Magazinrundschau - Archiv

Guernica

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Magazinrundschau vom 01.12.2020 - Guernica

In einem Beitrag des Magazins erinnert Leah Hampton am Beispiel der Appalachen daran, dass das ländliche Amerika nie nur männlich war, wie die Mythologie behauptet: "Meine Oma zum Beispiel, wuchs als drittes von vier Kindern im östlichen Kentucky auf. Ihre Jugend spielte sich in engen Täler und Hütten mit Lehmboden ab, mit all den schlimmsten Vorstellungen von dieser Region. Oma war musikalisch, arm, komisch und bockig von Geburt. Meine Cousins lachen immer noch über sie: Verrückte Mabel, böse Mabel, Mabel, die seltsames Essen kochte, die sich Lieder ausdachte, sowohl vertraut als auch fremd. Ein Leben in der Hölle, und sie sang darüber … Zwei Jahrhunderte wurde uns beigebracht, die Männer dieser Gegen in den Vordergrund zu spielen, und das hat uns beschädigt, in unserer inneren Identität und darin, wie der Rest der Welt uns sieht … Stell dir die Appalachen vor oder irgendeine ländliche Gegend. Siehst du Frauen in dem Bild, Frauen am Klavier, die Jazz spielen? Überhaupt Frauen? Oder eher Holzfäller mit Äxten, Fiedler mit Geigen? … Wenn deine Vorstellung deutlich ins Männliche ausschlägt, dann bis du in bester Gesellschaft eines systematischen Denkens, das bis zu den Anfängen der Nation reicht. Im 19. Jahrhundert verfasste Davy Crockett aus Tennessee seinen 'Almanach', einen prominenten Text, der das ländliche Leben charakterisieren sollte. Er enthielt Geschichten unterschiedlicher Autoren über Schlangenzähmung, Faustkämpfe und das Navigieren nach Sternen. Die Storys lehrten die Männer der Appalachen, ihre eigene Toxizität zu verherrlichen, und andere Männer lernten sie dafür zu bewundern. Die Tradition ging weiter, ohne dass sie große verändert wurde."
Stichwörter: Appalachen, Geiger

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - Guernica

Dreiviertel aller Menschen, die aus Nordkorea nach China fliehen, sind Frauen. Ein Großteil von ihnen wird, meist ohne dass sie es zunächst ahnen, von Menschenhändlern Prostitutionsringen zugeführt. Annie Hylton hat nachgeforscht, wie dieser hohe Frauenanteil zustande kommt und ist auf die erschütternde Position von Frauen in der nordkoreanischen Gesellschaft gestoßen: "2018 veröffentlichte Human Rights Watch einen Bericht mit den Aussagen von 54 Frauen, die seit Kim Jong-Uns Machtaufstieg vor rund einem Jahrzehnt aus Nordkorea geflohen sind. Auch sprach die Organisation mit Beamten, die bis zu ihrer eigenen Flucht für die Regierung gearbeitet haben. Dem Bericht zufolge sind sexualisierte und gender-basierte Gewalt Alltag. Unter den Tätern befinden sich hochrangige Parteibeamte, Wärter in Gefängnissen und Gewahrsamsanstalten, Vernehmungsbeamte, Polizisten und Geheimdienste, Staatsanwälte und Soldaten. Im Juni 2018 besuchte ich Kim Seok-Hyan, eine Professorin am Insitut für Nordkoreastudien an der Ewha Womans University in Seoul. Bis dahin hatte sie seit 2010 etwa hundert nordkoreanische Frauen interviewt. Sie erzählte mir, dass 'jede' von ihnen Missbrauch durch Beamte beschrieben hatte. Die Hälfte der Frauen sagten ihr, dass sie auch zuhause Gewalt erlebt haben, die sie nie zur Anzeige gebracht hätten, zum Teil deswegen, weil ihnen das als so 'selbstverständlich' vorkam, dass ihnen eine Anzeige gar nicht erst in den Sinn gekommen sei, zum Teil aber auch, um so wenig Kontakt wie möglich zur Polizei zu haben, die gefährlich sein kann. Polizeibeamte sind dem Alltag der Leute sehr nahe, erklärte sie, und eine Frau hat häufig keine Wahl als 'zu versuchen, unterwürfig zu sein, um sich selbst zu schützen'. Anderenfalls, sagte sie, 'wird man getötet'."

Magazinrundschau vom 07.05.2019 - Guernica

Emily Fragos Einleitung zu ihrem Interview mit der Geigerin Hilary Hahn ist recht süßlich und überladen mit Superlativen, aber Hahn selbst erweist sich im Gespräch eigentlich als recht nüchterne Künstlerin, die auch genau über das nachdenkt, was sie tut - so spricht sie etwa über die Kunst der Interpretation: "Phrasieren ist das, was ein Schauspieler tut, wenn er einen Text bekommt ohne Information über eine Rolle, oder wenn er ein kompliziertes Gedicht einübt, das er zum ersten Mal vorträgt. Es gibt so viele Optionen. Ein Notentext ist nur ein relativer Indikator für den Willen des Komponisten. Diese Note ist ungefähr so viel höher als jene Note oder so viel länger als jene. Dies ist ungefähr das Tempo. Es ist fast unmöglich, jeden Tag dasselbe Tempo zu erzeugen, denn dein Puls ist nicht gleich. All dies sind Indikatoren, Zielvorstellungen."

Außerdem: Mary Wang besucht die Autorin und Illustratorin Leanne Shapton in ihrem Studio.
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Stichwörter: Hahn, Hilary

Magazinrundschau vom 21.06.2016 - Guernica

In Guernica schreiben Autoren aus aller Welt über die Städte ihrer Kindheit, ihrer Zukunft oder ihrer Sehnsucht. Ingrid Rojas Contreras kehrt nach Bogota zurück, das sie als eine Stadt der Autosuggestion erlebt. Die Alten erinnern sich an Zeiten, als noch Schnee in Kolumbien fiel, die Jungen hoffen auf ein Ende des Bürgerkriegs: "Die Stadtbewohner erzählen dasselbe wie die großen Tageszeitungen: Das Land steht am Rande des Friedens, selbst die größte Guerillagruppe, die FARC, könnte schon morgen das Friedensabkommen unterzeichnen. Die Gewalt ist eine Sache der Vergangenheit. Doch wenn ich in die Dörfer fahre, höre ich andere Geschichten. Eine Frau erzählt mir von ihrer hübschen Tochter: Als sie über den Dorfplatz ging, quittierte sie die aufreizenden Pfiffe mit Schimpfworten. Später lauerte der Mann, den sie beschimpft hatte, zusammen mit vier anderen Männern auf. Es waren alles Paramilitärs."

Unter anderem schreiben auch Kaya Genç über Istanbul, Xiao Luo über Peking, Salar Abdoh über Teheran, Rana Dasgupta über Delhi oder Frederic Tuten über New York.

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Guernica

In einem ausführlichen Interview mit Ratik Asokan spricht der Fotograf und frühere Magnum-Präsident Stuart Franklin über die Subjektivität in der Fotografie, den dokumentarischen Impuls und heutigen Fotojournalismus: "Fotos in Zeitungen sind heutzutage zutiefst tautologisch. Wenn es in einem Artikel darum geht, einen Krieg zu beenden, dann ist das Foto daneben eigentlich nur ein Poster mit der Parole 'Stoppt den Krieg'. Bei einer Geschichte über eine Cash-Krise in Barcelona, bekommen wir als einziges einen Bankautomaten in Barcelona zu sehen. Das Problem liegt im System. Auf der einen Seite gibt es das Foto mit einer Limonaden-Büchse, um die Gefahr gezuckerter Getränke zu illustrieren. Auf der anderen Seite wird alles Vernünftige im Fotojournalismus von der Kunstwelt weggeschnappt und wir sehen es nie wieder. Guy Tillims Bilder wurden von der Tate gekauft, aber nie der Öffentlichkeit gezeigt."

Außerdem: Dwyer Murphy rekapituliert das jahrelange Tauziehen um eine Auslieferung des mexikanischen Drogengangsters El Chapo an die USA, seine Fluchten aus dem Gefängnis und seinen anhaltenden Marktwert: "Univison und Netflix kündigten an, dass sie zusammen eine Serie für 2017 produzieren, mit dem 'El Chapo'. Telemundo entwickelt auch eine." Und der dänische Filmemacher Andreas Koefoed spricht über seine Dokumentation "At Home in the World", die einen zehnjährigen Flüchtlingsjungen aus Tschetschenien porträtiert.

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Guernica

Dass Spieler von Videogames Tränen der Rührung und Ergriffenheit vergießen, hört man selten. Doch genau darauf zielen die unabhängig von der Industrie entstandenen, von gängigen Formaten, Tropen und Mechanismen profund abweichenden Spiele des aus China stammenden Entwicklers Jenova Chen ab. Er selbst ordnet seine Spiele daher der Poesie und dem Kino zu und sieht in ihnen ein Mittel, Menschen unabhängig von Sprache, auf deren Einsatz in Schrift und Ton er bewusst verzichtet, miteinander zu verbinden, wie er im Gespräch mit Matthew Baker verrät. Bleibt die Frage, wie durchsetzungsfähig dieses Modell in einer rigoros durchkommerzialisierten Umgebung wie der Spieleindustrie ist. An Anfragen von Studenten, ob seine Firma Leute sucht, hat er jedenfalls keinen Mangel: Denn "viele der boomenden Entwicklerfirmen setzen aufs mobile und soziale Netz. Wenn Studenten dort angestellt werden, dann nicht, um Emotionen, sondern suchterregende Schemata auszulösen. Viele, die dort arbeiten, sind deshalb enorm unglücklich. Die ökonomischen Rahmenbedingungen gestatten es ihnen jedoch nicht, eigene Studios zu gründen. In gewisser Hinsicht fühle ich mich für diese Leute verantwortlich... Mich beschleicht der Eindruck, dass wir im künstlerischen Segment einen kommerziellen Erfolg brauchen. Wenn die Leute, und vor allem Investoren, einen solchen Erfolg beobachten, steigt die Bereitschaft, Geld in künstlerische Projekte zu stecken. ... Pixar ist für mich dafür wahrscheinlich das beste Beispiel."

Magazinrundschau vom 16.02.2016 - Guernica

Eine sehr schöne Hommage an die Straßenverkäufer in Istanbul bringt der türkische Schriftsteller Kaya Genç in Guernica. Von den Behörden drangsaliert, von den Gezi-Park-Demonstranten als Teil des kapitalistischen Systems angeklagt, haben es diese "wandernden Singvögel" so schwer wie nie. Dabei sind sie ein Symbol der Freiheit, so Genç: "Kürzlich las ich einen Artikel von Evrim Kavar über 'künstlerische Interventionen in Istanbul'. Der Autor zog eine Parallele zwischen den Straßenverkäufern und Istanbuls zeitgenössischen Künstlern. Beide stehen an den Rändern der Gesellschaft, wo sie aufregende, unsichere und instabile Existenzen fristen. 'Das Leben in informellen Netzwerken suggeriert informelle Wege, Kunst zu machen', schreibt Kavar. 'Wie die Straßenverkäufer, die jede neue Situation als Chance nutzen, etwas zu verkaufen, so nutzen die zeitgenössischen Künstler jede urbane Situation als Chance, Kunst zu machen.' Heute, wenn ich die Nacht durch in Kaffeehäusern geschrieben habe, träume ich von dem Nachtleben der Straßenverkäufer in Istanbul."

Magazinrundschau vom 19.01.2016 - Guernica

Zu den größeren Überraschungen der jüngsten Berlinale-Nachrichten gehört die Meldung, dass das Festival den neuen, achtstündigen Film "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" (Bild) von Lav Diaz in den Wettbewerb geholt hat: Üblicherweise findet die spröde Ästhetik des philippinischen Regisseurs (der auch ein Liebling unserer Filmkritiker ist) eher bei anderen, ästhetisch wagemutigeren Festivals ihren Raum. Für Guernica hat Nadin Mai den Regisseur zu seinem Schaffen befragt. Unter anderem erfahren wir, dass seine Filme sich minutiös an der Geschichte seines Heimatlandes abarbeiten und der Regisseur dabei aus seinen eigenen biografischen Erfahrungen schöpft. "Die Geschichten umkreisen diese Aspekte - das Trauma meiner Landsleute, deren Kampf. Man kann dem nicht entkommen. Es handelt sich dabei um große Epochen unserer Geschichte. Man gräbt tief in der Vergangenheit, man untersucht sie. Das sind zwar fiktionale Figuren, aber gleichzeitig ist die Erzählung von diesen historischen Dingen beeinflusst. Es ist Gedächtnis, Kultur, Geschichte. ... Das Trauma, die Qual - das ist chronisch. Die ständige Folter - da geht es um Kolonialismus, Imperialismus, die Vergewaltigung durch die Japaner und dann schlussendlich die Marcos-Periode. Das ist CTE [chronische traumatische Enzephalopathie, ein progressiv-degenerative Gehirnerkrankung]. Ständige Prügel, vom 16. bis zum 21. Jahrhundert. ... Ich bin nicht wirklich enttäuscht, dass meine Filme nur im Westen gesehen werden. Dieses Bewusstsein schafft eine Dynamik. Wissen Sie, die Filme werden auch bei uns an Land geschwemmt werden. Das ist alles Teil des Kampfs. Ich drehe Filme und Festivals, Museen und Forscher feiern sie. Sie werden gehört werden. Es wird passieren, denn das Kino ist universell. Man erschafft es, Leute nehmen davon Notiz und einige werden es sehen."

Auch sehenswert sind die Videointerviews, die Cargo vor einigen Jahren mit Diaz geführt hat.

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - Guernica

Der äthiopische Schriftsteller Dinaw Mengestu erzählt von seinem Vater, der nach dem Putsch der Kommunisten aus Äthiopien floh und von seiner Rückkehr träumte. Doch je länger der Vater in den USA lebte, umso rigider und irrealer wurden seine politischen Vorstellungen: "Ich begann immer mehr an den Wert und die Notwendigkeit der Fiktion zu glauben. Ich glaube, das gleiche galt für meinen Vater, der, zusammen mit hunderten anderen Männern, Jahr für Jahr darauf beharrte, an einer Version Äthiopiens zu bauen, die sie einschließen würde. Ich hörte wie mein Vater immer wieder davon spracht, er könne nicht zurück nach Äthiopien. Er glaubte, die neue Regierung - immer totalitärer und intoleranter Dissidenten gegenüber - würde es jemandem wie ihm schwer machen. Exil war schon lange keine vorübergehende Angelegenheit mehr, aber ich hatte nicht gewusst, dass es wie die Liebe mit der Zeit an Tiefe gewinnen kann. Es war ein Staat mit eigenen Grenzen, über die hinweg zu blicken immer schwieriger, wenn nicht gar unmöglich wurde."

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - Guernica

Auch wenn der arabische Frühling vorläufig gescheitert ist, hat der doch Erinnerungen an einen weniger intoleranten Islam wachgerüttelt, die jahrzehntelang verschüttet waren, meint der ägyptische Schriftsteller Karim Alrawi im Interview. Zum Beispiel die Erinnerung daran, dass Frauen und Männer früher gemeinsam gebetet haben: "Ich glaube es war der zweite Freitag des Aufstands als ich sah, wie ein großer Teil des Platzes für das Freitagsgebet vorbereitet wurde und dann Männer und Frauen Seite an Seite beteten. Das war eine ziemliche Überraschung. Es gibt viele Geschichten, die die Geschlechtertrennung beim Beten rechtfertigen sollen, aber an diesem Freitag hörte ich Geschichten, die ich bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gehört hatte: Wie in den frühen Tage des Islam der Prophet bestimmte Frauen auserwählt hatte, die Gebete anzuführen. Er hatte die Wahl der Vorprediger nicht auf Männer beschränkt."