Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 05.08.2008 - Merkur

Michael Stolleis rekapituliert die Affäre um den liberalen Staatsrechtler Horst Dreier, der eigentlich Verfassungsrichter werden sollte, nach Vorwürfen aber, er verteidige die Folter, chancenlos wurde. Besonders hervorgetan haben sich hierbei Christian Rath in der taz (am 27.01.08), Heribert Prantl und Andreas Zielcke in der SZ sowie Christian Geyer und Patrick Bahners in der FAZ ("Foltern aus Höflichkeit"). Stolleis nennt dies "konzertierten Rufmord", denn Dreier habe nie das Folterverbot relativiert. Im Hintergrund ging es um ganz was anderes: "Der Fundamentalkatholik Christian Geyer gab schon am 18. Januar 2008 in der FAZ hierfür den Ton vor: Mit Kardinal Lehmann verabschiede sich der Verteidiger der Partnerschaft von Kirche und Staat, während mit Dreier einer komme, der 'in schönster Tradition des Bischof-Huber-Christentums' (!) die religiösen Wurzeln unserer Rechtskultur lobe, aber in Wahrheit Laizist sei. Wenn Dreier in das Bundesverfassungsgericht gelange, werde die Menschenwürde als Bollwerk gegen Folter und Abtreibung entwertet. 'Die Lobbyisten aus Politik und Forschung könnten auf Dreiers Steckenpferd in Karlsruhe den Durchmarsch wagen'. Das war ein klarer Warnruf in Richtung Stammzelldebatte. Nun erst öffneten sich die Augen des rechten Flügels der CDU-Fraktion." Dass die "linksliberalen Hilfstruppen" dies publizistisch unterstützten, lag laut Stolleis wohl an einem "eingeübten Beißreflex ..., der durch das Stichwort 'Folter' ausgelöst wird".

(Die Artikel aus SZ und FAZ sind nicht mehr online, aber einer aus der Zeit, in dem Robert Leicht nachzeichnet, was Dreier tatsächlich von der Folter hält. Im Interview mit der Welt erklärt Dreier das auch selbst.)

Außerdem im Merkur: Aus der Policy Review wird ein Essay von Lee Harris aus dem Jahr 2002 über den 11. September als "Realinszenierung einer Phantasievorstellung" übernommen.

Magazinrundschau vom 01.07.2008 - Merkur

Heinz Schlaffer plädiert dafür, den Blick auf die Kunst nicht zu verklären, und Theokrit zu lesen, der bereits in seinem fünfzehnten Idyll so lebensklug über den Kunstgenuss im ptolemäischen Alexandrien zu dichten wusste: "Kunstwissenschaftliche Abhandlungen setzen, ohne dies auszusprechen, den idealen, also wirklichkeitsfernen Fall voraus, dass ein Betrachter von eherner Konstitution sich unbegrenzt lange vor einem Kunstwerk aufhalte, um unbegrenzt viele Erkenntnisse darüber zu sammeln. Beschreibungen und Reflexionen über das wirkliche Verhalten wirklicher Betrachter finden sich kaum. Daher ist Theokrits Dichtung aufschlussreich, die ausführlich sogar die Umstände vor und nach dem Besichtigen des Bildes, vor und nach dem Anhören des Gesangs zur Sprache bringt. Gorgo erwägt bereits, ehe sie mit ihrer Freundin zum Ausstellungsort aufbricht, welchen Vorteil sie später von der Teilnahme am Fest haben werden: 'Wer was geseh'n, kann Dem und Jenem erzählen, der nichts sah.' Schon damals war es der sozialen Distinktion förderlich, bei der Präsentation von Kunst dabei gewesen zu sein."

Weiteres: Von Claudio Magris ist als Vorabdruck eines Essaybandes eine Reiseerzählung aus dem Iran zu lesen. Cord Riechelmann stellt klar, dass es in Mitteleuropa eigentlich keinen Wald mehr gibt, nur noch Forst. Bodo Mrozek widmet sich den Halbstarken der 50er Jahre. Und Dennis Dutton erklärt, warum seit dem Pleistozän Hierarchien gut für uns sind (hier der Text im englischen Original).

Magazinrundschau vom 03.06.2008 - Merkur

Thomas Speckmann konstatiert, dass Demokratien einfach keine erfolgreichen Angriffskriege führen können: "Werden Demokratien entgegen ihren Gewohnheiten dennoch militärisch offensiv, so bereuen sie dies meist wenig später. Frankreich und Großbritannien haben diese Erfahrung in der Suezkrise 1956 gemacht: Paris und London verloren endgültig ihre Weltmachtstellung. Wie heute die amerikanische Ökonomie und der Dollar gerieten damals die britische Wirtschaft und das Pfund unter Druck, verbunden mit einem Ansehensverlust nicht zuletzt in der Dritten Welt, wo nun vor allem die Reste der britischen und französischen Kolonialreiche ihre Unabhängigkeit anstrebten. Ein Jahrzehnt später machte Israel eine ähnlich ernüchternde Erfahrung. Einige Monate vor dem Sechstagekrieg hatte Verteidigungsminister Moshe Dayan Vietnam besucht. Sein Resümee: 'Die Amerikaner gewinnen hier alles - außer den Krieg.' Im Juni 1967 konnte man über die Israelis das Gegenteil sagen: Das Einzige, was sie gewonnen hatten, war der Krieg."

Weitereas: Wolfgang Ullrich erzählt in der Ästhetikkolumne, warum er Duschgels sammelt, deren "Reizchoreografie besonders virtuos gestaltet ist". In einem aus Foreign Affairs übernommenen Beitrag prophezeit der Historiker Jerry Z. Muller, dass der ethnische Nationalismus auch im 21. Jahrhundert die Welt prägen wird. "Er entspricht manchen bleibenden Neigungen des menschlichen Geistes, die durch den Prozess der Entstehung des modernen Staates intensiviert werden; er ist eine entscheidend wichtige Grundlage sowohl für die Solidarität wie für die Feindschaft und wird noch viele Generationen lang Bestand haben."

Magazinrundschau vom 29.04.2008 - Merkur

Der Rechtsphilosoph Uwe Volkmann diskutiert, in welches Verhältnis sich der Rechtsstaat angesichts seiner Bedrohung zum Ausnahmezustand setzen sollte: Soll er ihn verrechtlichen und etwa den Abschuss gekaperter Flugzeuge erlauben? "Der Ausnahmezustand wäre damit, wie es guter deutscher Tradition entspricht, rechtlich domestiziert und damit auch demokratisch steuerbar. Aber dafür ist in Kauf zu nehmen, dass das Denken von der äußersten Bedrohung her, ein Denken in den Kategorien des Feindes und des Opfers, auch im recht immer mehr Raum gewinnt, wie ein Virus, das, wenn es sich einmal breitgemacht hat, eine erstaunliche Resistenz beweist. Oder man schiebt das Problem ganz oder weitgehend aus dem Recht ab, das dann wieder allein in seinen nüchternen und praktischen Funktionen aufgehen kann. Dies ist der Standpunkt des Bundesverfassungsgerichts, das in der Ermächtigung zum Flugzeugabschuss nicht weniger als einen Tabubruch gesehen und die Regelung deshalb wegen Verstoßes gegen die Menschenwürdegarantie aufgehoben hat. Auch das ist nobel gedacht; das Recht bleibt dann rein."

Weiteres: In einem aus Policy übernommenen Artikel erklärt der Politikwissenschaftler Peter Saunders, dass der Kapitalismus geradezu vorbildlich all seine Versprechen eingelöst habe und Labsal für die Seele sei - nur nicht für die Intellektuellen: "Niemand hat das globale kapitalistische System geplant, niemand lenkt es, und niemand versteht es wirklich. Das kränkt vor allem die Intellektuellen, denn der Kapitalismus macht sie überflüssig." Friedrich Pohlmann widmet sich ebenfalls dem Elend der Utopien. Karl Heinz Bohrer kommen gespenstische Szenen aus dem Jahr 1968 in den Sinn. Detlev Schöttker bemerkt eine Renaissance der Biografie.

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - Merkur

"Es gab eine Zeit, da mir einige Lieder von Helge Schneider ebenso viel bedeuteten wie die großen Mozart-Arien", bekennt Jens Hagestedt in einem Essay über den Unterschied zwischen ernsthafter und Unterhaltungsmusik. "Dass gute Popularmusik Ansprüchen an höchsten Wahrheitsgehalt nicht genügen kann, besagt nichts gegen sie. Wie aber sich stellen zum Übermaß des Schlechten, dessen Dominanz auch der toleranteste Hörer ernster Musik nicht bestreiten wird?" Allerdings kann man auch als Verächter der U-Musik dumm dastehen, wie Hagestedt zu erzählen weiß: "Adorno hat 1933 in einem höchst kompromittierenden, aber glücklicherweise nicht veröffentlichten Text die Verantwortlichen des nunmehr 'gleichgeschalteten' Rundfunks der deutschen Diktatur ermutigen wollen, ihre Macht zu nutzen, um mit dem, was man ohne allzu zartfühlende Definitionen als 'Schlager' bezeichnen könne, in den Programmen, so wörtlich, 'ernsthaft Schluss' zu machen und 'die spukhaft entfremdeten Musikwaren aus den Sendern heraus(zufegen)'."

Weitere Artikel: Burkhard Müller schreibt über Kafkas Fabeln. Ulrike Ackermann betrachtet ungläubig die Debatte zum Islam in Europa und wundert sich, "wie weitreichend die westlichen Selbstzweifel inzwischen gediehen sind". Hans Ulrich Gumbrecht arbeitet in der offenbar letzten Folge seiner Americana-Reihe am Godfather-Mythos.

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - Merkur

Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich bedauert, dass Gerhard Richters Kirchenfenster im Kölner Dom nur beinahe zu einer ordentlichen Kunst-Diskussion geführt haben. Er hätte nämlich gern über die in Mode gekommene Erhebung der Kunst zur Religion, zum transzendentalen Ereignis gesprochen: "Worin besteht denn etwa der Unterschied zwischen einem bunten Glasfenster, das vermeintlich 'alles enthält', und einem Kristall, das, wenn Licht darauf fällt, seinerseits alle Farben reflektiert und als Ort einer Transzendenzerfahrung dargestellt werden kann? Darf der Schmuckhändler Swarovski also nicht genauso wie Gerhard Richter für sich in Anspruch nehmen, die Ebene konkreter und einzelner Bedeutungen überwunden zu haben und in seinen Produkten 'Parabeln der Genesis' zu liefern? Man braucht auch nicht lange zu suchen, um in Werbetexten ähnliche Formulierungen zu finden wie in den Verlautbarungen der Kunstenthusiasten." (Hier Werner Spies' Replik zu Meisners Attacke auf das Fenster)

Magazinrundschau vom 29.12.2007 - Merkur

Für den Soziologen Rainer Paris ist "Bescheuertheit" eine Methode, die es erlaubt, stets recht zu behalten, und wie sie funktioniert, legt er an einem Beispiel dar: "Ich erinnere mich an eine Talkshow aus Anlass eines Jahrestages von Tschernobyl. Darin erregte sich die Vertreterin einer Bürgerinitiative, die horrende Verantwortungslosigkeit der Politiker und Atomlobby zeige sich ja bereits daran, dass es für den Fall eines Super-GAU keinerlei Vorsorge oder Evakuierungspläne gebe. Als nun einer der Angesprochenen protestierte und darauf hinwies, dass man natürlich auch für einen solchen Fall Katastrophenpläne bereithalte, fuhr sie ihm erneut in die Parade und wertete dies als Eingeständnis der Unglaubwürdigkeit aller Versicherungen, eine Katastrophe wie die von Tschernobyl sei in Deutschland ausgeschlossen. Sowohl die Existenz als auch die Nichtexistenz von Katastrophenplänen - beides waren für sie klare Belege der Verantwortungslosigkeit."

Leider nicht online zu lesen ist Ivan Krastevs Artikel über Putins "Souveräne Demokratie": "Russland setzt auf den Zerfall der Europäischen Union."

Magazinrundschau vom 04.12.2007 - Merkur

"Die Binnentemperatur steigt", konstatiert Michael Stolleis angesichts der immer lauter werdenden Rede, für mehr Sicherheit müsse der Bürger eben mehr Freiheit opfern, die Folter tolerieren und sich zur Not auch abschießen lassen: "Eine freie Gesellschaft, die frei bleiben will, muss die Gefahr ertragen. Sie muss sie auf sich nehmen, wenn nötig, ohne gleich nach dem Sicherheitsstaat, nach Polizei und Militär zu rufen. Erst eine selbstbewusste Gesellschaft, die nicht bei jeder Drohung den Sicherheitsapparaten zusätzliche Vollmachten gibt, kann die innere Angst besiegen. Wenn Opfer gebracht werden müssen, dann möchten wir sie privat und öffentlich beklagen dürfen. Aber eine Metaphysik des Opfers, gar eine staatsrechtliche Opfertheorie des Bürgers, versehen mit dem Weihrauch des 'dulce et decorum est pro patria mori', brauchen wir nicht."

Weiteres: Wolfgang Kemp betrachtet - leicht genervt- all die zugesandten Laienschriften, die ihn immer wieder in seiner akademischen Routine durcheinander bringen. Otfrioed Höffe widmet sich den "Pionieren der Modern" Machiavelli, Bacon und Hobbes. Ulrike Ackermann widmet sich der Sehnsicht des Menschen nach Irrationalität.

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - Merkur

Thomas Speckmann untersucht, wie es eigentlich um die französische Außenpolitik bestellt ist, die sich so gern in den Gegensatz zur amerikanischen Interessenpolitik stellt, wobei sich Machtrhetorik und Machtrealität nicht immer decken. "Was der Welt immer noch der Dollar ist, ist für Afrika der CFA-Franc. Nicht zuletzt auf ihm beruht Frankreichs Vormachtstellung in den frankophonen Ländern südlich der Sahara. Um ihr Schicksal auch nach ihrer Unabhängigkeit von Paris aus bestimmen zu können, wurde die Franc-Zone beibehalten. Mit der Folge, dass einige der ärmsten Länder der Welt Teile des französischen Haushaltsdefizits mitfinanzieren. Die Bilanz dieser 'Partnerschaft' fällt entsprechend einseitig aus: Frankreich sichert sich einen großen Markt für seine Produkte und eine permanente Versorgung mit preiswerten Rohstoffen. Die Afrikaner hingegen haben mit einem schwachen Handel, Geldknappheit, hohen Zinssätzen, massiver Kapitalflucht und Schuldenbergen zu kämpfen, deren Rückzahlung größere Investitionen in Bildung, Ausbildung, im Gesundheitswesen, in der Nahrungsmittelproduktion, im Wohnungsbau und in der Industrie verhindert."

Nur begrüßen kann Philosoph Volker Gerhardt, dass Rüdiger Safranski die Romantik auf die Agenda gesetzt hat, fragt sich aber, warum er sie mit Herders geplanter Reise nach Frankreich 1769 beginnen lässt: "Knapp zwanzig Jahre vor Herders Tagebuch über seine Seereise revoltiert Jean-Jacques Rousseau gegen den Glauben an die Überlegenheit der menschlichen Zivilisation... Alle Elemente des später so genannten romantischen Geistes sind in Rousseaus Schriften präsent: die Aufwertung des Sentiments, das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft, die religiöse Inbrunst, die Neigung zur romanhaften Übersteigerung des Erlebens, die Begeisterung für die Musik, der literarische Gestus und die bekenntnisselige Versenkung ins eigene Ich. Den Beginn der Romantik müsste man also von 1769 auf 1750 vordatieren."

Weitere Artikel: Übernommen wird ein Artikel des Autors Robert Kagan aus der Policy Review, in dem Kagan den Glauben an eine neue liberale, demokratische Weltordnung beerdigt und die Rückkehr des internationalen Ringens um Ehre, Prestige und Einfluss prophezeit.

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - Merkur

Unglaublich bieder findet Christian Demand die aus den Feuilletons erschallenden Rufe nach mehr Übersichtlichkeit in der Kunst. Ebenso die immergleichen Parcours in den Tempeln der Moderne: Egal ob im Centre Pompidou, in der Tate Modern oder im Moma - Picasso hängt neben Matisse, Pollock neben Newman, Warhol neben Rauschenberg und schließlich Stella neben Beuys und Richter. "Mir kommt diese Einförmigkeit nicht nur merkwürdig, sie kommt mir geradezu aberwitzig vor. Da erzählen die Theoretiker der Moderne seit Malraux mit volkspädagogischem Tremolo vom ästhetischen Ausnahmezustand, von Revolution in Permanenz, von der vollkommenen Autonomie des künstlerischen Individuums, von Provokation, Kompromisslosigkeit, Subversion, vom totalen Bruch mit jeder Tradition, vom grundsätzlichen Misstrauen gegen jede Form der Vereinnahmung, vom endgültigen Abschied von jeglichem Kanon, von der erbarmungslosen Schleifung aller Akademien und Regelsysteme - und was kommt dabei heraus? Eine so harmlos übersichtliche wie vorhersehbare Reihung der immergleichen Werke und Namen."

Heinrich Detering hat 52 Stunden lang und recht verzückt Bob Dylans an die alten Radio Days erinnernder Show "Theme Time Radio Hour" gelauscht: "Es ist die Avantgarde, die hier die Vergangenheit inszeniert." Und Egon Flaig schreibt zunächst recht allgemein gegen vermeintliche Vergleichsverbote und Intelligenzbegrenzungen, um dann recht rüde mit der Sprache herauszurücken: "Nichts ist unvergleichlich. Keine Supernova, kein Husten, keine galaktischen Katastrophen, nicht die Schoah, nicht mein Räuspern in dieser Sekunde, nicht der Schleim in meinem Halse."