Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 24

Magazinrundschau vom 21.08.2007 - Merkur

Das neue Sonderheft des Merkur trägt den Titel "Kein Wille zur Macht. Dekadenz". Die Programmatik beschreiben die Herausgeber im Vorwort wie folgt: "Worum es geht, sind aktuelle und historische Beschreibungen von spezifischen Symptomen einer kulturellen Depression, zu deren Wahrnehmung es nicht erst der islamistischen Propagandaschriften bedurfte."

Dass der Blick auf islamistische Schriften aber auch nicht schadet, zeigt der Beitrag von Karsten Fischer, in dem dieser den westlichen Antiliberalismus als "Exportschlager" beschreibt: "Nichts anderes als dieser okzidentalistische Antiliberalismus speist auch den gegenwärtig virulenten fundamentalistischen Dekadenzdiskurs. Eine zentrale Stellung nimmt hierin der islamistische Ideologe Sayyid Qutb ein, dessen heutiger Einfluss kaum überschätzt werden kann, bis hin zu Osama Bin Laden. Qutbs Denken ist besessen von Phantasmagorien allgegenwärtiger Dekadenz, im Orient als Voraussetzung des Kolonialismus, im Okzident als sein Ansporn, und bereits in der römischen Antike mit ihrem das westliche Denken prägenden, bloß zivilreligiösen Wohlstandsstreben, gegen das Qutb einen Dschihad für die Wiedererrichtung der Souveränität und Autorität Gottes ausruft. Solchermaßen erfährt der Dekadenzdiskurs durch den islamischen Fundamentalismus eine sekundäre Sakralisierung, mit der sich erweist, dass alle prägnanten Begriffe der fundamentalistischen Kulturkritik sakralisierte politische Begriffe sind."

In weiteren online lesbaren Artikeln nimmt sich Siegfried Kohlhammer den Hass der Intellektuellen auf die eigene Gesellschaft vor, verfolgt Kathrin Passig das Verhältnis von "Militär und Dekadenz" in Geschichte und Gegenwart und nähert sich Norbert Bolz unter dem Titel "Die Religion des Letzten Menschen" der religiösen Kombinatorik von heute. Nur im Druck kann man unter anderem Aufsätze von Hans Ulrich Gumbrecht über "Stolz" und die "Grenzen des Zumutbaren", von Burkhard Müller über "unseren Unzeitgenossen Sallust" und von Gerhard Henschel über den "Moloch Großstadt" lesen.

Magazinrundschau vom 03.07.2007 - Merkur

Siegfried Kohlhammer beschreibt, wie Chinas KP den Nationalismus als ideologisches Mittel zur Unterdrückung der Opposition oder Abwehr der "geistigen Verschmutzung" durch westliche Ideen nutzt. Dabei werde aber nicht mehr - wie noch unter Mao - der siegreiche Kampf des chinesischen Volkes gegen den Imperialismus beschworen. "Der neue chinesische Nationalismus ist ein 'Opfernationalismus', um eine treffende Formulierung des südkoreanischen Historikers Jie-hyun Lim zu benutzen. Ein solcher Opfernationalismus sollte jedoch nicht mit einer pazifistischen oder passiv-nachgiebigen Politik verwechselt werden; er kann Ressentiments und Hass und den Wunsch nach Rache wecken und schüren sowie als aggressive Rechtfertigung der eigenen Politik, auch der eigenen aggressiven Politik, dienen: Können denn Opfer Unrecht tun?"

Weiteres: Der in Hongkong lehrende Soziologe Carsten A. Holz legt offen, wie sich seine Zunft der Chinawissenschaftler ideologisch und finanziell von den Pekinger Machthabern korrumpieren lässt. Karl Heinz Bohrer stellt klar, dass ein unabhängiger Geist nicht notwendig subversiv sein muss. Und in einer Ökologiekolumne prangert der Zoologe Josef Reichholf die Fremdenfeindlichkeit deutscher Biologen an, die durch die Einwanderung fremder Arten die heimische Artenvielfalt bedroht sehen: "Wo kann eine aktuelle Überfremdung drohen, wenn längst über 90 Prozent des Landes von Arten bedeckt sind, die von Natur aus dort gar nicht vorkommen würden?"

Magazinrundschau vom 29.05.2007 - Merkur

Autor Martin Kloke zeichnet nach, wie die deutsche Linke vor vierzig Jahren, im Jahr 1967, von der Geschichte verabschiedete und mit dem Sechs-Tage-Krieg antiisraelisch wurde - trotz aller arabischen Vernichtungsdrohungen. Bis heute habe sich die Linke von diesem Antiisraelismus nicht frei gemacht, meint Kloke, der einen fortgesetzten Trend ausmacht, nämlich "den einer Schuld aufrechnenden und abwehrenden Umwegkommunikation, bei der die traditionelle Judenfeindschaft von antiisraelischen Ressentiments abgelöst worden ist. Wie ein Mantra wird hierzulande immer wieder die Frage beschworen, ob und wie viel Kritik an Israel 'erlaubt' sei. Aufmerksame Zeitungsleser wissen, dass es in Deutschland seit Jahrzehnten kein Tabu mehr ist, Israel und die israelische Regierung zu kritisieren. Ministerpräsident Scharon wurde bis zu seinem Schlaganfall Ende 2005 scharf kritisiert - zum Teil noch heftiger als seine Vorgänger Menahem Begin und Benjamin Netanjahu in den achtziger und neunziger Jahren. Die Schlüsselfrage lautet daher nicht, ob Israelkritik hierzulande erlaubt ist, sondern ob Medien, Politiker und Kulturschaffende ein faires oder aber verzerrtes Israelbild zeichnen."

Sehr instruktiv ist auch Dmitri Zakharines Untersuchung zum politisch-kriminellen Komplex russischer Saunafreundschaften, Geldwäsche und politischer Säuberungen: Seit Jahrhunderten wird beim gemeinsamen Schwitzen über Geopolitik, Pipelines und politische Karrieren entscheiden. Schon Godunows Aufstieg begann als Sauna-Bediensteter von Iwan dem Schrecklichen! Und weiter schreibt Zakharine: "Der Beginn der großen politischen Säuberung nach dem Attentat auf Kirow 1934 fiel in die Zeit, als Stalin vom gemeinschaftlichen Baden zur individuellen Körperpflege übergegangen war. Den Nahstehenden sei, so wird berichtet, diese Änderung gleich aufgefallen 'Kirow war bei Stalin im Winter 1934 zu Besuch. Im Dampfbad waren sie zu zweit. Seitdem war Stalin nie mehr im Dampfbad', schreibt Major A.T. Rybin, ein Offizier der Leibwache. Die Rückkehr des Staatslenkers ins gemeinschaftliche Baderitual fällt in die Tauwetterperiode der fünfziger Jahre, als im politischen Leben Russlands angesichts der Wiederhstellung der kollektiven Führung in der Partei gewisse Liberalisierungstendenzen verzeichnet wurden."

Weiteres: In der Ökonomiekolumne würdigt Uwe Jean Heuser die zwei großen Vertreter der Zunft, die sich stärker nicht hätten widersprechen können, die beide aber große Ökonomen waren und im vergangenen Jahr gestorben sind: Den ultraliberalen Milton Friedman und den Planwirtschaftler John Kenneth Galbraith. Über den "Gegenreformator" Friedman schreibt auch Paul Krugman. Autor und Jurist Berndhard Schlink denkt über Verrat, Loyalität und Identität nach. Und Cord Riechelmann bespricht Josef H. Reichholfs "Kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends".

Magazinrundschau vom 03.04.2007 - Merkur

Der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel erinnert an die hilflosen bis bewundernden Reaktionen des Westens auf die iranische Revolution des Ayatollah Chomeini und betrachtet fassungslos, wie unbelehrbar sich die europäische Politik gegenüber dem Iran zeigt: "Mit fast denselben Worten, mit denen Jimmy Carter kurz nach der Geiselnahme dem Mullah-Regime das freundlich-absurde Angebot 'einer neuen und gegenseitig vorteilhaften Partnerschaft' unterbreitet hatte, schlug im Juni 2006 der Emissär der sechs Mächte, Javier Solana, dem Regime 'ein neues Verhältnis auf der Grundlage gegenseitigen Respekts und Vertrauens' vor. Teheran revanchierte sich für das Katzbuckeln auf die ihm eigene Art: am Tag der Ankunft von Solana weitete es die Urananreicherung demonstrativ aus."

Weitere Artikel: Hubert Markl verteidigt das Wort vom Sterbenlernen gegen Nicolas Chamforts hübsche Sentenz "Warum nur die Wendung 'Sterben lernen'? Ich finde, man trifft es schon sehr gut beim ersten Mal." Volker Gerhardt fragt sich, warum nach den Jahren der Physik, der Biologie und der Technik nun eigentlich die ganzen Geistewissenschaften in eins gepackt werden. Und ob sich Geist und Natur wirklich systematisch trennen lassen. Abgedruckt ist Nick Cohens Essay aus dem Observer über die "Amok laufende" Linke, die tatsächlich gegen den Sturz des "faschistischen Diktators" Saddam Huseein auf die Straße ging. Und Christoph Plate konstatiert, dass mit der Dämonisierung der USA im Nahen und Mittleren Osten ein wachsenden Desinteresse der Amerikaner an der Außenwelt einhergeht.

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Merkur

Der Soziologe Hans-Peter Müller fragt, woher eigentlich in Deutschland "diese tiefe Abneigung, ja der Hass auf die Klassengesellschaft" rührt. "Warum gerade in Deutschland, wo doch Marx nur festgestellt hatte, dass Kapitalismus zwangsläufig mit einer Klassenstruktur einhergeht und erst der Sozialismus die Aussicht auf eine klassenlose Gesellschaft eröffnet? Wieso haben Engländer und Franzosen keine Probleme damit, ihre Gesellschaften als Klassengesellschaft zu beschreiben, von Südeuropäern ganz zu schweigen? Warum sind Klasse und Schicht in Deutschland regelrecht tabu? ... Deutschland sollte stets nach seinem Idealbild einer Volksgemeinschaft aufgefasst werden, aber keinesfalls als Klassengesellschaft. Wer also der Vorstellung unseres primitiven Egalitarismus widerspricht, riskiert politisch Kopf und Kragen."

Weiteres: In seiner Architekturkolumne erinnert Christoph Mäckler daran, dass die allseits bewunderte Schönheit toskanischer Städte ein Ergebnis kommunaler Ensemble-Planung ist. Der Architekt heutiger Zeit scheint das Normale dagegen für unattraktiv zu halten: "Sein Drang, das Neue, Spektakuläre, Überraschende und dem städtischen Kontext damit widersprechende Haus zu schaffen, prägt noch immer das Bild unserer Städte." Außerdem schreiben in der Printausgabe Herfried Münkler über das Stiftungswesen, Richard Klein über Herbert von Karajan und Russell Jacoby über Hannah Arendt. Walter Grasskamp wirft einen sehr genauen Blick auf den Marktauftritt der "Jungen Wilden" in den Achtzigern.

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - Merkur

In dieser Ausgabe begehrt der Merkur gegen die neuerdings wieder um sich greifende Frömmelei auf. Burkhard Müller wagt sich an den Beweis, dass das Konzept Gott untauglich ist, "die beiden Bedürfnisse nach dem Grund der Welt und nach dem Grund des Guten zu stillen. In beiden Fällen sind wir besser dran, wenn wir auf Gott verzichten".

Weiteres: Der Biologe und frühere Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Hubert Markl schreibt gegen einige seiner Kollegen an, die dem Menschen ein Gottesgen andichten wollen. Und der Philosoph Rudolf Burger widmet sich der nihilistischen Ethik. In seiner Politikkolumne warnt Christoph von Marschall, dass die Lage in Afghanistan genauso außer Kontrolle zu geraten droht wie im Irak. Außerdem zu lesen sind die sieben besten Beiträge zum Nachwuchs-Essaywettbewerb des Merkurs.

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Merkur

Mit einigem hermeneutischem Rüstzeug ausgestattet, untersucht Walter Delabar, wie sich Gesellschaftsbilder durch die Geschichte des Thrillers ziehen. Am Beispiel der Serie "24" beschreibt er, wie die Frage der Handlungsmöglichkeit in einer überkomplexen Welt ihren Niederschlag findet: "Keine Gesellschaft hatte je solche Macht wie die des 20. Jahrhunderts, keine hatte zudem so wenig Skrupel, sie einzusetzen, keiner standen so viele Informationsquellen und damit Entscheidungshilfen zur Verfügung wie ihr, und keine stand je unter einem solchen Entscheidungsdruck... Das Tatdilemma der Moderne wird hier konsequent zu Ende inszeniert, allerdings nicht ohne dass für das Grundproblem eine Lösung gefunden wird. Denn am Ende sind die Kompetenzen der Akteure doch bestätigt, letztlich durch den Erfolg ihrer immerhin vierundzwanzigstündigen Daueraktivitäten. Den erzielen sie aber nicht, weil sie kompetent agierten, sondern weil sie trotz der dauerhaften Bestätigung ihrer Fehlentscheidungen an ihrer Entscheidungs- und damit Handlungskompetenz festhalten."

"Das Scheitern der Neokons ist kein Anlass zur Häme", konstatiert Mariam Lau, die über Lehren aus dem fehlgeschlagenen Irakkrieg nachdenkt: "Es wäre eine gute Gelegenheit, aus der ewigen Vergleichsfalle mit Osteuropa auszusteigen, mit dem Kalten Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, den Nazis, München 1938, und sich einmal folgendes vor Augen zu halten: Ungefähr 8,5 Millionen Muslime sind von muslimischen Regierungen, in innerarabischen Konflikten, Bürgerkriegen und ethnischen Säuberungen umgebracht worden. Zum Vergleich: Siebzigtausend tote Muslime gehen auf das Konto der USA, eine halbe Million allein in den fünfziger Jahren auf das Konto Frankreichs, eine Million auf das Konto Russlands - sechzigtausend auf das Israels. Es ist irgendwie gelungen, die Aufmerksamkeit von den zehn Millionen wegzulenken und völlig auf die Sechzigtausend zu konzentrieren. Das liegt nicht nur am arabischen Antisemitismus, sondern auch an den kruden geschichtspolitischen Fixierungen des Westens. Wenn der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten nicht gelöst, also eine Art Westfälischer Friede geschlossen wird, ist an Stabilität im Nahen Osten - ob Stabilität a la Kissinger oder a la Podhoeretz - nicht zu denken."

Weiteres: Hermann Rudolph beklagt das Verschwinden der deutschen Teilung aus dem nationalen Gedächtnis. Tony Corn möchte angesichts des Kriegs gegen den Terror der "Clausewitzologie" ein Ende bereiten. Wolfgang Kemp widmet sich den Radioansprachen, die P.G. Wodehouse 1941 im deutschen Rundfunk hielt.

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - Merkur

Wolf Dieter Enkelmann, Direktor des Instituts für Wirtschaftsgestaltung, denkt darüber nach, was Europa ausmacht, und kommt dabei auf folgenden Gedanken: "Europäer sind exzentrisch. Das lässt sich eindringlich nahezu aus der gesamten Weltgeschichte ablesen. Dennoch merken sie es sich persönlich meist gar nicht an. So sehr ist das selbst jenen unter ihnen, die vor allem auf ihre Seriosität bedacht sind, zur zweiten Natur geworden. In ihren Zielen suchen sie ihre Identität, in ihrer Entfremdung ihre Mitte. Knallharte Bestandswahrer sehen anders aus. Europäer witterten Chancen, wo andere nur Abgründe und das Ende von allem, was Recht war, zu sehen vermochten. Was wäre aus Europa geworden ohne Völkerwanderungen, ohne seine Abenteurer und Glücksritter, seine Flüchtlinge und die Vertriebenen, seine Vaterlandsverräter und Heimatverlorenen, ohne all jene, denen Europa unerträglich geworden war? Fernweh: Man möchte es für eine europäische Erfindung halten. Es hat Europa zu einem transkontinentalen Kontinent gemacht. Exzentrik bestimmt das Christentum, ist aber auch bereits im Ursprungsmythos eingeschrieben, auf den sich die Völker dieses Kontinents durch ihren gemeinsamen Namen berufen."

Weiteres: Michael Stolleis ergründet das "Reich als Mythos und Metapher". Ottfried Höffe sucht nach politischer Gerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung. Der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink konstatiert, dass das Bundesverfassungsgericht immer stärker von einer dogmatischen zu einer kasuistischen Rechtsprechung tendiert. Ulrike Ackermann glaubt, dass der Islam in Europa noch immer verhätschelt wird: "Die Strategien der Verharmlosung und Beschönigung des radikalen Islam und seines Terrors sind vielfältig - auch wenn die Kritik an ihm wächst." Und Helge Rossen-Stadtfeld fragt, ob der Islam verfassungsrechtlich betrachtet verspottet werden darf.

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - Merkur

Siegfried Kohlhammer erkundet die kulturellen Hintergründe für wirtschaftliche Erfolge. Seiner Meinung nach sind zum Beispiel die geringen Integrationserfolge einiger Einwanderungsgruppen nicht auf ihre schlechteren Chancen oder Diskriminierung zurückzuführen, sondern auf eigene kulturelle Prägungen wie etwa Familienstrukturen. "Ein weiterer entscheidender kultureller Faktor ist die Lernbereitschaft einer Kultur, ihre Rezeptivität anderen Kulturen gegenüber. Die traditionelle islamische Gesellschaft versteht sich als die beste aller Gemeinschaften, sie hat von anderen Kulturen nichts mehr zu lernen. Diese kulturelle Arroganz stellt ein wichtiges Integrationshindernis dar und hat auch negative wirtschaftliche Folgen. Zwar haben auch die traditionellen muslimischen Familien oft eine positive Einstellung zu Schule und Lernen, aber dabei geht es um die orthodoxen, approbierten Inhalte, die die eigene Kultur und Religion vermitteln und bestätigen, geht es um den Koran, die Prophetenworte und um islamische Gelehrtheit, um die ruhmreiche arabische oder türkische Geschichte."

Weiteres: Volker Gerhardt gibt angesichts der "Geburtenratenhysterie" zu bedenken, dass sich Politik aus Liebe und Lust heraushalten sollte, den Kinderwunsch von Paaren fördern könne sie gleichwohl: "Bedingung ist jedoch, dass dieser Wunsch bereits besteht. Will die Politik ihn erzeugen, versteht sie sich falsch; erzeugt sie ihn dennoch, haben die Eltern etwas nicht verstanden." Zur immer wieder beklagten hohen Subventionierung der Opernhäuser (besonders der Berliner) schreibt Jens Malte Fischer, dass pro Jahr in Deutschland mehr Menschen die Theater, Konzerte und Festspiele besuchen als die Fußballstadien: "35,6 Millionen Besucher waren es in der Spielzeit 2003/2004." Friedrich Pfohlmann denkt über Selbstmordattentäter, Todeskult, Opfermut und Heimtücke nach. Rainer Paris schreibt über den Neid.

Magazinrundschau vom 12.09.2006 - Merkur

Das diesjährige Doppelheft des Merkurs liefert eine Bestandsaufnahme nach 15 Jahren Berliner Republik. Paul Nolte beschreibt, wie Deutschland nicht nur mit der größeren sozialen Ungleichheit zu einer Klassengesellschaft wurde: "Doch handelte es sich nicht einfach um eine neue sozialökonomische Polarisierung, um eine neue Bereicherung der Kapitalisten und eine Verelendung der Armen. In einer durch Lebensstile, Konsum und kulturellen Habitus geprägten Wohlstandsgesellschaft formte sich auch die neue Klassengesellschaft zunehmend in 'Kulturklassen' aus, in Segmenten der je spezifischen Lebensführung, die durch kulturelle Ressourcen, durch Verhaltensstile und Bildungskompetenzen häufig ebensosehr definiert wurden wie durch das bloße Einkommen. Das 'Unterschichtenfernsehen' wurde eine Zeitlang zur medialen Metapher dieser neuen Unterprivilegierung, aber auf genau derselben Linie werden die Debatten über schichtenspezifische Gewalt, über Sprachförderung oder den Verlust elementarer elterlicher Erziehungs- und Lebenskompetenzen geführt. Diese Realität der neuen Klassengesellschaft tritt uns seit drei, vier Jahren in jeder Ausgabe der Zeit, des Tagesspiegel, ja der Frankfurter Allgemeinen entgegen, und seit der Agenda 2010 Gerhard Schröders bestimmt sie auch die politische Agenda, zumal die der Reformpolitik."

Jörg Lau bilanziert die Debatten um den neuen deutschen Patriotismus, den er eher für eine patriotische Suchbewegung, aber für völlig in Ordnung hält. "Eine demokratische, republikanische Leitkultur ist kein Gegensatz zur multikulturellen Gesellschaft, sondern die Voraussetzung ihres Funktionierens... Der Patriotismus der Berliner Republik darf, wenn er wirklich als 'notwendige Bedingung zur Selbstvervollkommnung' funktionieren soll, weder autoritär drohend noch biedermeierlich selbstzufrieden auftreten. Sonst kann er kein Gefäß für eine großherzige, inklusive, weltoffene Haltung sein. Aus demselben Grund - allerdings eigentlich schon aus Höflichkeit - verbietet sich der Rückfall in den nationalen Negativismus, diese Überwinterungsform des deutschen Größenwahns. Und damit die Sache nicht nur für uns selber, sondern auch für unsere Nachbarn und Neubürger attraktiv wird, wäre vielleicht ein bisschen Coolness nicht schlecht."

Gustav Seibts Parodie eines ozeanischen Besuchs in der Kulturrepublik Deutschland lesen wir auch als eine Reverenz an die großen Internet-Feuilletons dieses Landes. In weiteren Artikeln geht es um die Berliner Architektur, das deutsche Modell des Linkskonservatismus, die Außenpolitik der neuen Mittelmacht, die Sehnsucht nach Tiefe und vieles mehr.