"Zumindest fragwürdig" findet es Axel Brüggemann im Kommentar auf Backstage Classical, dass die ARD-Anstalten mit ARD Klassik nun einen Youtube-Kanal für Klassikkonzerte unterhalten, damit "mit Gebühren finanzierte Inhalte auf den Plattformen privater Anbieter" verbreiten und damit seiner Ansicht nach etwa der nur gegen Abogebühr zugänglichen Mediathek der BerlinerPhilharmoniker, aber auch den Youtube-Versuchen anderer Orchester Konkurrenz machen. Fast noch schlimmer findet er aber den Verzicht auf vorgeschalteteWerbung, mit der sich eigentlich viel Geld machen lassen könnte: "Der durch Gebühren bezahlte Content (die Konzerte) finanziert indirekt ein privates Unternehmen wie YouTube. Das ist so, als würde das ZDF eine große Show produzieren und sie RTL für eine Ausstrahlung schenken. Ganz zu schweigen davon, dass die ARD ihre Inhalte kostenlos an einen Anbieter weitergibt, der das Umfeld dieses Contents bestimmt. Und was sagen privat wirtschaftende Produzenten dazu, die darauf angewiesen sind, mit ihren Konzerten (etwa bei internationalen Sendern) Geld zu verdienen?"
Die Jungle World lässt zu dessen Fünfzigstem weiter über Punk diskutieren: Dass Punk Vordenker für die Selbstausbeutung im neoliberalen Kapitalismus gewesen sei (wie Tobias Brück behauptete), davon will Markus Hennig nichts wissen - denn im Punk "geht es vor allem um das wütende Ich, das sich nicht einschränken lassen will", und darum, "dieses Ich zugleich in seinem Scheitern" auszustellen. "Denn das punkige Subjekt ist nicht das souveräne Subjekt der bürgerlichen Gesellschaft. Gerade deshalb ist bereits die früheste Punkbewegung maßgeblich von Frauen ausgegangen. Sie haben nicht den Anspruch, der männlichen Souveränität zu entsprechen; aber gerade deshalb sind sie in der Geschichte des Punk auch schnell verschwunden, sobald diese wieder anhand von großen Subjekten erzählt werden sollte."
Weitere Artikel: In der FAZgratuliert Jürgen Roth dem Gitarristen RitchieBlackmore zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein Konzert des EnsemblePygmalion im Rahmen der Frankfurter Bachkonzerte (FR) und die Ausstellung über die Klaviere der Hersteller Steinway & Sons und Grotrian-Steinweg im Städtischen Museum Braunschweig (NMZ).
Ulrich Gutmair unterhält sich für die taz mit dem früheren DDR-Punk und späterem Bürgerrechtler Michael "Pankow" Böhlke, der die Songs seiner damaligen Underground-Band Planlos nun erstmals eingesungen hat. Dass es die ungeheure Härte war, mit der der DDR-Staat auf jede Form von Abweichung reagiert hat, die ihn und seine Altersgenossen damals zu Punks gemacht haben, will er heute nicht mehr glauben: Punk war einfach ein Ausdrucksmittel, meint er. "Das ist ja in mir angelegt gewesen: also Widerstand, Skepsis, aber auch so Gefühle wie Trauer und Zweifel. Die Angst, die sich dann als Wut gezeigt hat, kommt nicht aus der Punkzeit, wenn man 16 ist. ... Die Punks, mit denen ich gesprochen habe, waren oftmals hochsensibleKinder. Weil etwa Gewalt in der Familie herrschte, mussten sie in Habachtstellung sein. Das alles noch gepaart mit dem Leben in einer Diktatur, wo sich keiner traut, die Wahrheit zu sagen, und Gewalt allgegenwärtig ist."
Standard-Kritiker Christian Schachinger begibt sich mit dem neuen Album des einstigen DubStep-Hexenmeisters Skrillex auf eine "Reise in das Herz des ADHS-Syndroms" und verliert dabei "schnell den Faden. ... Skrillex schraubt brutal an den diversen Mischpultknöpfen herum, kratzt Vinylplatten zu Tode und bohrt Löcher in CDs. Dazu kracht nach einer halben Minute stringenten Songaufbaus öfters eine Fabrikshalle über den Robotern zusammen, die an einer Fertigungsstraße in Korea oder China an Autokarosserien herumschrauben. Metall kreischt auf Metall, die Chipmunks suchen auf Spotify zur allgemeinen Beruhigung eine schöne sanfte KI-Meditationsmusik heraus. Laaaa-leeeeee-luuuuuuu ... Nach einer Dreiviertelstunde ist man dazu bereit, seinen Urlaub im Trappistenkloster zu verbringen." Sie waren gewarnt:
Bestellen Sie bei eichendorff21!Das Neue Deutschland erinnert an den 2021 gestorbenen Popjournalisten AndreasBanaski, der unter dem Pseudonym KidP. in den frühen Achtzigern in Sounds und später auch in Spex die Art und Weise, wie man in Deutschland über populäre Musik schrieb, komplett umkrempelte. Den Anlass dafür bietet ein Buch, das Banaskis Texte sammelt und diese mit Anmerkungen von einstigen Weggefährten versieht, darunter DiedrichDiederichsen, der Banaski vom frustrierten Dauer-Leserbriefschreiber in den Stand des Autors adelte. "Das ist kein runtergerockter Musikjournalismus, das ist Poesie", stellt Frank Jöricke in seiner Rezension beim begeisterten Lesen der alten Texte fest, "ein Fest für Freunde des assoziativenDenkens". Dazu passend hat Christof Meueler ein Gespräch mit Banaski aus der Schublade geholt. Der zeigt sich darin erfrischend renitent, nicht mal die Spex lässt er gelten: "Das ganze Heft war ein verspätetes New-Wave-Blatt, sterbenslangweilig."
Weitere Artikel: Nadine Lange unterhält sich im Tagesspiegel mit Marie von der Heydt, der neuen Geschäftsführerin des MusicboardsBerlin, über deren Arbeit unter den rabiaten Kürzungen ihres Vorgesetzten, des Kultursenators JoeChiallo. In der "Lange Nacht" des Dlf Kulturwidmet sich Berit Hempel Leben und Werk von Josephine Baker. Es ist endlich an der Zeit, den Komponisten ArnoldLudwigMendelssohn aus dem Schatten seines ungleich bekannteren Großonkel Felix zu heben, schreibt der Musikwissenschaftler Arnold Werner-Jensen in der "Bilder und Zeiten"-Beilage der FAZ.
Besprochen werden ein Berliner Konzert der in Italien aktuell ziemlich beliebten Indieband La Rapprensentante Di Lista (Freitag), Bobby Rushs und KennyWayneSheperds Album "Young Fashioned Ways" (FR) und ChristophTürckes Buch "Philosophie der Musik" (SZ).
Anna Schors hört sich für die taz in der DJ- undElektroszene um, die sich in den letzten Jahren nicht zuletzt in einer Sache ziemlich gewandelt hat: "Immer mehr Frauen nehmen die Turntables als DJs für sich ein und bereichern die elektronische Musikkultur mit ihren Perspektiven und Sounds. ... Laut einer Studie des Netzwerkes female:pressure waren in 175 weltweiten elektronischen Musikfestivals des Jahres 2023 immerhin 29,8Prozent der Auftretenden weiblich. Im Jahr 2012 waren es gerademal9,2Prozent. female:pressure räumt allerdings ein, dass nicht alle Institutionen gleichermaßen Wert auf Geschlechtergerechtigkeit legen: 'Größere Festivals haben tendenziell einen geringeren Anteil an weiblichen und nichtbinären Acts. Öffentlich finanzierte Festivals und Festivals mit künstlerischen Leiterinnen haben einen höheren Anteil an Künstlerinnen.' Der Kampf um Parität ist trotzdem noch nicht ausgefochten. Zudem sagen Zahlen wie diese nichts darüber aus, ob Musikerinnen vertreten sind, die queer oder nichtweiß sind und deshalb neben ihrem Geschlecht auch aufgrund von Hautfarbe oder Sexualität diskriminiert werden können."
Weiteres: Gunnar Leue erzählt in der Welt sehr ausführlich Geschichte und Hintergründe des im KZ entstandenen "Buchenwald-Liedes". Besprochen werden Anikas "Abyss" ("ein Album voller kathartischerZacken", meinttazler Julian Zwingel) und das neue Album von BonIver ("Wenn die Liebe so weich und sexy klingt, geht" Zeit-Online-Kritiker Jochen Overbeck "da gerne mit").
Bei der Beschlussversammlung der GEMA wird sich entscheiden, ob Vertreter der Ernsten Musik den gegenüber den Vertretern der Unterhaltungsmusik günstigerenTantiemenschlüssel behalten werden. Für viele würde dieser Wegfall einen dramatischen bis existenzgefährdenden Wegfall von Einnahmen bedeuten. Kritiker warnen außerdem davor, dass damit künstlerischer Fortschritt verhindert werde. "Die E- und U-Schubladen gehören bestimmt umsortiert, und rumpelstilzchenhaftes Behaupten von Primaten wird die Solidarität unter den besser und schlechter verdienenden Komponisten kaum fördern", stellt dazu Holger Noltze im VAN-Kommentar fest. "Aber dass zur Musik, die sich als Kunst versteht, auch lebendige Zeitgenossinnenschaft gehört, nicht nur 'Beethoven-Denkmäler' (G. Kampe), dass diese auch von materiellen Ermöglichungsbedingungen abhängt, und dass das Zulassen von Biotopen jenseits der Mainstreams ja nicht nur als Gerechtigkeits-, auf Deutsch: Regelungslücke verstanden werden muss, würde ich der Gemeinschaft der Ausschüttungsberechtigten von hier aus gern zurufen."
"Die Berner Kulturszene hat ein Antisemitismusproblem", meint Lucien Scherrer in der NZZ, nachdem es Kritik an einer Lesereihe mit der Sängerin Sophie Hunger gegeben hat, weil sie als "israelfreundlich" gilt. "Die Beschwörungen, wonach man Rassismus und Judenhass in Bern nicht dulde, werden in der Kulturszene regelmäßig widerlegt. Im April 2024 trat in der staatlich subventionierten Reitschule der französisch-libanesische DJ Arabian Panther auf. Dieser behauptete auf Instagram, die Vergewaltigung von Frauen habe es am 7. Oktober nie gegeben. Der Party-Flyer zeigte ihn verhüllt vor einer Wüstenlandschaft, in Kufiya und einer martialischen Pose, die an den IS erinnert. Die Reitschule kündigte den Act als Solidaritätsveranstaltung gegen den 'Genozid' in Gaza an. Ein Rave sei nämlich ein 'politisches Werkzeug marginalisierter und unterdrückter Gruppen'."
Weitere Artikel: "Die Schweizer kennen ihre historische Musik nicht", seufzt eine beim Blick aufs überschaubare Engagement der Eidgenossen fürs eigene musikalische Erbe sichtlich verzweifelte Graziella Contratto in VAN. Anna Schors spricht für VAN mit der Sängerin und Komponistin JoanLaBarbara. Jan Scheper plauscht für die taz mit den Betreibern der Bochumer Plattenladen-InstanzDISCover Records. Und Arno Lücker hat für VAN zehn Interpretationen der Pianistin AnneFischerherausgesucht. Marlene Knobloch und Bernd Ulrich sprechen in der Zeit ausführlich mit dem Jazzpianisten MichaelWollny.
Dessen neues Album "Living Ghosts" ist gerade erschienen:
Besprochen werden ein Frankfurter Liederabend mit FrancescoMeli (FR) und SZAs Album "SOS" (FR).
Der Jazzmusiker WyntonMarsalis steht musikalisch eher für Traditionspflege als fürs davonflatternde Experiment. Am Rande des Zürcher Konzerts mit seinem Jazz at Lincoln Center Orchestra bot sich NZZ-Kritiker Ueli Bernays die Möglichkeit zum Gespräch. Dass man mit Musik "irgendeine Rebellion anzetteln" will, beäugt Marsalis skeptisch. Zwar "wollten einige Jazzmusiker auch Rebellen sein. Aber schauen Sie mal, was haben uns die Tausende von Rebellen des Rock'n'Roll gebracht? Was bringen uns die Rebellen des Hip-Hop? ... Hören Sie auf die Texte! Die sind meist simpel und primitiv. ... Wenn nun schwarze Musiker primitive, destruktive Ideen transportieren, die für die Black Community enorm schädlich sind, werden sie vom weißen Publikum immer unterstützt. ... Rapper schaden der Black Community." Auch von der Kritik an kulturellerAneignung hält er nicht viel: "Es ist ein stupides Konzept. Es ist eine Idee, die von den tatsächlichen Formen des Rassismus ablenkt. Um sich mit dem konkreten Rassismus zu beschäftigen, sollte man sich mit afroamerikanischen Künstlern wie DukeEllington, CharlieParker oder JohnColtrane auseinandersetzen."
Weitere Artikel: In der SZ gratuliert Jakob Biazza dem Schlagzeuger SteveGadd zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein Auftritt von NatalieTenenbaum in Wien (Standard), das neue Album von DJKoze (Standard), das neue Album von TromboneAttraction(Presse),KonradPaulLiessmanns Buch "Der Plattenspieler" (FAZ) und ChrisImlers neues Album "The Internet Will Break My Heart" (taz).
Der erste Techno-Umzug 1992 in der Zürcher Innenstadt.(Landesmuseum Zürich/Thomas Eugster) Die erstenTechnojahre waren ephemer, stellt Ueli Bernays in der NZZ nach dem Besuch einer Ausstellung im Landesmuseum Zürich zur Frühgeschichte von Techno fest. Kein Wunder: "In den harten Beats, die ohne Anfang und Ende durch die Zeit pulsen, vergisst das tanzende Ego das Gestern ebenso wie das Morgen. Und wenn der Sound verstummt und ein Klub schließt, wandern Plakate und Mobiliar entweder in den Müll oder allenfalls in Schubladen, Kästen und Keller. Abgesehen von ein paar privaten Foto- oder Flyer-Beständen, die dem Landesmuseum zur Verfügung gestellt wurden, musste das Material für die Zürcher Ausstellung deshalb detektivischzusammengesucht werden." Sie "nimmt sich aus wie ein Filtrat aus dem zeitlichen Kontinuum, das nun im stillen Museum abgelegt werden konnte. ... Die Schau erweist sich geradezu als Vermächtnis der ersten Techno-Generation, die stets den Individualismus kultivierte und sich deshalb selten in bleibenden Institutionen verewigt hat."
Weitere Artikel: Joachim Hentschel schaut sich für die SZ in der deutschenPunkszene um, die aktuell - mit TeamScheisse als populärstem Aushängeschild - von Charts bis Hallenkonzerte ziemlich von sich reden macht. Jakob Thaller plaudert für den Standard mit JJ, dem österreichischen ESC-Kandidaten in diesem Jahr. "Nicht alle haben es verdient, seine Musik zu kennen", schreibt Yann Cherix im Tages-Anzeiger über den hitlosen Indiemusiker Skinshape. Die Leser des Perlentaucher aber schon, finden wir:
Besprochen werden das neue Album von Bon Iver (Tsp), ein Brahms-Abend mit den WienerPhilharmonikern unter ChristianThielemann (Standard), das gemeinsame Album von EltonJohn und BrandiCarlile (Standard) und neue Klassik- und Jazzveröffentlichungen, darunter das Album "Roots & Skies" des VictoriaKirilovaQuartetts ("eine Überraschung, eine Entdeckung", jauchzt Ljubiša Tošić im Standard).
Detlef Diederichsen schreibt in der taz zum Tod des US-Singersongwriters MichaelHurley, den jahrzehntelang kaum einer kannte, bis ihn Indie-Musiker in den Neunziger fast schon gegen dessen Willen ins Rampenlicht zogen. Er "hätte alles Mögliche sein können. Ein Greenwich-Village-Folk-Star wie Bob Dylan oder Phil Ochs. Ein Westcoast-hinter-den-Kulissen-Hippie-Held wie Dino Valente oder Skip Spence. Ein Underground-Comic-Star wie Robert Crumb oder Don Martin. Ein Beatnik-Bonvivant wie Ed Sanders oder Allen Ginsberg. Alles Möglichkeiten, die ihm offenstanden, alles Wege, die er nicht gegangen ist, weil er nicht 'career-minded' war, wie er es nannte. So veröffentlichte er ab 1964 immer wieder mal ein Album, aber lebte lange nicht von der Musik, sondern von den größtenteils bei seinen Konzerten verkauften großformatigenGemälden." Neben Stücken aus dem Fundus der US-Folkmusik, aus dem er sich bediente, spielte er "eigene versponnene Songs, die wenig mit der ihn umgebenden Welt und den Zeitläuften zu tun hatten, sondern mitunter wie klassische Fabeln oder philosophische Gleichnisse anmuteten, genauso gerne aber auch nur umständlicher Quatsch waren."
Seinen letzten Auftritt absolvierte er Mitte März:
Weiteres: Das GewandhausorchesterLeipzig möchte einen Radiosender ins Leben rufen, meldet Manuel Brug in der Welt, allerdings sei noch unklar, was konkret geplant sei. Besprochen werden ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter EdwardGardner mit ChristianTetzlaff (FR), ein Wiener Konzert des Jazz at Lincoln Center Orchestras mit Wynton Marsalis und Thomas Gansch (Standard), das neue gemeinsame Album von Elton John und Brandi Carlile (NZZ) sowie ein neues gemeinsames Album von EdKuepper und JimWhite (Standard).
"Den ganzgroßenBesserwisser-Hammer" hätte der Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken in seiner Kritik am KlassikprogrammderÖffentlich-Rechtlichen (unser Resümee) mal lieber nicht rausholen sollen, kommentiert Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Rein der Sache nach pflichtet er Lütteken zwar durchaus bei, doch übersehe dieser Wesentliches: "Das Radio ist im Wandel. Dass in Zukunft jeder Regionalsender ein Klassik-Vollprogramm sendet, ist illusorisch" und ziele am Medienkonsum von Klassik-Afficionados heute auch meilenweit vorbei. "Musik ist heute nicht mehr auf das lineare Versenden durch Radiosender angewiesen." Daher "muss Klassik im Radio eigentlich noch viel radikaler neu gedacht werden. Kultur-Fenster innerhalb von Info-Sendern wie Bremen 2, radio3, SR k oder WDR3 und dazu einen wirklichen nationalenKlassik-Sender, der sich ernsthaft und ausführlich als Vollprogramm um Musik kümmert: die wichtigsten Rezensionen, tiefgründige Reportagen und - natürlich! - die besten Konzerte und Mitschnitte. Und, nein, es muss nicht jedes Konzert der Radioorchester linear ausgestrahlt werden." Aber "um so wichtiger wird es, die wenigen verbleibenden Flächen qualitativ abzusichern: Wo Kultur gesendet wird, muss sie klug, wissendundjournalistischinteger aufbereitet werden."
"Ich bin auf den 1980ern hängen geblieben, weil die Musik so frei war, lustig, selbstironisch, abstrakt, abstrus", bekennt Künstler JonathanMeese im FAS-Gespräch mit Thomas Lindemann anlässlich seines neuen Albums "Gesamtklärwerk Deutschland", einer gemeinsam mit DJHell auf die Beine gestellten Hommage an Kraftwerk. Was es mit dem Albumtitel und den zahlreichen Deutschland-Bezügen in den Songtiteln auf sich hat, erfahren wir auch: "Deutschland steht vor der Tür, und wir müssen schauen, wie wir dieses Deutschland reinlassen. Wir müssen es mit Kunst füllen, mit Liebe füllen, mit Respekt, mit Zukunft. Das ist unsere Aufgabe mit dem Album. Hell ist als Produzent und DJ wie Zeus, der die Blitze schleudert, und wir tanzen danach. Wir tanzen das Böse weg. Wir machen klar Schiff zu Hause, deswegen Klärwerk. Wir klären Deutschland, wir klären Europa, wir klären die Zukunft. Wir müssen jetzt durch die Scheiße durch, damit es wieder geil wird."
Weitere Artikel: Tobi Müller spricht für Zeit Online mit DJKoze über dessen neues Album "Music Can Hear Us" (mehr zu dem Album bereits hier). Jan Brachmann ist für die FAZ nach Venedig gereist, wo man im Palazzetto Bru Zane GeorgesBizet anlässlich dessen 150. Todestags feiert. Michael Stallknecht berichtet in der SZ von einem Experiment der BerlinerPhilharmoniker, die gemeinsam mit der Forscherin Birgit Arabin untersuchen, wie sich Kammerkonzerte auf Schwangere auswirken. Richard Kämmerlings porträtiert für die WamS den amerikanischen Sänger CraigFinn, den es sehr umtreibt, dass die Abgehängten des Mittleren Westens in den USA, die er besingt, scharenweise in die Arme von DonaldTrump rennen.
Besprochen werden das neue Album von Mumford & Sons ("Sie schleppen sich über einige sehr unspektakuläre Songs ziellos über die Ziellinie", gähnt Karl Fluch im Standard), ein Konzert der MünchnerPhilharmoniker in Wien unter PabloHeras-Casado mit der Violinistin VildeFrang (Standard), ein gemeinsames Album von EltonJohn und BrandiCarlile (Tsp, SZ), Zartmanns "Schönhauser EP" (ZeitOnline) und das neue Album der DirtyProjectors, auf dem laut tazlerin Johanna Schmidt "alles gleichzeitig betrachtet wird. Natur, ihre Schönheit, der Mensch darin sowie Vergänglichkeit und Flüchtigkeit."
tazler Julian Weber taucht ab in DJ Kozes neues Album "Music Can Hear Us": Wer an der Gegenwart gerade sehr verzweifelt, findet hier das adäquate musikalische Statement dazu, das ganze klingt aber "so gar nicht nach Hinschmeißen. ... Nennen wir es Songwriter-House, perfekt, um barfuß auf der glühenden Lava eines Vulkans zu tänzeln, es könnte ja zum letzten Mal sein. ... Wie immer bei Koze, entstehen Reibungen im Zusammenspiel mit illustren Gästen (darunter der britische Popstar Damon Albarn, Sofia Kourtesis, Soap&Skin, Markus Acher und das japanische Vokal-Quartett Marewrew). Wo auf Feature-Alben gerne die Gaststimmen prätentiös nach vorne gemischt sind, lässt Koze neue Stimmen und alte Bekannte wie Sophia Kennedy und Ada in kontemplativen solistischen Momenten, wenn er Beats, Hooklines und Glitches weitab vom Schlachtengetümmel im Alleingang sondiert, im Grotesken und Ungewohnten glänzen. ... Das Unbeschwerte, drall-Lustige früherer Koze-Alben ist auch noch da, in manch verzerrten Stimmen und Synthsounds blitzt es auf. Stärker im Vordergrund sind inzwischen Ängste, Alltagssorgen, all das, was dieLeichtigkeitdesKoze-Seins erschwert."
Weitere Artikel: Ein auf Obskuritäten spezialisierter Plattenhändler aus Vancouver namens Rob Firth will in seinen Tonbandbeständen auf jene Aufnahme gestoßen sein, mit der sich die Beatles weiland um einen Plattenvertrag bewarben (hier eine Kostprobe auf Firths Instagram), meldet Jakob Biazza in der SZ unter Rückgriff auf einen Artikel in der New York Times. Die BerlinerSymphoniker wollen sich künftig ohne Intendant selbst verwalten, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Merle Krafeld liest für VAN die Studienergebnisse des "Relevanzmonitor Kultur", demzufolge zwar nur ein Viertel der Bevölkerung Klassikkonzerte besucht, aber fast alle sie erhalten wollen. Christian Schachinger trommelt im Standard für den heutigen Weltschlagzeugertag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Balkenborg über "A New Error" des Trios Moderat.
Besprochen werden das Jubiläumskonzert der Jungen Deutschen Philharmonie zum 50-jährigen Bestehen (FAZ), HelgeSchneiders Auftritt in Frankfurt (FR), ein neues Album von GreenteaPeng (taz) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von BlackCountry, NewRoad (Tsp).
Der privatwirtschaftliche Sektor der Klassik - von der Konzertagentur bis zu einst mittelständisch geführten Plattenlabels - fusioniert stetig voran, beobachtet Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Dabei entstehen mitunter Platzhirsche: "DeutscheKlassik und MünchenMusik sind die zwei derzeit wohl größten Player im klassischen Konzertbereich in Deutschland und teilen sich weite Teile des Marktes auf den geografischen Nord-Süd- und Ost-West-Achsen auf. ... Es finden gerade massive tektonische Verschiebungen hinter den Kulissen der privatwirtschaftlich organisierten Klassik statt. In einem zunehmend globalisierten Markt, in dem die Kosten steigen und das Publikum schrumpft, wird es für kleine Unternehmen immer schwerer, sich zu behaupten. Ihr Zusammenschluss ist eine logische Konsequenz - und am Ende der beste Garant für ein Fortbestehen." Diese "Umstrukturierung des Veranstaltungsmarktes ist auch eine späte Reaktion auf den tieferen Wandel des Klassik-Marktes. ... Früher haben Spitzen-Künstler das meiste Geld mit Plattenaufnahmen verdient, heute sind (auch auf Grund der Streaming-Anbieter) die Live-Auftritte weitaus lukrativer. In der Klassik-Branche ist zeitverzögert passiert, was im Pop etwas schneller ging."
Ein bisschen komisch fühlt sich das schon an, schreibt Jens Balzer in der Zeit, wenn BlixaBargeld, der in den Achtzigern noch Neubauten einstürzen ließ, neben der Linguistin LuiseF. Pusch im Bundeskanzleramt von ClaudiaRoth das Bundesverdienstkreuz erhält. Der einstige 80s-Apokalyptiker neben zentralen Figuren der Grünen: Früher "hätte man gedacht, dass es Welten seien, die Blixa Bargeld und Luise F. Pusch voneinander trennen. Heute weiß man, dass sie der gleichen Welt angehörten. Vielleicht könnte man sagen, es war die Welt von Claudia Roth. Alle diese Menschen noch einmal zusammen zu sehen auf der Terrasse mit dem Blick auf den Reichstag, das ist ein schöner Moment. Aber es fühlt sich auch an, als ob gerade was verweht."
Außerdem: Wo bleiben bei SamMendes' ehrgeizigem Beatles-Filmprojekt - 2028 will er simultan vier Filme über die Fab Four in die Kinos bringen, je einen pro Beatle - eigentlich die zahlreichen fünften Beatles, fragt sich Edo Reents in einer FAZ-Glosse. Stefan Frommann plaudert für die Welt mit dem Musiker TobiasSammet. In der Jungle Worlderinnert Patrick Becker an PierreBoulez, der vor 100 Jahren geboren wurde. Andrian Kreye erzählt in der SZ von seinem Treffen mit MalakoffKowalski sowie IgorLevit, JohannaSummer und ChillyGonzales, die gemeinsam mit Kowalski gerade dessen neues Album "Songs with Words" (mehr dazu bereits hier) aufgenommen haben.
Besprochen werden zwei Konzerte des DeutschenSymphonie-Orchesters Berlin unter PatrickHahn und ElimChan mit GabrielaMontero und AlexanderMalofeev (VAN), BenjaminBookers Album "Lower" (FR) und der Tourauftakt von ShirinDavid in Köln (SZ).
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