Magazinrundschau - Archiv

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354 Presseschau-Absätze - Seite 35 von 36

Magazinrundschau vom 09.01.2007 - HVG

Der Historiker Andras Gerö bilanziert die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Ungarn als die Zeit der Kleinbürger. Als solche seien die Ungarn zwar leidenschaftliche Patrioten, sobald konkrete politische Konsequenzen drohen, rudern sie aber schnell zurück, meint Gerö: "Es war ein pragmatischer Schritt, als sich die Ungarn in einem Referendum dagegen entschieden, dass mehrere Millionen Ungarn, die in den Nachbarländern leben, die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen sollen. Ihre Einbürgerung wäre kompliziert und kostspielig gewesen. ... Emotional identifizieren sie sich mit den außerhalb der Landesgrenzen lebenden Ungarn: die Hymne der Szekler (Ungarn in Transsylvanien, heute: Rumänien) wird in Budapester Massenkundgebungen gesungen, der Transsylvanien-Kult ist überall in Ungarn verbreitet. Die Krone gilt als Symbol von Groß-Ungarn allgemein als heilig. ... Das Land lebt in einem illusionären Nationalismus der kleinbürgerlichen Art: Was die Realität betrifft, ist man sehr rational, aber man steht emotional nicht dahinter. Und umgekehrt: die Illusionen, mit denen man sich emotional identifiziert, unterstützt man nicht politisch."

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - HVG

Die gewalttätigen Demonstrationen in Budapest haben die 1917 geborene Grand Dame der ungarischen Literatur, Magda Szaboan den Zweiten Weltkrieg erinnert, wie sie im Interview bekennt. "Ich hatte damals ein Gefühl wie jetzt: Die Nation liegt im Schüttelkrampf, und ich kann nicht gleichgültig, tatenlos zusehen. Ich habe 1938 Hitlers Rede vom Balkon des Hotel Imperial in Wien erlebt und wurde auf dem Weg nach Hause von einem deutschen Soldaten für einen angeblich 'frechen Blick' geohrfeigt. Für mich gibt es nichts Neues mehr auf der politischen Bühne."
Stichwörter: Ungarische Literatur, Wien, Hvg

Magazinrundschau vom 22.08.2006 - HVG

Tamas Laszlo Papp ist von der Entlarvung des ungarischen Filmemachers Istvan Szabo als Stasi-Spitzel und dem Geständnis Günter Grass' gleichermaßen entsetzt: "Aus Überheblichkeit haben sie so lange geschwiegen. Grass und Szabo gelten in intellektuellen Kreisen als künstlerische und moralische Autoritäten, sie waren immer von einer Gefolgschaft aus Schülern, Bewunderern und schnurrenden, sich anschmiegenden Kritikern umgeben... Die künstlerische Qualität ihrer Werke bleibt von ihren Geständnissen zwar unberührt, aber ihre menschliche und moralische Größe nicht. Wie kann jemand von uns verlangen, die Dämonen unserer Vergangenheit zu bewältigen, wenn er selbst Jahrzehnte nicht imstande war, Verantwortung zu übernehmen und ein unrühmliches Kapitel seines Lebens zu gestehen?"

Magazinrundschau vom 15.08.2006 - HVG

Der konservative Bürgermeister eines Budaer Edelbezirks hat im Oktober 2005 den Opfern des Zweiten Weltkriegs ein Denkmal gestellt. Der riesige Turulvogel stammt aus dem ungarischen heidnischen Mythenkreis, und ist einem Adler ähnlich. Das Denkmal ist umstritten: als Symbol der ungarischen Nazis in den 1930er Jahren und heutiger Rechtspopulisten sei der Turulvogel als Denkmal ziviler Opfer des Zweiten Weltkriegs unakzeptabel. Da er ohne Genehmigung der Hauptstadtverwaltung aufgestellt wurde, muss er jetzt innerhalb von 30 Tagen wieder entfernt werden. Eine konservative Bürgerinitiative will mit einer Menschenkette den Abbau verhindern. Zoltan Horvath fordert trotzdem, dass das Denkmal entfernt wird: "Beim Anblick des Turulvogels befällt viele Budapester ein Unbehagen, weil er nicht nur an die ehrenhafte Geschichte der ungarischen Nation, sondern auch an ein würdeloses Kapitel unserer Geschichte erinnert. Für viele bedeutete diese Zeit Erniedrigung und Lebensgefahr, der Anblick des Denkmals ist für sie einfach unerträglich."
Stichwörter: Hvg, 1930er

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - HVG

Mit dem Volksaufstand von 1956 versuchten die Ungarn, sich von der sowjetischen Besatzung zu befreien. Der Aufstand wurde von der Roten Armee blutig niedergeschlagen. In der öffentlichen Debatte wird das Bild von 1956 zunehmend politisch verzerrt, wenige Bürger wissen, was genau damals passierte. Zwei junge Autoren - Andras Papp und Janos Terey - nehmen 1956 nun zum ersten Mal in einem Theaterstück frei von Ideologien unter die Lupe. Regisseur Peter Gothar denkt im Interview über das kollektive Gedächtnis der Ungarn nach: "Die Ereignisse von 1956, dieses ganze, fünfzig Jahre zurückliegende Ding - denn wir haben immer noch keinen genauen Ausdruck dafür - betrafen einfach alle Menschen in diesem Land. 1956 veränderte das Schicksal unserer Eltern indirekt, denn viele Familien wurden getrennt. Auf die damaligen Kinder wirkten die dramatischen Straßenszenen kathartisch. Man kann es auch so sagen: 1956 war das Kriegserlebnis der Nachkriegsgeneration. Aber wir haben es immer noch nicht verarbeitet, wir können immer noch nicht damit offen umgehen."

Tamas Vajna fasst die deprimierenden Ergebnisse eines unveröffentlichten Berichts über die europäischen Medien zusammen, die von zehn europäischen Universitäten verfasst wurden. Im Bericht geht es unter anderem darum, dass es für europäische Journalisten immer schwieriger sei, unabhängig zu arbeiten: "'Das Selbstverständnis ost- und westeuropäischer Journalisten unterscheidet sich wesentlich voneinander. In den postsozialistischen Ländern passen die Redakteure ihr Wertesystem den Eigentümern oder den Politikern an. In Westeuropa betrachten sich Journalisten als autonome Akteure innerhalb der Gesellschaft', meint Andras Kovacs, Soziologieprofessor der Budapester Central European University, Leiter der Untersuchung in Ungarn. ... Mittlerweile werden auch die westeuropäischen Redaktionen von ihren - in Süd- und Osteuropa als traditionell geltenden - Netzwerken mit wirtschaftlichen und politischen Eliten zu stark beeinflusst." Redakteure in Frankreich beklagen, "dass die wichtigsten Akteure der Politik, Wirtschaft und Presse die gleichen Universitäten besucht haben. Meinungen aus den Niederlanden und Italien bestätigen dieses Ergebnis".

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - HVG

Die Ungarische Akademie der Wissenschaften steht in der Kritik: Das Durchschnittsalter liegt bei 80, doch die Greise pochen auf ihre Privilegien und wollen das Ruder nicht der jüngeren wissenschaftlichen Elite des Landes überlassen, heißt es. Der Literaturwissenschaftler György C. Kalman schließt sich den Kritikern an und schlägt vor: "Mit subtilen Methoden - zum Beispiel der Verleihung von Titeln wie 'emeritus' oder 'Ehrenmitglied' - kann man ausgebrannte, leistungsschwache oder faule Wissenschaftler von wichtigen Ämtern wegloben. Aber es gibt auch Mitglieder der Akademie, die nie gut waren, weil sie aus politischen Gründen Mitglieder wurden. Die Akademie hat 1989 die Chance verpasst, mit ihnen abzurechnen. Es war damals wichtiger, dass niemand das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. Inzwischen sind fünfzehn Jahre vergangen, ohne dass einer von ihnen zurückgetreten wäre. Es ist an der Zeit, über das Schicksal dieser Akademiemitglieder erneut nachzudenken."

Fast alle Bischöfe der Reformierten Kirche waren Stasi-Spitzel, verkündete kürzlich die Zeitschrift Mozgo Vilag. Der Artikel steht leider noch nicht im Internet, aber er löste eine Debatte aus: Publizist Norbert Izsak ist überrascht, dass die Kirche immer noch "unsicher ist, wie sie über ehemalige Stasi-Spitzel in ihren Reihen urteilen soll: Sollen sie für diese Kompromisse anerkannt oder verurteilt werden? ? Auch die Gläubigen sind ratlos, was sie aus der Zeit vor 1989 für akzeptabel halten sollen. Für einige sind die damaligen Bischöfe Helden, weil sie eine glanzvolle kirchliche Karriere machten und dabei 'vieles hinnehmen mussten'. Andere werfen ihnen vor, gesinnungslose Kompromisse gemacht zu haben."

Magazinrundschau vom 21.03.2006 - HVG

Der Politologe Andras Körösenyi glaubt, dass sich die Demokratie in Ungarn seit 1998 gewandelt hat: die zentrale Stellung der Partei wird durch die ihrer Spitzenpersönlichkeit ersetzt. Auf die Frage, ob diese Art der Demokratie noch als Demokratie bezeichnet werden kann, antwortet der 47-jährige Wissenschaftler: "Ich halte die Demokratie nicht für eine heilige Kuh, sondern grundsätzlich für eine Institution und für eine Methode der Machtausübung. Außerdem meinen wir derzeit in einer Demokratie zu leben, doch dem ist nicht so. Unser parlamentarisches System ist nicht demokratisch, sondern demokratisiert, und zwar in der Hinsicht, dass jeder das Recht hat, die Abgeordneten zu wählen. Die Demokratie liefert lediglich die Legitimität der Macht. Die wichtigen Entscheidungen werden aber nicht mehr von uns, dem Volk, sondern von den Politikern gefällt. Solange die demokratischen Institutionen erhalten bleiben, müssen wir eine Diktatur nicht befürchten."
Stichwörter: Hvg

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - HVG

Vier Monate vor den Wahlen ist die politische Polarisierung so groß, dass sogar die Rechtsstaatlichkeit und die Demokratie darunter leiden, meint der Politologe und Bürgerrechtler Peter Tölgyessy: "Die Leiter der Notenbank gefährden mit ihren Erklärungen absichtlich den Kurs der nationalen Währung, nur um eine Regierungskrise auszulösen. Die Opposition versucht die Privatisierung scheitern zu lassen, nur damit die Regierung möglichst wenig zu verteilen hat. Im Gegenzug entfernt die Regierung viele oppositionelle Experten von wichtigen Positionen: Aufträge und Preise sind für sie nur dafür da, um das eigene Klientel zu belohnen. ? Eine Art ständische Demokratie scheint sich in Ungarn zu verfestigen. An die Stelle der Staatsmacht im ursprünglichen Sinne des Wortes tritt jenes Lager, das gerade die Wahlen gewonnen hat. Danach werden vier Jahre lang die Regeln der Rechtsstaatlichkeit ignoriert, der Staat nach dem eigenen Vorbild umgestaltet, um die Chancen der Wahlniederlage zu minimieren."

Die Wochenzeitung analysiert die Praxis einiger westeuropäischer Länder und der USA, Einwanderer, die die Staatsbürgerschaft beantragen, in Sprache, Geschichte und Kultur des Einwanderungslandes zu prüfen. "In Großbritannien wird immer wieder debattiert, ob sich der gesellschaftliche Zusammenhalt lockert, wenn man von den Einwanderern nicht fordert, das Minimum gemeinsamer Werte und kultureller Normen zu akzeptieren. Die Berater der zuständigen Kommission kamen jedoch zum Ergebnis, dass das Britische nicht präzise definiert werden kann." Es steht laut Verfasser fest, was die "britischste Frage" im Staatsbürgerschaftstest sei: "Was tut der gute Staatsbürger, wenn er das Bier von jemand anderem zufällig umkippt? Die richtige Antwort: ich zahle ihm ein neues Bier."

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - HVG

In Budapest wurde nach umfangreicher Sanierung das berühmte Rudas wiedereröffnet, eines der vielen während der osmanischen Besatzungszeit im 16. und 17. Jahrhundert gebauten türkischen Bäder. Dora Sindelyes vergleicht Hygiene und Körperpflege der muslimischen und christlichen Stadtbewohner in jener Zeit: "Da Allah Gesundheit und Schönheit für sehr wichtig hält, wurde zuerst im heißen Dampf geschwitzt, dann der ganze Körper von Dienern trocken gerieben, zuletzt die Haut in Wechselbädern gestrafft. Abschließend wurden die Männer rasiert, die Frauen enthaart. Die Reinigung der Seele setzt die Reinigung des Körpers voraus, sagt der Prophet." Die Ungarn waren damals wesentlich schmutziger: "Nur der sichtbare Schmutz sollte entfernt werden", da "die christliche Tradition in erster Linie die Ästhetik der Seele, aber nicht die des Körpers propagierte."

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - HVG

Die Probleme der Roma in Osteuropa sind auch ein Schwerpunkt der Arbeit der Soros-Stiftung. György Soros, amerikanischer Milliardär ungarischer Abstammung, erklärt im Interview, warum: "In der Region haben es die slowakischen Roma am schwersten. Sie fliehen oft nach Tschechien und Ungarn und transportieren die Probleme über die Landesgrenzen... Aber auch in Ungarn haben sich die Vorurteile gegenüber den Roma kaum verringert. Ich hatte gerade ein schreckliches Erlebnis. 1944, während der Besatzung Ungarns durch die Nazis, hat eine sehr ehrbare, tief religiöse Frau meine Mutter und mich versteckt. Die Dame ist heute 90 Jahre alt. Bei meinem Besuch erzählte sie, dass sie - wie vor dem Krieg - die Tageszeitung Magyar Nemzet liest und den Ungarischen Rundfunk hört. Diese korrekte, anständige Frau äußerte plötzlich offen romafeindliche Meinungen. Roma lebten von Sozialhilfe und nutzen die Hilfsbereitschaft des Landes aus. Wer das anders sehe, sei ein Landesverräter."
Stichwörter: Landesverrat, Mutter, Roma, Tschechien, Hvg