Magazinrundschau - Archiv

Merkur

237 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 24

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - Merkur

Gut und wichtig findet der Berliner Historiker Sebastian Conrad die Überwindung eurozentrischer Geschichtsbilder, leider gehe mit den neuen Formen der Globalgeschichte auch ein Trend zu kulturellen Deutungsmuster einher: "Wo ist die Grenze zwischen Vielfalt der Perspektiven und Nativismus? Im Kern besteht das Problem darin, dass in diesen Debatten Vielfalt und Diversität als inhärent kulturell verstanden werden. Aber viele dieser "Kulturen" sind infolge einer langen Geschichte der Austauschbeziehungen und der Einbindung in größere Prozesse gar nicht mehr zu rekonstruieren. Statt also nach rein "nigerianischen" und "vietnamesischen" Stimmen zu fahnden, müsste es darum gehen, die Machtbeziehungen zu untersuchen, die sich auf die jeweiligen Positionierungen ausgewirkt haben. In jedem Fall ist eine klare Zuweisung intellektueller Positionen zu nationalen oder zivilisatorischen Kontingenten in hohem Maße problematisch."

Der Frankfurter Philsoph Christoph Menke erklärt, wie die Anthropologie die Freiheit jenseits der Großen Trennung von Geist und Natur denken kann: Mit Claude Lévi-Strauss in der Lücke, die die Natur lässt. "Frei zu sein heißt nicht, die symbolische, normative Ordnung des Geistes gegenüber der Natur aufzubauen und zu erhalten; Freiheit ist nicht normative Ordnung. Sondern frei zu sein heißt, die symbolische, normative Ordnung des Geistes zu errichten und sie unterbrechen, suspendieren zu können. Freiheit ist der Wechsel zwischen Ordnungserrichtung und -vernichtung."

Im Print denkt Dieter Grimm über Europa nach, und Christian Demandt über müde Museen gemäß Daniel Tyradellis: "Müde Museen sind solche, die nach bestem Wissen und Gewissen alles richtig machen."

Magazinrundschau vom 04.11.2014 - Merkur

Patrick Eiden-Offe verteidigt Francesco Mascis "Die Ordnung herrscht in Berlin" gegen seine Kritiker, die den Essay über die totale kulturelle Neutralisierung der Stadt als "Spengler für Hipster" brandmarkten. Und Iris Hanika sträubte sich in der Berliner Zeitung dagegen, die Spanier, Italiener und Griechen, die aus ihren ausgepowerten Heimatländern nach Berlin fliehen, nur als "fiktive Subjektivitäten" zu sehen. Dazu Eiden-Offe: "Nun, dass sie schon als "fiktive (oder, wie es an anderer Stelle bei Masci heißt: als "angeheiterte fiktive") Subjektivitäten" in ihren "Heimatländern" aufgebrochen sind, wird und muss Masci gar nicht behaupten. Dass sie aber genau als solche hier ankommen, das kann jeden Abend auf den Straßen Neuköllns besichtigt werden. Für diejenigen, die aus den südlichen wastelands der deutsch-europäischen Krisenpolitik fliehen, stellt Berlin offenbar genau das dar, was Masci analysiert: einen offenen Möglichkeitsraum, der gerade durch die Folgenlosigkeit der gebotenen Optionen besticht. Die Leute fliehen vor der Politik, und sie kommen an im Raum einer vollkommen neutralisierten Kultur."

Neue deutsche Romane sind so phantasielos, so themenbezogen und ohne jedes Sprachgefühl! Klagt der Literaturwissenschaftler Ingo Meyer in einem großen Essay, der mit dem unvergleichlichen Satz beginnt: "Zählen niederer Status im literarischen Gattungsgefüge und moralische Bedenklichkeit der Wirkungen des Romans zu den Topoi der Kritik bis weit ins 19. Jahrhundert, so die Klagen über seinen Niedergang, ja seine Unmöglichkeit zur konstanten Begleitmusik seiner modernen Geschichte."

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - Merkur

Sehr geärgert hat sich Jan von Brevern über Michael Frieds allenthalben gefeierte Schrift "Warum Fotografie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor", die sich darauf beschränke, die bekanntesten und teuersten Fotografen zu behandeln: "So erfahren wir bei der Lektüre, dass Thomas Ruffs Arbeiten "bahnbrechend" sind, dass Bernd und Hilla Bechers künstlerische Leistung "einzigartig" ist und dass es sich bei seinem Freund Jeff Wall um einen "perfekten Photographen" handelt. Man könnte das lustig finden, weil es so wohlfeil ist. Eigentlich aber ist es skandalös, weil die Kunstgeschichte hier auf schamlose Weise den Kunstmarkt bedient." Ganz klar, lernt Brevern: "Ein Kunstwerk ist teuer, hängt in berühmten Museen und wird in Kunstzeitschriften ausführlich gewürdigt? Dann muss es sich wohl um große Kunst handeln."

Weiteres: Anton Taubner würdigt das Nummerieren als Kulturtechnik. Herfried Münkler schreibt über Urteilskraft. Und aus der London Review of Books übernimmt der Merkur T.J. Clarks schönen Essay über Veroneses "Allegorien der Liebe": "Veronese ist Realist. Er weiß, dass beim Sex letztlich der Mann die Macht hat. Aber sie auch auszüben, ist ein riskantes Unterfangen. Sex ist Komödie."

Magazinrundschau vom 02.09.2014 - Merkur

Philipp Felsch blickt auf das Ende der siebziger Jahre zurück, als die Avantgarde theoriemüde wurde und sich nach Bildern und Dingen zu sehnen begann: "Aus dem Rückblick unserer ikonophilen Gegenwart fällt besonders die Textlastigkeit der Suhrkamp-Kultur ins Auge. Der Kanon, den Siegfried Unseld für die alte Bundesrepublik verbindlich machte, war eine Bleiwüste. "Allein die Schrift!" lautet das Credo seiner Witwe und Nachfolgerin bis heute. Der Imperialismus der Schrift wird dort umso augenfälliger, wo sich Suhrkamp dazu herabließ, Bilder abzudrucken. Die Reproduktion von Velázquez" Las Meninas in Foucaults "Ordnung der Dinge" zum Beispiel ist so miserabel, dass man verlegerischen Mutwillen unterstellen muss. Ein Gutteil von dem, was die fünfzehn engbedruckten Seiten der Einleitung erörtern, lässt sich bestenfalls erahnen. Einen Höfling der spanischen Infantin haben die Grauschleier komplett verschluckt. Suhrkamps Ikonoklasmus war dem Glauben an die Macht der Theorie geschuldet; das Ergebnis wirkt aus heutiger Sicht so nüchtern wie eine protestantische Kirche."

Mehr Schwächen als Stärken entdeckt Ekkehard Knörer in Evelyn Barishs Paul-de-Man-Biografie, deren gründliche Nachforschungen aber in der Summe nur eine Erkenntnis zuließen: "Paul de Mans Ruf ist in ethischer Hinsicht unrettbar - Georges Gorielys Vorwürfe waren nicht übertrieben. Zugleich wächst aber das Faszinosum der Person de Man. Dies ist der verblüffende Fall eines Mannes, der scheitert und scheitert, ein ums andere Mal in scheinbar ausweglosen Sackgassen landet und dennoch immer aufs neue und sogar immer spektakulärer reüssiert."

Magazinrundschau vom 04.08.2014 - Merkur

Der einzige Luxus, den sich Oligarchen nicht leisten, ist das schlechte Gewissen, schreibt der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp in einer kleinen Typologie des unverschämten Reichtums, der sich heutzutage vor allem im Willen zur Jacht zeigt: "Politiker wollen herrschen und nebenher gerne reich sein, aber sie wollen sich dem Erwerb und der Erhaltung des Reichtums nicht übermäßig widmen. Auch nutzen Politiker das alte Privileg der Mächtigen, ihre Macht als Idealismus auszugeben. Der Oligarch kennt solche Versuchungen nicht. Er will unermesslich reich werden und bleiben. Der Oligarch braucht und benutzt die politische Sphäre: Es geht um Rahmenbedingungen und um unkomplizierten Zugriff auf Staatseigentum. Selten nur übernimmt er politische Ämter, und wenn, dann kurzfristig."

Weitere Artikel: Die Juristin Ure Sacksofsky verhandelt die verschiedenen Kritikstränge am Bundesverfassungsgericht. Remigius Bunia versucht Gleichheit, Freiheit und traditionelle Werte im politischen Koordinatensystem von links und rechts zu verorten. Und Rainer Hank diskutiert die Frage von Staat, Macht und Eigentum in den Theorien des Liberalismus. Am Ende sieht er das Gebot des Grenznutzens durchgesetzt und den Markt durch die Internet-Giganten Google, Amazon und Facebook nicht gefährdet: "Private Macht ist gefährlich, wenn der Kunde einen Schaden hat, aber nicht, wenn die Wettbewerber sich beschweren."

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - Merkur

In einem sehr lesenswerten Text räumt Hannes Bajoh mit völlig veralteten Vorstellungen von digitaler Literatur auf. Hypterext, Rhizome, nichtlineares Erzählen sind Schnee von gestern, und selbst die in die Bildende Kunst spielende Google-Poesie, Stephen McLaughlins Puniverse oder Douglas Couplands in Acryl gemalte, QR-Code-Lyrik bleiben spärliche Vorstöße: "Womöglich haftet flarf und ähnlichen Experimenten, die das Internet zur Textproduktion heranziehen, wie etwa twitlit, wo Twitter zum literarischen Operationsfeld wird, noch etwas Allzuwörtliches an, das es leicht macht, sie zu ignorieren. Sie fischen nur die Oberfläche des Internet ab, ohne sich an die Untiefen des Digitalen zu wagen. Das Internet ist auch Google, ist auch das Stimmengewirr der sozialen Netze, aber darin erschöpft sich das Digitale nicht. Wie es in der Gegenwartskunst den Unterschied zwischen net art und digital art gibt, sollte man auch Netzliteratur von digitaler Literatur trennen. Das eine sind Schnappschüsse eines kulturellen, linguistischen und technologischen Augenblicks, der sich in der Geschwindigkeit verändert, mit der Meme und Plattformen auf- und wieder abtauchen; das andere sind Versuche, die Affektorganisation und Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt darzustellen."

Hat die CIA das Creative Writing erfunden? Eric Bennett erzählt die Geschichte des Iowa Writers" Workshop, der in den dreißiger Jahren junge AutorInnen aus aller Welt in die USA holen sollte und den Boom für Kreatives Schreiben losgetreten hat: "Keinem anderen Programm wurde von der Asia Foundation, dem Außenministerium und der CIA solches Interesse entgegengebracht. Und der Niedergang der Unternehmung "Kreatives Schreiben" muss zumindest teilweise von diesem Unterschied herrühren."

Weiteres: Jens Soentgen erzählt die Geschichte der deutschen Kunstgummi-Produktion. Edith Lynn Beer setzt ihre Erzählung aus der Bukowina fort.

Magazinrundschau vom 06.06.2014 - Merkur

Im Merkur erinnert sich die Schriftstellerin Edith Lynn Beer an das oft besungene Österreich-Ungarn ihrer Familie, das es schon vor ihrer Geburt nicht mehr gab. "Ich war noch zu jung, um in der Schule von der Geschichte Österreich-Ungarns erfahren zu haben, da versammelte sich in Woodmere, Long Island, an den Sonntagen in den 1940ern ein Chor von Cousins und Cousinen, Onkeln und Tanten an unserem Wohnzimmertisch und sprach über "die Bukowina", wie sie sie nannten, den äußersten, östlichen Teil Österreich-Ungarns, als existiere sie noch. Den Ersten Weltkrieg und den aktuellen Krieg gegen die Nazis vergaß meine Familie an diesen Nachmittagen einfach, als könnten ihre Erinnerungen die Heimat vor der Invasion für immer bewahren."

In der Sprachkolumne des Merkurs nimmt Daniel Scholten die Ambitionen zur Etablierung einer geschlechtsneutralen Sprache in der neuen Straßenverkehrsordnung aufs Korn, wo aus Autofahrern "Auto Fahrende" wurden und - "von hier an wird es richtig falsch" - aus Fußgängern "zu Fuß Gehenden".

Magazinrundschau vom 09.05.2014 - Merkur

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Susanne Röckel sucht an der Donau das neue Europa und stößt in Rumänien auf das alte Hafenstädtchen Calafat, wo von der früheren Pracht nicht viel erhalten ist: "Alte Gebäude stehen für die eigene Geschichte, und Geschichte stiftet Identität, so lernt man es in Deutschland. Aber hier, in Calafat, kommt mir das Wort plötzlich unstatthaft, ja verlogen vor, als wäre "Identität" ein Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn man satt und sicher ist. Hier ist die Vergangenheit auf ganz andere Weise vorhanden als bei uns. Es gibt keinen roten Faden, der sie zu einem Zusammenhang macht, zu einer Geschichte, in der man selbst unbestreitbar seinen Platz hat. Man scheint sie misstrauisch, distanziert, fast hilflos zu betrachten. Vielleicht ist auch etwas wie Stolz im Spiel, ein trotziges und gleichgültiges: "Was hat uns das alles gebracht?" Calafat ist eine Stadt, die kein Ganzes ergibt."

Außerdem ahnt Eckhard Schumacher in seiner Kolumne einen Zusammenhang zwischen dem Bedeutungsverlust von Pop und der Zunahme der institutioneller Pop-Diskurse.

Magazinrundschau vom 04.04.2014 - Merkur

Holger Schulze gibt eine Einführung in die Sound Studies und zeichnet anhand mehrerer Neuerscheinungen nach, wie das Hören seinen ephemeren Charakter verlor und etwas Materielles und Körperliches wurde. Zum Beispiel lernt man von Julian Henriques, wie jamaikanische Sound Systems funktionieren: "In Resonanz einer Crew aus MC, Platten-Selector und einem Toningenieur mit den Tanzenden und mit den Lautsprecherboxen. Ein Gefüge von Akteuren im Klang, das weder auf Modelle des konzertant-sitzenden, pietistischen Hörens seit dem 19. Jahrhundert noch auf Modelle des choreografierten und eheanbahnende Tanzens bei einem Ball oder einer Diskothek der 1970er zurückzuführen ist. Die räumliche, akustische und situative Verbindung von technisch musizierenden, sozial interagierenden und sich tänzerisch artikulierenden Körpern um ein Sound System herum erzeugt einen kaum auflösbaren musikalisch-tänzerischen Zusammenhang der "sonic bodies"."

Außerdem: Francis Nenik erzählt die Geschichte des weißen südafrikanischen Antiapartheidkämpfers Edward Vincent Swart.

Magazinrundschau vom 07.03.2014 - Merkur

Hat der Streamingdienst Netflix mit "House of Cards" wirklich eine Politserie geschaffen oder das erste Big-Data-Format, das die Präferenzen seiner Zuschauer genauestens einkalkuliert? Simon Rothöhler erklärt mit allen akademischen Mitteln, warum die Qualitätsserien so gut zum Video-on-Demand taugen: "Die "Sucht", von der Serienzuschauer in entsprechenden Fan-Foren immer sprechen, verweist auf Rezeptionsvorgänge, die oft wiederholt und deshalb angebotsseitig vergleichsweise präzise kalkuliert und kommodifiziert werden können. War zu Beginn des Stream-Zeitalters noch von der Ermächtigung des Zuschauers die Rede, der aus televisuellen Sendeschemata entlassen und selbst zum Programmierer wird, beziehungsweise von der Umstellung von push zu pull media, erscheint das flexible "Ziehen" von Content heute eher als Intensivierung konsumptiver Berechenbarkeit."

András Bruck denkt darüber nach, wie Ungarn vor dem Weg in eine Diktatur bewahrt werden kann. Immer nur vornehm tun, bringt jedenfalls nichts, stellt er fest: "Der Preis, den wir für unsere "Kultiviertheit" zahlen, ist furchtbar. Ein zu allem entschlossener, autoritärer Wille trifft auf eine Opposition, die die auf sie einstürzenden Übel pedantisch nach und nach vermisst, die die Diktatur als eine Art vergänglicher Anomalie geschwätzig in Analysen zerlegt, und das kann nur verhängnisvoll enden. Ungarn, das seine Verbündeten statt im Westen nun im Osten sucht, hat sich weit von den Hauptströmungen der internationalen Entwicklung entfernt."