Essay

Gedenken in Auschwitz

Von Ernst Piper
10.12.2024. Sehr früh nach dem Krieg wurde in Auschwitz ein Museum zum Gedenken an die Verbrechen der Nazis eröffnet. Kommunistische, polnische, katholische Opfererzählungen konkurrierten miteinander. Das jüdische Leiden in Auschwitz konnte erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes 1990 wirklich zum Thema werden. Bis dahin waren die Juden, obwohl sie die überwältigende Mehrheit der Opfer stellen, marginalisiert.
Am 15. Dezember 1964 erschien in der Frankfurter Abendpost auf einer Doppelseite ein Bericht des Chefreporters Paul Mevissen mit der Überschrift "Mit gesenkten Köpfen standen sie an der Mauer und gedachten der 4 Millionen Toten". Mit der Mauer war die Schwarze Wand zwischen den Blöcken 11 und 12 im Stammlager in Auschwitz gemeint. Mevissen berichtete von der Tatortbesichtigung im Zuge des Frankfurter Auschwitzprozesses, der ein Jahr zuvor begonnen hatte. Die Reise zum Tatort war möglich geworden durch die guten Kontakte, die der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu Jan Sehn aufgebaut hatte, dem Direktor des Kriminologischen Instituts in Krakau, der schon am Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg als Vertreter der polnischen Regierung teilgenommen hatte und auch Untersuchungsrichter im Warschauer Prozess gegen Rudolf Höß gewesen war. Das Vertrauensverhältnis zwischen Bauer und Sehn machte mitten im Kalten Krieg eine juristische Zusammenarbeit über den Eisernen Vorhang hinweg möglich, was damals eine Sensation war.

Aber warum war in der Überschrift von Mevissens Bericht von "4 Millionen" die Rede? Das war eine Frage der Deutungshoheit.

Am 27. Januar 1945 hatte ein Bataillon der 322. Infanteriedivision der 60. Armee der I. Ukrainischen Front der Roten Armee dem Kommando von Anatoly Shapiro Auschwitz erreicht. Die Rote Armee übernahm die Kontrolle über das Lagergelände. Ärzte kümmerten sich um die Überlebenden, Kameraleute und Kriegsberichterstatter dokumentierten die unvorstellbaren Zustände, Soldaten nahmen Angehörige der Wehrmacht in Haft. Verstorbene wurden beerdigt. Eine zur Untersuchung der in Auschwitz verübten Verbrechen eingesetzte sowjetische Kommission setzte die Zahl der Opfer auf vier Millionen fest. Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, war die Zahl in der Krasnaja Swesda (Roter Stern), der Zeitung der sowjetischen Armee, veröffentlicht worden.

Die Zahl vier Millionen war nicht frei erfunden, sie beruhte auf Berechnungen, aber diese Berechnungen gingen von falschen Voraussetzungen aus. Die Verbrennungskapazitäten der vier großen Krematorien hatte die sowjetische Kommission viel zu hoch angesetzt und die Betriebsdauer zu lang. Aber an den Berechnungen einer sowjetischen Kommission war kein Zweifel erlaubt. Auch in der Gedenkstätte des Staatlichen Museums Auschwitz gab es in dem 1950 eingerichteten einführenden Gedenkraum eine große Wandinschrift "Es waren vier Millionen". Ernsthaft in Frage gestellt und widerlegt wurde diese weit überhöhte Opferzahl erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes in Polen. Tatsächlich wurden in Auschwitz, wie wir heute wissen, ziemlich genau 1,1 Millionen Menschen ermordet.

Auschwitz war - und ist - ein realer Ort, zugleich aber auch eine Projektionsfläche für die Konflikte von vier verschiedenen Opfernarrativen, die hier nach dem Sieg über das nationalsozialistische Terrorregime aufeinanderprallten: das polnische, das kommunistische, das katholische und das jüdische Opfernarrativ. Die Auseinandersetzungen begannen schon vor dem Ende des Krieges, als die deutsche Niederlage absehbar war. In London saß seit Juni 1940 die polnische Exilregierung, die national orientiert war. Nach dem Unfalltod von Władysław Sikorski am 4. Juli 1943 stand Stanisław Mikołajczyk an ihrer Spitze, der bis zum Krieg Vorsitzender der Polnischen Bauernpartei gewesen war.

Stalin lehnte jede Kooperation mit der polnischen Exilregierung ab und setzte allein auf die am 5. Januar 1942 in Warschau im Untergrund gegründete Polnische Arbeiterpartei, die sich im Dezember 1948 mit der Polnischen Sozialistischen Partei zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei vereinigte, die bis Januar 1990 die Politik des Landes bestimmte. Schon am 30. Oktober 1944 erließen die Kommunisten ein "Dekret zum Schutz des Staates", das für "staatsfeindliche Handlungen" schwere Strafen vorsah. Bis zum Sommer 1945 verhafteten polnische Sicherheitsorgane 60.000 Menschen. 20.000 ehemalige Kämpfer der polnischen Heimatarmee wurden in sowjetische Gefangenenlager deportiert. Der nichtkommunistische Untergrundstaat wurde gewaltsam eliminiert. Der Sieg des kommunistischen Opfernarrativs über das das polnische fand seinen bildkräftigen Ausdruck in Denkmälern für die gefallenen Soldaten der Roten Armee, die schon 1945 errichtet wurden.

Die kommunistische Machtübernahme, die 1947 ihren Abschluss fand, begann bereits 1944. Stanisław Mikołajczyk kehrte 1945 nach Polen zurück, am 23. August wurde die Bauernpartei in Krakau neu gegründet. Die Partei hatte einen enormen Zulauf, der die Anhängerschaft, die die polnischen Kommunisten mobilisieren konnten, um ein Vielfaches übertraf. Die von den Kommunisten betriebene und aus Moskau massiv unterstützten Machtübernahme war dennoch erfolgreich. Bei den Parlamentswahlen am 19. Januar 1947 erhielt die Bauernpartei nach Berichten von Wahlbeobachtern der Westmächte zwischen 60 und 68 Prozent der Stimmen, und das, obwohl ganze Wählergruppen von der Wahl ausgeschlossen worden waren. Der bereits von den Kommunisten kontrollierte Machtapparat gab aber bekannt, die Bauernpartei habe nur 10,3 Prozent der Stimmen erhalten, während 80,1 Prozent auf die prokommunistischen Blockparteien entfallen seien.

In vielen der Staaten der im Februar 1945 Stalin zugesprochenen Einflusszone kam es in diesen Jahren zu antisemitischen Schauprozessen. Auch in Polen flammte der Antisemitismus nach Kriegsende wieder auf, er war allerdings gänzlich anders konnotiert. Er wurde nicht von den Kommunisten instrumentalisiert, sondern von der politischen Opposition. Und doch gab es auch hier eine Verbindung zu Stalins Strategie, den Antisemitismus für seine Zwecke einzusetzen. Beim Aufbau des neuen, von den Kommunisten beherrschten Sicherheitsapparats setzten die Sowjets, wie auch in anderen Staaten des sich formierenden Ostblocks, bewusst jüdische Kommunisten ein. In Wirklichkeit gar nicht sehr viele und auch nicht an entscheidenden Stellen, aber doch genug um an den traditionellen polnischen Antisemitismus zu appellieren.

Diese Wiederbelebung des Antisemitismus zeitigte schon bald handfeste Folgen. Mehr als tausend Juden kamen in den Jahren 1944 bis 1947 durch Gewalttaten ums Leben. In einzelnen Fällen wurden Rückkehrer ermordet, die Anspruch auf ihren Besitz erhoben. Bei den "Eisenbahnaktionen" wurden heimkehrende Juden aus fahrenden Zügen geworfen. In verschiedenen Orten kam es zu Pogromen. Das bekannteste ist das Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946. Von den einst 25.000 jüdischen Einwohnern der Stadt hatten 200 überlebt. Sie lebten fast alle im selben Haus; 42 wurden jetzt ermordet und weitere vierzig verletzt. Die Pogrome führten zu einer Massenflucht. Von den 250.000 polnischen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, flohen 150.000 nach Deutschland in die DP-Camps. Primas August Hlond, das Oberhaupt der katholischen Kirche in Polen, hatte nichts Besseres zu tun, als die Schuld für das Pogrom bei den Juden zu suchen. Während der NS-Zeit hätten Polen unter Einsatz ihres Lebens Juden unterstützt: "Daran, dass diese gute Beziehung zerbricht, sind maßgeblich die Juden auf führenden Posten im staatlichen Leben schuld, die bestrebt sind, uns ein System aufzuzwingen, das die große Mehrheit nicht will."

Am 2. Juli 1947 wurde das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau gegründet. Auschwitz-Birkenau "sollte für alle Zeiten als Denkmal des Leidens des polnischen Volkes und anderer Nationen" erhalten werden. Es ist bezeichnend, dass die Juden hier gar nicht vorkommen, die Geschichte ihrer Verfolgung und Ermordung ist durch die polonozentrische Deutung absorbiert. Auch unter die "anderen Nationen" sind sie nicht subsumierbar, denn einen jüdischen Staat gab es damals noch nicht. Zunächst beschränkte sich die Arbeit des Museums auf das Stammlager, im Vordergrund stand das Schicksal der polnischen politischen Häftlinge als nationale Identitätserzählung.

Das Schicksal des polnischen politischen Häftlings konnte grundsätzlich von allen nichtjüdischen Opfernarrativen usurpiert werden. In der frühen Phase dominierte nicht überraschend das kommunistische Opfernarrativ. Ein gutes Beispiel dafür ist der Film "Ostatni Etap" (Die letzte Etappe) von Wanda Jakubowska aus dem Jahr 1948. Er erzählt das Schicksal einer Gruppe von Frauen, die in Birkenau im Häftlingskrankenbau eine kleine Zelle des Widerstands bilden. Die polnische Jüdin Marta Weiss arbeitet für den Lagerkommandanten als Übersetzerin, während ihre Familie ermordet wird. Marta ist Teil einer Widerstandsgruppe. Helena versteckt im Häftlingskrankenbau den französische Häftling Michel. Eugenia ist eine russische Ärztin, die wegen des Verdachts, der Widerstandsgruppe anzugehören, gefoltert und ermordet wird. Die deutsche Kommunistin Anna leistet ebenfalls Widerstand und kommt dafür in Bunkerhaft. Kurz vor der Befreiung des Vernichtungslagers durch die Rote Armee versucht Marta, aus dem Lager zu fliehen, wird aber gefasst und zum Tode verurteilt. Die Rote Armee befreit schließlich das Lager. Der Film endet mit den Worten der sterbenden Marta: "Erlaubt nicht, dass Auschwitz sich wiederholt!"

Die Kommunistin Wanda Jakubowska arbeitete 1939 gerade an ihrem ersten Spielfilm, als die Deutschen Polen überfielen. Sie ging in den Untergrund, wurde 1942 verhaftet, im April 1943 nach Auschwitz deportiert, später nach Ravensbrück überstellt und dort befreit. Sie blieb zunächst in Deutschland, trat sogar der KPD bei und schrieb zusammen mit Gerda Schneider, die ebenfalls in Auschwitz gewesen war, eine erste Fassung des Drehbuchs auf Deutsch, kehrte aber mit Erlaubnis der Roten Armee im Dezember 1945 nach Warschau zurück. Zunächst gab es Schwierigkeiten, weil man einer Frau die Regiearbeit nicht zutraute. Jakubowska übersetzte das Drehbuch ins Russische, schickte es nach Moskau und Josef Stalin gab persönlich seine Zustimmung. Der eigentliche Held des Films ist die kommunistische Widerstandsbewegung, während ausgerechnet zwei polnische Charaktere - eine Blockälteste und eine Apothekerin, die Medikamente unterschlägt, - negative Rollen haben.

Der Film wurde 1947 an Originalschauplätzen gedreht. Alle Schauspieler waren Polen, darunter auch überlebende Häftlinge. Der Film wurde in über vierzig Ländern gezeigt und gewann eine Reihe von Preisen, darunter den Preis des 1950 in Warschau gegründeten Weltfriedensrates. "Ostatni Etap" war der erste Auschwitz-Film überhaupt, ein reichweitenstarkes Medium zur Popularisierung des kommunistischen Narrativs.

Ähnlich wie in den Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen der antifaschistische Widerstand heroisiert und das jüdischen Leiden eskamotiert wurde, führten auch die polnischen Kommunisten einen Kampf gegen den "Leidenskult". Im Zentrum stand die Wiederauferstehung der polnischen Nation aus dem Grab der nationalsozialistischen Besatzung, wie es Władysław Gomułka, der Chef der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, es schon 1945 formulierte. Drei Jahre später folgte eine Kampagne der Partei gegen den "Leidenskult". Die höchste Form des Gedenkens sei die "Anstrengung bei täglicher Arbeit". Im Zuge der stalinistischen Ideologisierung übernahm die kommunistische Partei die Kontrolle über das Museum in Auschwitz und gab die Direktive aus, die museale Präsentation solle sich nicht länger auf den deutschen Imperialismus konzentrieren, sondern "vor allem den amerikanischen Imperialismus demaskieren".

Der Polonisierung von Auschwitz - sei es unter nationalistischen, sei es unter kommunistischen Vorzeichen - wirkte schon früh der Umstand entgegen, dass es nicht nur ein Vernichtungslager gewesen war. Es gab, trotz der ungeheuerlichen Zahl von mehr als einer Million Toten, zahlreiche Überlebende, von denen vielen als Zeugen auftraten und Erinnerungsschriften verfassten. Und sie fanden nach ihrer Heimkehr auch in ihren Herkunftsländern wieder zusammen. Organisationen ehemaliger Häftlinge aus 19 verschiedenen Ländern gründeten 1952 in Wien das Internationale Auschwitz Komitee (IAK), das sich massiv für den Erhalt und musealen Ausbau des Lagergeländes engagierte. Dem IAK ist es nicht zuletzt zu verdanken, dass Auschwitz sich schon in den Jahren der kommunistischen Diktatur zu einem Gedenkort mit internationaler Ausstrahlung entwickelte. Eine Konsequenz dieser Öffnung war die Entstehung von Länderausstellungen, wobei hier in der ersten Phase die "sozialistischen Bruderländer" dominierten. Es begann 1960 mit Ungarn und der Tschechoslowakei, im Jahr darauf folgten die Sowjetunion und die DDR.

Im Zuge der Neugestaltung von Auschwitz zu einem internationalen Gedächtnisort stellte sich unweigerlich die Frage nach den jüdischen Opfern. Nach den weltweit beachteten Prozessen gegen Eichmann in Jerusalem und gegen Auschwitz-Täter in Frankfurt äußerte der Staat Israel Interesse an einer Länderausstellung in Auschwitz. Die polnische Seite versuchte zunächst, die Bitte zu ignorieren und verwies auch darauf, dass der Staat Israel zur Zeit des Holocaust noch gar nicht bestanden habe, die Ermordeten also keine israelischen Staatsbürger gewesen seien. Nach längeren Verhandlungen wurde ein Kompromiss gefunden. Es sollte einen jüdischen, aber keinen israelischen Pavillon geben, und in diesem Pavillon sollten vor allem polnische Retter verfolgter Juden gewürdigt werden. Nach langen Vorbereitungen wurde dieser Pavillon am 21. April 1967 eröffnet, doch am 5. Juni 1967 begann der Sechstagekrieg, der im Ostblock eine scharfe antisemitische Welle auslöste. Die gerade eröffnete "jüdische" Ausstellung wurde gleich wieder geschlossen und war auch später nur selten geöffnet. Dafür wurde 1967 in Birkenau ein monumentales "Internationales Mahnmal für die Opfer des Faschismus" errichtet, das diesen Teil des Lagerkomplexes stärker in den Blick rückte.

1979 wurde das KZ Auschwitz-Birkenau in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. Im selben Jahr reiste Papst Johannes Paul II. in sein Geburtsland Polen und besuchte bei dieser Gelegenheit auch Auschwitz-Birkenau, am 7. Juni 1979 hielt er dort eine Heilige Messe. Dies war eine weltweit ausstrahlende Manifestation des katholischen Opfernarrativs. Johannes Paul II. begann seine Predigt mit einem Zitat aus einem Brief des Apostels Johannes: "... der Sieg, der die Welt besiegt hat, ist unser Glaube". Für diesen Sieg durch Glauben und Liebe führte er im Weiteren zwei Zeugen an: den aus Zduńska Wola bei Warschau stammenden Franziskaner-Pater Maximilian Kolbe und die in Breslau geborene und aus einer jüdischen Familie stammende Philosophin Edith Stein, die nach ihrer Konversion 1933 in den Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen eingetreten war und dort den Namen Schwester Benedikta erhalten hatte. Kolbe hatte sich für einen zum Tod verurteilten Polen geopfert und war 1941 hingerichtet worden, Stein wurde am 7. August 1942 von Westerbork nach Auschwitz deportiert und nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer ermordet. Am Schluss seiner Predigt sagte der Papst: "Ich spreche nämlich nicht nur im Gedenken an die vier Millionen Opfer, die auf diesem riesigen Feld umkamen, ich spreche im Namen aller, deren Rechte irgendwo auf der Welt missachtet und vergewaltigt werden." Das Wort Jude oder Juden kam in dieser Predigt ohnehin nicht vor, aber mit diesem Schlussgedanken verschwand ihre Leidensgeschichte endgültig im Strom der Gewaltgeschichte.

Johannes Paul II. hatte als Zeugen für den Sieg des Glaubens zwei katholische Ordensangehörige polnischen Ursprungs gewählt und dabei bewusst verschwiegen, dass Edith Stein nicht als Katholikin, sondern als Jüdin ermordet worden war. Beide Märtyrer wurden später von ihm heiliggesprochen, Kolbe 1982 und Stein 1993. Im Jahr 1983 kam der Papst erneut nach Auschwitz und im Jahr darauf wurde in einem Gebäude unmittelbar an der Umfriedung des Lagergeländes, in dem die SS ihre Zyklon B-Vorräte aufbewahrt hatte, ein Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen eingerichtet. Deutlicher hätte die christliche Überformung von Auschwitz nicht manifestiert werden können. Dagegen, dass das Kloster so nah am Lagergelände war, erhoben sich scharfe Proteste. Nach längeren Verhandlungen sagte die Kirche zu, dass die Nonnen bis 1989 umziehen würden. Als nichts voranging, kam es 1989/90 zum "Krieg der Kreuze". Um das acht Meter hohe Kreuz, das an der Stelle errichtet worden war, wo Johannes Paul II. gepredigt hatte, wurden von Gruppen aus ganz Polen kleinere Kreuze aufgestellt, bis es schließlich mehrere Hundert waren. 1999 gelang es dem Sejm, den Streit zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen im postkommunistischen Polen zu befrieden. Inzwischen sind die 300 kleineren Kreuze wieder entfernt worden, nur das "Papstkreuz" blieb stehen, und die Karmelitinnen sind in ein Gebäude umgezogen, das 800 Meter weiter vom Lager entfernt ist als das alte.

Das jüdische Leiden in Auschwitz konnte erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes 1990 ein Thema werden. Bis dahin waren die Juden, obwohl sie die überwältigende Mehrheit der Opfer stellen, marginalisiert. Auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Verfolgung und Ermordung der Juden fand bis 1990 außerhalb des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau nicht statt. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes wurde ein Internationaler Rat des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau gegründet. Die Ministerin für Kunst und Kultur Izabela Cywińska rief Władysław Bartoszewski an, der damals polnischer Botschafter in Wien war:

Du warst doch in Auschwitz. Wir müssen jetzt so viele Lügen aufdecken wie möglich. Dazu brauchen wir die entsprechenden Leute, wir sind schon in Kontakt mit ehemaligen jüdischen Häftlingen und Vertretern jüdischer Kreise. Aber an der Spitze eines solchen Gremiums sollte nicht jemand aus Israel oder der Diaspora stehen, sondern aus Polen. Durch meine Gespräche mit jüdischen Vertretern bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Du der einzige bist, mit dem sie einverstanden wären. Also musst Du zustimmen.

Der zunächst Widerstrebende ließ sich überreden und übernahm den Vorsitz des neuen Gremiums. Bei den "vielen Lügen" ging es unter anderem um die noch immer kursierende Opferzahl von vier Millionen Menschen, die in Auschwitz umgekommen sein sollten, aber auch um die Überwindung des kommunistischen Opfernarrativs und nicht zuletzt darum anzuerkennen, dass die meisten der in Auschwitz Ermordeten Juden waren. Bartoszewski blieb bis 2014 im Amt. Er erwarb sich kaum zu überschätzende Verdienste um die Aussöhnung. 1991 verlieh ihm der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Große Bundesverdienstkreuz und im selben Jahr ernannte ihn der Staat Israel zum Ehrenbürger.

Die Gedenkstätte Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau hat eine weltweite Ausstrahlung und wird inzwischen von jährlich von mehr als 2,3 Millionen Menschen besucht, wobei die deutschen Besucher deutlich weniger als fünf Prozent der Gesamtzahl ausmachen. Die Zahl der Besucher hat sich seit der Jahrtausendwende fast verfünffacht und übertrifft inzwischen sogar die Besucherzahl des United States Holocaust Memorial Museum in Washington.

Ernst Piper