Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 24

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - Merkur

Das Doppelheft des Merkurs hat sich - ganz undekonstruktivistisch - der Heldenverehrung verschrieben, ohne freilich die jüngsten Ereignisse (Ansbach und München) in Rechnung stellen zu können.

Jörg Lau ärgert sich über meist mit der Forderung nach Zivilcourage verbundene Appelle, "bloß nicht den Helden zu spielen". Er kennt nämlich einige sehr bewunderungswürdige Menschen, die sich dafür eben nicht zu schade waren. Die polnische Kranführerin Anna Walentynowicz etwa, den Bürgerrechtler John Lewis oder den ägyptischen Studenten Karim Nabil Suleiman, der in seinem Blog - als Karim Amer - mehr Rechtsstatlichkeit forderte: "Suleiman wurde vor Gericht gestellt wegen 'Schürens gesellschaftlicher Unruhe und Diffamierung des Islam' sowie 'Gefährdung der öffentlichen Sicherheit' und 'Beleidigung des Präsidenten'. Der Staatsanwalt im Gericht von Alexandria fragt Suleiman, was er damit meine, dass 'Hosni Mubarak der Kalif sei, Gottes Stellvertreter im Lande Ägypten, Unterdrücker der Menschen und Symbol der Tyrannei'. Der Angeklagte antwortet: 'Das ist meine Überzeugung. Ich habe das sarkastisch gemeint. Ich sehe ihn als Tyrannen.' Das Urteil am 22. Januar 2007 lautete auf vier Jahre Haft: drei für die 'Missachtung der Religion', ein Jahr für die 'Diffamierung des Präsidenten'. Sein Vater ließ die Medien wissen, er hätte die Todesstrafe für angemessen gehalten."

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz untersucht den seiner Ansicht nach vorherrschenden "antiheroischen Affekt": "Die moderne, bürgerliche, demokratische Welt belässt es nicht bei einem Abbau des Heroischen. Sie will es entlarven, zerstören, lächerlich machen. Die Heldenzerstörung endet dann in Oberseminaren mit dem Tod des Subjekts."

Ute Frevert konstatiert, dass im postheroischen Zeitalter höchstens noch die "Helden des Alltags" gerühmt werden. In weiteren Artikeln geht es um Soldaten und Söldner, gefallene Wirtschaftsheroen, die Helden des Films und die der Popkultur.

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - Merkur

Der Soziologe Rainer Paris streitet in einem Essay gegen die Gleichheit, die nicht nur zu Lasten der Freiheit gehe, sondern auch die Gesellschaft vergifte. Der Zwang, ständig zu messen und zu vergleichen, erweise sich als "untergründige Mechanik von Aggressionssteigerung und Bösartigkeit". "Sie prägt die gesamte Atmosphäre und polt die Menschen auf eine Art des Vergleichens, die in ihnen permanent Argwohn und Misstrauen sät, und dies umso mehr, als sie ihr Ziel letztlich immer verfehlen müssen. Ich denke, dass viele das insgeheim wissen oder zumindest ahnen, gleichzeitig aber in ihren Prinzipien verheddert bleiben. Daher die letztendliche Schalheit des Lebensgefühls, eine abgründige Verbitterung, die sich mal nach außen, verstärkt aber immer wieder nach innen richtet. Es ist das schleichende, nie stillzustellende Gefühl, sein Leben im Grunde verfehlt zu haben, weil das Ziel, dem man sich mit Haut und Haaren verschrieben hat, diesen Preis am Ende nicht wert war."

Jens Bisky bricht in seiner Architekturkolumne eine Lanze für das Ornament, das einen unaufhaltsamen Tod gestorben ist, seit Leon Battista Alberti es als einen 'die Schönheit unterstützenden Schimmer' bezeichnet hat, also als einen äußeren Zusatz, wie Bisky schreibt: "Besser, in schönerem Deutsch hat vor Adolf Loos keiner über Ornamente geschrieben als Karl Philipp Moritz. Blättert man in seinen Vorbegriffen, werden Momente des Verlustes schlagartig deutlich. Da ist zunächst der Verzicht auf Ansprache des Vorübergehenden. Nicht umsonst kam ja mit den Verzierungen auch die gute Gewohnheit außer Mode, die Fassade als Gesicht des Hauses zu gestalten. Das Angesicht ('acies') verkam zur Außenhaut. Da muss sich keiner wundern, wenn der Zeitgenosse beim Anblick der Kisten, Kästen, Würfel vor sich hin flüstert: 'Du mich auch!'"

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - Merkur

Unsere Auffassung von Literatur, wie sie "diskutiert, rezensiert, analysiert, urheberrechtlich geschützt, raubgedruckt und parodiert" wird, ist gänzlich von der Technik des Buchdrucks bestimmt, erklärt der Komparatist Michel Caouli. Was aber, wenn Texte elektronisch gelesen werden? Vielleicht lassen sich künftige Lesegeräte so programmieren, dass sie überflüssige Adverbien herausfiltern, oder ellenlange Landschaftsbeschreibungen? "Den Text für meine eigenen Zwecke benutzen heißt, dass ich nicht mehr tue, was Gelehrte, Kritiker und viele Normalleser tun: Ich interpretiere den Text nicht mehr, lese ihn nicht mehr mit dem Ziel, die Intentionen des Autors zu verstehen. Wenn ich mir Martin Scorseses 'GoodFellas' ohne Ton anschaue und mir eine Händel-Arie anhöre (vom Singen ganz zu schweigen), ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Kontext dieser Werke, wenn ich Adverbien aus Rohinton Mistrys Prosa verschwinden lasse - dann ist all das nur möglich, wenn ich mich von der Pflicht befreie, dem Werk treu zu bleiben. Unter bestimmten Bedingungen (im Klassenzimmer zum Beispiel oder bei einem wissenschaftlichen Aufsatz) kann es interessant sein, die komplexen Intentionen eines Autors zu ergründen, aber es gibt keinen Grund, warum mein Gebrauch des Textes sich darauf beschränken sollte."

Weiteres: Hennric Jokeit und Ewa Hess fragen, welche Rolle die Neurowissenschaften im 21. Jahrhundert spielen werden, da sich der Kapitalismus von einem repressiven in einen liberalen gewandelt und auch unsere seelische Störungen verändert hat: "Die Neurose, ein aus Schuld, Ohnmacht und versagender Disziplin geborenes Leiden, verlor an Bedeutung. Das an der Selbstverwirklichung scheiternde Selbst schob sich in den Vordergrund: Es begann der Siegeszug der Depression."

Weiteres: Paul Cantor entdeckt intelligentes Leben im Fernsehen. Karl Heinz Bohrer liest noch einmal Jürgen Habermas' große Schrift "Der philosophische Diskurs der Moderne". Und John Derbyshire stellt Dennis Duttons "Art Instinct" vor.

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - Merkur

Der Lordsoziologe Ralf Dahrendorf macht einige wohldurchdachte Anmerkungen zum krachenden Ende des Pumpkapitalismus und plädiert für einen Kapitalismus der Verantwortung: "Mittelfristiges Denken an der Spitze von Unternehmen führt notwendig zu durchdachteren Planungen und überdies zu mehr Berechenbarkeit für die Beschäftigten angesichts der Zumutungen der Flexibilität, die moderne Wirtschaften von allen verlangen. Bei dieser Gelegenheit kann dann auch ein Begriff wieder in das Zentrum der Entscheidungen gerückt werden, der in den Jahren des extremen Pumpkapitalismus in Vergessenheit geraten ist, nämlich der Begriff 'stakeholder'. Damit sind alle gemeint, die vielleicht keine Anteile an Unternehmen haben, also keine 'shareholder', wohl aber am erfolgreichen Fortbestand von Firmen existentiell interessiert sind: Dazu gehören Zulieferer und Kunden, vor allem aber auch die Bewohner der Gemeinden, in denen Unternehmen tätig sind."

Weiteres: Als "eine der größten Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts" erzählt Jan-Werner Müller die Geschichte der kontinentaleuropäischen Christdemokratie. Hans Joas hält fest, dass Demokratien nicht nur friedlicher sind als Diktaturen, sondern auch erfolgreicher Kriege führen können. Konrad Adam denkt über den Staat, die Teilhabe und Ansprüche nach. Ulrike Ackermann schreibt über die Angst vor dem Markt.

Magazinrundschau vom 03.03.2009 - Merkur

Der Soziologe Heinz Bude versucht, sich das neue Interesse an Karl Marx zu erklären, und stellt fest, dass der Marx von 1968 der einer eingebildeten Krise war, der unserer Tage ist der einer wirklichen: "Jemand muss die Zeche zahlen, wenn alles immer schneller, schmaler und billiger werden soll. Lange hat man glauben wollen, dass die ungeheuren Gewinne des Konsumenten nicht durch schleichende Verluste der Produzenten gezahlt werden müssen. Aber es können nicht Flüge, Handys und Autos immer günstiger zu haben sein und gleichzeitig die Beschäftigten der Lufthansa, bei Nokia oder Opel ungeschoren davonkommen. 'Marx' steht für die Erkenntnis, dass an einem System etwas nicht stimmt, das immerzu alle zu Gewinnern erklärt. Es gibt Grenzen des Wachstums, die nicht in der Ökologie und deren Ressourcen liegen, sondern in der Ökonomie und deren Gesetzen."

Jens Bisky fragt in einer Architekturkolumne, ob die Einkaufszentren, mit denen der Projektentwickler ECE deutsche Städte überzieht, wirklich das eigentliche Problem der Stadtentwicklung sind: "Da liegt die sarkastische Frage nahe, ob es so furchtbar ist, wenn ein scheußlicher Neubau an die Stelle einer scheußlichen Fußgängerzone tritt, in der all die Jahre wenig geschehen ist, dem Elend abzuhelfen. Es gilt auch in diesem Fall, dass keine Bastion fällt, die nicht zuvor von allen starken Kräften verlassen wurde."

Außerdem erklärt Helmut Fangmann mit Luhmann, warum Politik nicht problemorientiert handeln kann. Und von Peter Nadas ist ein seltsamer Bericht über seine psychoanalytische Arbeit an einem Bekannten zu lesen.

Magazinrundschau vom 03.02.2009 - Merkur

Michael Rutschky wehrt sich gegen die Zukunftsfixiertheit in den Medien, die jeder Prophezeiung mehr Wert beimesse als der Analyse von Gegenwart oder Vergangenheit. "Nicht erzählenswert ist heute natürlich vor allem, was gestern Information und deshalb erzählenswert war. Gestern schmolz das Eis am Nordpol mit unheimlicher Geschwindigkeit - wissen wir schon. Heute schmilzt es langsamer. Aber wir können darauf setzen, dass es insgesamt weiter schmilzt, dass in der Zukunft ein eisfreier Nordpol droht - und insofern schafft das Prophezeien eine gewisse Sicherheit und Verlässlichkeit gegenüber dem täglichen Druck, Erzählenswertes von Nichterzählenswertem zu unterscheiden. Die Zukunft, die wir nicht kennen, das schlechthinnige Nichtwissen strahlt sogar in tiefer Schwärze eine Ruhe und Sicherheit aus, die Gegenwart und Vergangenheit komplett abgehen."

Peter Furth
sieht anlässlich seiner Lektüre von Panajotis Kondylis' 1991 erschienenem Buch "Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform" die bürgerliche Demokratie von einer neuen Gesellschaftsformation abgelöst: der Massendemokratie. "Liberalismus und Bourgeoisie haben in Kondylis? Sicht nicht gesiegt, sondern sind wie der Kommunismus an ihr Ende gekommen, und die Massendemokratie ist als Resultat des Kampfes der Systeme ein neues Drittes, eine neue Gesellschaftsformation, mit Kapitalismus, aber ohne Bourgeoisie und ohne Proletariat."

Außerdem im Print zu lesen ist Andrew Sullivans Bekenntnis "Warum ich blogge", den der Merkur von Atlantic Monthly übernimmt. Eduard Kaeser diskutiert Nicholas Carrs Artikel "Macht Google uns dumm?", ebenfalls aus Atlantic Monthly.

Magazinrundschau vom 06.01.2009 - Merkur

Die Linke entdeckt für sich den Apostel Paulus wieder, stellt der New Yorker Ideenhistoriker Mark Lilla fest, der Bücher zum Thema von Giorgio Agamben, Alain Badiou, Slavoj Zizek und Gary Wills gelesen hat. Im wesentlichen ist sein Text eine fundierte Polemik gegen Badiou, eine Art Dieudonne des Diskurses, der Paulus nutzt, um den Antisemitsmus für den linken Mainstream genießbar zu machen. Eingeleitet habe den "Aufstieg der paulinischen Bewegung in der europäischen Linken" aber der in den Achtzigern wie ein Guru verehrte Jacob Taubes: "Paulus' Erklärung, 'dass ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade' (Römerbrief 6,14) kündigt einen zweifachen Coup d'etat an: gegen Moses und und gegen Caesar, eine souveräne Entscheidung, die eine neue Weltordnung errichtet. Jesus spielt so gut wie keine Rolle in dieser Deutung des frühen Christentums: Er war nur ein Märtyrer in den ersten Jahren des Aufstandes. Der eigentliche Revolutionär war Paulus, der eine utopische Ordnung entwarf und sie durch ein theologisch-politisches Fiat errichtete. Denn wenn morgen 'der ganze Schwindel vorbei ist', erklärt Taubes, 'da lohnt sich doch keine Revolution!' Mit anderen Worten: Wer ein großer Revolutionär werden will, nehme sich Paulus zum Vorbild." Der Artikel stand ursprünglich in der New York Review of Books ist aber leider weder hier noch dort online.

Weitere Artikel: Hans-Peter Müller erklärt, dass von einer neuen Bürgerlichkeit keine Rede sein kann, allenfalls von einer "Pathologie gesellschaftlicher Dekadenz". Ute Frevert analysiert die um Vertrauen werbende politische Semantik. Clifford Owen erklärt, warum Mitleid ein Gefühl und keine Tugend ist.

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - Merkur

Die russische Historikerin Dina Khapajewa beschreibt, wie die sowjetische Vergangenheit zu einer "Geschichte ohne Erinnerung" wird. Vor allem die Verklärung des eigenen siegreichen Kampfes im Zweiten Weltkriegs diene der russischen Regierung dabei, einen "nationalistischen Konsens" herzustellen: "Der Kriegsmythos war tatsächlich mit dem Ziel konstruiert worden, die Erinnerung an den Gulag und die Erinnerung an die unsinnigen und nicht zu rechtfertigenden Leiden der Opfer des Sowjetsystems umzubenennen und zu verdrängen. Der 'Schmelzofen' des Kriegsmythos setzte die Opfer und ihre Mörder gleich, um die Gesellschaft gegen einen gemeinsamen Feind, die Deutschen, zu einen. Die heroische Erzählung verbarg die Verbrechen, um eine tragende Grundlage für die 'neue Nation, das Sowjetvolk' zu schaffen. Die wichtigste Funktion des Kriegsmythos (die er bis heute erfolgreich erfüllt) besteht darin, den Russen zu versichern, dass der Gulag nur eine unwichtige Episode in der heroischen Sowjetgeschichte ist."

Weitere Artikel: Gustav Seibt erklärt seine Liebe zu Amerika. Robert J. Lieber erteilt selbstbewusst allen Theorien vom Niedergang der USA eine Absage (hier der Artikel im amerikanischen Original). Ulrike Ackermann untersucht am Beispiel Georgiens Europas seltsame Sehnsucht nach Neutralität.

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - Merkur

"Das westliche Erbe hat ... nichts Wertvolleres aufzuweisen als die Städte Europas", schwärmt der Philosoph Roger Scruton in einem aus dem City Journal übernommenen Beitrag, wobei er nicht unbedingt Frankfurt Fußgängerzone vor Augen hat, sondern klassizistische Fassaden, die von Bomben und mutwilliger Zerstörung verschont wurden: "Modernistische Vandalen wie Richard Rogers und Norman Foster - beide verantwortlich für einige der schlimmsten Akte der Zerstörung in unseren europäischen Städten - leben in eleganten alten Häusern in reizvoller Lage, wo handwerkliche Stile, traditionelle Materialien und menschliche Maße das architektonische Ambiente bestimmen. Es scheint, dass sie statt Bernard Mandevilles berühmtem Prinzip 'private Laster, öffentliche Vorteile' dem Gesetz privater Vorteile und öffentlicher Laster folgen - wobei für den privaten Vorteil einer reizvollen Lage mit dem öffentlichen Laster bezahlt wird, unsere Städte zu brutalisieren."

Der in Cluj und Constanta lehrende Literaturwissenschaftler Rasmus Althaus (mehr bei Xing) schickt aus Osteuropa einige Impressionen, zum Beispiel aus einer nicht näher bezeichneten Stadt in Rumänien: "Wie aus Gewohnheit bilden sich hier immer noch lange Schlangen. Viele Produkte sind auch grammweise zu kaufen: Belgische Pralinenschachteln werden aufgerissen, und der Inhalt wird stückweise verkauft. Cracker und Nüsse gibt es abgewogen. Die Leute bestellen wohlüberlegt und haben das Geld meist schon vorher abgezählt. Wenn man in einem Laden etwas verlangt, sagt man meist nicht, was man will, sondern fragt, ob es das gibt - auch wenn es offensichtlich vorhanden ist."

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - Merkur

Das jüngste Doppelheft nähert sich dem Thema "Neugier: Vom europäischen Denken", und zwar, wie es sich für ein liberal-konservatives Magazin gehört, mit neuerungsfreundlicher Skepsis gegenüber allzu großer Fortschrittsbegeisterung. Die Herausgeber Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel erläutern das im Editorial so: "Will das Heft ein Plädoyer für das Prinzip des Neuen, für die Kapazität der Neugier halten? Durchaus. Aber unter einer Voraussetzung: dem Bewusstsein, dass es sich um ein gemischtes, ja dialektisches Prinzip handelt. Das Alte bleibt immer präsent, die Sehnsucht nach ihm ist geradezu die Bedingung des Neuen in der Moderne."

Der Kulturtheoretiker Norbert Bolz denkt über die Technik nach, die den Menschen zum "Prothesengott" macht. Und er preist das Prinzip der "Serendipity": "In einem Brief von Horace Walpole an Sir Horace Mann vom 28. Januar 1754 taucht erstmals der schöne Neologismus 'Serendipity' auf. Er benennt den Weg zum Neuen durch blinde Variationen - man ist opportunistisch und lässt sich vom Interessanten verführen. Die spezifische Neugier der Prinzen von Serendip verbindet Überraschungserwartung, Problemlösungsverhalten und den Reizhunger aufs Neuer ... In der Vorrede zur 'Fröhlichen Wissenschaft' hat Nietzsche in einer Reflexion über die Liebe zum Problem die schönste Übersetzung für Walpoles Zauberwort Serendipity gefunden: 'die Freude am X'."

Der Philosoph Volker Gerhardt bewegt sich in seiner frei durch Zeit und Raum schwebenden "Kleinen Apologie des Neuen" zurück bis zum Urknall, Jörg Lau erklärt das "Fortschritts-Paradox", und die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny erinnert in ihrem Essay zur "Kulturellen Vielfalt der Neugier" an Albert Einstein, der meinte: "Ich bin nicht besonders talentiert, sondern nur leidenschaftlich neugierig."

Im Heft, aber nicht online gibt es außerdem Aufsätze unter anderem von den Historikern Christian Meier ("Das Neue und die Grenzen der Polis") und Alexander Demandt ("Neuerungen in der Spätantike"), vom Philosophen Martin Seel ("Neugier als Laster und als Tugend") und vom Ethnologen Karl-Heinz Kohl ("Erstbegegnungen").