsten mangelt es oft an Distanz: "Auch große überregionale Zeitungen oder Autorinnen und Autoren von öffentlich-rechtlichen Sendern lassen sich einladen, ohne das öffentlich zu machen. Und aus Erfahrung kann ich sagen, dass es unter Kritikerinnen und Kritikern mehrere 'Raupen Nimmersatt' gibt, die sich an den Pausenbuffets kostenfrei die Häppchenreinzimmern. Mir fallen nur wenige Kolleginnen und Kollegen ein, die neben den (leider tatsächlich mickrigen) Zeitungs-Honoraren nicht auch von Programmhefttexten oder Einführungsvorträgen für Orchester leben, ohne das in ihren Texten transparent zu machen."
Aus mehreren Ländern werden nach dem ESC Stimmen laut, die Israel vorwerfen, das Publikumsvoting manipuliert zu haben. Tatsächlich kam der israelische Song zumindest in der Publikumsgunst nach Telefonabstimmung auf Platz Eins. Dem vorausgegangen war eine "bisher in der Größe nie dagewesene Werbekampagne für den eigenen Beitrag", schreibt Stefan Weiss im Standard und unterstreicht aber auch: "Gegen aktuelle ESC-Regeln hat Israel damit nichtverstoßen. Die Kritiker argumentieren ethisch-moralisch." Auf die simple Einschätzung, dass viele Menschen unter den Eindrücken der beispiellosen Mobbing-Kampagne seitens BDS und Co aus Trotz und Protest für den israelischen Beitrag gestimmt haben könnten, kommt offenbar niemand - stattdessen wird mal wieder über eine Verschwörung geraunt.
Weitere Artikel: Michael Pilz blickt in der Welt auf die Geschichte und durchaus von Zweifeln durchzogenes Selbstverständnis des Ostrock, der sich Ende Juni auf einem Festival ("Klassentreffen der Ostmusik") in Neuruppin feiert. Michael Suckow (Freitag) und Karl Fluch (Standard) gratulieren dem Rockmusiker JohnFogerty zum 80. Geburtstag. Jan Brachmann schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Komponisten PerNørgård. Die NMZ hat aus diesem Anlass ein Gespräch mit Nørgård aus dem Archiv geholt.
Besprochen werden MalakoffKowalskis Album "Songs with Words" (NZZ), ein von MirgaGražinytė-Tyla dirigiertes Konzert des OrchestrePhilharmoniquedeRadioFrance in Wien (Standard), das neue Album von MileyCyrus (Welt), ein neues Album von RobbieWilliams, der sich nun wieder an Britpop versucht (Presse), ein Auftritt von BonnieTyler in Frankfurt (FR) und ein Konzert von TillBrönner in Frankfurt (FR).
"Jung-Siegfried, lasseskrachen", denkt sich Christine Lemke-Matwey euphorisch, wenn der finnische Dirigent KlausMäkelä beim Strauss-Konzert in die Vollen greift. Dem bestrickenden Charme des Jungstars - noch keine Dreißig, aber 2027 übernimmt er in Amsterdam und Chicago "gleich zwei spitzenträchtige Spitzenorchester" - ist die Zeit-Kritikerin spürbar erlegen. Ein Jahr lang hat sie sich für ihr Porträt an dessen Fersen geheftet und ist ihm, der ihr auch mal Pralinen anbietet, spürbar nahe gekommen ("Er riecht gut, nach Sandelholz, Eberesche und Norden, nach frischem Moos vielleicht"). Und die Musik? "Mäkeläs Lesart der Alpensinfonie mit den Münchner Philharmonikern im Juni 2024 ist kein Lebensgleichnis, sondern der Gipfelsturm eines jungen Mannes, der sich vor dem Wiedereinbruch der Nacht fürchtet, mit kantig herausgemeißelten Dissonanzen und dumpfem Dröhnen. Auch Gustav Mahlers Erste Symphonie, die er zur Eröffnung des diesjährigen Mahler Festivals am Pult des Concertgebouw Orchestras dirigiert, tunkt er nicht ins übliche Weltschmerzbad, sondern befreit sie vielmehr von allen solchen Rückständen. Ob der Kuckuck sich in den Kopfsatz der Symphonie verirrt hat und deshalb klagend ruft, warum das Cello so seufzt und was das Volkstümliche hier zu suchen hat, all die Tanzböden und Schanigärten - wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Da dräutetwas."
Heute vor 100 Jahren wurde der in der frühen Bundesrepublik allseits hochverehrte Sänger DietrichFischer-Dieskau geboren. Bereits am Montag erinnerte die FAZ mit einem großen Gespräch an ihn (unser Resümee), heute ziehen weitere Feuilletons nach. Er war der "universalste Sänger in der Geschichte der deutschen Musik", schreibt der Theater- und Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer mit entflammtem Enthusiasmus in der NZZ. In der SZ empfiehlt Michael Stallknecht BenjaminAppls Buch-und-CD-Kombi "For Dieter", in der sich der frühere Fischer-Dieskau-Schüler vor seinem Mentor verbeugt. Dazu passend hat Dlf Kultur sehr ausführlich mit Appl gesprochen. Knappe Würdigungen schreiben Judith von Sternburg (FR) und Frederik Hanssen (Tsp). Ein "Musikfeuilleton" im Dlf Kulturpräsentiert außerdem O-Töne aus Fischer-Dieskaus Karriere.
Weiteres: "Hört hin, mit offenen Ohren", ruft uns Manuel Brug in der Welt völlig begeistert von AndrisNelsonsSchostakowitsch-Festival in Leipzig (unser Resümee) zu. Edo Reents gratuliert in der FAZ dem Rockmusiker JohnFogerty zum 80. Geburtstag. Besprochen wird das neue Album von MileyCyrus ("Die im Dunkeln Verstummten sollen mitsingen, damit sie sehen lernen: Es wird wieder Tag", schwelgt ein getrösteter Dietmar Dath in der FAZ).
Schier überwältigt wankt FAZ-Kritiker Gerald Felber aus den Konzerten des Schostakowitsch-Festivals, das Andris Nelsons mit dem Gewandhausorchester und dem BostonSymphonyOrchestra in Leipzig bestreitet. Für die Siebte Sinfonie spielten beide Orchester zusammen auf. "Nichts entglitt ins Diffuse: Die Passagen sehnsüchtiger Rückbesinnung erklangen kristallin kühl und unsentimental, in den Mittelsätzen erinnerten Mahler'sche Grotesken-Einschübe und die schmerzliche Süße einer 'Valse triste', im Finale schließlich der nur unter äußerster Anspannung erzielte und bis zum Schluss einsturzgefährdete, gerade deswegen geradezu verzweifelt beschworene Dur-Durchbruch immer wieder an den Preis, der erbracht werden muss, wenn das menschliche Glücksverlangen in die Banden vorgeblich heilbringender Ideologien geschlagen wird. Die gespannte Aufmerksamkeit und der enorme Zuspruch des Publikums lassen hoffen, dass Schostakowitschs Botschaften in Zeiten eines wachsenden Totalitarismus neue Resonanz finden."
Weiters: In der FAZgratuliert Dietmar Dath dem Gitarristen BruceCockburn zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein neues Album von TheseNewPuritans ("ein Album des Jahres", jubelt Christian Schachinger im Standard), IchikoAobas Album "Luminescent Creatures" (Jungle World), das neue Album "Po$t American" von JohnnyDepps Band DeadPioneers (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter KeithJarretts "New Vienna" mit einer Aufnahme von 2016 (Standard-Kritiker Ljubiša Tošić bezeugt "Echtzeitkunst, die mitunter Anläufe braucht, aber an Höhepunkten feurige Strukturen entstehen lässt").
Welchen Status Dietrich Fischer-Dieskau in der frühen Bundesrepbulik hatte, lässt sich heute kaum mehr nachvollziehen. Aber Jürgen Kesting redet darüber mit der heutigen Nummer 1 des Liedgesangs, Christian Gerhaher, in solcher Selbstverständlichkeit, dass es rührend ist - das Gespräch steht in der FAZ zum hundertsten Geburtstag Fischer-Dieskaus: "Ich stehe mit größter Bewunderung davor, wie er das alles geschafft hat: fast alle Lieder von Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Wolf, Mahler und Strauss, teils mehrfach, das alles technisch in für mich geradezu unfassbarer Konstanz, dazu natürlich noch alles mit Orchester und ein sehr breites Oratorien- und Opernrepertoire. Das alles musste Fischer-Dieskau in kurzer Zeit gelingen, die es aber schwer machen kann, der klanglichen Einzigartigkeit beispielsweise eines Liedes immer völlig gerecht zu werden. Die Gefahr, die in einer so immensen Produktivität liegt, ist die einer zum Pauschalen neigenden Darstellung, die zu einer gewissen Monotonie führen kann."
Hier eine seiner berühmten Debüt-Aufnahmen, Bahms' "Ernste Gesänge" von 1949:
Weitere Artikel: Jochen Overbeck blickt für Zeit Online auf den anhaltenden Einfluss von BritneySpears' vor 25 Jahren erschienenem Popsong "Ooops! I Did It Again" auf den Pop der Gegenwart. Besprochen werden das Comeback-Album von Stereolab (taz, mehr dazu bereits hier), ein Konzert von MashaQrella in Offenbach (FR), ein von MatthiasHermann dirigiertes Konzert des BR-Symphonieorchesters im Rahmen der "musica viva"-Reihe in München (SZ) und das neue Album "Sable, Fable" von BonIver (Jungle World).
Um 2000 gehörten Stereolab in jede Musiksammlung, deren Besitzer durch erlesenen Pop-Geschmack punkten wollten. Nach vielen Jahren Funkstille meldet sich die britische Band mit einem neuen Album namens "Instant Holograms on Metal Film" zurück. "Die Motorik von Krautrock, orchestraler Pop aus den Sechzigerjahren und französische Yé-yé-Musik trafen auf Postrock in überschaubarer Portionsgröße", beschreibt Jochen Overbeck auf Zeit Online die seinerzeit bediente, retrofuturistische Ästhetik der Band. Zu erleben war "ein Instrumentenpark, der in erster Linie aus damals kaum mehr verwendeten Synthesizern bestand." Aber "wo die Band damals Richtung Soul blickte, steht diesmal Loungemusik im Vordergrund. Ganes Gitarre wirft einen hübschen Twang in den Raum, stilprägend bleiben aber die Tasteninstrumente. Fender-Rhodes-Piano, Wurlitzer, Mellotron, Clavinet: Fans alter Synthies wird dieses Album glücklich machen." Auch der "Forschergeist in engagierten Zuhörern" wird geweckt, bietet das Album doch "zahlreicheTapetentüren, durch die man in ganz andere Popwelten treten kann".
Außerdem: Frauke Steffens fragt sich in der FAZ angesichts des riesigen Prozesses gegen den Rapper P. Diddy, wie dessen mutmaßliche Taten so lange unbemerkt bleiben konnten. Robert Mießner wirft für die taz einen Blick in die Programme der Jazzfestivals im Sommer. Jakob Biazza lässt sich im SZ-Gespräch mit Rapper JanDelay Lebens- und Karrieretipps geben. Besprochen werden ein Mahler-Konzert des ORFRadio-Symphonieorchester Wien (Standard), neue Alben von Blond (SZ), BenKweller (WamS) und Pulp ("Die neuen Grooves ... werden diesen Sommer bestimmt viele glücklich machen", ist sich Jan Wiele in der FAZ sicher).
Schon sehr respektabel findet es Joachim Hentschel (SZ), wie sich BruceSpringsteen auf seiner aktuellen Europatour mit ganzen Themeninseln und Ansprachen innerhalb eines Konzerts gegen Trump positioniert. Zu vernehmen "sind große Worte, ein herrlichesNo-Bullshit-Narrativ über eine Zeitgeschichtsphase, die seit Monaten von vielen als Untergang der westlichen Werte kommentiert wird", während Trump gemäß seiner Kleinkind-Mentalität auf Social Media dazu Gift und Galle spuckt. "Springsteen hat durch seine Bekenntnisse zuletzt wohl republikanische und rechtsalternative Fans verloren. Dafür stärkt der Zwist zugleich sein Profil als Stimme Amerikas, Menschenrechtler und Anwalt der Verdammten immens. Erbost zurückgeschickte Konzertkarten dürften auf dem Zweitmarkt schnell wieder veräußert sein. Und auch wenn es vor allem ein frommer Wunsch ist: Eventuell war ja der Fall Springsteen-gegen-Trump der lange erwartete Urknallfürdengroßen, öffentlichenKulturaufstand."
Meret Baumann blickt in der NZZ auf die ziemlich idiotischen Darlegungen des ESC-Gewinners JJ, der sich in einem Gespräch für El Pais gewünscht hat, der ESC möge in Österreich im nächsten Jahr doch bitte ohne einen Beitrag aus Israel stattfinden, und Israel darüber hinaus bezichtigt hat, wie Russland einen Angriffskrieg zu führen, als hätte es den 7. Oktober nie gegeben: "Eine verstörende Schuldumkehr, die als antisemitisch gewertet werden kann. Zudem zog er das Publikumsvoting, bei dem die israelische Künstlerin Yuval Raphael gewonnen hatte, in Zweifel. Das sei seltsam gewesen und er wünsche sich mehr Transparenz, so der Sänger." Dass JJ, als Countenor an der Wiener Staatsoper tätig, "der alten Tante Hochkultur auf der Nase herumtanzt", findet Ronald Pohl vom Standard künstlerisch erstmal top, auch wenn sich der Preisträger "politisch töricht unbedarft" in der Öffentlichkeit präsentiert. Klar ist für Pohl jedenfalls: In Österreich zum ESC "sind alle, wirklich alle herzlich eingeladen". Lena Karger von der Welthält die Verbalattacken gegen Yuval Raphael und Israel beim ESC in diesem Jahr für besonders abstoßend, da die israelische Sängerin das Hamas-Massaker vom 7. Oktober nur äußerst knapp überlebt hat. "Dass sich so viele Künstler eines Festivals, das sich Liebe auf die Fahnen schreibt, in diesem Fall so wenig empathisch zeigen, ist, gelindegesagt, irritierend." JJ selbst gibt derweil bekannt, dass er wohl missverstanden werde, er wolle doch lediglich die israelische Regierung kritisieren, meldet Tobias Schwaiger im Standard.
Weitere Artikel: Christina Rietz unterhält sich für die Zeit mit dem 97-jährigen Dirigenten HerbertBlomstedt. Thomas Lindemann stellt in der Frankfurter Allgemeine Quarterly den Chor Bodies vor, der sein Publikum regelmäßig zu Tränen rührt. Sara Peschke porträtiert in der SZSkin, die Sängerin der Band SunkAnansie. Im Tages-Anzeigerfragt sich Martin Fischer, warum die einerseits so populäre US-Band ImagineDragons andererseits so gehasst wird. Besprochen werden SophiaKennedys Album "Squeeze Me" (taz), neue Popveröffentlichungen, darunter das Comeback-Album "Instant Holograms on Metal Film" von Stereolab (Tsp), und das Debütalbum der Band Kin'GongoloKiniata aus Kinshasa, die mit selbstgebauten Instrumenten eine Art Afrobeat-Punk spielen (taz).
Melanie Biedermann porträtiert in der NZZ den nigerianischen Popstar FemiKuti, der sich wie sein berühmter Vater Fela für gesellschaftspolitischen Fortschritt stark macht. Ilko-SaschaKowalczuk mag die Musik von RolandKaiser zwar nicht, räumt der Historiker im Freitag ein, "aber er ist ein Citoyen im besten Wortsinne. Ein Schlagersänger, der seine hunderttausenden Fans nicht vor Warnungen vor der AfD verschont." In seiner Klassikkolumne für den Tagesspiegelrät Frederik Hanssen den Fans von ESC-Gewinner JJ es doch mal mit Wagner statt mit Opernpop-Crossover zu versuchen. In der Zeiträt Florian Gasser dem ORF und dem österreichischen Finanzminister vor den erheblichen Kosten einer ESC-Ausrichtung nicht zurückzuschrecken. Und JJ selbst rät dem Veranstalter EBU Agenturenmeldungen zufolge, Israel vom ESC auszuschließen - ob nun aus Konformitätsdruck, tiefsitzender innerer Überzeugung oder weil ihn das Kopf-an-Kopf-Rennen mit Yuval Raphael dann doch zu sehr belastet hat. Christian Schachinger blickt für den Standard auf die Fehde zwischen BruceSpringsteen und DonaldTrump. Kolja Podkowik von der AntilopenGangmeditiert in der Jungle World über das Für und Wider vom Tragen von Band-T-Shirts. Besprochen wird David Longstreths Album "Song of the Earth" (FR).
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