Magazinrundschau - Archiv

Baffler

9 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - The Baffler

Nach der Finanzkrise, die seine berufliche Karriere in New York erst mal beendete, kehrte Jonathon Sturgeon zurück ins heimisch-ländliche Bloomington in Indiana, das nicht weniger krisengeschüttelt war und heuerte bei einem Pfandleiher an. Nachdem er die Crew kennengelernt hatte - "niemand hier erkennt den Herrn an, aber sie alle glauben aus tiefstem Herzen an Aliens" - fuhr er einigermaßen durchgeschüttelt im Bus zurück zur Schlafcouch bei seinem Bruder. "Auf der Busfahrt nach Hause ging mir der Ausdruck 'Erlösungsquote' durch den Kopf. Es schien mir, als hätte ich unwissentlich das Reich des New Yorker Linken verlassen hatte, wo Marx als abwesende Gottheit regiert, die für immer bereit ist, rachsüchtig zurückzukehren. Hier, im Land von Weber, würde ich wie ein guter amerikanischer Protestant an dem Abschaum des kleinlichen Wuchers saugen, unerlöst, aber wieder zu meinen unglücklichen Wurzeln zurückkehrend. Ich war an diesem Tag als gebrochener und verzweifelter Mensch in das Pfandhaus eingetreten; als ich es verließ, war ich ein Subprime-Kreditgeber." Das ergibt sich aus dem Geschäft eines Pfandleihers, der weniger interessiert daran ist, Ware zu kaufen, als sie zu beleihen, lesen wir. Er verdient an den Zinsen. "Der Pfandleiher weiß genau über die Waren Bescheid, die von bestimmten Kunden in einem bestimmten Gebiet verpfändet werden. Selbst das berüchtigte Feilschen des Pfandleihers hat wenig mit dem Wert der fraglichen Ware zu tun; es geht vielmehr darum, die Absichten des Kunden einzuschätzen. Vor allem muss der Makler auf Sicht oder durch Einsichtnahme in sein Buch entscheiden, ob der Kunde zurückkehrt, um sein Eigentum abzuholen. Wenn er das nicht tut, bekommt der Pfandleiher das Darlehen mit dieser Wuchergebühr nicht zurück; vielleicht wird das Objekt später verkauft, aber das ist nicht annähernd so profitabel, als wenn der Kunde es einlöst und es dann irgendwo wieder verpfändet. Statt eines Wissensspeichers über die Geschichte der Waren trägt der Pfandleiher also ein geistiges Verzeichnis der lokalen Armen mit sich: ihre Probleme, Beschwerden, Rechtfertigungen, Ausreden und die Art und Weise, wie sie ihr Geld verdienen. Mit diesem Index versucht er, die Rückzahlungsrate einer armen Person vorherzusagen."

Außerdem in dieser Ausgabe: George Scialabba liest die Essays des Antimodernisten Wendell Berry. Und James Pogue diagnostiziert einen Niedergang des unabhängigen Sachbuchs und der Reportage, seit sie für die Streamingdienste verfilmt werden.
Stichwörter: Pfandleiher

Magazinrundschau vom 18.09.2018 - The Baffler

Bisher mochte der Politologe Adolph Reed das Filmepos "Glory" recht gern, der historisch verbürgt von einem schwarzen Bataillon im amerikanischen Bürgerkrieg erzählt. Darf er nicht mehr. Damit fällt er nämlich, weil es im Film einen weißen Offizier gibt, auf das Narrativ des weißen Retters herein. Das White-Saviour-Narrative ist eine Bêtes Noire im Identitätsdiskurs. Okay sind dagegen Filme wie Ava DuVernay "Selma", Nate Parkers "Birth of a Nation" oder Ryan Cooglers Fantasy-Spektakel "Black Panther". Dem Politikwissenschaftler Reed missbehagt, wie hier Geschichte umgeschrieben und Politik eliminiert wird, weil alles nur noch dem Aufbau schwarzer Heldenbilder dienen soll. "Natürlich hat 'Black Panther' nicht die Verbindung von Hollywoods Konsumkultur und schwarzer Tatkraft erfunden, es hat damit allerdings Kasse gemacht. Das zynische Manöver ist nur das bekannteste Beispiel, auf ähnlich Art wurden gleich mehrere politisch reaktionäre Filme verkauft, wie 'Waiting for Superman', 'Won't Back Down' und 'Beasts of the Southern Wild'. Allein sich diese Filme anzusehen und über sie zu reden, wurde schon gleichgesetzt mit einer politischen Bewegung. Die Filme von Parker und Coogler sind in einem anderen Sinne innovativ: Sie stützten sich auf das ideologische Programm, das sich darauf gründet, völlig ahistorisch individuellen schwarzen Heroismismus zu feiern. Ihr Appeal entspricht der allgemeinen Formel eskapistischer Unterhaltung, die keineswegs auf schwarze Werke beschränkt ist - der Held, der alle Hindernisse überwindet. Und vielen Schwarzen verleiht es Genugtuung, sich mit schwarzen Themen und Charakteren zu identifizieren - wie flüchtig ein solches Vergnügen auch sein mag in dem verrückten Markt von Bildern und Marken, den das allgegenwärtige amerikanische Entertainment gerade produziert. Was das aktuelle Genre des aufbauenden Black-Hero-Films auszeichnet, ist die Art, wie diese Fantasien mit einem Race-First-Denken einhergeht, das in der schwarzen Sphäre zur Zeit so angesagt ist. Diese Kommentatoren teilen einen Korpus ideologischer Überzeugungen und materieller Interessen, der darauf gründet, Ungleichheit allein als eine Frage von Schwarz und Weiß zu interpretieren."

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - The Baffler

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Zuge von Massenmedien, realistischen Romanen, veröffentlichten Briefwechseln und Broschüren zur "Sexualhygiene" kam bei Menschen die Sehnsucht nach einer Privatsphäre auf, erinnert die Historikerin Rochelle Gurstein, vor allem mit Blick auf die Sensationslust der Presse befürchteten sie eine moralische Verrohung. Gurstein sucht unter anderem in Texten von Henry James und dem Gründer von The Nation, E. L. Godwin, nach Erklärungen, weshalb sich jedoch der zur gleichen Zeit einsetzende Enthüllungs- und Entblößungskult durchsetzte: "Vorherrschender Glaube war, dass Menschen - gute, ehrliche Menschen - nichts zu verbergen haben. 'Lebt im Freien!' ermahnte die Frauenrechtlerin und Ärztin Mary Putnam Jacobi ihre Zuhörer 1871 in einem öffentlichen Vortrag vor der New Yorker Positivistengesellschaft. 'Etwas, von dem man nicht will, dass es die ganze Welt wissen sollte', verkündete Jacobi, 'ist falsch.' In der Novelle The Reverberator brach James diese Haltung auf die primitivste Ebene herunter, indem er eine Figur denken ließ: 'Nun, wenn Leute unmoralisch sind, kann man es nicht aus den Zeitungen heraushalten - und ich weiß nicht, warum man das sollte.' Dieser tiefsitzende Verdacht der Privatsphäre gegenüber als Versteck für Fehlverhalten hat in den westlichen Demokratien eine besondere Rolle gespielt. 'In allen demokratischen Gesellschaften heute', schrieb Godkin, 'ist die Öffentlichkeit entweder geneigt, Versuche der Privatsphäre, sei sie geistiger oder körperlicher Natur, zu verurteilen, oder sie der Lächerlichkeit preiszugeben.' Darüber hinaus verdächtigten 'demokratische' Entlarvungs-Apostel 'alle Rücksicht auf oder Vorkehrungen für die Privatsphäre' als Zeichen der 'Exklusivität' - was heute 'Elitismus' genannt wird."
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Magazinrundschau vom 24.07.2018 - The Baffler

"Vor einigen Jahren rief mich ein Verleger aus Delhi an, um zu fragen, ob ich ein kurzes Buch über meine Heimatstadt Patna in Ostindien schreiben würde. Ich dachte an die Ratten, die das Gebiss meiner Mutter verschleppt hatten, und sagte ja", erzählt der Schriftsteller Amitava Kumar im Baffler. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass seine Familie nach Erscheinen des Buches verärgert war. Soll man also die Wahrheit schreiben, auch wenn man damit anderen wehtut? "Alles ist Material, sagte Colm Tóibín in einem Interview, sogar Geheimnisse. Tóibíns Ratschlag für Schriftsteller lautet, weiterzumachen, die Geschichte zu verwenden, auch wenn Leser die Figur im Text identifizieren könnten. Das Credo des Autors muss sein: Benutze es, denn es wird eine tolle Geschichte ergeben … Die Aufgabe des Schriftstellers ist es nicht, Privates anzusammeln, sondern die Scham und die Pracht mit seinen Lesern zu teilen. Facebook mag Daten sammeln, aber es weiß nichts von meinen Träumen oder Lügen, meinen Zweifeln oder Widersprüchen. Ich habe einige Bücher geschrieben, als Konkurrent von Facebook sozusagen, in denen ich mein Privates öffentlich mache. Als ich anlässlich eines neuen Romans kürzlich die Anwältin meines Verlags traf, fragte sie mich, ob die Figuren, vor allem die Liebhaber des Erzählers, auf wahren Personen beruhten und was mit den Liebesbriefen wäre, aus denen ich zitiere. Ich beantwortete all ihre Fragen. Und mein Verstand schweifte umher zwischen Fakten und Fiktion."

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - The Baffler

Donald Trump und Bernie Sanders haben etwas gemeinsam, meint der Historiker James Livingston: Beide sind "Erben einer linkshegelianischen Tradition, die - unter der Schirmherrschaft von Karl Marx -  den Zwang zu arbeiten zum zeitlosen Element der menschlichen Natur bestimmte". Kurz: beide wollen Vollzeitjobs für alle. "Fuck work", setzt Livingston dagegen. Eine Idee, wie das praktisch vonstatten gehen soll, offenbart er nicht, aber dass die Linke immer noch auf Vollzeitjobs und eine "protestantische Arbeitsethik setzt, geht über seinen Horizont: "Jeder Walmart mit 300 oder mehr Mitarbeitern kostet den Steuerzahler jährlich ungefähr eine Million Dollar, denn die Löhne für die Angestellten reichen nicht für Lebensmittel und Krankenversicherung. Ohne staatliche Zuzahlungen wären mindestens die Hälfte der Arbeitskräfte offiziell arm... Es gibt keine Vollzeitjobs mehr, und wenn doch, dann kann man nicht von ihnen leben (geschweige denn, dass sie irgendwie charakterbildend wären)." Warum fordert die Linke dann noch Vollzeitjobs? "Warum das Egoideal des bourgeoisen Individuums wieder einsetzen, statt wie Weber und Freud zu fragen, ob das in unserer gegenwärtigen Verfasstheit sinnvoll ist."

Außerdem: Einen kleinen culture clash erlebte Michelle García bei einer Veranstaltung im New Yorker Moma mit dem Filmregisseur Alejandro Jodorowsky, der erst die Fragen von Klaus Biesenbach beantworten und dann Tarot-Karten fürs Publikum lesen sollte: "Dabei stieß die Weltsicht eines Kurator-als-Celebrity-Lakaien mit der eines Künstlers zusammen, der mit einer crowd-sourcing-Kampagne für seinen Film 'Endless Poetry' Hollywoods geldbesoffene 'Kolonialisierung' des Filmemachens angeprangert hatte, die, wie er sagte, die Öffentlichkeit zu 'Sklaven der Ökonomie' macht."

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - The Baffler

Der kaum bemerkte Frauenstreik gegen Donald Trump und der höchst effektive Streik der Taxifahrer gegen Trumps Einreisegesetze hat Amber A'Lee Frost zwei Dinge gelehrt: die akademische Linke zerlegt sich gerade in immer mikroskopischere Einzelteile. Wenn sie erfolgreich sein will, braucht sie "radikale, militante Gewerkschaften mit einer politischen Vision, die über den Schutz der eigenen Position hinausgeht. Als das Verbot für Einreisende aus muslimischen Ländern verkündet wurde, wandten sich die [oftmals aus muslimischen Ländern kommenden] Taxifahrer der NYTWA sofort an ihre Gewerkschaft, weil sie wussten, wie man kämpft. Genau dafür braucht man Gewerkschaften. Wir müssen Arbeitsbündnisse aufbauen und richtige Streiks organisieren, was schlicht bedeutet, wir müssen alles lahm legen, bis wir unser Ziel erreicht haben. Manchmal wird das illegal sein. Manchmal werden Arbeiter draußen schlafen und ihre Arbeitsplätze besetzen müssen. Manchmal werden sie Maschinen sabotieren müssen oder den Boss einschüchtern. Vielleicht können wir derzeit bei lokalen Wahlen kleine Gewinne einfahren, aber obwohl Bernie Sanders derzeit der beliebteste Politiker ist, scheinen die Demokraten versessen darauf zu sein, Gewinner zu vergraulen und Looser aufzustellen. Wenn wir jemals wieder politische Macht gewinnen wollen, brauchen wir Gewerkschaftsmuskeln."

Magazinrundschau vom 22.03.2016 - The Baffler

In einer haarsträubenden Geschichte gibt Jacob Silverstein einen Einblick in die ganz und gar unglamouröse Gegenwart des Journalismus. Nach vergeblichen Versuchen als freier Autor festen Fuß zu fassen und von seiner Arbeit zu leben, verdingte er sich als Schreiber für gesponserten Inhalt: das heißt für Werbetexte, die in Aufmachung und Text anmuten wie Zeitungsartikel (in deutschen Zeitungen wird das als "Verlagsbeilage" annonciert). Diese Werbeform, stellt er am Ende fest, untergräbt nicht nur die Grenze zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt, sie kannibalisiert den Journalismus: "Wer soll The Atlantic noch eine Story für hundert Dollar anbieten, wenn er als Werbetexter das zwanzigfache verdient? Und warum sollte der Manager eines großen Unternehmens die Fragen eines Journalisten beantworten, wenn er bei The Atlantic einfach ein glänzendes Advertorial in Auftrag geben und dann ein paar Tweets kaufen kann, die für Verbreitung sorgen? Die Vorstellung, ein Medium könne Zugang zu seiner Redaktion verkaufen, ohne gleichzeitig die Regeln dieses Zugangs zu ändern, ist lächerlich. Während die New York Times darauf besteht, dass es eine undurchdringliche Firewall zwischen ihrem T Brand Studio und ihrem heiligen Nachrichtenraum gebe, machen andere Herausgeber die Überlappung zu einem Verkaufsargument." So wie bei der FAZ zum Beispiel oder der SZ.
Stichwörter: Journalismus, Medienwandel

Magazinrundschau vom 17.03.2015 - The Baffler

Normcore, also die betont geschmacklose Art, sich als Hipster mainstreamig zu kleiden, bleibt ein vieldiskutiertes Reizthema. Als bloße Modetrend-Parodie lässt sich das Phänomen schon wegen seiner Langlebigkeit nicht mehr abtun, meint Eugenia Williamson in einer ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Trend, dessen ironisch-arrogante Haltung gegenüber dem Kleidungsstil bildungsferner Bevölkerungsschichten sie durchaus kritisch betrachtet. Überhaupt kommt ihr der ironische Gestus eher wie ein Offenbarungseid einer orientierungslos gewordenen jungen Mittelschichtsgeneration vor: "Etwas sichtlich Mieses, ob nun Pizza oder ausgebeulte Flauschpullis, heranzuziehen und es als avantgardistischen Selbstausdruck zu verkaufen, ist eine unglaublich defätistische Geste, die sich ihrer Vergeblichkeit nicht nur bewusst, sondern damit auch glücklich ist. Ceci n"est pas intéressant. ... Dass Normcore an der Kultur so haften bleibt, könnte auch den verzweifelten, unzynischen Wunsch nach ein bisschen abgegrenzter Beschaulichkeit signalisieren. Es scheint so, als würde Normcore, vermittels zahlloser Ebenen geschickt theoretisierter Ironie, altmodische amerikanische Werte, die noch gänzlich unberührt sind von den Erfahrungen von Polizeibrutalität und sexueller Gewalt der letzten Jahre, bekräftigen wollen. Und schlussendlich will es eine soziale Ordnung stützen, in der die Wohlhabenden ihre Überlegenheit offen und ohne Angst, dafür gerügt zu werden, zur Schau stellen können."

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - The Baffler

Susan Faludi betrachtet die Bewegung, die rund um Sheryl Sandbergs Buch "Lean In" entstanden ist. Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, ermuntert darin Frauen, die obersten Ränge in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld zu erobern. Das ist okay, meint Faludi. Aber warum wird die Mehrheit der in miesen Jobs arbeitenden Frauen ignoriert, fragt sie sich nach einem Gespräch mit zwei Weberinnen, die in den 70er Jahren bessere Arbeitsbedingungen für sich und ihre Kolleginnen erkämpft haben. Verkörpert Lean In wirklich den neuen Feminismus? "Es scheint kaum eine die sozialen Klassen übergreifende Solidarität bei diesen Triumphalisten zu geben, trotz ihrer Behauptung, für alle Frauen zu sprechen. Lean Ins Scheinwerfer streift selten über die niederen Ränge. Man sucht auf ihren Webseiten, in ihrer Literatur und in den Erklärungen auf Konferenzen vergeblich nach einem Beleg für ihre Besorgnis daräber, wie die andere Hälfte lebt - oder eher die anderen 99 Prozent. Wie Linda Burnham in einem scharfsinnigen Essay bei Portside.org schrieb: Lean In "hat vor allem ein Manifest für korporatischen Feminismus produziert", einen "1 Prozent Feminismus", der "nur von der Glasdecke berichtet, nie vom Boden". Die Bewegung, die ursprünglich geschmiedet wurde, um die große Masse der Frauen zu bewegen, wurde gekapert um dem individuellen (und privilegierten) Mädchen zu dienen."
Stichwörter: 70er, Faludi, Susan, Feminismus