Magazinrundschau - Archiv

Nepszabadsag

215 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 22

Magazinrundschau vom 19.05.2015 - Nepszabadsag

Im Interview mit Géza Csákvári spricht der ungarische Regisseur László Nemes über seinen in Cannes kontrovers aufgenommenen Auschwitzfilm "Saul fia" (Son of Saul), in dem er mit viel filmischer Virtuosität, aber rein fiktional von einem Häftling erzählt, der in einem Sonderkommando arbeiten musste. Vorbehalten gegen den Film findet er konservativ: "In Israel und Europa zeigten sich die Filmfonds vollkommen verschlossen. Sie fanden das Buch interessant, hielten es jedoch für nicht realiserbar. Neuerungen bei Filmen über das Geschehen von 1944 werden nicht akzeptiert ... Es hat sich ein fiktionales Kodierungssysem über den Holocaust herausgebildet, das sich ganz aufs Überleben und Heldentum konzentriert. Die Überlebenden haben aber keinen Einblick in das, was die Toten durchlebt haben." Sein Motiv für den Film beschreibt er so: "Wenn heute jemand in der Straßenbahn antisemitisch oder rassistisch beschimpft wird, dann will oder traut sich niemand zu sagen: Halt"s Maul! Von solchen Sachen hängt aber alles ab: Wir sind Zeuge des tragischen Verfalls Mitteleuropas."

Magazinrundschau vom 05.05.2015 - Nepszabadsag

Im Interview mit György Vári spricht der Schriftsteller László Végel über Minderheitenliteratur und die Probleme der Urbanität und Modernität in Ungarn: "Der Emigrant Sándor Márai, wohl der entschieden urbanste ungarische Schriftsteller, war mir immer nah. Emigration und Minderheitenstatus sind tief verwandte Situationen. Wer die tägliche Erfahrung des fremden Sprachraums nicht hat, dass jede Sache mindestens zwei Namen hat, verliert diesen Stil… Budapest ist in Ungarn vereinsamt und zum Ghetto der Modernität geworden. Márai mochte (Buda)Pest nicht, er dachte, dass es keine organische bürgerliche Tradition hat. Fast alle Schwächen der ungarischen Urbanität können hierauf zurückgeführt werden."

Magazinrundschau vom 14.04.2015 - Nepszabadsag

Zum Tag der ungarischen Dichtung (am Geburtstag des Dichters Attila József, am 11. April) sprach Sándor Zsigmond Papp in der Wochenendausgabe von Népszabadság mit jungen Dichtern, so auch mit der Lyrikerin Virág Erdős über die Situation der Dichtung und der Dichter im gegenwärtigen Ungarn. In Zeiten, in denen mehr als die Hälfte der Gesellschaft kaum ein Auskommen hat, sind die Dichter keine Ausnahme. Selbst bei populären Autoren wie Erdős ist die Wortkunst kaum eine Einnahmequelle. "Für viele ist das Dichten eine "Herrenpassion". Es können auch wichtige Werke in glücklichen, zufriedenen, finanziell ausgeglichenen Lebenssituationen entstehen. Aber vielen ist der materielle Status weniger wichtig, in der Relation zur unbegrenzten künstlerischen Freiheit und einer geistig gänzlichen Unabhängigkeit. (...) Es gibt nur dann ein Problem, wenn nicht mehr die "schwierige finanzielle Situation" sondern - wie heute - der totale Existenzverlust jene bedroht, die aufgrund ihres Talents problemlos die Unterstützung der Gesellschaft verdienen würden. (...) Immer mehr Dichter können sich heute das Gedichteschreiben einfach nicht erlauben. Das ist gefährlich, denn so bleibt die Dichtung ausschließlich ein "Mittelschichtenbusiness" und das Bild, das sie von der ungarischen Wirklichkeit vermittelt, wird - trotz größten Wohlwollens - falsch sein."

Hier ein Gedicht von Erdös aus der NZZ zur Volksabstimmung vom 25. September 2011 in der Budapester Josefstadt, die Obdachlose aus dem öffentlichen Raum verbannen und das Durchwühlen von Mülltonnen verbieten wollte

Magazinrundschau vom 31.03.2015 - Nepszabadsag

Am 27. März wurde auch in Ungarn der Welttheatertag gefeiert. Der Kritiker, Dramaturg und Hochschullehrer Tamás Koltai sieht jedoch kaum Anlass zum Feiern. Einige unabhängige Theatergruppen (Szputnyik, Bárka, KoMa) gaben vor kurzem ihr Ende bekannt. Bekannte Regisseure (Viktor Bodó, Kornél Mundruczó, Balázs Kovalik in Leipzig und München, Róbert Alföldi in Wien) kommen lediglich für Gastauftritte nach Ungarn zurück, andere (Árpád Schilling, Béla Pintér) stehen auf einer schwarzen Liste. Nach einer aktuellen Statistik bevorzugten neun Zehntel der 4,5 Millionen Theaterzuschauer im vergangenen Jahr das Boulevardtheater. Wie kann man sie für geistige und künstlerische Werte gewinnen? "Das Ziel des Theaters muss sein, staatsbürgerliche Verantwortung zu erwecken, die jungen (oder nicht jungen) Zuschauer zur spielerischen Beteiligung an lebensnahen moralischen, gesellschaftlichen und öffentlich Entscheidungen zu motivieren. Das ist es - das eigenständige Denken, die Meinungsbildung, die Konfrontation mit der Realität - was die gegenwärtige Regierungspolitik und damit das Nationaltheater verhindern will."

Magazinrundschau vom 03.03.2015 - Nepszabadsag

Der polnische Schriftsteller und Theatermann Tadeusz Slobodzianek und der ungarische Dramatiker György Spiró haben an einer vom Polnischen Institut organisierten Podiumsdiskussion in Budapest teilgenommen. Hat die Wende auch für die Theater die ersehnte Freiheit gebracht? Gábor Miklós besuchte die Veranstaltung, sprach mit den Teilnehmern und berichtete in der Wochenendausgabe von Népszabadság: "Die Abhängigkeit von der Politik - so Spiró - ist geblieben, denn von Ticketerlösen können Theater nicht überleben... Aber immerhin ist es eine große Errungenschaft, dass die Häuser ihr Publikum halten und jüngere Schichten ansprechen konnten... Slobodzianek klagt, dass "radikale Künstler" im polnischen Theater ihre Stücke meist für internationale Festivals konzipierten, doch beim heimischen Publikum gelten sie verbreitet als Flops. (...) "In Polen herrscht eine Diktatur der Kritiker" - so Slobodzianek."

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Nepszabadsag

In wenigen Wochen werden in Ungarn zahlreiche neue öffentlich-rechtliche Fernsehkanäle auf Sendung gehen. Medien- und Meinungsvielfalt werden dadurch zusätzlich gefährdet, was nach Ansicht von Judit N. Kósa ganz im Sinne der politischen Machthaber steht: "Auf unserem jetzigen Weg werden wir vergeblich auf das massenhafte Auftreten des informationshungrigen, kritischen und verantwortungsbewussten Staatsbürgers warten, der eine fundierte Meinung artikulieren kann. Dazu bedürfte es Informationen und einer Reihe von Fähig- und Fertigkeiten wie einer sicheren Lesepraxis, der bewussten Beschaffung von Informationen, einer geübten Debattenkultur. All das vermitteln zeitgemäße Schulsysteme ab dem Kindesalter, wenn auch zur Lasten des lexikalischen Wissens. Nicht zufällig trichtert die gegenwärtige Bildungspolitik das Gegenteil ein. (...) So soll eine neue Generation aufwachsen, die sich in der Welt kaum orientieren kann, unfähig, sich selbst eine Meinung zu bilden, die leider nicht wirklich lesen kann, dafür aber auch nicht lesen will. (...) Für sie entstehen jetzt der neue öffentlich-rechtliche Nachrichtensender und die öffentlich-rechtlichen Musik- und Sportsender. Zur Erholung steht der öffentlich-rechtliche Filmkanal zur Verfügung, und der nostalgische Retrokanal, der sie in eine unbekannte, dafür gründlich verfälschte Welt führt."

Magazinrundschau vom 20.01.2015 - Nepszabadsag

Angesichts des Massakers in Paris hofft der Politologe László Lengyel auf eine neue, aufgeklärte, europäische Reformgeneration: "Wer nicht die Ausgrenzung, Erniedrigung, das Verprügeln und Töten des Anderen plant, nur weil der anders denkt oder sich anders benimmt, der findet sich bei den liberalen Demokratien und den Reformern wieder, die zaghaft an dem europäischem way of life bauen und ihn verteidigen: Die Älteren eher mit Bach und Stendhal, mit Bartók und Cézanne, die Jüngeren eher mit Wut: Ich bin wer ich bin, wer ich sein will! - je suis Charlie, Guevara... Wahrscheinlich wird es ohne diese Wut keine Veränderung geben. Doch wenn keine neue, europäische Reformgeneration kommt, die nicht nur Wut hat, sondern auch die Gründe ihrer Wut versteht, die nicht nur demonstrieren oder auswandern will, sondern die Richtungen, Abfolgen und Formen der Veränderungen durchdenken, besprechen und verwirklichen kann, dann wird uns das nationalistische Gespenst aus der Welt treiben."

Magazinrundschau vom 16.12.2014 - Nepszabadsag

Sándor Zsigmond Papp reflektiert die Arbeit der Ungarischen Kunstakademie (MMA), die inzwischen praktisch allein für die Kunstförderung zuständig ist und eine Menge Murks fördert: "Die Kulturförderung ist umgekippt, viele junge Künstler sehen, dass es eine staatlich überdotierte Ramschfabrik gibt, und jenseits davon kaum Zuschüsse, selbst für Projekte auf höchstem Niveau nicht. Dies lässt die Gegensätze zwischen einzelnen Gruppen, Richtungen und Generationen eskalieren. Nur ein laienhafter Politiker, der auf die Einflüsterungen eines dilettantischen Künstlerpaars hört, kann glauben, dass es eine einzige ungarische Literatur, eine einzige ungarische Kultur gibt. (…) Aber Kunst und Kultur können nicht uniformiert werden. Um sie zu fördern bedürfte es eines pluralen Fördersystems."

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - Nepszabadsag

Vergangener Woche erschien der neue Sammelband des liberalen Philosophen János Kis mit dem Titel "Was ist Liberalismus?" (Mi a liberalizmus? Kalligram, Budapest 2014, 696 Seiten). Im Interview mit Dóra Ónody-Molnár spricht Kis über die neuen Protestbewegungen in Ungarn, die ein recht verworrenes Bild bieten: "Die neuen Protestbewegungen greifen gleichzeitig den Liberalismus und den ausgebauten illiberalen Staat an. Sie würden die vergangenen fünfundzwanzig Jahre in den Mülleimer werfen, während sie den Rechtstaat, die Freiheit und die Republik hochleben lassen. Sie sind misstrauisch gegenüber der Globalisierung, doch sie hissen die Flagge der EU. (...) Die Wortführer sprechen zwar darüber, dass sie nicht das gesamte System abschaffen, sondern lediglich eine Reform des Steuersystems oder die Bekämpfung der Korruption oder eine transparentere Regierung wollen, aber hier wird man kaum Halt machen. Die vielen verschiedenen Themen, welche die Menschen auf die Straßen bringen, sind miteinander verzahnt. Einzeln werden sie nicht behoben werden können. Die Lösung ist die Abschaffung des Systems."

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - Nepszabadsag

Der Jurist und frühere parlamentarische Beauftragte für nationale und ethnische Minderheiten, Jenő Kaltenbach, schreibt in der Wochenendausgabe von Népszabadság über die traditionelle Skepsis der ungarischen Gesellschaft gegenüber dem Westen, die die aktuelle ungarische Regierung regelmäßig bedient: "Im Kern besteht diese aus dem Gefühl der Beleidigung darüber, dass der Westen uns stets im Stich ließ und nie als gleichberechtigten Partner betrachtete, obwohl er uns einiges schuldet, schließlich waren wir die Verteidigungsbastion der westlichen Kultur. Dieses Gefühl ist freilich auch mit einem Minderwertigkeitskomplex verbunden, denn ein Vergleich mit dem Westen fällt für uns nicht wirklich herzerwärmend aus. In der deutschen Sprache gibt es für dieses ambivalente Gefühl den Begriff "Hassliebe". Wir haben dafür nicht einmal ein Wort, und können es somit auch nicht aufarbeiten, was die ewig wiederholte beleidigte Forderung "nach mehr Respekt" passend unterstreicht."
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