Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 10.02.2026 - New Lines Magazine

Gerade hat Japans Premierministerin Sanae Takaichi bei vorgezogenen Neuwahlen mit 60 Prozent der Stimmen einen erdrutschartigen Sieg errungen, über den Eleonora Zocca berichtet. Aber das Votum für Takaichi bedeutet nicht unbedingt eine breitere Zustimmung für ihre Liberaldemokratische Partei (LDP), meint Zocca. Denn das politische Klima verändere sich zu Gunsten von viel extremeren Kräften: Die "MAGA-isierung" der japanischen Politik ist in vollem Gange, befeuert von der rechtsextremen Partei Sanseito, die zwar noch wenig Sitze im Parlament hat, aber genug Macht, um den Diskurs nach rechts zu verschieben:  "Die Partei, die 2020 während der Covid-19-Pandemie auf YouTube entstand und von Sohei Kamiya geführt wird, hat sich die Strategien von QAnon zu eigen gemacht. Erstmals in der japanischen Politik ist es Sanseito gelungen, diverse Verschwörungstheorien miteinander zu verknüpfen - über Impfstoffe, 'globalistische Eliten', die Nationalstaaten (darunter Japan) zerstören wollen, und fremdenfeindliche Propaganda, die sich vor allem gegen Chinesen, aber auch gegen Kurden richtet - das alles unter dem Motto 'Japan zuerst' (...) Während die antichinesische Stimmung in Japans kolonialer Vergangenheit und der Geschichtsrevision vieler Ereignisse des Zweiten Weltkriegs wurzelt, sind der Hass gegen Kurden und Muslimfeindlichkeit im Allgemeinen jüngere Phänomene. Eine kurdische Gemeinschaft lebt hauptsächlich in den Städten Warabi und Kawaguchi in der Präfektur Saitama. Obwohl sie nur etwa 3.000 Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von 670.000 ausmacht, wird die Region abwertend als 'Warabistan' bezeichnet. Hauptgrund für die verschärften Spannungen war ein Vorfall im Jahr 2023, als ein privater Streit in einer Messerstecherei mündete und die beteiligten kurdischen Gemeindemitglieder das Krankenhaus überfüllten, wodurch die Notfallversorgung vorübergehend beeinträchtigt wurde. Obwohl Flüchtlingsaufnahme, chinesische Investitionen und Übertourismus normalerweise unterschiedliche politische Ansätze erfordern würden, hat Sanseito sie unter einem breiteren Begriff zusammengefasst."
Stichwörter: Takaichi, Sanae, Sanseito, Japan

Magazinrundschau vom 03.02.2026 - New Lines Magazine

Am 28. Januar 2026 wurde Sarah Mullally, 63, in der St. Paul's Cathedral in London zur Erzbischöfin von Canterbury gewählt: Sie ist damit nicht nur die erste Frau in diesem Amt, berichtet Kwangu Liwewe Agyei, sondern symbolisiert auch einen entscheidenden Richtungswechsel in der anglikanischen Kirche. Indem sie die gleichgeschlechtliche Ehe befürwortet, "stellt sie die traditionellen christlichen Lehren zur Sexualethik" in Frage. Liwewe Agyei blickt nach Afrika, wo rund 63 Millionen getaufte Anglikaner leben. Die Botschaft von Mullallys Ernennung wurde je nach Land ganz unterschiedlich aufgenommen und spaltet die afrikanisch-anglikanische Gemeinschaft: In konservativen Ländern wie Nigeria, Uganda und Sambia wird die Wahl größtenteils abgelehnt, sowohl von wichtigen Kirchenoberhäuptern als auch von der jungen Bevölkerung, berichtet die Autorin. Es ist weniger der Umstand, dass eine Frau ins Amt gewählt wurde, als deren Offenheit für gleichgeschlechtliche Ehen, die in der Community Widerstand hervorrufen (es geht übrigens nicht um die Schließung gleichgeschlechtlicher Ehen in einer anglikanischen Kirche, sondern um die Möglichkeit zur Segnung einer solchen Ehe). In Südafrika sieht die Sache anders aus: "Dort begrüßte die Kirche Mullallys Ernennung als längst überfällige Gerechtigkeit und als Zeichen ihrer Weiterentwicklungsfähigkeit. Da die gleichgeschlechtliche Ehe im Land legalisiert und weitgehend akzeptiert ist, stammt ihre Perspektive aus einer ganz anderen moralischen Welt." Aber der hier zu Grunde liegende Konflikt reicht viel weiter, meint Agyei: "Im Kern geht es hier nicht um Geschlechterfragen; das kratzt nur an der Oberfläche. Die tiefere Frage dreht sich um Macht: Wer entscheidet, wer führt und wer definiert, was der Anglikanismus heute ist? Es geht um das Verhältnis von Imperium zu Nachimperium, von Zahlen zu Symbolen, von der Heiligen Schrift zu neuen Interpretationen und von Einheit zu Unabhängigkeit. Die anglikanische Kirche, in der ich aufgewachsen bin, folgte der englischen Autorität. Die Kirche, die ich heute in Afrika sehe, tut dies nicht."

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - New Lines Magazine

"Nigeria belegt im Globalen Sklavereiindex 2023 Platz 38 von 160 Ländern. Schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen werden dort zur Zwangsarbeit gezwungen oder in Schuldknechtschaft gehalten - Kindersoldaten nicht mitgerechnet", berichtet Ajifa Solomon. Die zunehmende Gewalt durch terroristische Gruppen, vor allem im Bundesstaat Plateau, bringt Eltern in Zwangslagen: Aus Angst um ihre Kinder oder aus ökonomischen Zwängen geben sie sie in die Hände von Fremden (oder manchmal auch Nachbarn und Verwandten), die mit Bildungschancen und gut bezahlter Arbeit locken. Viele Kinder, vor allem Mädchen, werden dann zur Prostitution gezwungen: "Die Behörden haben damit begonnen, Informanten in großen Parks zu platzieren, um Menschenhändler abzufangen, bevor diese Kinder außer Landes bringen. 'Wir haben Insider in den Parks. Sobald ihnen verdächtige Bewegungen auffallen - vielleicht ein Kind, das orientierungslos wirkt -, rufen sie mich an', sagt Pope Lasur, ein Beamter der Gender-Einheit des nigerianischen Sicherheits- und Zivilschutzkorps, 'ich gehe hin, stelle ein paar Fragen, und wenn die Antworten nicht schlüssig sind, laden wir sie ins Büro ein. Meistens erfahren wir dann, dass die Kinder Opfer von Menschenhandel sind. Jemand wartet immer in einem anderen Bundesstaat auf sie.' Diese Maßnahmen werden allerdings kaum ausreichen: "Lösungen wie die Registrierung von Fahrgästen an Busbahnhöfen anhand ihrer nationalen Ausweisnummer oder einer Bankverifizierungsnummer zur Nachverfolgung wurden von den Gesetzgebern mit Verweis auf Datenschutzbedenken abgelehnt. 'Ohne politischen Willen werden wir immer wieder vor demselben Problem stehen', sagte Lasur."
Stichwörter: Nigeria, Menschenhandel

Magazinrundschau vom 20.01.2026 - New Lines Magazine

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In einem etwas pathetischen Artikel blickt der Journalist und Politik-Professor Shyam Tekwani zurück auf die Zeit des Bürgerkriegs in Sri Lanka. Der von 1983 bis 2009 andauernde Konflikt zwischen der tamilischen Miliz Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die Unabhängigkeit vom Inselstaat Sri Lanka für die von Tamilen bewohnten Gebiete im Norden und Osten forderte, und der sri-lankischen Armee kostete etwa 80.000 Menschen das Leben. Der Reporter stellt die Frage, wie ein solches Trauma von einer Gesellschaft schriftlich verarbeitet werden kann. Er kommt zum Schluss, dass "Sachliteratur trotz all ihrer Dokumente an ihre Grenzen" stößt: "Tamilische Stimmen bleiben vorsichtig, gebrochen, denn Sprechen birgt noch immer Gefahren. Singhalesische Stimmen bleiben zurückhaltend, geordnet, denn Klartext könnte den Frieden zerstören." Wo Fakten nicht weiterbringen, braucht es die Fiktion, um Unsagbares sagbar zu machen, so Tekwani: "Shehan Karunatilakas 'Die sieben Monde des Maali Almeida' (2022) erhebt sich aus dieser Landschaft ungelöster Wahrheiten als schillernde, beunruhigende Antwort. Der Roman bietet eine fantastische Antwort auf die Frage, was mit denen geschieht, die verschwinden, oder mit Fakten, die sich der Aufzeichnung entziehen. Sein Protagonist, Maali Almeida, ein geisterhafter Kriegsfotograf, der sich in einer jenseitigen Bürokratie zurechtfindet, hat nur wenige 'Monde' - eine buddhistisch inspirierte Zeit des Fegefeuers -, um sicherzustellen, dass seine verborgenen Fotografien ans Licht kommen. Der Verlauf des Romans - fragmentiert, nichtlinear, durchzogen von bissigem Humor - spiegelt die Trauer selbst wider: rekursiv, ungleichmäßig, der Ordnung trotzend. Durch Maalis Reise zeigt Karunatilaka, wie die Wahrheit, einmal vergraben, unkonventionelle Wege an die Oberfläche findet. Das surreale Jenseits, das er sich vorstellt, bevölkert von Gewaltopfern, wird zu einer vernichtenden Anklage gegen Korruption, Spaltung und die Komplizenschaft des Schweigens. Manche Wahrheiten in Sri Lanka lassen sich nicht auf herkömmliche Weise aussprechen. Sie erfordern die Kühnheit der Fiktion, ja sogar des Übernatürlichen, um den Schrecken zu erfassen und Anerkennung zu fordern."

Kleine Anmerkung der Redaktion: Seltsamerweise findet sich im New Lines Magazine, das seinen Schwerpunkt unter anderem auf Nahost legt, nicht ein einziger Artikel zu den grausam niedergeschlagenen Protesten der Iraner und Iranerinnen gegen das islamistische Regime (unsere Resümees hier). Aber auch im New Yorker, The Nation, New Republic, Prospect oder The Atlantic findet sich kaum etwas zu den Vorgängen im Iran.

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - New Lines Magazine

Wer wäre bereit für Tallinn zu sterben? Diese Frage sollten sich die Menschen in Europa bald stellen, erkennt Floriana Bulfon, wenn sie mit estnischen Geheimdienstlern und Militärs spricht, denn Russland bereitet den Angriff vor, da haben diese kaum Zweifel. Die russischen Drohgebärden und Interventionen häufen sich, das Eindringen russischer Kampfflugzeuge in den estnischen Luftraum im September letzten Jahres ist nur ein Beispiel von vielen: "Die größte Befürchtung der Esten ist, dass Moskau die NATO schwächen könnte, indem es die Kosten für den Schutz Estlands hochtreibt und anschließend schrittweise die Kontrolle über das Land übernimmt. Estlands Auslandsgeheimdienstchef Kaupo Rosin brachte dies deutlich zum Ausdruck, als er sagte, Russland versuche, 'durch Verhandlungen mit dem Westen eine Situation herbeizuführen, in der die NATO ihre Aktivitäten im Ostseeraum zurückfährt'. Dies böte Russland die Möglichkeit, die baltischen Staaten zu überfallen und zu annektieren. 'Die Zukunft', sagte er mir, 'hängt maßgeblich vom Handeln des Westens innerhalb der NATO und der Europäischen Union ab.'(...) 'Die Russen führen vor jedem militärischen Konflikt mindestens zwei Berechnungen im Kopf durch', sagte Rosin. 'Eine davon ist die Eskalationskontrolle.' Sie wollen wissen, ob sie bei einer Eskalation die Oberhand behalten werden und berechnen die tatsächliche militärische Stärke vor Ort. Was haben sie, und was hat die NATO? Verfügt die NATO über solide Pläne und konkrete Fähigkeiten, um diese Pläne umzusetzen? Es ist unsere Aufgabe sicherzustellen, dass diese Berechnung stets zu unseren Gunsten ausfällt."
Stichwörter: Nato, Estland, Baltikum, Russland

Magazinrundschau vom 06.01.2026 - New Lines Magazine

Die italienische Regierung unter Giorgia Meloni weist jedes Jahr Tausende von Visumsanträgen aus Tunesien ab, darunter viele von Studenten, die an italienischen Universitäten zugelassen sind - diese Haltung "übersieht einen unbequemen, unerwähnten Teil der Geschichte", erinnert Stefania D'Ignoti: "Vor etwas mehr als einem Jahrhundert waren es Sizilianer, die dieselben Migrationsrouten nutzten - nur in umgekehrter Richtung." So wanderten "Ende des 19. Jahrhunderts Italiener, insbesondere Sizilianer, in Scharen nach Tunesien aus. Ihr Einfluss sollte über Generationen hinweg in der Küche, der Architektur und sogar der Sprache des Landes, das sie aufnahm, spürbar sein. Die meisten waren Handwerker, Bauern und Mechaniker, die nach der italienischen Einigung aus Sizilien flohen, um der zunehmenden Armut und der Herrschaft der Mafia zu entkommen (...) Die Konsolidierung hinterließ ein politisches Vakuum im Süden, was zu Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Landraub durch die Regierung und extrem hohen Steuern führte. Dies löste eine Massenauswanderung an die damals reichere und aufstrebende Südküste des Mittelmeers aus. Bis 1925 waren fast 80.000 der rund 130.000 Italiener in Tunesien Sizilianer, die hauptsächlich aus den westlichen Provinzen Trapani und Palermo stammten." Aber auch in Tunesien interessiert man sich kaum für diese Geschichte, erzählt Ben Ahmed, Gründer des tunesischen Vereins "La Piccola Sicilia". "Dabei wäre es wichtig zu zeigen, dass einst wir diejenigen waren, die Einwanderer, die vor der Armut flohen, willkommen hießen und ihnen ein Zuhause und Arbeitsmöglichkeiten boten, während wir heute nicht dieselbe Behandlung erfahren." Eine der berühmtesten italienischen Auswandererfamilien waren übrigens die Cardinales, deren Tochter Claudia im tunesischen La Goulette geboren wurde.

In Schweden werden Migranten inzwischen für fast jeden Missstand verantwortlich gemacht, klagt Nora Adin Fares. Zwar ist die Gewalt infolge der Bandenrivalitäten in der stark von Einwanderern dominierten organisierten Kriminalität in den letzten Jahren regelrecht explodiert, aber vielleicht würde eine fairere Sozial- und vor allem Steuerpolitik besser dagegen helfen als die pauschale Diskriminierung von Einwanderern, die Fares insbesondere den Schwedendemokraten (SD) vorwirft: "Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts schaffte die Regierung die Erbschaftssteuer, die Vermögenssteuer und schließlich auch die Grundsteuer ab. Heute ist es in Schweden einfacher als in jedem anderen europäischen Land, Vermögen anzuhäufen und zu vererben. Die Auswirkungen sind enorm. 1996 gab es in Schweden lediglich 28 Kronen-Milliardäre (Personen mit einem Vermögen von rund 91 Millionen US-Dollar), die meisten davon Erben. Bis 2019 stieg ihre Zahl auf 206. Zwei Jahre später waren es bereits 542. Ihr Anteil am schwedischen Gesamtvermögen ist ebenso rasant gestiegen: von umgerechnet 6 Prozent des BIP im Jahr 1996 auf 34 Prozent im Jahr 2019 und bemerkenswerte 68 Prozent im Jahr 2021. Schweden, mit seinen mittlerweile 10 Millionen Einwohnern, hat weltweit die höchste Dichte an Dollar-Milliardären pro Kopf. Im Jahr 2024 führte das Forbes Magazine 43 Schweden mit einem Vermögen von einer Milliarde US-Dollar oder mehr in seiner jährlichen Liste der Reichsten auf. Dieser fiskalische Wohlstand ist im umgekehrten Verhältnis zur sozialen Gerechtigkeit des Landes gestiegen. In den letzten zwei Jahrzehnten verzeichnete Schweden einen der größten Anstiege der Einkommensungleichheit innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)."

Magazinrundschau vom 15.12.2025 - New Lines Magazine

Nick Alexandra berichtet von einem heimlichen Deal der Trump-Regierung mit dem Königreich Eswatini, einem kleinen Binnenland im südlichen Afrika und die letzte absolute Monarchie des Kontinents. Dorthin lässt Trump nun nämlich unliebsame Migranten abschieben und im Hochsicherheitsgefängnis inhaftieren: "Etoria, der fast 50 Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, besaß einen jamaikanischen Pass und rechnete mit einer unkomplizierten Abschiebung. Doch er ahnte nicht, was die Trump-Regierung stattdessen mit ihm vorhatte. Schließlich, nach etwa 24 Stunden Flugzeit, kurz vor der Landung, erfuhren sie, dass sie in ein Land fliegen würden, von dem er noch nie gehört hatte." Die hierher abgeschobenen Migranten wie Etoria sind ehemalige Kriminelle, die allerdings ihre Auflagen vor Ort erfüllt haben und der Einwanderungsbehörde ICE unterstehen. Sie haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus - eine Abschiebung in ein ihnen unbekanntes Drittland verstößt jedoch gegen amerikanisches Recht, betont Alexandra: "Nach ihrer Ankunft wurden die Männer nach Matsapha, dem Hochsicherheitsgefängnis von Eswatini außerhalb der Hauptstadt Mbabane, gebracht und in eine Einzelzelle gesperrt. Sie wurden ohne Anklage oder Verurteilung inhaftiert." Diese neue Praxis "umgeht rechtsstaatliche Prinzipien, indem Abgeschobene in ein Drittland geschickt werden, das bereit ist, sie auf unbestimmte Zeit festzuhalten, so die Anwälte der Betroffenen. Die Vereinbarung, eine unverbindliche Absichtserklärung, die erst Monate nach ihrer Unterzeichnung öffentlich wurde, erlaubt den USA, bis zu 160 Abgeschobene innerhalb eines einjährigen Transitzeitraums abzuschieben und stellt 5,1 Millionen US-Dollar für den 'Kapazitätsaufbau' bereit, lehnt aber jegliche rechtliche Verpflichtungen ab. Was in der Vereinbarung als 'Transithaft' bezeichnet wird, gleicht in der Praxis einer unbefristeten Haft, einem ausgelagerten Verwahrungssystem, das Kritiker als Menschenhandel bezeichnen."   

Arianna Poletti schaut sich in Oromia, Äthiopiens wichtigster Agrarregion um und will wissen, welchen Einfluss die von Premierminister Abiy Ahmed seit 2018 angestrebten Landreformen auf die lokale Bevölkerung haben. Ahmed richtete seinen Fokus auf das Agrarwesen: "Er liberalisierte die Landwirtschaft, verband sie mit den globalen Märkten und verknüpfte Geschichte, Nationalstolz und Wirtschaftsstrategie zu einer einzigen Erzählung: der Wiedergeburt der 'Kornkammer Afrikas'", erklärt Poletti. Stolz verkündete die Regierung nach nur wenigen Jahren große Erfolge - "unabhängige Analysen - unter anderem von der Afrikanischen Entwicklungsbank, dem US-Landwirtschaftsministerium und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) - schätzten die Ernte 2022/23 jedoch auf weniger als die Hälfte der von der Regierung angegebenen Zahlen." Vor "Ort kämpfen Kleinbauern weiterhin mit zersplitterten Parzellen, hohen Betriebsmitteln und unvorhersehbaren Regenfällen, was Zweifel an der langfristigen Nachhaltigkeit der äthiopischen Weizenanbauziele aufkommen lässt. Die Bemühungen der Regierung um ein ausgeglichenes Verhältnis von Exporten und Importen, die als Weg zu Ernährungssicherheit und globaler Integration propagiert werden, setzen oft gerade jene Gemeinschaften unter Druck, die sie unterstützen wollen, und untergraben so die lokale Ernährungssouveränität. 'Der Anbau von Enset (Zierbanane) auf dem eigenen Feld ist eine uralte Tradition, die sicherstellt, dass Familien immer etwas zu essen haben (...)', erklärt der Forstexperte Benura Walde und unterstreicht damit den Wert des lokalen Wissens über das Land. Doch diese traditionellen Nutzpflanzen drohen nun von Monokulturen verdrängt zu werden, wodurch die Bauern von kommerziellen Nutzpflanzen abhängig werden und die Böden der Degradation ausgesetzt sind."
Stichwörter: Äthiopien, Landwirtschaft

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - New Lines Magazine

Der Politologe Mohamed Kheir Omer erklärt in einem recht wissenschaftlichen Artikel den schwelenden Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea. Im Zentrum steht der Hafen von Assab, der im äußersten Süden Eritreas liegt. Bis zur Unabhängigkeit Eritreas 1993 hatte Äthiopien einen Zugang zum Roten Meer. Seitdem kam es immer wieder zu bewaffneten Konflikten zwischen den beiden Ländern. Eigentlich erklärten der Ministerpräsident von Äthiopien Abiy Ahmed und Eritreas Präsident Isayas Afewerki 2018 das Ende der Streitigkeiten, erinnert Kheir Omer, aber in letzter Zeit bekräftigt Äthiopiens Präsident immer wieder Folgendes: das Schicksal seines Landes erfordere einen Zugang zum Meer: "Auf der Landkarte ist Assab ein Punkt; für beide Länder ist er essenziell. Für Äthiopien stellt der Hafen einen verlorenen Teil des Landes dar - den Beweis, dass der Status als Binnenland überwunden werden kann. Für Eritrea ist er die Festung der Souveränität." Einen Krieg können sich eigentlich beide Länder nicht leisten, erklärt Omer, deshalb bleibt die Situation in der Schwebe: "Für beide Anführer bleibt der Krieg paradox - zu kostspielig, um ihn zu führen, aber politisch zu vorteilhaft, um ihn aufzugeben. Das Ergebnis ist ein angespanntes Gleichgewicht des Drucks ohne Invasion, in dem beide Seiten die jeweils andere testen." Eine riskante Situation: "Wie Professor Kjetil Tronvoll, ein Experte für das Horn von Afrika, feststellte, glaubt Eritrea, dass ein weiterer Konflikt seine Existenz bedrohen würde. Gleichzeitig argumentiert Äthiopien laut Tronvoll genau gegenteilig - sein Überleben hänge davon ab, die Isolation als Binnenland zu überwinden. Wenn beide Seiten ihre Selbsterhaltung in entgegengesetzte Richtungen verfolgen, wird das Gebiet zwischen ihnen zu einem Minenfeld. Die Gefahr liegt nicht in der Planung, sondern im zufälligen Verlauf: eine Handvoll Auslöser, die zeitlich zusammentreffen und von keinem Machthaber mehr aufgehalten werden können, sobald sie einmal ausgelöst sind."
Stichwörter: Eritrea, Äthiopien

Magazinrundschau vom 11.11.2025 - New Lines Magazine

Eine Gruppe von Jesiden und Jesidinnen im Nordirak. Foto: Upenn Museum Archives.

Von 1931 bis 1938 führte ein Forscherteam unter der Leitung der American Schools of Oriental Research archäologische Ausgrabungen in Tepe Gawra und Tell Billa im Norden des Irak durch, erzählt William Gourlay. Dabei machten die Forscher über dreihundert Fotografien der ortsansässigen jesidischen Bevölkerung. Nach Abschluss der Arbeiten verschwanden die Fotos im Archiv der Pennsylvania Universität und wurden vergessen, bis Marc Marin Webb im Jahr 2022 zufällig im Rahmen seiner Forschungen zum Genozid an den Jesiden durch den IS im Jahr 2014 auf die Fotografien stieß. Unter der Mitarbeit von Jesiden und anderen Menschen aus dem Nordirak entstand so das "Sersal-Projekt": Webb ließ die Bilder an den Orten ihrer Entstehung zeigen, was für große Freude und Aufmerksamkeit bei den Ansässigen sorgte, unter anderem, weil viele verstorbene Verwandten auf den Fotografien entdeckten: "Die Jesiden sind sich einig, dass sie im Laufe ihrer Geschichte 74 'Fermans' (Völkermorden) zum Opfer gefallen sind. Daher betrachten sie Verfolgung - und das Ertragen dieser - als einen zentralen Bestandteil ihrer Identität. Die gewaltsamen Angriffe des Islamischen Staates im Jahr 2014 waren der letzte dieser Völkermorde. Im Gegensatz dazu zeigen die Fotografien der University of Pennsylvania eine Zeit relativer Ruhe. Ab 1921 unter britischer Mandatsverwaltung, erlangte der Irak 1932 seine Unabhängigkeit. Faisal al-Haschimi, der neu ernannte erste König des Irak, garantierte den Schutz ethnischer und religiöser Minderheiten (...) Eines seiner Ziele war die Schaffung einer nationalen Identität, die die Vielfalt der religiösen und ethnischen Gemeinschaften im Irak integrieren konnte. Die Hochzeitszüge, gemeinschaftlichen Tänze und Momentaufnahmen des Dorflebens im Fotoarchiv zeigen Jesiden in diesem politischen Umfeld, einer Zeit des Optimismus. Das Sersal-Projekt unter der Leitung von Marin Webb und Brunt ist somit ein wertvolles Zeugnis dieser Ära. Es hat aber auch weiterreichende Bedeutung für die Jesiden selbst und die irakische Bevölkerung insgesamt. Es zeigt die Jesiden nicht nur als Opfer von Verfolgung und Gewalt, sondern gibt ihnen ein Gesicht."

Magazinrundschau vom 04.11.2025 - New Lines Magazine

In einer sehr ausführlichen Reportage vertieft sich Michael Weiss in die Memoiren von General Alexander Zorin, einem hohen Beamten des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Zorin war Russlands Gesandter in Syrien und spielte eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen zwischen dem Regime von Präsident Bashar al-Assad und den Oppositions- und Rebellenfraktionen des Landes, erklärt Weiss. Zorins Buch mit dem Titel "Der Verhandler" zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: den Größenwahn seines Verfassers, der sich selbst als eine Art Action-Held darstellt - und einen laxen Umgang mit Fakten. Durch seine Nachlässigkeit mit der Wahrheit enthüllt Zorin aber mehr als er möchte, findet Weiss heraus. Vor allem interessant ist Zorins Umgang mit dem Chlorgasangriff in der syrischen Stadt Duma im Jahr 2018. Während die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) eindeutig feststellte, dass das syrische Regime für den Einsatz der Waffen verantwortlich war, leugneten die Russen nicht nur Assads Beteiligung, sondern behaupteten schlichtweg, der Angriff habe nie stattgefunden, sondern sei eine Inszenierung der gegnerischen Rebellengruppen gewesen. Zorin schreibt nun an einer Stelle des Buches, "dass seine Zimmer frühmorgens gereinigt wurden, ein Vorgang, der 'grausam und gnadenlos war, wie der Bürgerkrieg in Syrien. Er basierte auf der Hauptwaffe der syrischen Terroristen, des Assad-Regimes und der Militärreiniger - Bleichmittel. Glauben Sie dem Mann, der die Leichen nach den Chlorgasangriffen in Duma sortierte: Der Eimer des Reinigungssoldaten im Schlafsaal und ein Zylinder mit einer giftigen Substanz aus Ghouta, der zur Untersuchung an das OVCW-Labor in Den Haag geschickt wurde, enthielten eindeutig denselben Stoff.' Chlorgas, das als Flüssigkeit in einem unter Druck stehenden Zylinder gelagert wird, ist kein Chlorbleichmittel, wie man es beispielsweise in Haushaltsreinigern findet. Abgesehen von Zorins mangelhaften Chemiekenntnissen: Wie kann 'Bleichmittel' die 'Hauptwaffe' des Assad-Regimes sein, wenn dieses laut russischer Regierung nie Chlor als chemische Waffe eingesetzt hat?"

Victoria Mortimer beobachtet mit Sorge den Boom des chinesischen Fast-Fashion-Unternehmens Shein in Argentinien. Die ultra-billigen Kleider des Unternehmens finden auch deshalb so viel Anklang, weil Kleidung in Argentinien aufgrund hoher Steuersätze überdurchschnittlich teuer ist. Der Fast-Fashion-Riese produziert in unglaublicher Geschwindigkeit, erklärt Mortimer,  täglich (!) erscheinen zwischen 6.000 und 10.000 neue Produkte. Das ist sogar im Vergleich mit Moderiesen wie H&M und Zara enorm, erklärt die Autorin. Möglich gemacht wird das durch extrem schlechte Qualität und ausbeuterische Arbeitsbedingungen. In Argentinien leiden derweil die lokalen Marken: "Im Zuge der Reformen hin zu einer freien Marktwirtschaft schaffte die Regierung Milei Zölle und Einfuhrbeschränkungen ab, um die Inflation einzudämmen und eine der abgeschottetsten Volkswirtschaften der Welt zu transformieren. Die Importe stiegen im Februar 2025 um mehr als 40 Prozent auf fast sechs Milliarden US-Dollar - die chinesischen Importe haben sich dabei mehr als verdoppelt -, da die Argentinier zunehmend auf ausländische Waren zurückgriffen. Dieser Importanstieg dürfte laut Aussagen von Fabrikbesitzern gegenüber dem Wall Street Journal die heimischen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe gefährden. Insbesondere in der Modebranche berichtete Pro Tejer, dass die Bekleidungsimporte zwischen 2024 und 2025 um 86 Prozent gestiegen sind - und von den bisher in diesem Jahr importierten rund 20.000 Tonnen Textilien stammen 73 Prozent aus China."