Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 19.05.2026 - New Lines Magazine

Sophie Neiman blickt nach Sudan, wo neue Drohnen-Technologien einen erbarmungslosen Krieg noch grausamer und anonymer machen. Sie haben "den Krieg im Sudan verändert, zu höheren Opferzahlen geführt und die Verantwortlichkeit verwischt. Sie sind auch ein Zeichen für den wachsenden internationalen Einfluss in dem Konflikt. Den sudanesischen Streitkräften (SAF) sollen Drohnen von Ägypten und der Türkei geliefert worden sein, ihren Rivalen, den Rapid Support Forces (RSF), von den Vereinigten Arabischen Emiraten." Drohnenangriffe verschleiern die Verantwortlichkeit in einem Krieg, "in dem beide Seiten ohnehin relativ ungestraft agieren. Es ist oft schwer zu erkennen, wann sie gezielt auf Zivilisten gerichtet waren - was die Angriffe nach internationalem Recht zu einem Kriegsverbrechen machen würde - und wann Todesfälle im Kriegswirrwarr stattfanden." Oft finden Tötungen in Gebieten statt, die "zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den RSF heftig umkämpft sind, sodass beide Seiten die Täter sein könnten." Es sei "'ohnehin schon schwierig, Einzelpersonen für all die im Sudan begangenen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen', erklärt ein Mitarbeiter von Amnesty International. 'Wenn die Konfliktparteien durch den Einsatz von Technologien wie Drohnen eine weitere Ebene der Komplexität hinzufügen, verkompliziert das die Frage der Verantwortlichkeit erheblich.'" Insgesamt wurden zwischen 2023 und 2025 rund 780 Zivilisten durch Drohnenangriffe der RSF getötet, so Neiman, weitere 1.800 starben bei Angriffen der SAF, wie aus einem Bericht von Al Jazeera hervorgeht, der sich auf zusätzliche Daten der Forschungsgruppe Armed Conflict Location and Event Data (ACLED) stützt.

Die Historikerin Ana Sekulić untersucht die komplexe Geschichte hinter den traditionellen Tätowierungen katholischer Bosnierinnen. Sie glaubt, die jungen Frauen sollten so unter der osmanischen Besatzung daran gehindert werden, zu Islam zu konvertieren: "Der Glaubenswechsel erforderte nicht nur eine spirituelle Neuorientierung, sondern auch das Wachsenlassen einer völlig neuen Haut. Die Tätowierung diente als Erinnerung - und Versprechen - an den Schmerz, der mit dem Verlassen der Gemeinschaft einherging. Nicht, dass die Muslime vor dem Kreuz geflohen wären; vielmehr mussten die Katholiken ständig daran erinnert werden."

Magazinrundschau vom 12.05.2026 - New Lines Magazine

Am 25. September 1507 begann mit der Ankunft einer portugiesischen Flotte geführt von Afonso de Albuquerque die Geschichte des globalen Kampfes um die Vorherrschaft über die Straße von Hormus, deren wichtigste Stationen Amelia Hankins nachzeichnet. Sie erzählt auch vom sagenumwobenen arabischen Herrscher und Piraten Rahmah ibn Jabir, außerdem ein Dichter und Politiker, den der Kaufmann James Silk Buckingham einst als "den erfolgreichsten und vielleicht am meisten tolerierten Piraten, der jemals ein Meer heimgesucht hat" beschrieb. Im Jahr 1816 hatte Buckingham eine denkwürdige persönliche Begegnung mit Jabir. Er "hielt sich in Maskat auf, als der dort ansässige britische Diplomat Rahmah ibn Jabir und einige seiner Anhänger zum Tee empfing. Diese Begegnung ist  bemerkenswert nicht nur wegen des Bildes eines kampferprobten Mannes in einem 'großen schwarzen Ziegenhaarmantel', der eine Tasse englisches Frühstück an die Lippen führte, sondern auch, weil die Briten sich seit Jahren über Angriffe Jabirs beschwert hatten. Buckingham, der sich dabei etwas überfordert fühlte, beschrieb Jabirs Gesicht als 'von Natur aus wild', seine Arme und Beine als 'von Säbel-, Speer- und Kugelwunden zerschnitten und durchbohrt' und dessen offensichtliches Beharren darauf, sich kleidungsmäßig nicht von seinen Anhängern zu unterscheiden, als 'widerlich'. Jabir wird oft auch der prestigeträchtige Titel des ersten Piraten zugeschrieben, der nachweislich eine Augenklappe trug. Er hatte sich zudem gerade von einer schweren Armverletzung erholt, die ihn vom Ellbogen bis zur Schulter knochenlos gemacht hatte. Als ihn einer der Engländer fragte, wie er mit einem solchen Arm seinen Feinden entgegentreten wolle, zog Jabir seinen Dolch und wirbelte mit seinem gesunden Arm den schlaffen Arm, den Dolch in der Hand, im Kreis herum, während er erklärte, er freue sich darauf, weitere Kehlen durchzuschneiden."

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - New Lines Magazine

Surbhi Gupta beleuchtet die neue Rolle Pakistans im Nahen Osten. Bei den Friedensgesprächen zwischen den USA und Iran nahm das Land eine wichtige Rolle als Vermittler ein, resümiert Gupta, gleichzeitig nähern sich Staaten wie Saudi-Arabien Pakistan als potentiellem Partner an: "Experten zufolge signalisiert Pakistans zunehmendes diplomatisches und militärisches Engagement im Nahen Osten eine Neuausrichtung seiner strategischen Identität und erweitert seine Rolle über Südasien hinaus. Es entwickelt sich neben Saudi-Arabien und der Türkei zu einer aufstrebenden 'dritten Säule' in Südwestasien - eine Entwicklung, die durch die Konfrontation mit Indien im Mai 2025 beschleunigt und sowohl durch den zwölftägigen Krieg zwischen Israel und dem Iran als auch durch den aktuellen Krieg gegen den Iran weiter geprägt wurde. Diese neue Phase des pakistanischen Engagements in Südwestasien ist jedoch auch von einer veränderten Sicherheitslage am Golf geprägt, wo jüngste iranische Angriffe Schwachstellen offengelegt haben." Ungeachtet "des Ausgangs des Konflikts sind Experten der Ansicht, dass das Ansehen der USA in der Region gelitten hat. 'Dies fühlt sich wie ein Wendepunkt an, an dem sich ältere Sicherheitsstrukturen verschieben und die Rolle der USA als Sicherheitsgarant weiterentwickelt', sagt Fahd Humayun, Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der Tufts University." Da "Staaten hinterfragen, ob sie ihre eigene Abschreckung gewährleisten können - die nur durch Nuklearwaffen vollständig sichergestellt werden kann -, wenden sie sich externen Partnern zu. 'Doch die Optionen sind begrenzt', sagte Humayun. 'Die Glaubwürdigkeit der USA hat gelitten, und auch die Rolle Europas und Großbritanniens als Vermittler war in dieser Krise auffallend schwach.' Dies hat Pakistan eine Chance eröffnet."

Magazinrundschau vom 21.04.2026 - New Lines Magazine

Die Regierung in Kuwait hat in den letzten zwei Jahren eine so noch nie dagewesene Kampagne zur Aberkennung von Staatsbürgerschaften lanciert, berichten Fatimah Muhammed und Sultan Alamer. Die Nationalisten um den Emir Meshal al-Ahmad, haben laut "der Newsroom Initiative, einer unabhängigen Medienorganisation aus der Golfregion, die die im kuwaitischen Amtsblatt veröffentlichten Dekrete verfolgt", bis April 2026 über "71.059 Menschen die Staatsbürgerschaft entzogen. Dies entspricht 4,6 Prozent der offiziellen Bevölkerung Kuwaits von 1,545 Millionen", so die Autoren. Betroffen sind vor allem Doppelstaatler, eingebürgerte Personen, Frauen und die sogenannten Bidoon, die "zu Stämmen im Norden Kuwaits gehören, deren Siedlungsgebiet sich über Teile Kuwaits, des Irak und Saudi-Arabiens erstreckt." Der Grund ist weniger Rassismus, meinen die Autoren, als die Schwächung von oppositionellen Kräften in der Nationalversammlung, denn mit der Staatsbürgerschaft wird auch das Wahlrecht und das Recht ein politisches Amt zu bekleiden, entzogen. Schon früher wurde in Kuwait mit Staatsbürgerschaften Politik gemacht, erklären die Autoren, vor allem geht diese politische Maßnahme auf den ehemaligen Emir Jaber al Sabah zurück, der sich mit einem Staatsbürgerschaftscoup Chancen auf den Thron sichern wollte, indem er massenhaft Beduinen die Staatsbürgerschaft verlieh. 

Sami Zaïbi blickt auf den Irak, wo die schiitischen Milizen - nach der teilweisen Zerschlagung der Hamas, der Hisbollah und den Huthis im Jemen - das letzte Überbleibsel der vom Iran gesteuerten "Achse des Widerstandes" sind: "Im Zentrum dieser Koalition stehen die Volksmobilisierungskräfte (PMF), ein Dachverband von etwa 60 überwiegend schiitischen Milizen, die größtenteils im Krieg gegen den Islamischen Staat entstanden sind. Diese Gruppen üben in weiten Teilen des Landes sowohl militärische als auch wirtschaftliche Kontrolle aus. Die in den letzten Jahren institutionalisierte PMF erhält jährlich über drei Milliarden US-Dollar vom irakischen Staat, der sie als integralen Bestandteil des nationalen Sicherheitsapparats betrachtet. Einige ihrer Anführer bekleiden Regierungsämter und Parlamentssitze, und ihre Flaggen sind in Bagdad allgegenwärtig. Während manche Iraker sie als Garanten für die lokale Sicherheit sehen, verurteilen andere sie als eine Art Mafia. Die kleinste und radikalste Gruppierung ist der 'Islamische Widerstand' im Irak, ein Bündnis dreier radikaler Milizen: Kataib Hisbollah, Harakat al-Nujaba und Sayyid al-Shuhada." Zaïbi spricht mit einem hohen Funktionär des "Islamischen Widerstandes", der allerdings anonym bleiben will: "'Dies ist ein existenzieller Krieg', sagte er. 'Die Vereinigten Staaten und Israel zielen auf den Schiismus selbst. Dieser Krieg hat eine religiöse Dimension. Wir glauben, er wird zur Rückkehr des Mahdi führen. Wir sehen die Zeichen.' Im Zwölfer-Schiismus glaubt man, dass der Mahdi - der verborgene zwölfte Imam - über ein Jahrtausend lang im Verborgenen gelebt hat und zurückkehren wird, um dem Unrecht ein Ende zu setzen. Der Überlieferung nach wird seine Erscheinung inmitten von Kriegen gegen ungerechte Kräfte stattfinden und von drei Gestalten angekündigt werden: al-Yamani, einem rechtschaffenen Führer aus dem Jemen; al-Sufyani, einem aufstrebenden Tyrannen in Syrien; und al-Khorasani, einem Militärführer aus der Region Chorasan, der mit al-Yamani verbündet ist."

Magazinrundschau vom 14.04.2026 - New Lines Magazine

"Ungarn ist für China das Tor zum Kontinent und zur Europäischen Union geworden", erklärt Lili Rutai, und zwar durch die Elektro-Mobilitätsbranche: "Zwischen 2014 und 2025 entwickelte sich Ungarn, ein kleines Land mit 9,5 Millionen Einwohnern, nach Indonesien zum zweitgrößten Empfänger chinesischer Direktinvestitionen in die Elektromobilität weltweit. Insgesamt flossen in diesem elfjährigen Zeitraum 18 Milliarden Dollar an Investitionen nach Ungarn - mehr als die gesamten chinesischen Investitionen in Nordamerika und Australien im selben Zeitraum." Während die EU den wirtschaftlichen Einfluss Chinas im Westbalkan nach mehreren Unfällen, wie dem Einsturz des Bahnhofsdaches in der serbischen Stadt Novi Sad (unser Resümee), und Korruptionsvorwürfen gesetzlich eingedämmt hat, bleiben chinesische Technologien im Bereich "Grüne Energie" dominant, sie werden für die Energiewende als unerlässlich angesehen - und führen dabei nicht selten zu Umweltkatastrophen, so Rutai: "Im Februar enthüllte das ungarische Medienunternehmen Telex, dass den Behörden gravierende Umweltverschmutzungen in einer Samsung-Batteriefabrik in God, einer Stadt 22 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, bekannt waren. Die Bevölkerung vor Ort und unabhängige Medien schlugen wiederholt Alarm. Dennoch unternahmen die ungarische Regierung und die lokalen Behörden nichts, um Samsung zur Einhaltung der Gesetze oder zur Einstellung des Betriebs zu zwingen. Sie befürchteten, dass eine strengere Durchsetzung der Gesetze Batteriehersteller davon abhalten könnte, in Ungarn zu investieren." 

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Surbhi Gupta applaudiert jungen pakistanischen Gastronomen und Gastronominnen, die der pakistanischen Küche in den USA zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Auch Kochbücher spiegeln die neu entdeckte Vielfalt wieder, wie zum Beispiel Maryam Jillanis Buch "Pakistan", das pakistanische Rezepte mit einer Kulturgeschichte des Landes verbindet: "In ihrem Buch über die pakistanische Diaspora argumentiert sie, dass ein Grund für die mangelnde Sichtbarkeit der pakistanischen Küche in ihrer häufigen Verwechslung mit indischem Essen liegt. Viele Restaurants in den USA, die von Pakistanern geführt werden, wurden als indisch vermarktet, da die Kundschaft zwar ein gewisses Verständnis der indischen Küche hatte, nicht aber der pakistanischen. Das bedeutete, dass ihre Speisekarten indische Gerichte wie Butter Chicken und Chana Masala (Kichererbsencurry) enthielten, nicht aber pakistanische wie beispielsweise gebratenen Fisch nach Lahori-Art (paniert mit einer Gewürzmischung aus Ajowan, Kreuzkümmel und Koriandersamen) oder Haleem, einen dicken Rindfleisch-Gersten-Linsen-Brei mit gebratenen Zwiebeln, Ingwerstreifen und Zitronensaft. Jillani erkennt zwar die Überschneidungen zwischen den Küchen aufgrund der gemeinsamen Geschichte der Länder an, argumentiert aber, dass die übermäßige Betonung dieser Ähnlichkeiten auf Kosten der pakistanischen Küche aus Provinzen und Gebieten wie Belutschistan, Khyber Pakhtunkhwa und Gilgit-Baltistan ging und die Entwicklung der Küche seit der Teilung vernachlässigte. So findet sich beispielsweise wenig Literatur über das gesalzene Lammgericht - am Spieß auf einem Holzkohlegrill oder in einem großen, geschwärzten Wok über Tomatensoße gebraten -, das vom Shinwari-Stamm stammt, der sowohl in Pakistan als auch in Afghanistan ansässig ist. Ebenso wenig findet sich etwas über die Fischergemeinden im Süden Pakistans, die Krabben, Garnelen und Dutzende von Fischsorten grillen, braten oder in reichhaltig gewürzte Currys einarbeiten. In Karatschi, Pakistans größter Stadt, gibt es Nihari, den langsam geschmorten Fleischeintopf, oder unzählige Biryani-Varianten, die die Geschichten verschiedener Migrantengemeinschaften erzählen, die die Stadt ihr Zuhause nennen." Guten Appetit!

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - New Lines Magazine

Laurent Perpigna Iban besucht Peschmerga-Kämpfer in der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Die blutige Niederschlagung der Proteste in Iran durch die Islamische Republik haben eine neue Flüchtlingswelle von iranischen Kurden hierhergebracht, die besonders starke Repressionen durch das Regime erleiden. In den Zagrosbergen liegt ein geheimer Stützpunkt der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistans (PDKI), wo die Kämpfer trainieren. Die Enttäuschung darüber, dass die Proteste in Iran nicht zum Sturz der Mullahs geführt haben, ist groß, doch gibt es auch Grund zur Hoffnung: "Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben die verschiedenen iranisch-kurdischen Gruppierungen eine gemeinsame Basis gefunden und eine Kooperationsplattform geschaffen. Die PDKI, die 'Partei für ein Freies Leben in Kurdistan (PJAK)', die 'Komala-Partei', die 'Kurdische Freiheitspartei (PAK)' und die 'Organisation des iranisch-kurdischen Kampfes', bekannt als Khabat, stehen nun vereint da. Das Projekt ist eher politischer als militärischer Natur und legt den Grundstein für den Schutz der kurdischen Bevölkerung im Iran. Übereinstimmenden Quellen zufolge gibt es Gespräche über eine mögliche Bodenoffensive, auch wenn ein solches Szenario noch nicht formell diskutiert wurde." Die USA beobachten diese Entwicklung ganz genau - eine Unterstützung Trumps lehnen die Kurden aber bisher ab. Die Gefahr, dass die Kurden von ihren Verbündeten wieder fallen gelassen werden, wie in Syrien, ist zu groß, "wie Ehwen Chiako, ein Mitglied des Führungsrats der PJAK, erklärt: 'Wir haben das Recht, internationale Unterstützung zu suchen und die Schwächung der Islamischen Republik zu nutzen, um unser Ziel zu erreichen - die Errichtung eines demokratischen und dezentralisierten Irans. Wir müssen jedoch wachsam und besonnen handeln. Wir wollen nicht zu Kanonenfutter werden."

Magazinrundschau vom 03.03.2026 - New Lines Magazine

Der Iran steht nicht am Rande einer Revolution, sondern am Rande der Erschöpfung, meint der israelische Nahostexperte Menahem Merhavy. "Im heutigen Iran sind Akte stillen Widerstands Teil des Alltags geworden. In den großen Städten des Landes sieht man unverhüllte Frauen an öffentlichen Orten. Protestlieder sind weit verbreitet. Die dramatischen Ereignisse von Ende Dezember und Januar mit erneuten Konfrontationen und einer gewaltsamen Reaktion des Staates haben das Gefühl der Krise noch verstärkt. Doch selbst in dieser Zeit erhöhter Spannungen gibt es keinen anhaltenden Massenaufstand, keine konsolidierte revolutionäre Führung, keinen klaren Bruch mit der politischen Ordnung, die das Land seit fast einem halben Jahrhundert regiert. Die Wahrheit könnte einfacher und beunruhigender sein. Der Iran steht keineswegs vor einem revolutionären Moment. Er tritt in eine längere Phase des politischen Niedergangs ein, in der die Macht fortbesteht, auch wenn die Legitimität schwindet, in der sich die Politik nicht durch dramatische Brüche, sondern durch Erosion entwickelt - zunächst langsam, dann, wie in den letzten Jahren, in immer schnellerem Tempo."

In Mauretanien gibt es ziemlich hohe Scheidungsraten, es ist normal, dass Frauen einen Mann nach wenigen Monaten wieder verlassen, wenn der es (zum Beispiel finanziell) nicht bringt, schildern Oliver Dunn und Josef Skrdlik in Newlines. Das Land ist islamisch geprägt, für viele ist die Ehe schlicht Voraussetzung, sich auch sexuell ausprobieren zu können. Die islamische Praxis der Sirriya, eine geheime Ehe, bietet da eine Art Schlupfloch, denn sie kann schon mit dem dreifachen Ausspruch des Satzes "Ich bin von dir geschieden" aufgelöst werden: "Samia, eine dreifache Mutter in ihren späten Zwanzigern, ist viermal geschieden, die letzten beiden Ehen waren Sirriya. Die geheimen Arrangements, beide haben nur ein oder zwei Monate gehalten, waren finanziell lukrativ - Goldarmbänder, Bargeld in Höhe von insgesamt 12 500 Dollar und ihre Miete wurde für ein Jahr bezahlt. Als nun freie Frau ist sie auf der Suche nach einem wettbewerbsfähigen Mann. 'Ich will jemanden, der ein Bossmann ist', sagt sie. 'Jemanden, der einen großen Schwanz hat, jemanden, der Moslem ist. Ich kann alle Sexstellungen.' Wird sie gefragt, ob sie sich ein eher lockeres Arrangement vorstellen kann - eines, das nicht durch einen Imam abgesegnet ist - ist ihre Antwort ein definitives Nein. 'Das wäre haram', betont sie. Der Bemerkung, dass eine Ehe auch durch Liebe zustande kommen könnte, wird mit ähnlichem Spott begegnet. 'Ich kann dein Herz nicht essen. Es wird mir keine Kleidung kaufen', gibt sie zu verstehen. Die Sicht auf Sirriya ist sehr unterschiedlich. Nech (eine weitere mauretanische geschiedene Frau, Anm. d. Red.) zum Beispiel sieht kaum einen Unterschied zwischen Sirriya und Prostitution. 'Ich habe einen Bild von einem Schwein gesehen, auf dem der Stempel halal prangte. Das ist das gleiche. Das macht es nicht halal', findet sie. Viele aber verteidigen diese Arrangements hartnäckig. Für Mohamed, einen lokalen Politiker, macht die Zustimmung des Imams den Unterschied:'Lockerer Sex und Sirriya, das sind komplett unterschiedliche Dinge.'"

Außerdem einen Blick wert: Phineas Rueckert besucht den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der Kommunistischen Partei Chiles, Daniel Jadue, einen Chilenen palästinensischer Herkunft, der heute wegen Korruption angeklagt ist.

Magazinrundschau vom 24.02.2026 - New Lines Magazine

Diana Kruzman erzählt, wie der Amanita muscaria, auch bekannt als Fliegenpilz, in einer vom Krieg erschütterten Ukraine zu einem immer beliebteren Antidepressivum wird: "In den letzten drei Jahren ist die Nachfrage nach Fliegenpilzen, die jeden Herbst an bewaldeten Berghängen gesammelt und als pflanzliches Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden, sprunghaft angestiegen. Statt große Mengen zu konsumieren, bevorzugen viele die Mikrodosierung, bei der kleine Mengen des Pilzes eingenommen werden, die keine unangenehmen Nebenwirkungen wie Halluzinationen und starkes Schwitzen auslösen. Der Fliegenpilz hat sogar aktive Soldaten an der Front erreicht. 'Das ganze Land braucht Psychotherapie', sagte Tatiana Boichuk, eine Pilzsammlerin, die in den letzten zwei Jahren Tausende von Menschen in der Ukraine mit Fliegenpilzen versorgt hat." Die Verwendung ist umstritten, da der Pilz, zu hoch dosiert, giftig ist und zu Psychosen, mitunter sogar zum Tod führen kann. Trotz allem wird der Pilz in der Ukraine zur "bevorzugten Methode, Kriegstraumata zu bewältigen - in einer Gesellschaft, in der es, wie in vielen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, immer noch ein Tabu ist, Depressionen oder Angstzustände öffentlich zuzugeben." Neu ist diese "Medizin" aber nicht: "In der Ukraine und anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion ist der Fliegenpilz als 'Mukhomor' ('Fliegentöter') bekannt, was seinen englischen Namen 'Fly Agaric' erklärt. Trotz seiner Giftigkeit für Insekten wird der Fliegenpilz seit Jahrtausenden von Menschen als Heilmittel, Rauschmittel und rituelles Hilfsmittel konsumiert. Russische Archäologen haben im Fernen Osten Sibiriens Felszeichnungen mit Darstellungen des Fliegenpilzes gefunden."

Phineas Rueckert besucht den ehemaligen kommunistischen Bürgermeister von Recoleta, einer Gemeinde in Chile, der wegen Korruption, Betrug und Veruntreuung öffentlicher Gelder angeklagt ist. Bekannt wurde Daniel Jadue mit seinem Konzept der "Volksapotheke", die Medikamente zu günstigeren Preisen verkaufen wollte. 2016 gründete er "die Chilenische Vereinigung der Volksapotheken" (ACHIFARP): "Die Strafanzeige wurde 2022 von Best Quality SpA, einem chilenischen Anbieter medizinischer Ausrüstung, erstattet", der Prozess läuft inzwischen, die Staatsanwaltschaft hat eine 18-jährige Haftstrafe gefordert. Jadue weist die Vorwürfe zurück, erklärt Rückert, und stellt sie als Teil einer politischen Verschwörung der Mächtigen dar. Die juristische Lage ist komplex, meint Rueckert, neuste Erkenntnisse könnten Jadue aber tatsächlich entlasten. Doch eine besonders differenzierte Sicht auf die Welt können sich die Chilenen, falls er irgendwann doch noch einmal kandidieren sollte, nicht erhoffen: "Er sieht die Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Richtig und Falsch. Das ist Teil seiner Herkunftsgeschichte. 'Ich wurde am 28. Juni 1967 geboren, dem Tag, an dem die Zionisten nach dem Krieg Jerusalem annektierten', erzählte mir Jadue. 'Ich kam also in einem Kontext großer Unruhen zur Welt und wusste sofort, auf welcher Seite der Welt ich stand: auf der Seite derer, die nicht zu den Herrschern gehören.'"

Magazinrundschau vom 17.02.2026 - New Lines Magazine

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Die Islamische Republik hat den Iran nahe an den wirtschaftlichen Zusammenbruch gebracht. Die Proteste zu Beginn des Jahres waren denn auch vorrangig von der unteren Mittelschicht getragen, weiß Yeganeh Torbati und blickt genauer auf die Machenschaften der Mullahs, die sich selbst die Taschen voll machen, während ihr Volk verarmt: "Eliten mit Verbindungen zu Regierungsbeamten bereichern sich durch lukrative Rentier-Systeme, die der Wirtschaft nichts bringen, und genießen privilegierten Zugang zu Bankkrediten, der dem Durchschnittsbürger verwehrt bleibt. Von Khomeinis Nachfolger, Ayatollah Ali Khamenei, kontrollierte Konzerne verdrängen legitime Privatunternehmen und dehnen ihre Imperien durch offene oder verdeckte Drohungen aus." Außerdem gibt es ein ständiges Bestreben, erfolgreichen Einzelunternehmen oder Branchen, die sich nicht der Ideologie des Regimes unterwerfen, Steine in den Weg zu legen: "Ein Beispiel verdeutlicht diese Dynamik eindrücklich. Im Mai 2004 blockierten Revolutionsgarden mit bewaffneten Land Cruisern die Landebahn des brandneuen internationalen Flughafens von Teheran, um die Landung des Erstflugs zu verhindern. Nach langem Bitten des damaligen iranischen Verkehrsministers durfte der Flug schließlich landen. Kampfflugzeuge fingen jedoch einen zweiten Flug mit Zivilisten ab und drohten, ihn abzuschießen, falls er nicht sofort vom Flughafen abdrehte, wie der ehemalige Verkehrsminister Ahmad Khorram berichtete. Die Revolutionsgarden begründeten ihr Vorgehen damit, dass das mit dem Betrieb des Flughafens beauftragte türkisch-österreichische Unternehmen ein nationales Sicherheitsrisiko darstelle. Khorram deutete jedoch öffentlich an, dass der wahre Grund für die drastische Intervention darin lag, dass iranische Unternehmen unter der Führung der Revolutionsgarden zwar Angebote für die Ausschreibung abgegeben hatten, diese aber aufgrund höherer Preise abgelehnt wurden."

Magazinrundschau vom 10.02.2026 - New Lines Magazine

Gerade hat Japans Premierministerin Sanae Takaichi bei vorgezogenen Neuwahlen mit 60 Prozent der Stimmen einen erdrutschartigen Sieg errungen, über den Eleonora Zocca berichtet. Aber das Votum für Takaichi bedeutet nicht unbedingt eine breitere Zustimmung für ihre Liberaldemokratische Partei (LDP), meint Zocca. Denn das politische Klima verändere sich zu Gunsten von viel extremeren Kräften: Die "MAGA-isierung" der japanischen Politik ist in vollem Gange, befeuert von der rechtsextremen Partei Sanseito, die zwar noch wenig Sitze im Parlament hat, aber genug Macht, um den Diskurs nach rechts zu verschieben:  "Die Partei, die 2020 während der Covid-19-Pandemie auf YouTube entstand und von Sohei Kamiya geführt wird, hat sich die Strategien von QAnon zu eigen gemacht. Erstmals in der japanischen Politik ist es Sanseito gelungen, diverse Verschwörungstheorien miteinander zu verknüpfen - über Impfstoffe, 'globalistische Eliten', die Nationalstaaten (darunter Japan) zerstören wollen, und fremdenfeindliche Propaganda, die sich vor allem gegen Chinesen, aber auch gegen Kurden richtet - das alles unter dem Motto 'Japan zuerst' (...) Während die antichinesische Stimmung in Japans kolonialer Vergangenheit und der Geschichtsrevision vieler Ereignisse des Zweiten Weltkriegs wurzelt, sind der Hass gegen Kurden und Muslimfeindlichkeit im Allgemeinen jüngere Phänomene. Eine kurdische Gemeinschaft lebt hauptsächlich in den Städten Warabi und Kawaguchi in der Präfektur Saitama. Obwohl sie nur etwa 3.000 Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von 670.000 ausmacht, wird die Region abwertend als 'Warabistan' bezeichnet. Hauptgrund für die verschärften Spannungen war ein Vorfall im Jahr 2023, als ein privater Streit in einer Messerstecherei mündete und die beteiligten kurdischen Gemeindemitglieder das Krankenhaus überfüllten, wodurch die Notfallversorgung vorübergehend beeinträchtigt wurde. Obwohl Flüchtlingsaufnahme, chinesische Investitionen und Übertourismus normalerweise unterschiedliche politische Ansätze erfordern würden, hat Sanseito sie unter einem breiteren Begriff zusammengefasst."
Stichwörter: Takaichi, Sanae, Sanseito, Japan