Ali Al Ibrahim, Ahmad Haj Hamdo, Mohammad Al-Skaff und Zaid Mastou machen sich auf die Suche nach den geheimen Goldvorräten des Islamischen Staats: Sie stellen die Ergebnisse in einer großen gemeinsamen Reportage der Plattform Syrian Investigative Reporting for Accountability Journalism (SIRAJ) und New Lines vor, die ergab, dass der Islamische Staat vor seinem Zusammenbruch im Jahr 2019 Dutzende Millionen von Dollar in gut belüfteten unterirdischen Kammern in den von ihm besetzten kurdischen und syrischen Gebieten vergrub: "Bislang wurden mindestens 47 Millionen Dollar in bar und Gold von den Streitkräften der irakischen Zentralregierung, den kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und einer internationalen Koalition sichergestellt." Der "Reichtum der Gruppe stammt aus den Jahren ihres Aufstiegs, als sie zwischen 2014 und 2017 weite Gebiete in Syrien und im Irak kontrollierte. Im Juni 2014 eroberte die Gruppe Mossul und beschlagnahmte Hunderte Millionen Dollar in bar und Gold, die in Banken und staatlichen Institutionen lagerten. Sie übernahm außerdem Ölfelder, Minen, Fabriken und Ackerland und baute Netzwerke auf, um Öl, Metalle und Antiquitäten auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Innerhalb weniger Jahre und dank dieser vielfältigen Einnahmequellen war die Gruppe zu einer der reichsten bewaffneten Organisationen der Welt geworden; einige Studien beziffern ihr Vermögen und ihre Besitztümer im Jahr 2015 auf rund 6 Milliarden Dollar." Das "versteckte Gold und Bargeld sind für den IS weiterhin überlebenswichtig. Wie die Untersuchung ergab, werden diese Vermögenswerte genutzt, um den IS durch den Kauf von Waffen und den Aufbau von Netzwerken von Kämpfern und Verbündeten vor Ort wiederaufzubauen - Bemühungen, die bereits andauern", lesen wir: "Das gefundene Geld und Gold reicht aus, um die Gehälter von rund 10.000 Kämpfern für ein ganzes Jahr zu bezahlen, basierend auf Schätzungen der Gehälter der Gruppe auf dem Höhepunkt ihrer Aktivität. Die verifizierte Summe übertrifft frühere internationale Schätzungen darüber, was der IS nach seinem Zusammenbruch möglicherweise in seinen Kassen behalten hat. Im August 2024 veröffentlichte das Combating Terrorism Center in West Point eine Studie, die schätzte, dass der Islamische Staat nach dem Fall seines Kalifats noch über Finanzreserven zwischen 10 und 30 Millionen US-Dollar verfügte."
Nach Jahren der politischen Verfolgung kehren jesidische Familien in die Afrin-Berge im Norden Syriens zurück, berichtet Hanna Davis. Afrin hatte historisch gesehen die größte jesidische Bevölkerung in Syrien, vor 2011 lebten dort rund 60.000 Jesiden, so Davis. Viele von ihnen flohen, als die Türkei 2018 in die Region einmarschierte und suchten Schutz im Nordosten Syriens unter der kurdisch geführten Regierung. Die Geschichte der Unterdrückung des jesidischen Volkes ist lang und grausam, ganze 74 Völkermorde soll es gegeben haben, wie Davis von Suleiman Jafar, Mitglied der Jesidischen Union in Syrien, erfährt: "Die jüngste Fatwa gegen Jesiden wurde 2014 vom Islamischen Staat (IS) erlassen, der mindestens 3.000 Jesiden tötete und mehr als 7.000 weitere versklavte, vergewaltigte und zwangskonvertierte. Die gewaltsamsten Kampagnen gegen die Jesiden fanden laut Jafar unter dem Osmanischen Reich statt. Eine der schwerwiegendsten Fatwas (religiösen Erlasse) gegen Jesiden wurde von Abu Su'ud al-Imadi, dem osmanischen Obermufti des 16. Jahrhunderts, erlassen. Er erklärte die Jesiden zu den 'Ur-Ungläubigen' und ihre Tötung zu einer religiösen Pflicht. Noch heute, so Jafar, essen die Bewohner des nahegelegenen arabischen Dorfes Burj Haidar nicht das Essen, das für Jesiden zubereitet wird, die in der osmanischen Propaganda als Ungläubige gebrandmarkt wurden." Die "Unterdrückung habe die jesidische Bevölkerung dramatisch dezimiert, sagt Jafar - von etwa 57 jesidischen Dörfern in den 1930er Jahren auf rund 22 heute." Bis jetzt gab es unter dem neuen syrischen Präsidenten Ahmad al-Sharaa noch keine Gewalt gegenüber der jesidischen Bevölkerung, "in Afrin, fügt Jafar hinzu, herrsche nun mehr Religionsfreiheit als zuvor. Dennoch sei er den konservativen islamischen Wurzeln der Regierung gegenüber skeptisch, betonte er, die Jesiden müssen vorsichtig sein."
Buster Kirchner reist in die Stadt Rotriak im Südsudan: Der Ort ist eine wichtige Zufluchtsstätte, weil er auf höherem, trockenem Boden liegt und so Schutz bietet vor den seit 2021 stark zunehmenden Überschwemmungen in der Region. Aber die Flutvertriebenen, die sich hier versammelt haben, stehen vor einem weiteren Problem berichtet Kirchner, bei dem sie von der Regierung völlig im Stich gelassen werden. Der Ort liegt mitten im Unity-Ölfeld, einem der größten Ölfördergebiete Südsudans. Bei den "sintflutartigen Regenfällen" in der Region um Rotriak wurden alte, stillgelegte Ölfelder überschwemmt, erklärt der Autor, das Wasser, dass sich in den so entstandenen Sumpfgebieten ansammelt, enthält nachweisbar eine hohe Konzentrationen an giftigen Schwermetallen und Petrochemikalien: "Giftige Schadstoffe aus diesen überfluteten Brunnen verunreinigen das Trinkwasser und sind vermutlich die Ursache für eine sich verschärfende Gesundheitskrise für Tausende von Familien in und um Rotriak. Immer mehr Kinder kommen mit Geburtsfehlern zur Welt, von Gliedmaßenfehlbildungen und Spina bifida - einer schweren angeborenen Fehlbildung der Wirbelsäule - bis hin zu kognitiven Entwicklungsverzögerungen." Fährt "man nordwärts durch das Unity-Ölfeld, nimmt die Industrielandschaft allmählich Gestalt an. Rostige Bohrköpfe ragen aus dem Gras. Pipelines verlaufen entlang der unbefestigten Straße. Abwasserteiche liegen hinter niedrigen Erdwällen, während Stacheldrahtzäune und weiße Schilder der GPOC den flachen Horizont unterbrechen. Dann, fast ohne Vorwarnung, tauchen zwischen den Anlagen Häuser, Marktstände und Kinder auf. In Rotriak scheinen Dorf und Ölfeld ein und dasselbe Gebiet zu bewohnen. Hier glauben Fischer, dass Fische, die in der Nähe bestimmter Ölfelder gefangen werden, kontaminiert sind. Diese Fische sind dunkler, weicher und werden daher auf dem lokalen Markt zu niedrigeren Preisen verkauft. Hirten berichten von unerklärlichen Todesfällen ihrer Tiere, nachdem diese aus überfluteten Weideflächen getrunken haben (...)."
In einem Interview in The Economist behauptete Elon Musk neulich, die Abwicklung von USAID habe nicht ein einziges Menschenleben gekostet, erinnert Abdulwaheed Sofiullahi. Ein Blick nach Nigeria straft Musk Lügen. Vor allem für HIV-Infizierte stellten die Kürzungen eine Katastrophe dar:"Anfang 2025 brach die Unterstützung für die HIV-Versorgung in ganz Nordnigeria zusammen, nachdem die US-Regierung unter Trump den Großteil der Auslandshilfe - einschließlich PEPFAR und USAID - eingestellt hatte; dies betraf auch die Kliniken in Lagern, die für Tausende von Patienten die wichtigste Bezugsquelle für antiretrovirale Medikamente darstellten." Besonders sind Frauen betroffen, zum Beispiel jene, die Opfer von Vergewaltigungen wurden: "Nusaiba Abubakar war bereits vertrieben worden und lebte in einem Lager im Bundesstaat Borno, als ein Angriff im Juni 2022 ihr Leben veränderte. Sie war mit anderen Frauen auf einem Markt, als Kämpfer von Boko Haram ihr Lager stürmten, verwüsteten und mehrere Geiseln nahmen - darunter ihren Ehemann Muttakkah Omar. Nach wochenlangen Verhandlungen einigten sie sich auf ein Lösegeld, das von den Ehefrauen der Männer persönlich übergeben werden sollte. 'Als man mir sagte, ich müsse mit den drei anderen Frauen, deren Männer ebenfalls entführt worden waren, in den Wald gehen, habe ich jeden Tag geweint', sagte Nusaiba. Als sie den Treffpunkt tief im Wald erreichten, traten drei bewaffnete Männer mit vermummten Gesichtern aus den Bäumen." Die Frauen wurden vergewaltigt, berichtet Sofiullahi, aber am nächsten Tag freigelassen und "kehrten schließlich ins Lager zurück, ohne zu ahnen, dass die traumatischen Vergewaltigungen noch ein weitere Wunde hinterlassen würden: Sie hatten sich mit HIV infiziert."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Javier Milei in Argentinien, José Antonio Kast in Chile, Laura Fernández in Costa Rica und Keiko Fujimori in Peru - diese lateinamerikanischen Länder sind in den letzten Monaten stark nach Rechts gerückt. Santiago Ospina Celis versucht sich einen Reim darauf zu machen. Eine in den Medien gängige Begründung für den Rechtsdrall lautet, dass die Bevölkerungen der Länder von den linken Regierungen enttäuscht seien, stellt der Autor fest. Und es stimmt ja auch: "So haben sich beispielsweise Länder wie Venezuela und Nicaragua nach der Wahl nominell sozialistischer Präsidenten zu regelrechten autoritären Regimen gewandelt. Die Folgen der venezolanischen Katastrophe - politische Unterdrückung, wirtschaftlicher Zusammenbruch, eine Massenflucht historischen Ausmaßes - sind hinlänglich bekannt." Nicaragua, dessen Staatschef Daniel Ortega gerade angekündigt hat, keine Wahlen mehr abhalten zu wollen, befindet sich auf demselben Weg." Aber auch die Mitte sei schuld am Rechtsruck. Themen wie Sicherheit, Freiheit und persönlicher Wohlstand würden von links ignoriert, aber "genau diese Begriffe sind zentral für das Selbstverständnis der aufstrebenden unteren Mittelschicht - einer Wählergruppe, die bei den letzten Wahlen die extreme Rechte gewählt hat. Viele werden die Versprechen dieser 'rechtsgerichteten Internationalen' (um es mit Mileis Worten zu sagen) als eine unappetitliche Form des Populismus oder schlichtweg als Manipulation abtun. Ihre Rhetorik ist zweifellos antidemokratisch und autoritär, aber sie wurzelt auch in materiellen Bedingungen, die sich nicht einfach wegwünschen lassen: zunehmende Unsicherheit, sich verschlechternde öffentliche Dienstleistungen, wirtschaftliche Instabilität und ein allgemeines Gefühl existenzieller Unsicherheit." Zum weiteren Verständnis des Rechtsrucks in Lateinamerika empfiehlt der Autor das Buch "The Social Underpinnings of Political Discontent in Latin America" von Gabriel Kessler und María Victoria Murillo.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Rory O'Sullivan stellt den vietnamesischen Schriftsteller Trần Hữu Tri, bekannt unter dem Pseudonym Nam Cao, vor. Cao wurde 1915 geboren, seine "Kurzgeschichten und Novellen spiegelten die sozialen Probleme des kolonialen Vietnams und die politische Stimmung wider, die den Viet Minh zur Macht verhelfen sollte. In seinen Schriften resultieren die Schwächen der Menschen aus sozialen und wirtschaftlichen Kräften, vor allem aus dem Leid und der Unmenschlichkeit des Lebens der Armen." Vor allem bekannt ist er für "Chí Phèo", so O'Sullivan, die Geschichte eines sozialen Teufelskreises: "Das Leben der Titelfigur beginnt, als 'eines Morgens ein Aalfischer ihn nackt und purpurblau, in einen geflickten Rock gehüllt, in der Nähe eines verlassenen Ziegelofens fand'. Seine Jugend wird in wenigen Sätzen geschildert: Der Aalfischer verkauft ihn an einen Mühlenbauer, nach dessen Tod er sich als Diener verdingt und von der Frau des Dorfmagnaten sexuell missbraucht wird. Anschließend wird Chí Phèo aus unbekannten Gründen (vielleicht aus Eifersucht des Ehemanns oder wegen Diebstahls) ins Gefängnis geschickt. Als er zurückkehrt, ist er zur abstoßenden Hauptfigur der Geschichte geworden. Er bedroht den Dorfmagnaten, den ehrenwerten Kiến, der beschließt, Chí Phèo nicht zu bestrafen, sondern ihn stattdessen zu seinem Handlanger zu machen. Im Gegenzug erhält er ein Haus und regelmäßige Einnahmen, die er größtenteils für Alkohol ausgibt. 'Wie schlau er ist', schreibt Nam Cao, 'wer könnte [Chí Phèo] schon ein Alter geben? 38 oder 39? 40 oder älter. Äußerlich ist er weder jung noch alt. Sein Gesicht sieht aus wie das eines Tieres. Wer könnte schon das Alter eines Tieres erraten?'" Am Ende der Geschichte steht ein Kind, das wohl in der selben Ziegelei geboren und das selbe Schicksal erleiden wird wie Chí Phèo.
Evan Pheiffer beobachtet einen Auftritt des türkischen Comedians Deniz Göktaş, der in der Türkei für Furore gesorgt und ihn, der schon öfter wegen seiner regierungskritischen Comedy ins Visier der Behörden geraten war, ins Gefängnis brachte. In seinem eineinhalbstündigen Auftritt teilt Göktaş gegen alle aus, erzählt Pheiffer, nicht nur gegen Erdogan, sondern "gegen Politiker, Ordensgemeinschaften, Rassisten, Mafiosi, Therapeuten, Woke-Aktivisten, Intellektuelle, Selbstmordattentäter und die säkulare Bourgeoisie" und auch gegen die Gülen-Bewegung, deren Mitglieder nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 untertauchen mussten: "'Hoş geldiniz' ('Willkommen'), sagt er zu den potenziellen Gülenisten in der Menge, worauf diese üblicherweise 'Hoş bulduk' ('Schön, hier zu sein') antworten würden. 'Aber sagt bloß nicht Hoş bulduk!', warnt er. 'Wie schade wäre es doch, wenn ihr nach zehn Jahren im Untergrund plötzlich eure Tarnung auffliegen lassen würdet." Wie die Mormonen waren auch die Gülenisten eine aufstrebende religiöse Bewegung, die schließlich viele staatliche Organe unterwanderte. Angesichts ihrer sozialen Herkunft und ihrer eigentümlichen Organisationsstrukturen - Dexter Filkins verfasste ein hervorragendes Porträt, in dem er detailliert beschreibt, wie Anhänger einst den Schuh ihres Anführers aßen - dürften die Zuhörer wenig Verständnis für ihre Lage aufbringen. Göktaş kümmert das natürlich nicht. 'Ich bin nicht hier, um euch zu verurteilen', sagt er. 'Wenn euch jemand in diesem Raum versteht, dann ich. Ich habe wirklich versucht, der Bewegung beizutreten!', scherzt er. 'In der vierten Klasse wurde ich Zweiter bei der Mathematik-Olympiade und wurde von einer Gülenisten-Schule angeworben. Sie wollten mir einen Computer und ein Stipendium geben. Ich bettelte meine Eltern an: 'Tagsüber werden sie mich einer Gehirnwäsche unterziehen, aber ihr werdet das nachts wieder in Ordnung bringen!'' 'Aber sie dachten nicht an den Profit und haben mich deshalb nicht geschickt', seufzt er." Das Video ist auf Youtube verfügbar (allerdings bisher nur auf Türkisch) und hat 13 Millionen Aufrufe erzielt. Anfang Juli wurde der Comedian verhaftet, berichtet Pheiffer, bei einer Verurteilung drohen Göktaş bis zu sieben Jahre Haft.
Die Blockade des offenen Internets im Iran hat sich lange angebahnt, weiß die iranische Journalistin Fateme Karimkhan. 88 Tage dauerte der Internet-Blackout, der einen Großteil der iranischen Bevölkerung vom Rest der Welt abschnitt. Aber die Bemühungen um ein "nationales Internet", das nach chinesischem und russischem Vorbild vom Regime kontrolliert wird, sind schon alt, erklärt die Autorin. Schon nach der Präsidentschaftswahl 2009 sperrte das Regime eine Zeit lang soziale Netzwerke für iranische Nutzer, in den Folgejahren wurden die Einschränkungen immer weiter ausgebaut, wenn es zu Protesten gegen die Regierung kam. Spätestens seit der Gründung des "Obersten Rates für den Cyberspace" im Jahr 2011 ist die Internetstrategie der Islamischen Republik offensichtlich: "Der Grundgedanke hinter der Entwicklung eines 'nationalen Internets' war, dass der Iran einen Großteil der von seinen Bürgern benötigten digitalen Dienste ohne Abhängigkeit vom globalen Internet bereitstellen könnte. Investitionen und der Druck von Institutionen wie dem Obersten Rat für den Cyberspace förderten den schrittweisen Aufbau heimischer Rechenzentren, lokaler Suchmaschinen, inländischer Messaging-Plattformen und interner Knotenpunkte für den Datenaustausch. Ziel war es sicherzustellen, dass für jeden Dienst oder jedes Netzwerk, das entfernt oder gefiltert wurde, eine inländische Alternative bereitstand, die den umgeleiteten Datenverkehr bewältigen und die entstandene Nachfrage decken konnte. Für den Ausbau dieses Netzwerks, das unter der Oberfläche des globalen Internets wuchs, standen ausreichende Mittel zur Verfügung. Das technische Modell hierfür war bereits in China und teilweise in Russland entwickelt worden." In der "Praxis bedeutete dies, dass iranische Nutzer sich gleichzeitig in zwei Netzwerken bewegten: dem globalen Internet und dem nationalen Netzwerk des Iran. Unter normalen Bedingungen funktionierten beide parallel. In Krisenzeiten konnte das Land jedoch den Zugang zum globalen Internet einschränken und gleichzeitig das nationale Netzwerk aufrechterhalten, sodass Banken, staatliche Systeme und zugelassene Dienste weiterhin erreichbar blieben."
Charles Cuau besucht die wenigen syrischen Familien, die sich noch einer Profession mit langer Tradition in Syrien widmen: der Seidenraupenzucht. Bis zu den sechziger Jahren florierte in Syrien die Seidenherstellung, doch wo einst jährlich 300 Tonnen Seide hergestellt wurden, ist es heute weniger als eine Tonne am Tag: "Zunächst kam die ausländische Konkurrenz, insbesondere aus Asien, sowie der Aufstieg der Kunstseide, die sich als kostengünstiger in der Herstellung erwies. Auch die Verstaatlichung der Spinnereien und die mangelnde Unterstützung der Branche durch das Assad-Regime versetzten ihr einen schweren Schlag. Schließlich brachte der Bürgerkrieg die syrische Seidenraupenzucht fast vollständig zum Erliegen. Zwischen 2011 und 2014 wurde die Produktion komplett eingestellt und ist seither nur in geringem Umfang wieder angelaufen."
Jared Kushner und Ivanka Trump haben in Albanien eine rasch wachsende Protestbewegung ins Leben gerufen; allerdings unfreiwillig, berichtet Mauro Mondello, durch ihren Plan, eine viele Millionen Dollar teure Luxushotelanlage zu errichten. Entstehen soll sie im albanischen Naturschutzgebiet Vjosa-Narta, das diesen Namen nicht mehr verdient, seit die Regierung des Landes unter Premierminister Edi Rama ein Naturschutzgesetz aufgeweicht hat - um Investoren vom Schlage Kushner und Trump ins Land zu locken. Womit Rama und seine Mitstreiter nicht gerechnet haben: Die bislang, dank jahrzehntelanger autokratischer Unterdrückung im besonders bleiernen Staatssozialismus Albaniens, politisch apathische Bevölkerung hat die Nase voll: "Die Menschen, die sich jeden Abend in Tirana versammeln, fordern einen grundlegenden Wandel. Sie wünschen sich ein anderes Albanien - eines, in dem Emigration eine Entscheidung und keine Notwendigkeit mehr ist. Innerhalb dieser umfassenderen Vision sind die unmittelbaren Forderungen nach der Rücknahme der Änderungen des Gesetzes über Schutzgebiete und Stopp des Resortprojekts Vjosa-Narta zu einem starken Symbol geworden. Sie dienen als Sammelpunkt für eine Bewegung, die ablehnt, was viele Demonstranten als jahrzehntelanges Missmanagement öffentlicher Angelegenheiten durch das politische Establishment Albaniens betrachten. Deshalb richten sich die Sprechchöre, Parolen und Reden nicht nur gegen Rama, die Sozialistische Partei und die derzeitige Regierung. Sie richten sich auch gegen die oppositionelle Demokratische Partei und ihre bekannteste Persönlichkeit, Sali Berisha, der mehr als ein Jahrzehnt lang Ministerpräsident war. Dies sind die Politiker und Parteien, die die albanische Politik seit 1991 geprägt haben. Zunehmend werden sie von den Demonstranten zurückgewiesen, deren prägender Ruf lautet: 'Rama në burg, Berisha në burg' - 'Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis.'"
Außerdem: John Klopotowski erinnert an die Armenierin Vartuhi Kalantar, die 1915 in ein osmanisches Gefängnis geworfen worden war und 1918 freikam: Sie war die erste Frau im Nahen Osten, die ein Gefängnismemoir schrieb, so Klopotowski.
"Wenn wir heute über Afghanistan sprechen, dann geht es um Terrorismus und Krieg, um die Taliban und Al-Qaida", hält Shabnam Nasimi fest. Fast vergessen ist die komplexe Geschichte des Landes, das einst eine "zentrale Rolle in der Weltgeschichte spielte". Vor Augen geführt wird ihr diese Geschichte bei der Betrachtung einer Münzsammlung im British Museum, die der politische AgentSir Alexander Burnes zusammengetragen hat, der in den 1830er-Jahren durch Afghanistan reiste und im Auftrag der Ostindien-Kompanie Gebiete kartierte. Obwohl Burnes eine zwiespältige Figur war, da er die Eroberung durch die Briten vorantrieb (und zu deren Ende in Kabul grausam von einem Mob von Einheimischen ermordet wurde), ist Nasimi dankbar für die Münzen, mit denen sie die wenig bekannte Historie entdecken kann: "Das Kuschana-Reich markiert einen Höhepunkt in der Geschichte der Region, eine Zeit, in der Afghanistan tatsächlich das Zentrum der Welt bildete. Der Handel auf der Seidenstraße, die Rom mit China verband, erreichte seinen Zenit, und die Kuschana kontrollierten die entscheidenden Routen durch Zentralasien. An den Fundstätten der Kuschana haben Archäologen römisches Glas, chinesische Seide, indisches Elfenbein und griechische Skulpturen entdeckt - Belege für ein wahrhaft globales Handelsnetzwerk. Auf Münzen und Inschriften der Kuschana-Zeit finden sich Griechisch, Baktrisch, Sanskrit und Prakrit - ein Spiegelbild des mehrsprachigen Charakters dieses Reiches. Es handelte sich um eine hybride Kultur, die sich einer einfachen Kategorisierung entzog. Die Münzen selbst zeugen von dieser Synthese: griechische Buchstaben, die iranische Götternamen wiedergeben; buddhistische Bildmotive im hellenistischen Stil; zentralasiatische Herrscher, die indische Titel annahmen."
Der ehemalige Fotojournalist und Politologe Shyam Tekwanibegleitete zu Beginn des Bürgerkrieges in Sri Lanka die Rebellen der "Liberation Tigers of Tamil Eelam", die gegen die srilankische Regierung und die von Indien entsandten Indian Peace Keeping Forces kämpften. In der Stadt Kokuvil, einem Vorort der nordsrilankischen Stadt Jaffna, machte Tekwani ein Foto von 13 getöteten indischen Soldaten, für das er berühmt wurde: "Ich erinnere mich deutlicher daran, wie ich den Fokus eingestellt habe als an ihre Gesichter. Im Bildausschnitt lagen 13 Jawans (Infanteristen, Anm.d.Red.) dort, wo die Gewalt sie hingeworfen hatte. Einige waren nach vorne gefallen; andere lagen in Winkeln verdreht, die weniger schmerzhaft als unterbrochen wirkten. Der Boden unter ihnen hatte begonnen, sich zu verfärben, nicht dramatisch, aber stetig, während das Blut die flachen Vertiefungen im roten Staub fand und sich dort mit einer Geduld sammelte, die fast zeremoniell wirkte. Ein Soldat war an eine Wand gesunken, neben ihm eine Tiffin-Box, aus der Puris und Aloo Sabji zur Hälfte herausgefallen waren. Ein gefalteter Brief ragte aus seiner Brusttasche hervor, dessen Rand dort fleckig war, wo Schweiß und Blut aufeinandergetroffen waren. Eine Fliege ließ sich auf der Wange eines Soldaten nieder und blieb dort sitzen, als hätte der Nachmittag ihn bereits eingeholt. Die Komposition stammte nicht von mir: Sie wurde mir durch Zufall und durch die Choreografie des Tötens gegeben. Was ich wählte, war nur der Bildausschnitt, der Moment und welcher Tod in den Mittelpunkt gerückt werden sollte." Tekwani schildert, wie ihn das Foto, das in Konferenzräumen, Universitäten und Magazinen auf der ganzen Welt besprochen wurde, nie ganz losgelassen hat. Und wie die Soldaten, trotz der großen Aufmerksamkeit, für immer namenlos blieben: "Ich habe dieNamen der 13 nie erfahren. Ich kannte das Datum. Ich kannte die Kreuzung. Ich kannte die genaue Entfernung zwischen mir und dem Soldaten unter den Blumen. Ich konnte die Tiefenschärfe noch aus dem Gedächtnis berechnen. Aber ihre Namen fanden keinen Eingang in mein Notizbuch. In den folgenden Jahren unternahm ich Versuche, sie ausfindig zu machen. Jeder Versuch wurde blockiert - von der indischen Regierung, von der indischen Armee. Die 13 blieben offiziell namenlos, nicht nur für mich, sondern auch für den Staat, der sie entsandt hatte."
Suzana Vuljevic erinnert an den vor zwanzig Jahren gestorbenen "Gandhi des Balkans", den kosovarischen Politiker Ibrahim Rugova. Der studierte Literat und Intellektuelle Rugova, der 1989 zum Vorsitzenden der Demokratischen Liga des Kosovo gewählt und später Präsident wurde, vertrat mit seiner "Theorie der ästhetischen Verweigerung" eine Denkweise, die gewaltlosen politischen Widerstand und Literatur eng zusammendachte: "Die entschiedenste, die 'wahre' Form der Verweigerung, beruhte auf Überzeugung und Argumentation und konnte von Einzelpersonen oder Kollektiven vorgebracht werden. Seiner Ansicht nach ließen sich die intimsten Momente des Lebens - Freude, Bitterkeit oder Liebe angesichts von Unterdrückung, Knechtschaft oder Zwang - auch als Ausdruck von Widerstand verstehen." Mit dieser Haltung protestierte Rugova gegen die Unterdrückung der Albaner im Kosovo durch das serbische Regime unter Slobodan Milošević: Um "dem entstehenden Apartheid-System Widerstand zu leisten, schlossen sich verschiedene politische Strömungen im Kosovo unter Rugovas Führung zusammen und bildeten einen Parallelstaat. Dieser bestand aus Untergrundschulen in Privathäusern, Geschäften und Scheunen sowie einem parallelen Gesundheitssystem", das die Kosovo-Albaner vor allem mit Hilfe der Diaspora im Ausland finanzierte. Nachdem Hunderttausende Albaner aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, "mobilisierte sich die albanische Bevölkerung des Kosovo im September 1991, Monate nach den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens von Jugoslawien, an den Wahlurnen: Von den 87 Prozent Wahlberechtigten stimmten 99 Prozent im Referendum für ein unabhängiges Kosovo."
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