Magazinrundschau - Archiv

Merkur

237 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 24

Magazinrundschau vom 07.01.2014 - Merkur

Der Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler legt einen Parforceritt durch die Geschichte der ökonomischen Theorie vor, von der Neoklassik zur Verhaltensökonomik, und ist sich am Schluss nicht mehr sicher, ob Simmels Theorem von der Indifferenz des Geldes für die heutigen Finanzmärkte noch stimmt. Das Geld nimmt Form an, die Tauschewigkeit geht zu Ende: "Die Finanzmärkte in ihrer bestehenden Form fördern zuerst die Interessen derjenigen Teile der Gesellschaft, die unmittelbar vom technischen Fortschritt profitieren. Indem sich das Geld kumuliert, wo der technische Fortschritt vollzogen wird, schafft es Identität. Wo der technische Fortschritt erlitten wird, zerfällt Identität, wird anonymisiert. Die Finanzmärkte zerstören - man kann es nicht anders formulieren - diejenigen Gesellschaftsteile, die dem technischen Fortschritt entgegenstehen."

Georg Stanitzek hebt zur Ehrenrettung der vielgescholtenen Fußnote an, die allerdings in der Wikipedia ein "unverhofftes Reservat" gefunden hat: "Dabei bleiben ihre möglichen Funktionen strikt limitiert; sie sollen die im Artikel gegebenen Informationen belegen. Diskursive, Reflexionen oder Abwägungen entfaltende Anmerkungen sind unerwünscht. Gatekeeper, die so etwas sichten, werden es in der Regel streichen und ihr Motiv mit dem Kürzel 'TF' signalisieren: Es steht für das Urteil, hier sei 'Theoriefindung' versucht worden."

Außerdem: Die Übersetzerin Katy Derbyshire erzählt, wie sie sich an Christa Wolfs "August" die Zähne ausbiss. Jürgen Kaube räsoniert über habituelle Unterschiede in den Vorträgen von Natur- und Geisteswissenschaftlern. Robin Celikates liest mit großem Interesse, aber recht kritisch Luc Boltanskis Schrift "Rätsel und Komplotte".

Magazinrundschau vom 03.12.2013 - Merkur

Sebastian Conrad liest Pankaj Mishras Buch "Aus den Ruinen Europas" als einen Versuch, an eine Kritik am Westen anzuknüpfen, die Gelehrte wie Jamal al-Dinh al-Afghani, Liang Qichao und Rabindranath Tagore Anfang des 20. Jahrhunderts anbrachten, ohne dabei in einen antimodernen Kulturfundamentalismus zu verfallen: "Vor dem Ersten Weltkrieg war die Kritik an Europa mithin meist noch mit dem Ziel verbunden, es ihm nachzutun. Nicht Europas Botschaft wurde hinterfragt, sondern ihr Überbringer; nicht das Versprechen der Moderne, sondern der europäische Imperialismus. Im Kern ging es um Teilhabe, denn schließlich war das Beharren auf radikal alternativen Gesellschaftsentwürfen, auf grundlegender Differenz - angesichts des Machtgefälles der Zeit - mit der Gefahr der Kolonisierung oder mit der Verstetigung von Abhängigkeit verbunden."

Lothar Müller und Thomas Steinfeld vergewissern sich der anhaltenden Bedeutung der Zeitung, die auch in Zukunft und auf Papier das Schlüsselmedium der Öffentlichkeit sein werde. Aber nur mit gutem Feuilleton: "Es gibt nur eine Art, Autorität zu erwerben: durch Wissen, Klugheit, Verlässlichkeit, durch freie, begründete Urteile, die der Diskussion unterworfen werden und bei denen Wiederholungen nicht schaden. Das bedeutet auch, dass originelle Ideen oder sogar scoops die Autorität einer Zeitung nur stützen, aber nicht garantieren können."

Im Print schreiben Heinz Bude über Jean Amery und Wolfgang Marx über Sartre.

Magazinrundschau vom 15.10.2013 - Merkur

Das Doppelheft des Merkurs ist dem Wir gewidmet, möglichen Gemeinschaften in einer individualisierten Gesellschaft. Urs Stäheli erkundet die Schüchternheit, die der Urbanisierung, Demokratisierung und dem Wegfall von traditionellen Gemeinschaften zum Problem wurde: "Sie markiert die Unfähigkeit, sich am zwanglosen Zusammensein unter Fremden angemessen zu beteiligen. Georg Simmel hatte dieses soziale Phänomen als Geselligkeit beschrieben: ein Zusammensein ohne äußeren Zweck, das seine Energie aus dem Vergnügen am Zusammensein schöpft. Gerade dieses Vergnügen entgeht jedoch dem Schüchternen; für ihn ist die Geselligkeit bloße Pein. Es ist das Zusammensein um des Zusammenseins willen, dem der Schüchterne mit Argwohn begegnet."

Kathrin Passig rekapituliert, wie sich Gemeinschaften im Internet auflösen, entweder weil sie in sozialen Netzwerke aufgehen oder weil sich herausstellt, wie wenig man eigentlich teilt. Sie nennt das Konsensillusion: "Die Übereinstimmung unter Freunden in Fragen des Kulturkonsums - oder vielmehr ihr Fehlen - ist in den letzten fünfzehn Jahren als Nebeneffekt der Arbeit an Empfehlungsalgorithmen erforscht worden. Nichts in den Ergebnissen dieser Forschung deutet darauf hin, dass es bei Filmen, Büchern oder Musik nennenswerte Überschneidungen zwischen Freundeskreis und Geschmacksnachbarschaft gibt."

Weiteres: Thomas E. Schmidt blickt ein wenig erschrocken auf die achtziger Jahre von West-Berlin zurück, als er es so genossen hatte, zum großen "Szenario der Negativität" zu gehören. Und der Verfassungsrechtler Dieter Grimm überlegt, welche Werte die Gesellschaft heute zusammenhalten könnten.

Magazinrundschau vom 03.09.2013 - Merkur

Eva Geulen liest Benoit Peeters Derrida-Biografie als eine derjenigen, die von Derridas Texten intellektuell sozialisiert wurden. So vieles ist denen nicht geblieben: "Deshalb können sie sich ziemlich alt vorkommen, sind aber doch nicht alt genug, um zuverlässig zu wissen, ob die unglaubliche Ermächtigung, die von den bei Derrida und in seinem Umkreis praktizierten Lektüren lange ausging, lebensweltliche Gründe des Jungseins hatte - oder ob die als Lektürepraxis verstandene Dekonstruktion tatsächlich eine nahezu präzedenzlose und vielleicht die letzte Ermächtigung der Geisteswissenschaften darstellte, insbesondere der an Literatur und Philosophie interessierten. Diese Ermächtigung verdankte sich dem Gefühl, dass vor einer bestimmten Lektürepraxis kein Text - literarischer, philosophischer oder politischer Provenienz, Zeitungsartikel, Einkaufslisten, Filme, Werbung, Dylan oder Pop - sicher oder gefeit wäre; die Qualität der Gegenstände erwies sich an der Komplexität der Lektüren, die sie zuließen und forderten. Dieses Gefühl hat sich mit den Jahren verloren."

In seiner Designkolumne huldigt Christian Demand der glatten Oberfläche und fragt unter anderem, warum eigentlich Walter Ulbricht das Bauhaus zum obersten Gegner im Kampf der DDR gegen Formalismus und avantgardistische Experimente macht. Demand empfiehlt die erhellende Schrift "Cold War on the Home Front" des Designhistorikers Greg Castillo: "Man versteht zugleich auch, weshalb DDR-Politiker wie Walter Ulbricht, von persönlichen Geschmackspräferenzen einmal abgesehen, sich Anfang der fünfziger Jahre vom Bauhaus und allem, was irgendwie daran erinnerte, derart ostentativ distanzieren mussten, anstatt es weltanschaulich vereinnahmen zu können: Die Amerikaner waren ihnen schlicht zuvorgekommen."

Magazinrundschau vom 06.08.2013 - Merkur

Eindrücklich berichtet Stephan Wackwitz, Chef des Goethe-Instituts in Tbilissi, von der "Besenrevolution" gegen Micheil Saakaschwili in Georgen letztes Jahr, die zur Wahl des neuen Präsidenten und Oligarchen Bidsina Iwanischwili  führte. Alles schien der Dramaturgie der im Westen so beliebten "Farbenrevolutionen" zu entsprechen, und doch "gab es in Georgien den entscheidenden und zumindest für die Vereinigten Staaten offenbar unverzeihlichen Unterschied, dass nicht ausländische Interessen und Agenturen den Verlauf und die Parolen der georgischen 'Besenrevolution' von 2012 bestimmt haben, sondern das Geld und der mit diesem Geld aufgebaute Apparat eines einheimischen Politikers. Eines Politikers außerdem, dem man im Westen nicht traut, weil man ihn nicht kontrollieren kann. Ein sechsfacher Milliardär ohne nennenswerte Leichen im Keller ist nicht zu kaufen oder einzuschüchtern."

Außerdem ein tiefschürfendes Gespräch zwischen Irina Doronina und dem Altphilologen und Publizisten Gasan Gusejnov über Deutschland und Russland. Beide Texte stehen als pdf-Dokumente auf dieser Seite online.

Magazinrundschau vom 02.07.2013 - Merkur

Mit Blick auf Frankreich meint Wolfgang Matz zwar, dass die tatsächlich Lage nicht so schlecht sei wie die Stimmung, aus der Misere helfe jedoch keine antideutsche Polemik, bescheidet er die Pariser Linke wie die Rechte, sondern nur Rigueur: "Der Kern der Auseinandersetzung dreht sich um die Furcht, das französische Modell der staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik könnte funktionsuntüchtig geworden sein und in einen uneinholbaren Rückstand kommen gegenüber der deutschen Politik der Reformen und Haushaltssanierung. Das Problem der Kritiker einer allgemeinen Spar- und Austeritätspolitik liegt dann darin, dass diese zwar als unsozial gebrandmarkt wird, aber andererseits offenkundig erfolgreich ist und - durch die deutlich niedrigere Arbeitslosigkeit - auch deutlich sozialer."

Und in der Ökonomiekolumne spottet Werner Plumpe über die kritischen Mittelschichten, die nicht begriffen, dass der Kapitalismus mit dem Massenkonsum längst ein "Projekt der Unterschichten" sei - Adel und Bourgeoisie hätten ihn für ihr bisschen Luxus nicht gebraucht. Im Print schreibt Richard J. Evans über die italienische Verharmlosung der Mussolini-Ära. Christoph Menke widmet sich Hannah Arendts Urteil über den Eichmann-Prozess.

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - Merkur

Mit Blick auf die Umwälzungen bei ThyssenKrupp und RWE hofft Claus Leggewie auf eine Patriarchendämmerung im Ruhrgebiet, denn mit modernem Unternehmertum haben die Ruhrbarone seiner Meinung nach schon lange nichts mehr zu tun: "So etwas kann man Feudalismus nennen, genau wie im Bankenwesen und auch nicht viel anders als bei postkommunistischen Oligarchen und in der fossilen Energiewirtschaft rund um den Globus. Es darf nicht sein, dass solche Omnipotenz für den wirtschaftlichen Erfolg und die Leistungsfähigkeit ganzer Branchen, Regionen und Nationalökonomien ausschlaggebend ist und sich das Publikum die Dramen der Entfremdung alter Herren bei Hofe höchstens entgeistert, gerührt oder schadenfroh ansehen darf. Verlangt werden darf, dass sich die Wirtschaft vom Kommandositz entfernt und wieder ins gesellschaftliche Gesamtgefüge einbettet. Wir mögen in einer kapitalistischen Wirtschaft arbeiten, wollen aber überwiegend nicht in einer kapitalistischen Gesellschaft leben."

Die Frankfurter Juristin Ute Sacksofsky nimmt die Familienförderung unter die Lupe und fragt unter anderem, ob die Erhöhung der Geburtenrate tatsächlich eine obligatorische Staatsaufgabe sein kann: "Jede Funktionalisierung von Menschen ist problematisch, auch wenn es um Rentensicherung statt um Landesverteidigung geht." Im Print zu lesen sind außerdem Texte von Michael Rutschky, Wolfgang Kemp und Niels Werber.

Magazinrundschau vom 02.04.2013 - Merkur

In seiner aktuellen Ausgabe versammelt der Merkur mehrere Artikel zum Themenspektrum Nachrichten, Handel und Verkehr. Lothar Müller blickt dabei auf die Anfänge der Zeitung zurück und sieht ihren heißen Kern in der durch die Reichspost ermöglichte Verschmelzung aus Aktualität, Periodizität und Universalität: "Die Druckerpresse allein war nicht in der Lage, ein Gebilde wie die Zeitung hervorzubringen. Es dauerte nach Gutenberg noch gut 150 Jahre, bis um 1605 in Straßburg mit der Relation des Johannes Carolus die erste gedruckte Zeitung auf den Markt kam. In diesen 150 Jahren hatte sich, zum Nutzen nicht nur der Kaufleute, sondern auch der Humanisten, deren Korrespondenzen ihre Bücher weitläufig umspülten, die moderne Infrastruktur des Postwesens in Deutschland entwickelt."

Außerdem untersucht Niels P. Petersson, welche Rolle die Schifffahrt für die Globalisierung spielte. Und Wolfgang Hagen überlegt, ob das Internet nicht eher dem Buch als den Massenmedien vergleichbar sei: "Alle seine Inhalte sind - idealiter - gleich weit entfernt."

Magazinrundschau vom 05.03.2013 - Merkur

Helmut König huldigt den großen Dissidenten der Geschichte, denen hierzulande oft genug mit Misstrauen begegnet wird. Zwar ist auch König nicht immer einverstanden mit ihrer Ablehnung der Politik, aber dass sie die Moral über eine ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse setzen und gegen die Logik des kleineren Übels, das macht ihre Größe aus: "Sie können und wollen nicht mit jemandem zusammenleben, der sich an Verbrechen und an Unrecht beteiligt hat. Lieber nehmen sie in Kauf, dass ihnen Unrecht angetan wird, und sie ziehen es vor, mit der ganzen Gesellschaft uneins zu sein statt mit sich selbst. Das ist das Prinzip des Handelns, dem sie folgen. Diese Übereinstimmung mit sich selbst verleiht ihnen ihre Stärke und Unabhängigkeit, das Gefühl von Würde und Stolz und eine tiefe innere Befriedigung. Darin liegt der einzige Erfolg, der einzige Nutzen, der mit moralischem Handeln verbunden ist."

Weiteres: Auf Joachim Rohloffs Text zu Frank Schirrmachers nachlässigem Sprachgebrauch haben wir schon in der Feuilletonrundschau hingewiesen. Die Print-Ausgabe übernimmt Martha Nussbaums Essay über Katherine Boos Indien-Reportage "Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben" (hier das englische Original aus dem TLS). Thomas E. Schmidt schreibt über Angela Merkels Politikstil.

Magazinrundschau vom 08.01.2013 - Merkur

Der Schriftsteller Chaim Noll will von einem Arabischen Frühling nichts wissen, er sieht vielmehr einen Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Großmächten Iran und Saudi-Arabien ausgetragen, in den sich nun auch Katar eingeschaltet hat: "Der Emir von Katar war maßgeblich am Sturz des libyschen Gaddafi-Regimes beteiligt, indem er neben der medialen auch zur direkten militärischen Einwirkung beitrug und als einer der ersten islamischen Herrscher Kampfflugzeuge für den gemeinsamen Einsatz von Nato und Arabischer Liga zur Verfügung stellte. Katar brach auch als erstes Land die diplomatischen Beziehungen zum Assad-Regime in Syrien ab und gab damit das Signal zum Sturz dieses entscheidenden Alliierten des regionalen Gegners, des schiitischen Iran. 2011 löste Katar große Überraschung aus, als das Emirat dem durch Sabotage der Erdgasleitungen aus dem Sinai zeitweilig von Energieknappheit bedrohten Israel seine eigenen Erdgasreserven anbot. Neuerdings wendet der geldschwere Golfstaat sein Interesse der Hamas in Gaza zu, die durch den ökonomischen Verfall des Iran in finanzielle Schwierigkeiten geraten und damit - so das Kalkül - reif für eine sunnitische Übernahme ist."

Außerdem plädiert der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe angesichts wachsender Inflationsgefahr und eines "im Grunde bereits zerbrochenen Euro-Systems" für die Rückkehr zur D-Mark. Im Print fürchtet der Historiker Eli Zaretsky um die Zukunft der amerikanischen Linke, die wahrscheinlich nicht ganz so glorreich sein wird wie ihre Vergangenheit.