Im Podcast von Backstage Classicalspricht die israelische Sopranistin ChenReiss über ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit: "Wir erleben Antisemitismus überall", sagt sie und "spricht von unsicheren und instabilenZeiten, besonders für Juden. Die Künstlerin, deren Großeltern 1939 aus Europa fliehen mussten, empfindet die Gegenwart als besorgniserregend und weiß nicht, wohin man diesmal fliehen solle. Selbst Deutschland, das sie einst als sicher empfand, könne sie heute nicht mehr als solches bezeichnen. ... Während Kollegen meist aufgeschlossen seien, zeigten sich einige Veranstalter zurückhaltend. 'Einige Veranstalter sind vorsichtig geworden, ein jüdisches Programm zu planen', so Reiss. Die Furcht gelte Demonstrationen oder Empörung des Publikums. Manche hätten ihr offen gesagt, dass ihr Projekt 'Jewish Vienna' zwar fabelhaft sei, sie angesichts des politischen Umfelds aber lieber etwas anderes singen solle."
Jan Brachmann hat sich für die FAZ mit dem Dirigenten und für Air France fliegenden Piloten DanielHarding unterhalten. Der sieht in seiner zweiten Tätigkeit eine Art Ausgleichssport, der mit der Musik wechselwirkt: "Wenn man in der Musik die Katastrophen vermeiden will, vermeidet man auch die Schönheit. Das Fliegen rückt für mich die Wahrnehmung dafür zurecht, was in der Musik wirklich und ernsthaft schiefgehen könnte. Schiefgehen im Konzert bedeutet für mich, nichts zu versuchen. Aber etwas zu versuchen und dann an die Grenzen der eigenen Kraft zu gelangen, das ist in der Musik kein Fehler. Das Fliegen dreht sich dagegen immer ums genaue Verstehen von Risiken und darum, eine Strategie zu entwickeln, niemals in Situationen zu gelangen, aus denen man nicht sicher herauskommt."
Weitere Artikel: Joachim Hentschel berichtet in der SZ von Aufregungen in der Palästina-Szene, weil Kneecap von großen deutschen Musikfestivals wieder ausgeladen wurde, nachdem die irische Band beim Coachella-Festival mit stumpf-rustikalen Parolen zum Hass gegen Israel aufgerufen hatte und außerdem britischen Behörden zufolge im Verdacht steht, auf Konzerten auch für die Hamas und die Hisbollah geworben zu haben. Michael Ernst resümiert für die FAZ die Messiaen-Tage in Görlitz. Aldo Keel blickt für die NZZ auf die grönländischeRock- undRapszene. Viele Musikfestivals können sich die Gagen von großen Popstars nicht mehr leisten, berichtet Martin Fischer im Tages-Anzeiger. Samir H. Köck porträtiert für die Presse das wienerische Popduo Lusterboden.
In London hat Igor Levit unter Leitung von MarinaAbramović eine wahre Berserkerleistung hingelegt, berichtet Michael Neudecker in der SZ: ErikSaties "Vexations" hat er 840mal hintereinander gespielt, eine 13-stündige Performance. "Levit leidet, als es spät wird, und man leidet mit ihm. Der müde werdende Unermüdliche steht immer wieder auf, stützt den Kopf in die flache Hand, schließt die Augen, verzieht das Gesicht. Als es auf halb elf Uhr abends zugeht und Levit fast liegt in seinem unbequem aussehenden Stuhl, da kommt es einem vor, als würde der Wachzustand mit dem Trancezustand verschmelzen. ... Es ist ein Kommen und Gehen im halb vollen Saal, das Rascheln ist zu später Stunde so laut, das Levit sich gegen 22.15 Uhr - natürlich weiterspielend - ins Publikum dreht und den Finger auf die Lippen legt. Und dann ist es plötzlich vorbei. Um 23.08 wirft Levit auch das letzte Notenblatt hinter sich auf den Boden. Er hält inne, reibt sich die Augen, klopft auf die Stuhllehne und steht auf. Das Publikum reagiert überrascht und dann begeistert. Moment, sagt Levit, eines wolle er noch klarstellen: Zugabe gebe es keine." Roland Pohl schreibt im Standard zum Tod von DavidThomas, dem Sänger der "wunderbaren PereUbu. ... Bei Bedarf giggelte und pfiff der massige Mann wie ein kollabierender Druckkochtopf. Etwas vom Geist des Blues-Wahnsinnigen Captain Beefheart steckte in dem Naturgewaltigen. Dazu zwitscherte ein verstimmter Synthesizer, bedient von dem nachmaligen Flugkapitän Allen Ravenstine. Pere Ubu spielten den ohrenbetäubenden Soundtrack zum unwiderruflichen Ende der alten, rein fossil betriebenen Industriegesellschaft. Ihre frühen Alben wie 'New Picnic Time' (1979) hörten sich an wie Parodien auf die Popmusik: seltsame Musikethnografien, während Thomas merkwürdiges Zeug über 'Vögelchen' wisperte und zirpte. Popphilosoph Greil Marcus schrieb einst, David Thomas klinge wie der Mann, der in einer Menge besinnungslos vor sich hinmurmle. Erst allmählich bemerke man, dass er einen persönlich anspreche."
Weitere Artikel: KazukiYamada wird auf RobinTicciati als Leiter des DeutschenSymphonie-OrchestersBerlin nachfolgen, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Für die WamS spricht Martin Scholz mit Suzanne Vega, die sich gerade an einem Comeback versucht. Axel Brüggemann hat für Backstage Classical die Leipziger Klaviermanufaktur Blüthnerbesucht. Joachim Hentschel erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit dem österreichischen Dup Abor & Tynna, das Deutschland beim ESC vertreten wird. Der Berliner Rapper Romanofordert in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegelmehr Jugendzentren in Berlin.
Besprochen werden die DVD-Ausgabe von ThomasReitmayers Doku "Es is zum Scheißn" über die WienerPunkszene der späten Siebziger (Standard) und ein Konzert von Bilderbuch in Wien (Presse, Standard).
Dass nun auch der YoutuberAnthonyFantano, der selbsternannnte "Internet's busiest music nerd" und bislang die "personifizierte Ehrenrettung von Musikjournalismus", den Musikdiskursfürtot erklärt hat (siehe oben), ist für tazler Lars Fleischmann ein weiteres Anzeichen, dass die ganze Sache im Zuge "einer nicht mehr enden wollenden Saure-Gurken-Zeit" wirklich im Begriff ist, allergründlichst den Bach runterzugehen. Erst starben und sterben die Print- und Online-Magazine, dann auch die Blogs und viele Youtube-Kanäle. Auch Reels auf Instagram und TikTok spenden keinen Trost. "Ein weiterer Diskurskiller ist die schiere Masse an Content. Auf Spotify werden täglich mehr als 100.000 Musikstücke (Stand 2023) hochgeladen, das ist mehr, als früher in einem ganzen Jahr veröffentlicht wurde. Wie soll dieser Output noch überblickt werden? Musikjournalisten tun ein Übriges: Instagram und Tiktok werden mit Selbstverständlichkeit bespielt, Videos über Samples veröffentlicht, pausenlos Gossip verbreitet und vor allen Dingen nach Skandälchen gesucht. Ob das auf Dauer die Kritik voranbringt?" Ein paar Oasen zumindest im deutschsprachigen Raum nennt Fleischmann aber doch: das NetzradioByte.FM, der öffentlich-rechtliche SenderCosmo sowie die Kolumnen von Florian Aigner im Magazinbereich des Plattenladens HHV.
Erst KlausMäkelä, der noch keine 30 ist und den internationalen Klassikbetrieb im Sturm erobert hat, jetzt TarmoPeltokoski, der mit 25 nun mit der Lettischen Nationalphilharmonie und dem Nationalorchester in Toulouse gleich zwei Klangkörpern als musikalischer Leiter vorsteht: Die SibeliusAkademie in Helsinki, wo beide unter Jorma Panula studiert haben, hat "sich nun endgültig zur Talentschmiede des Dirigiernachwuchses gemausert", stellt Helmut Mauró in der SZ fest. Bei den Proben für ein Brahms-Gastspiel an der Elbphilharmonie hat Mauró dem jungen Talent zusehen können: Peltokoski "stachelt die Musiker zu kraftvollen Crescendi an, reckt ihnen dabei bedrohlich die Faust entgegen und nimmt sie wieder zurück als sanftes Hasenpfötchen. Das sieht etwas eigenartig aus, verfehlt seine Wirkung aber nicht, das Brahmssche Spiel der Extreme von Forte-Explosionen und weich gebettetem Ruheklang profiliert herauszuarbeiten. Keine Frage, dieser junge Maestro will hier nicht nur ein bisschen gastieren, sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen."
Weitere Artikel: DavidThomas von PereUbu war "einer der größten Sänger, die die US-amerikanische Rock'n'Roll-Avantgarde jemals hatte", schreibt Joachim Hentschel in seinem Nachruf in der SZ. Raweel Nasir porträtiert für die taz den Jazzmusiker PaulBrody, der mit seiner Musik den Berliner Gleisdreieckpark abbildet. Mit dem oft sehr wahren Satz "Das Leben ist oft blöd" kommentiert Karl Fluch im Standard den Sachverhalt, dass die neuseeländische Popmusikerin Lorde für einen via Social Media ausgerufenen Überraschungsauftritt im Washington Square Park gar keine Auftrittsgenehmigung vorliegen hatte, was naturgemäß die Polizei intervenieren ließ. Jan Wiele (FAZ) und Joachim Hentschel (SZ) gratulieren dem ABBA-Musiker BjörnUlvaeus zum 80. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Daniel Rotsein über "The Teacher" von PaulSimon. Und Oliver Jungen jubelt in der FAZ über den von Arteonline gestellten Konzertfilm von Nick Caves Auftritt in Paris im vergangenen Herbst: "Ein Jahrhundertkonzert", denn "alles ist Perfektion, höchste Konzentration und mitreißendeWucht".
Besprochen werden der von Erika Thomalla herausgegebene Band "Die Wahrheit über Kid P" mit den musikjournalistischen Texten von AndreasBanaski (taz, mehr zu dem Buch bereits hier), das Solo-Debütalbum von TV-on-the-Radio-Sänger TundeAdebimpe (Presse), Yaneqs Album "Reime und lose Gedanken" (taz), ein Konzert von Ghost in Frankfurt (FR), ein Zürcher Konzert von ShirinDavid (NZZ), weitere neue Popveröffentlichungen (Tsp) und das neue Album von DJKoze (NZZ-Kritiker Adrian Schräder wird beim Hören "öfter mal von einem schwarzen Loch verschluckt").
In der Debatte um die mögliche Abschaffung des privilegierten Gema-TantiemenschlüsselsfürE-Musik "wird vermutlich nicht ungewollt der Eindruck erweckt, dass die bisherige Sparte 'Ernste Musik' bei der GEMA all das beinhaltet, was an klassischer Musik in den letzten Jahrzehnten komponiert wurde", schreibt die Cellistin Susanne Wohlleber auf Backstage Classical. Das stimme aber nicht: Mit einem großzügigeren Geldsegen bedacht werde lediglich "ein immer kleiner werdender, elitärerKreis. Bis zur Einordnung eines Werkes in die Sparte 'E' ist ein jahrelanger, bürokratischer, oft entwürdigender Kampf nötig", da in den dafür zuständigen Gremien rigororse, nach Wohllebers Ansicht ziemlich engstirnige Ausschlusskriterien angelegt werden. Hinzu kommt, dass über die "kulturelle Förderung" die Ansprüche mit den Jahren wachsen: "Die TOP 100 Urheber*innen in der heutigen E-Wertung erhalten im Durchschnitt je 50.000 Euro 'kulturelle Förderung' pro Jahr zusätzlich." Dies "wirkt für sie wie eine exklusiveGrundsicherung. ... Vor diesem Hintergrund wird leicht deutlich, zu wessen Lasten die geplante Reform gehen soll, und wer sich verständlicherweise lautstark und medienwirksam dagegen aufbäumt. Die selbsternannte Avantgarde fürchtet um ihr Luxusquartier im Elfenbeinturm. Sie appelliert heute an ein Solidarprinzip, welches sie Andersdenkenden bzw. -komponierenden selbst nie zugestanden hat."
Weitere Artikel: Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit dem Pianisten AndrásSchiff, der seine Konzerte in den USA aus Protest gegen die Trump-Regierung abgesagt hat (und auch Russland sowie Ungarn boykottiert). Markus Ströhlein berichtet für die Jungle World von seinem Besuch im Synthesizer-Museum, das bis Ende des Jahres seine Zelte in Berlin aufgeschlagen hat. Im Freitaggratuliert Konstantin Nowotny dem AboutBlank - einem der wenigen Berliner Clubs, die sich nicht undifferenziert der Palästina-Solidarität hingeben - zum fünfzehnjährigen Bestehen.
Besprochen werden ein Wiener Beethoven-Abend mit IgorLevit (Standard), ein neues Album von ChrisGoss' Band MastersofReality (Standard) und ein neues Liszt-Album des Pianisten Leif Ove Andsnes (NZZ).
Im FAZ-Kommentar bekräftigt der Komponist HelmutLachenmann in der Debatte um die GEMA-Tantiemen für E- undU-Musik seine bereits in VAN geäußerte Position (unser Resümee): Es "muss weiterhin unterschieden werden", denn "bei U und E geht es keinesfalls um dieselbe Art von 'Dienstleistung'. Im Falle U geht es in allen Varianten um den unverzichtbaren 'Dienst' anderLebensfreude. Im Falle E geht um die gleichermaßen unverzichtbare, letztlich aber schwierige und anspruchsvollere Erinnerung an unsere ästhetischen Bedürfnisse und Neugier als Teil unserer geistigen Versorgung." Dies "zum Nachteil der E-Musik zu verwischen und die mit ihr Verbundenen zu schädigen, indem deren Beiträge dem geistlosen und blinden Mechanismus von Angebot und Nachfrage ausgesetzt werden, dem sie nicht gewachsen sind, halte ich für verantwortungslosen Missbrauch des Vorteils der Mehrheit, gleichgültig gegenüber dem damit ergehenden gespenstischen Signal an unsere Kulturgesellschaft."
Weitere Artikel: Im Podcast von Backstage ClassicaläußertNikolausPont, Intendant des BR-Symphonieorchesters, Sorgen, dass die SZ ihrer Musikkritik in Zukunft weniger Raum geben könnte. Im Standardschaut Ljubiša Tošić RichardDünser über die Schulter, der Schuberts nur als Skizze vorliegende Symphonie E-Dur, D 729, auf Grundlage weiterer Schubert-Skizzen vervollständigt hat. Im Tagesspiegel-Kommentar ärgert sich Aida Baghernejad darüber, dass ShirinDavidkeine Journalisten für ihre Konzerte akkreditieren lässt. Thorsten Fuchshuber plaudert für die Jungle World mit der Sängerin und Bassistin Erica Stoltz von der Rockband Sanhedrin. Besprochen wird das neue Album des JuliaHülsmannQuartets (FR-Kritiker Hans-Jürgen Linke erspürt "unter den melodisch-rhythmischen Gebilden ... eine Ebene von Geheimnis, Mehrbödigkeit, RaffinesseundTiefe", sowie "einen schnell vorbei ziehenden Reichtum an Möglichkeiten").
Wenn die als MoorMother auftretende Musikerin und Performerin CamaeAyewa gemeinsam mit der Post-Metalband Sumac auftritt (ein gemeinsames Album folgt dieser Tage), dann entwickelt das "niederdrückende" Qualitäten, schreibt Benjamin Moldenhauer nach dem Berliner Auftritt beglückt in der taz: "Eine Band und eine Sängerin aus unterschiedlichen musikalischen Universen brachten ihre jeweiligen Techniken zusammen und rissen in der Folge dann gemeinsam alles ein. ... Schlagzeuger Nick Yacyshyn spielt millimetergenau, die Gitarre von Aaron Turner, dem früheren Sänger der stilbildenden Post-Metal-Band Isis, klingt fies uneinladend, die Musik generell abweisend und Vereinzelung befördernd. ... Was in dem Sprachstrom an diesem Abend thematisiert und geschrien, woran erinnert wurde, war akustisch kaum zu verstehen. Aber das Gesprochene und Gesungene wurde spürbar, als in ihrer Drastik überraschende Intensität. Was Sumac und Moor Mother auf der Bühne herstellten, war politisch in einem weiteren, vorbewussten Sinne. Politische Musik heißt hier, die Wahrnehmungskanäle zu öffnen, mit klanglicher Gewalt."
Besprochen werden eine CD-Box mit von Tjeerd van der Ploeg eingespielten Arbeiten des Orgelkomponisten CharlesTournemire (online nachgereicht von der FAZ), ArveHenriksens, TrygveSeims, AndersJormins, MarkkuOunaskaris gemeinsames Album "Arcanum" (FR), ein neues Album von SharonVanEtten (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album der Mekons (Standard).
Von ChristianThielemann als Barenboim-Nachfolger auf der Position des Generalmusikdirektors der Staatsoper UnterdenLinden hat das Berliner Publikum in den letzten Monaten (insbesondere wegen Thielemanns seit Jahren bis weit in die Zukunft gefüllten Terminkalenders) eher wenig mitbekommen, stellt Manuel Brug in der Welt fest. Wünschen würde er sich, dass Thielemann sich in kulturpolitischen Fragen angesichts der Kürzungen zum Herold aufschwingt. "Der 66-Jährige ist ein Vertreter alter Festkultur, die gern das große, bedeutende Repertoire wiederholt, aber zu wenig in die Zukunft blickt. Das ging lange gut, weil Geld da war und Politikerwille. Das wird beides jedoch stetig weniger. Dafür sitzt man in der Hauptstadt, die sich immer als Kulturmetropole mit sieben Orchestern, zwei Chören, drei Opern, fünf großen Theatern und einem Ballett feierte, sehr auf dem Präsentierteller: auf dem viele den Zusammenhalt der Gesellschaft und ihre Empathie lesen mögen. Würde Thielemann dort mehr mitspielen wollen, als Galionsfigur etablierten Könnens, die Opern miteinander verbünden und mal zu gemeinsamen Spielplanaktionen anhalten - er könnte auf diesem Posten über sich hinauswachsen."
Bachs Johannespassion hört Petra Bahr an diesem Ostern unter den Eindrücken eines wiedererstarkenden Antisemitismus in den letzten anderthalb Jahren nicht "mit wohliger Ergriffenheit, sondern mit Verstörung und Beklemmung", räumt die Theologin in der Zeit-Beilage "Christ und Welt" ein. Der Grund: Die "Kreuzige, Kreuzige"-Rufe der Juden im Johannesevangelium sind "musikalisch so kunstvoll umgesetzt, dass sich der Aggression im Raum niemand entziehen kann" - Ausdruck des kirchlichen Antijudaismus, der dem späteren Antisemitismus den Boden bereitet hat. Verändern sollte man das Werk aber keineswegs: Solche "Eingriffe wären problematisch, genauso wie der Versuch, die Bachsche Musik ihrer theologischen Botschaft zu berauben, um sie so ins Universelle, quasi ins sanft Entchristlichte zu ziehen." Besser wäre es, die Johannespassion "künstlerischzukommentieren, durch kleine kompositorische Aufmerkzeichen oder Kurzvorträge als Prosa oder Poesie. Kunst kommentiert also Kunst in theologisch aufklärerischer Absicht, ohne der Passion ihre Wirkung zu nehmen." Denn: "Die Auseinandersetzung mit dem christlichen Antijudaismus und seinem gefährlichen Zwilling, dem Antisemitismus, darf niemandem im Publikum erspart bleiben."
Weitere Artikel: Joachim Hentschel spricht für die SZ mit Bryan Ferry. Adriano Sack verbringt für die WamS einen Tag mit dem Pianisten Malakoff Kowalski. Stefan Fromann plaudert für die WamS mit Tobias Forge, dem Sänger der schwedischen Metalband Ghost. Aida Baghernejad porträtiert für Zeit Online die queeren Countrymusikerinnen JulienBaker und MackenzieScott.
Besprochen werden das neue Album von BonIver (Presse), ein Konzert von GilOfarim (Zeit Online), ein Auftritt des GrégoirePignèdeTrios in Frankfurt (FR) und zwei Konzerte der Jazzmusikerin Ingrid Laubrock in New York (SZ).
Das große Spiegel-Porträt über TeodorCurrentzis liefert im Großen und Ganzen eigentlich nur more of the same, was es über den griechisch-russischen Dirigenten eh schon seit Jahren zu lesen gibt, kommentiert Hartmut Welscher in VAN. "Über die Ukraine spricht Currentzis auch im Spiegel nicht, sondern lieber über sein eigenes Befinden in den letzten drei Jahren seit Kriegsausbruch. Kritische Nachfragen hat der Dirigent dabei auch hier nicht zu befürchten. So bleibt ungeklärt, was zum Beispiel sein zur Schau getragener Vulgärrelativismus ('Ich weiß nicht, wo die richtige Seite der Geschichte sein soll. Mein Navigator kann sie nicht finden') in Bezug auf den Ukraine-Krieg konkret bedeutet. ... In Bezug auf sich selbst ist die Täter-Opfer-Frage für Currentzis geklärter: Er ist das Opfer, die 'Cancel Culture' der Täter." Dabei "ist Currentzis mit seinem Schweigen bisher ganz gut gefahren. Als Machtmensch weiß er, was man ihm in Russland bietet, und woanders nicht. Zum Beispiel ein eigenesKonzerthaus."
Weiteres: Lotte Thaler blickt für die FAZ auf aktuelle Entwicklungen im FreiburgerChorstreit. Besprochen wird DJHells und JonathanMeeses gemeinsames Album "Gesamtklärwerk Deutschland", das tazlerin Hilka Dirks sehr "erschöpfend" findet.
Früher spielte der New Yorker Musiker und Autor DavidGrubbs bei den Postrock-Legenden Gastr del Sol - was man auf seinem neuen, mit zahlreichen Gastmusikern eingespielten Album "Whistle from Above" zur Freude von tazler Robert Mießner auch durchaus hört. Der Siebenminüter "Hung in the Sky of the Mind" etwa "kann als Reminiszenz an diese Zeit und zugleich ein Weiterdenken ihrer Konzepte gehört werden. Grubbs spielt ein sparsames, dabei deutliches Piano, Rhodri Davies eine perlende Schoßharfe, während sich der Horizont langsam zuzieht und in Minute fünf überraschend wieder aufreißt." Auf der A-Seite ist das Album "eine faszinierende Folge folkgrundierter Instrumentals mit Tendenz zum Freak out. Bevor das Album auf der B-Seite verstärkt Zähne zeigt, hat Grubbs 'Poem Arrives Distorted' gesetzt, eine Studie in Atmosphäre und Verdichtung, Innehalten und Beschleunigung." Wir hören rein:
Weitere Artikel: In der FRtadelt Daniel Bax mit erhobenem Zeigefinger den Zentralrat der Juden in Deutschland dafür, dass er dem Rapper MacklemoreAntisemitismus vorwirft - vielleicht hätte der Zentralrat vorab bei Bax nachfragen sollen, was Antisemitismus eigentlich ist? Im Podcast von Backstage Classicalspricht Axel Brüggemann mit MoritzEggert, Vorsitzender des Deutschen Komponistenverbands, über die Debatte um die mögliche Umverteilung von GEMA-Tantiemen von E- Richtung U-Musik. Ljubiša Tošić blickt im Standard auf das Phänomen der Jazztribut-Bands.
Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von JapaneseBreakfast (Standard-Popexperte Christian Schachinger hört "melancholischen, eher lichtscheuenIndie-Pop im klassischen Sinn"), ein Konzert des ukrainischen Kontrabassisten MarkTokar (Zeit Online) und das neue Soloalbum "Thee Black Boltz" von TundeAdebimpe (Standard).
Beethovens Neunte mal ohne festlichen Anlass und ohne Fokus auf den Schluss zu hören ist auch mal ganz frisch, findet Christian Wildhagen in der NZZ. Die Möglichkeit, die Sinfonie "einmal ohne Überbau und auch ohne all den Ballast ideologischer Vereinnahmungen" zu erleben, bot sich die Möglichkeit beim LucerneFestival unter dem Taktstock von FranzWelser-Möst, in dessen "stringenter Lesart das Stück wirklich eine Sinfonie in der Tradition der Wiener Klassik ist, kein Weltanschauungsoratorium mit dreiteiliger musikalischer Vorrede. ... Der finstere Kopfsatz wird zum Pandämonium, zum vorerst ausweglosen Ringen mit der Materie. Darauf antwortet das nicht minder fatalistisch getönte Scherzo, das sich hier, mit allen Wiederholungen gespielt, zu einem fast manisch anmutenden Perpetuum mobile auswächst. ... Wenn nach dem gelösten Ausklang des Satzes das Finale mit der sogenannten 'Schreckensfanfare' hereinbricht, ist das in dieser Aufführung kein Bruch, eher eine letzte Zuspitzung der zuvor in der Musik aufgeworfenen Fragen." Und schließlich doch die "Ode": "Welser-Möst spielt in dieser entscheidenden Passage, die den Umschwung ins Positive bringt, seine ganze Erfahrung und insbesondere seinen souveränenÜberblick über das Stück aus. So erscheint auch der für die Musikgeschichte wegweisende erste Einsatz von Singstimmen im Rahmen der Sinfonie nicht als Show-Effekt, sondern wie einezusätzlicheKlang- undSinnebene."
Popstar KatyPerry ist gestern ins All geflogen. Zwar nur für zehn Minuten, aber sichtlich werbewirksam - insbesondere auch, weil die Besatzung durch die Bank weiblich war. Tazlerin Jenni Zylka bleibt dennoch skeptisch, zumal bei dem Ausflug vornehm unerwähnt blieb, "dass privates suborbitales Reisen eigentlich nur ein repräsentatives Hobby für die reichsten Prozent der Gesellschaft ist und damit nichts bringt außer kolossalerEnergieverschwendung. ... Die stolz als 'erste weibliche Raumfahrtmission' titulierte Aktion stellt somit eher eine weitere Eskapade extremst gut situierter Gesellschaftsdamen dar." Stefan Weiss sieht es im Standard ähnlich: "Identitätspolitische Anliegen wie der Kampf um Gleichstellung werden als Legitimationsbasis gekapert, um munter weiter ausbeuten zu können. Um es klar zu sagen: Weltraumtourismus ist verwerflich, auch wenn Frauen im Shuttle sitzen." Und so sieht man mal wieder: "Stars, so sehr zeitgeistig und reflektiert sie uns in einem bestimmten Moment erscheinen wollen, halten den Moralvorstellungen, die man auf sie projiziert, häufig nicht Stand." Christian Schachinger nimmt den Weltallflug derweil im Standard zum Anlass für einen kleinen Streifzug durch die Geschichte des Nahverhältnisses zwischen populärer Musik und Weltraumfantasien. Frank Sinatra wollte ja schließlich schon 1954 zum Mond geflogen werden:
Außerdem: Corina Kolbe porträtiert für die NZZ den Dirigenten LorenzoVitti, dessen Social-Media-Präsenz eher nicht zu Klischeevorstellungen über seinen Berufsstand passt. Andrea Silenzi spricht für die Welt mit BryanFerry über dessen neues Album.
Besprochen werden diverse Buch- und Musikveröffentlichungen zur Geschichte des britischen Indielabels élRecords (taz), John Glaciers "Like a Ribbon" (FR), ein Wiener Konzert von TwentyOnePilots (Standard) und DavidMurrays Jazzalbum "Birdly Serenade" (online nachgereicht von der FAZ).
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