Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 20.02.2024 - New Lines Magazine

Liz Cookman and Emre Çaylak schildern das Schicksal der Mescheten, einer türkischsprachigen Volksgruppe, die ursprünglich in Georgien angesiedelt waren, und nun in den ehemaligen UDSSR-Staaten, aber auch den USA und der Türkei leben. Wie die vieler ethnischer Minderheiten ist die Geschichte der Mescheten eine der Vertreibung und Verfolgung, "viele haben ein so unstetes Leben geführt, dass sie drei oder mehr Sprachen sprechen, darunter Türkisch und entweder Ukrainisch oder Russisch. Jede Generation wurde in einem anderen Land geboren als die letzte..." Die Ukraine ist allerdings für viele zu einer neuen Heimat geworden, schreiben die Autoren, so auch für Serhan Halilovic, der im Krieg gegen Russland kämpft und ständig hofft, nicht einen anderen Mescheten zu erschießen: "'Der Unterschied zwischen hier und dort besteht darin, dass die Mescheten in Russland nicht aus eigenem Antrieb in den Krieg ziehen', sagte Halilovic, was die Ansicht vieler Ukrainer widerspiegelt, dass sich ihre Männer und Frauen aus Patriotismus freiwillig zur Verteidigung ihres Landes melden, während die Russen zum Einmarsch gezwungen werden. In Russland werden Männer in Wellen eingezogen; in der Ukraine ist es Männern im wehrfähigen Alter verboten, das Land zu verlassen, aber es gibt keine allgemeine Wehrpflicht, obwohl ein neues Mobilisierungsgesetz zur Einberufung von bis zu 500.000 Soldaten führen könnte. Halilovics einst enger Cousin aus Rostow am Don kämpft für Moskau auf der besetzten Krim. Offiziere kamen eines Morgens zu seinem Haus und nahmen ihn gewaltsam mit, wie sein Vater der Familie erzählte. Wegen der damit verbundenen Risiken haben die Cousins keinen direkten Kontakt mehr. Auch die Mescheten aus Russland, denen Halilovic im Kampf begegnete, erzählten ihm, dass sie zum Militär gezwungen worden waren. Russische Truppen aus Dagestan, Burjatien und Krasnodar (wo die Mehrheit der meschetischen Bevölkerung Russlands lebt) haben nach einer Untersuchung des russischen Dienstes der BBC die meisten Soldaten im Krieg verloren. Die unverhältnismäßig hohen Zahlen zeigen, dass der Kreml gezielt ethnische Minderheiten zum Kampf und zum Sterben in der Ukraine einberufen hat. Halilovics Vater Halil, der 63 Jahre alt ist und zwischen der Türkei und seiner Gemüsefarm in der Ukraine pendelt, telefoniert regelmäßig mit seinem Bruder in Russland. Sie streiten sich oft. Sein Bruder sagt ihm, dass er trotz der Mobilisierung seines Sohnes an einen gerechten Krieg gegen den westlichen Imperialismus und die NATO glaubt, eine Vision, die von Moskau vorgegeben und streng kontrolliert wird. Halil, der zuvor sechs Jahre in Russland verbracht hat, meint, sein Bruder habe den Verstand verloren. 'Putin hat seine Soldaten in die Ukraine geschickt, um Menschen abzuschlachten', sagt er ihm am Telefon. 'Nicht andersherum.' Er versucht, ihm ein Verständnis dafür zu vermitteln, was ein anhaltender Konflikt zwischen den beiden Ländern bedeutet. 'Ich sage ihm: Wenn dein Sohn und mein Sohn sich in diesem Krieg begegnen, wird einer von ihnen den anderen töten', sagt Halil. 'Wenn sie es nicht tun, werden ihre Waffenbrüder sie erschießen. Unsere Söhne sind jetzt Feinde.'"

Magazinrundschau vom 06.02.2024 - New Lines Magazine

Die indische Filmkritikerin Ishita Sengupta begrüßt einen triumphalen Boom des bangladeschischen Kinos. Lange Zeit unbeachtet, bekommen Filme und Serien nun internationale Aufmerksamkeit und erhalten Preise bei den großen Filmfestivals, wie beispielsweise Rezwan Shahriar Sumits Erstlingswerk "Nonajoler Kabbo" ("The Salt In Our Waters"), das auf dem BFI-Filmfestival in London gezeigt und später auf dem schwedischen Filmfestival in Göteborg für den renommierten Ingmar-Bergman-Preis nominiert wurde. Was hat den Wandel herbeigeführt? Neben den kontinuierlichen Bestrebungen der Filmemacher, endlich relevante Themen verarbeiten zu können, spielten auch die Streaming-Plattform Chorki und Hoichoi eine wichtige Rolle, so Sengupta: "Es war nicht so, dass Bangladesch kein Talent gehabt hätte, aber es fehlte die richtige Infrastruktur, um es zu unterstützen. Selbst mit den riesigen Budgets, die malaysische und indische Streaming-Plattformen zur Verfügung stellten, wurden immer wieder dieselben Geschichten verfilmt, mit denen das Publikum bereits vertraut war. In den letzten drei Jahren haben Streaming-Dienste jedoch relevante Geschichten aus Bangladesch in den Vordergrund gerückt, die sich mit dringenden Themen wie sexuellem Missbrauch, öffentlicher Unzufriedenheit mit den politischen Machthabern, alltäglichen Kämpfen und den Bestrebungen der Mittelklasse befassten. Anindo Banerjee, der bei Chorki für die Inhalte zuständig ist, aber bis letztes Jahr bei Hoichoi arbeitete und mehrere dieser Sendungen auf den Weg gebracht hat, sagte, dass er immer, wenn ihm ein Filmemacher eine Sendung vorschlägt, fragt, ob sie auch woanders als in Bangladesch spielen könnte. 'Wenn sie das bejahen, lautet mein Gegenargument, warum sollten wir es hier machen. ... Je lokaler man vorgeht, desto globaler ist die Reichweite', sagte er. Mohammad Touqir Islams Erstlingswerk 'Shaaticup' ('Remain Hidden'), eine achtteilige Serie, die sich um eine gestohlene Drogenlieferung dreht, hat beispielsweise genau aus diesem Grund für Aufsehen gesorgt. Alle Schauspieler stammen aus der Stadt Rajshahi, in der die Serie spielt, und sprechen den lokalen Dialekt, was im Mainstream-Kino Bangladeschs ungewöhnlich ist. Auch in 'Mohanagar' ('Metropolis'), bei dem Ashfaque Nipun Regie führte, spielte ein korrupter Polizeibeamter die Hauptrolle - ein Novum in Bangladesch. Dies veranlasste die Polizei, Nipun vorzuladen, der sich stundenlang rechtfertigen musste. 'Am Ende waren sogar die Polizisten müde, weil sie andere wichtige Aufgaben hatten', so der Filmemacher gegenüber New Lines."

Magazinrundschau vom 30.01.2024 - New Lines Magazine

Kingsley Charles erklärt in einem Essay, warum es ausgerechnet die Pfingstbewegung war, die in Nigeria einen Hype um Horrorfilme auslöste und so das Phänomen "Nollywood" ins Leben rief. Nachdem die nigerianische Filmindustrie während der siebziger Jahre einen wahren Boom erlebt hatte, folgte in den Achtzigern durch die Schwächung des weltweiten Ölmarktes die wirtschaftliche Krise. Nigeria befand sich in einer nicht enden wollenden wirtschaftlichen und ökonomischen Abwärtsspirale - das führte zu zwei Entwicklungen: Zum einen sprossen im ganzen Land neopentekostalistische Kirchen wie "Pilze aus einem feuchten Boden", so Charles, die mit ihrer religiösen Botschaft Halt gaben. Zum anderen verbreitete sich die Angst vor okkulten Sekten. Denn die Wirtschaftskrise hatte eine neue Elite hervorgebracht, die zum Teil auf sehr rätselhafte Weise an ihr Geld gekommen war - Höhepunkt dieser Entwicklungen waren die sogenannten Otokoto-Proteste, die 1996 ausbrachen "nachdem der 11-jährige Anthony Okoronkwo von Mitgliedern einer als Black Scorpion bekannten Sekte ermordet worden war. Diese - benannt nach dem Hotel, in dem Okoronkwo enthauptet, sein Penis abgetrennt und seine Leber entnommen worden war - lösten eine weit verbreitete Empörung aus, als weitere verstümmelte Leichen entdeckt wurden, die auf die gleiche grausame Weise ermordet und von Sektenmitgliedern begraben worden waren." Hoffnung gegen dieses teuflische Treiben versprachen die Prediger der Pfingstbewegung: "Die Verbreitung von Videokassetten in den nigerianischen Haushalten durch die Neo-Pfingstpastoren und die im Gegensatz zu Zelluloidfilmen niedrigen Produktionskosten von Videos läuteten die Geburtsstunde von Nollywood ein. Dieser soziale und politische Hintergrund inspirierte die Produktion von 'Living in Bondage' und anderen Filmen, die den Weg für das Horrorkino in Nollywood ebneten. Die blutigen Erzählungen waren oft visuelle Darstellungen des in den 1990er Jahren weit verbreiteten Glaubens, dass sich der Reichtum weitgehend auf einen engen Kreis gefährlicher Männer konzentrierte, die Menschen auf dem Altar des Geldes opferten. 'Last Burial', ein Horrorthriller von Lancelot Imasuen aus dem Jahr 2000, war ein Paradebeispiel dafür, wie diese Filme die christliche Lehre untermauerten, dass dauerhafter Wohlstand nur von Gott kommen kann und dass man nur erlöst wird, wenn man sich Christus unterwirft und über sein Wort meditiert."

Lange interessierte sich die israelisch-amerikanische Forscherin Ilana Cruger-Zaken nicht für die seltsame Sprache, die ihre Großmutter sprach, die aus Zakho stammt, einer Stadt in der überwiegend kurdischen Region im Nordwesten des Irak: "Sie gehörte zur letzten Generation jüdischer Babys, die auf einer kleinen Insel in der Mitte des Flusses Khabur geboren wurden." Aber irgendwann macht Cruger-Zaken sich auf die Suche nach den Überresten von "Lishana Deni", einen Zweig des Judäo-Neo-Aramäischen, einer der letzten überlebenden Formen des antiken Aramäischen, das die Verkehrssprache der neoassyrischen, neobabylonischen und achämenidischen oder persischen Reiche war. Bei ihrer Suche stößt sie auf die Tonaufnahmen eines Geschichtenerzählers aus Zakho: "Schon früh in seiner akademischen Laufbahn wurde Sabar dafür bezahlt, Interviews mit Ältesten aus Zakho auf Band zu dokumentieren und zu übersetzen. … Das besondere Dokument, das ich gefunden habe, ist eine transkribierte und übersetzte Reihe persönlicher Anekdoten von Mammo Yona Gabbai, die seine letzten Jahre in Zakho und die Migration der Gemeinschaft nach Israel beschreiben. Ich greife Wörter heraus, die ich wiedererkenne, vertraute Kopulas und Konstruktionen. Ich habe keinen großen Wortschatz, aber ich verstehe die Laute. Und dann stoße ich auf ein Wort, das ich mit meinem ganzen Wesen kenne und das genau so verwendet wird, wie ich es kenne. Mein Körper vibriert. Es ist ein einfaches Wort: 'chayet', was 'Leben von' bedeutet. Es war der Kosename, mit dem mein Vater mich immer bezeichnete: 'Chayet Abba' (Papas Leben). Und jetzt nennt er mein Kind 'Chayet Saba'. Ich hatte angenommen, der Ursprung dieses Wortes sei hebräisch, denn חי (Leben) ist ein gängiges hebräisches Wort. Aber hier steht es in jüdischem Aramäisch, in genau derselben Form und in demselben Zusammenhang, in dem mein Vater es verwendet."

Magazinrundschau vom 23.01.2024 - New Lines Magazine

Nach den jüngsten Ereignissen ist eine Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern für die israelische Schriftstellerin Maya Savir eigentlich unvorstellbar. Ihre Aufenthalte in Ruanda gaben ihr jedoch den Hauch einer Hoffnung, dass es, trotz allem, eines Tages möglich sein könnte. Sie berichtet von den "Gacaca", Gemeinschaftsgerichte, die eingerichtet wurden, um nach den unvorstellbaren Grauen des Völkermordes ein Zusammenleben zwischen Hutu und Tutsi erneut möglich zu machen. Bei den Gacaca kommen Menschen zusammen und sprechen über Erlebtes, auch über ihre Verbrechen. Sie bitten um Vergebung, die ihnen dann auch meistens gewährt wird, erzählt Savir. Ein junger Mann, den sie bei einer ihrer Reisen trifft, erzählt ihr, wie er bei diesen Anhörungen dem Sohn des Mörders seiner Großmutter begegnete: "B sagte, dass auch er, wie alle anderen, an den Gacaca-Anhörungen teilgenommen habe. Ich stellte ihm dieselbe Frage, die ich jedem stellte, mit dem ich in Ruanda sprach, denn egal wie oft ich diesen Erinnerungen aus erster Hand begegnete, ich stellte fest, dass es immer noch schwer war, sie sich vorzustellen: 'Ist Eure Versöhnung echt? Ich meine, Ihr lebt zusammen, Opfer und Täter. Wie funktioniert das?' Zunächst gab er mir die routinemäßige Antwort, die man Wort für Wort von jedem bekommt, mit dem man in Ruanda spricht: 'Es ist passiert, wir haben uns versöhnt. Früher waren wir Hutu und Tutsi, jetzt sind wir alle Ruander und blicken in die Zukunft.' Aber ich bestand darauf, denn es war wirklich schwer zu begreifen, und nachdem ich noch ein paar Variationen derselben Frage gestellt hatte - 'Vertraut ihr einander?' 'Seid ihr Freunde?' - antwortete er auf alle Fragen mit Ja und schwieg dann. Ich glaube, er versuchte, einen Weg zu finden, um in meinen sturen Kopf einzudringen. Er wies diskret auf zwei junge Männer hin, die mit uns das Gewächshaus bauten und sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Hörweite von uns befanden.'Siehst du den da?' Ich nickte. 'Er ist wie ich. Er ist Tutsi. Wir sind Partner, wir haben eine Kooperative und wir züchten zusammen Pilze.' Er richtete seinen Blick auf einen anderen jungen Mann. 'Siehst du diesen Mann?' Ich nickte. 'Er ist auch unser Partner, und er ist Hutu. Aber er ist nicht nur irgendein Hutu. Sein Vater hat meine Großmutter ermordet. Ich habe gehört, wie sein Vater bei den Gacaca-Anhörungen darüber gesprochen hat, aber ich musste ihn nicht hören. Denn ich habe es gesehen. Ich habe gesehen, wie er meine Großmutter in Stücke geschnitten hat." Ich versuchte den Würgereiz zu verbergen, den die Bilder auslösten, die seine Worte in meinem Kopf erzeugten. 'OK, ich verstehe - ihr seid Partner. Aber seid ihr auch Freunde? Vertraust du ihm?' B bejahte erneut, fügte dann aber nach einem stillen Moment leise hinzu: 'Ja, natürlich. Natürlich ist es schwer für unsere Eltern. Für sie ist es fast unmöglich, aber sie tun es für uns. Verstehst du das?'"

Der Journalismus im Iran ist geschwächt, aber er lebt, ruft Kourosh Ziabari. Auch wenn die staatlichen Repressionen immer drastischer werden, darf auf keinen Fall übersehen werden, betont Ziabari, dass es immer noch unabhängige, mutige Journalisten und Zeitungen gibt, die sich gegen den Autoritarismus stellen. So wie die Zeitung Shargh Daily. "Gegründet im August 2003, ist sie eines der letzten Überbleibsel eines Kollektivs vielversprechender liberaler Zeitungen, die während der Reformära gegründet wurden und versuchten, in einer ansonsten düsteren öffentlichen Sphäre, in der es keine widersprüchlichen Stimmen gab, Hoffnung zu wecken. Seit Beginn ihrer Tätigkeit wurde Shargh viermal vorübergehend verboten. Zuletzt wurde sie 2012 geschlossen, weil sie eine Karikatur veröffentlicht hatte, die nach Ansicht der Behörden die Kämpfer des iranisch-irakischen Krieges, die im Inland als 'heilige Verteidigung' bekannt sind, verunglimpft hatte... Doch Shargh ist nach wie vor ein Bollwerk des kritischen, zukunftsorientierten Journalismus, wenn auch ein geschwächtes, das den marginalisierten intellektuellen Strömungen eine Plattform bietet und das Damoklesschwert der Rechenschaftspflicht über dem Kopf der Regierung schweben lässt. Zu den bemerkenswerten Berichten der letzten Zeit gehören die Untersuchung eines Ghettos in der Stadt Mashhad, in dem viele Leprakranke leben, die Untersuchung des Massensterbens von Grenzgängern, die von den Streitkräften angegriffen werden, die Aufdeckung der Vergiftung von Schulmädchen nach den Aufständen von 'Frau, Leben, Freiheit' und ein vernichtender Bericht über die Häufigkeit von Ehrenmorden."

Magazinrundschau vom 09.01.2024 - New Lines Magazine

Tiara Sahar Ataii schildert die fatale Wirkung der Droge Qat auf den Jemen. Sicher, es gibt härtere Substanzen, und doch trägt Qat, das quasi von der ganzen Bevölkerung gekaut wird, zur Katastrophe des kriegstraumatisierten Landes bei: "Die Verwendung von Qat einzuschränken ist allerdings kein leichtes Unterfangen, wenn große Teile des Landes umkämpft sind, Steuern nur schwer durchzusetzen sind, die Gehälter der Beamten nicht gezahlt werden, die Mittel für den Umweltschutz knapp sind. Die Auswirkungen auf den Jemen sind verheerend: 90 Prozent der erwachsenen Männer, 50 Prozent der jungen Frauen und 15-20 Prozent der Kinder kauen täglich drei bis vier Stunden Qat. In den letzten fünfzig Jahren ist die Durchschnittstemperatur im Jemen um 1 Grad Celsius gestiegen. Jährlich gehen zwischen 3 und 5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Wüstenbildung verloren. Eine verheerende Dürre im Jahr 2022 stürzte mehr als die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung in eine krisenhafte Ernährungsunsicherheit. Felix Arabia, wie die Römer den Jemen, die Kornkammer der arabischen Halbinsel, nannten, steht ständig am Rande einer Hungersnot." Und die landwirtschaftlichen Flächen gehen für Qat drauf, das übrigens auch in Dürren gut gedeiht.
Stichwörter: Qat, Jemen

Magazinrundschau vom 05.12.2023 - New Lines Magazine

Jessica Roy wirft einen Blick auf den allerneuesten Tik Tok Trend, dem sich die Generation Z in der Folge der aktuellen Ereignisse in Nahost widmet: Influencer haben nach den Massakern der Hamas und der darauffolgenden Militäroffensive Israels den Islam für sich entdeckt, manche konvertierten sogar. Klingt verrückt? Ist aber so. Am 20. Oktober postete die Influencerin Rice Folgendes auf Tik Tok, erzählt Roy: "'Nein, aber können wir kurz über den palästinensischen Glauben sprechen? Weil ich so etwas noch nie gesehen habe. Ich habe buchstäblich Videos von Menschen gesehen, die alles verloren haben, sogar ihre Kinder, und sie halten ihre toten Kinder in den Armen und danken Gott immer noch und bitten ihn, sich von dort aus um ihre Kinder zu kümmern.'" Ihr Post erhält zahlreiche Kommentare, Menschen, die ihre Faszination für den unbedingten Gottglauben der bombardierten Palästinenser teilen. Wenig später, erzählt Roy "nahm Rice ihre Schahada" und legte das muslimische Glaubensbekenntnis ab. Die Zahl ihrer Follower hat sich seitdem verdreifacht, und immer mehr folgen ihrem Beispiel, was Roy ziemlich problematisch findet: "Dies wurde besonders deutlich, als Osama bin Ladens 'Brief an Amerika' am Mittwoch, dem 15. November, auf TikTok und im Discord-Kanal des World Religion Book Club viral ging und von einer großen Zahl von Menschen - von denen viele zu jung waren, um unmittelbar nach dem 11. September politisch aktiv zu sein - gelobt wurde. 'Dieser offene Brief von Osama Bin Laden ist sehr verdammenswert für Amerika', schrieb ein Discord-Nutzer, 'Er enthält nur Fakten.'" Rice hat TicToc inzwischen aufgegeben, weil strenggläubige Muslime sie immer wieder kritisiert hatten, "wie sie in einem neuen Video erklärt, das sie mit '#harampolice really don't want reverts to stay in Islam! 😂 Y'all need HALP.' 'Die Haram-Polizei - Mann, sind die furchtbar", sagt sie und bezieht sich dabei auf ultrakonservative Muslime, die damit begonnen haben, ihr Verhalten online zu überwachen. "Sie sind so schlimm. Ich bekomme ständig Mails und Kommentare von Leuten, die mir sagen: 'Du musst jedes einzelne Video auf deiner Seite löschen, in dem du keinen Hijab trägst.' Eigentlich, Sir und Ma'am, muss ich nichts von dem tun, was Sie mir sagen. Diese Videos waren vor meiner Shahada, kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten. Es ist eine Frechheit, dass Leute, die mich nicht persönlich kennen, sich berechtigt fühlen, mein Leben und meinen Glauben zu kommentieren und mir sagen, was ich tun soll.'"

Larisa Jasarevic besucht Imker in Bosnien, die verzweifelt versuchen, ihre Honigbienen durch den Winter zu bringen. Der durch den Klimawandel verursachte Temperaturanstieg verändert die Flora des Landes, die Bienen finden nicht mehr genug Blüten, um den Honig zu produzieren, der nicht nur die Imker, sondern auch sie selbst am Leben erhält. Es sind kleine Zeichen, wie die Haselnusskätzchen, die viel zu früh im Jahr blühen, die "ein verräterisches Zeichen für eine leise, sich anbahnende Katastrophe sind, die den örtlichen Honigbienen zum Verhängnis wird", weiß die Forscherin. Den Imker Mehmed hat sein Glaube zu den Bienen gebracht, verrät er Jasarevic: "Mehmed ist der Sohn eines Imkers, aber er hat sich den Bienen zugewandt, wie er oft sagt, weil er an der Universität Islamwissenschaften studiert hat. Als junger Mann, der sich zum Imam ausbilden ließ, grübelte Mehmed über Koranzeilen nach: 'Und dein Herr offenbarte der Honigbiene'. Dann fiel es ihm auf: Jede Biene, der er auf seinem heimischen Bienenstand begegnete, war ein Mitglied der prophetischen Spezies. In der Gegenwart der Bienen konnte er die Offenbarung beobachten, nicht als Schrift, nicht als abstraktes Konzept der Rede Gottes, sondern als einen fortlaufenden Akt der Erhaltung der Welt."

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - New Lines Magazine

Kingsley Charles widmet sich dem kuriosen Phänomen 'koro', der Angst vor dem Verlust des eigenen Penisses - diese verbreitet sich gerade in Windeseile in Nigeria, nachdem im September diesen Jahres ein Mann einen anderen bezichtigte, seinen Penis entwendet zu haben: "Verzweifelt weinend zeigte der Mann auf einen anderen Mann, dem er vorwarf, ihm während eines Händedrucks die Genitalien entrissen zu haben. Es kam zum Tumult. Ein wütender Mob stürzte sich mit Fäusten auf den Beschuldigten und forderte ihn auf, das Organ des anderen zurückzugeben. Kaum war die Polizei am Tatort eingetroffen, bestätigte der weinende Mann, dass sein Penis wieder da sei." Was wie ein völlig verrückter Einzelfall klingt, wird gerade zum tatsächlichen Problem: "In den sozialen Medien tauchen immer wieder Berichte über geschrumpfte Penisse in verschiedenen Bundesstaaten des Landes auf. In Calabar, wo im August erstmals weniger als ein Dutzend Fälle gemeldet wurden, war die Angst auf den Straßen fast greifbar. Die Regierung des Bundesstaates sah sich gezwungen, die wachsende Spannung zu dämpfen, auch aus Sorge um einen möglichen Schaden für den Ruf der Stadt bei Besuchern. In Calabar findet jedes Jahr im Dezember ein Karneval statt, der als größtes Straßenfest Afrikas bezeichnet wird. Am 12. September bezeichnete die Regierung des Bundesstaates in einer Presseerklärung die Berichte über verschwundene Genitalien als 'Fake News' und drohte mit der 'ganzen Härte des Gesetzes' gegen diejenigen, die diese Gerüchte verbreiten. Trotz der Warnung folgten weitere Fälle. Die Meldungen über verschwundene Penisse und die Gewalt des Mobs gegen mutmaßliche Diebe stiegen auf 15 Fälle und verbreiteten sich wie ein Sandsturm in den Straßen. Die meisten Männer in Calabar nahmen Bitterkola, einen tropischen Samen, der wegen seiner neutralisierenden Wirkung geschätzt wird, als Talisman in die Tasche mit." Mediziner ordnen 'koro' als eine Art psychotischem Anfall ein, der als gesellschaftliches Phänomen häufig in Krisenzeiten ausbricht, so Charles, eben die Angst vor Verlust der eigenen Männlichkeit als Angst vor ökonomischer Unsicherheit, Versagensängsten etc. Die Behandlung ist einfach, normalerweise können die Betroffen schnell überzeugt werden, dass ihre Angst unbegründet ist. Zum tatsächlichen Problem werde die Sache, wenn die Bezichtigung eines vermeintlichen Penisräubers in unkontrollierte Gewalt ausarte, was Charles zufolge auch schon öfter der Fall war.
Stichwörter: Koro, Nigeria, Penis, Fake News

Magazinrundschau vom 19.09.2023 - New Lines Magazine

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat viele ethnische Minderheiten in der Russischen Förderation aufgeweckt, berichtet Courtney Dobson: "Andrejew, ein 34-Jähriger mit kurzgeschorenem Haar und Schnurrbart, ist Mitbegründer der Stiftung Freies Jakutien, die sich gegen den Krieg einsetzt und potenziellen Wehrpflichtigen hilft, die Mobilisierung zu vermeiden. Er war Redner beim Forum of Free Peoples of Post-Russia, einer Plattform, die Angehörige der zahlreichen ethnischen Minderheiten Russlands zusammenbringt, um über die Zukunft Russlands zu diskutieren. Andrejew ist nicht allein. Er ist einer von Tausenden von Angehörigen ethnischer Minderheiten in Russland, die Teil einer Bewegung sind, die die Entkolonialisierung des Landes fordert, wobei einige sogar die Unabhängigkeit von Moskau fordern. Der Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 löste eine Welle nationaler Bewegungen unter den ethnischen Minderheiten Russlands aus, doch ihre Beschwerden über 'Moskau', wie viele Mitglieder der Bewegung die Zentralmacht in Russland bezeichnen, haben eine jahrzehntelange, manche würden sagen jahrhundertelange Vorgeschichte. Der Krieg in der Ukraine hat dem Westen vor Augen geführt, was viele in Russland bereits wussten: dass Russland eine imperiale Macht ist. Für einige wurde Russlands Revanchismus nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 offensichtlich. Weniger bekannt ist jedoch, dass sich der Kreml innerhalb seiner Grenzen wie ein Kolonisator verhalten hat, der seine riesigen Regionen wegen ihrer Ressourcen ausbeutet und ethnischen Minderheiten die Möglichkeit verweigert, ihr kulturelles und sprachliches Erbe zum Ausdruck zu bringen."

Weitere Artikel: Im indischen Punjab sind Frauen mit Englischkenntnissen sehr begehrt, berichtet Ravleen Kaur: Das hilft ihren Ehemännern, mit der Familie zu emigieren. Syrische Frauen, die mit ihren Familien nach Dänemark emigriert sind, sind wiederum oft von ihren Ehemännern abhängig: Wer sich von einem gewalttätigen Mann trennt, kann leicht seine Aufenthaltserlaubnis in der EU verlieren, berichten Megan Clement und Mais Katt

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - New Lines Magazine

Deutsche Medien behandeln Österreich als weit entferntes Ausland. Die abstoßende Szene, die die FPÖ produzierte, als Wladimir Selenski per Video im österreichischen Parlament sprach, wurde hier kaum thematisiert: Die Abgeordneten verließen ihre Plätze und stellten Schilder mit der Aufschrift "Platz für Frieden" auf (hier das Video, ab Minute 5.20). In unheimlicher Parallele zur AfD in Deutschland und dem Front national in Frankreich ist die FPÖ in Österreich inzwischen zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen, wohl auch weil sie den giftigen Fundus von Antiamerikanismus und Russlandliebe aus dem Mainstream an den rechten Rand zu ziehen vermochte, so wie die AfD in den Neuen Ländern. Nun "stellt sich die Frage, ob die ÖVP auf Bundesebene als Juniorpartner der FPÖ auftreten will", schreibt Liam Hoare, auch wenn sie damit den verhassten Herbert Kickl zum Bundeskanzler machen würde. "Die neuen ÖVP-FPÖ-Koalitionen in den Bundesländern Niederösterreich und Salzburg deuten darauf hin, dass das passieren könnte, ebenso wie der jüngste Rechtsruck der ÖVP bei Themen wie Zuwanderung und Umwelt. Gleichzeitig haben mehrere Kabinettsminister sowie der Präsident des österreichischen Parlaments, Wolfgang Sobotka, angedeutet, dass sie ein solches Szenario nicht zulassen würden. Langjährige Mitglieder der ÖVP haben gewarnt, dass die Partei zerfallen könnte, wenn Kickl Kanzler würde."

Magazinrundschau vom 29.08.2023 - New Lines Magazine

Identitätsbetrüger gibt es seit es Identitäten gibt. Aber Dank der Verbreitung des Internets gibt es heute mehr denn je. Jeremiah Steinfeld stellt die Opfer besonders perfider und vor allem politisch brisanter Scams vor, nämlich Kritiker der chinesischen Regierung, die sich plötzlich mit vermeintlichen verbrecherischen Handlungen ihrer digitalen alter egos konfrontiert sehen: "Wang (Jingyu), ein in den Niederlanden lebender chinesischer Aktivist, fragt sich, ob er zum Wahnsinn getrieben und dadurch dazu gebracht werden soll, nach China zurückzukehren. In seinem Fall begannen die Drohungen ein Jahr vor dem Vorfall um (die niederländische Journalistin Marije) Vlaskamp. Letztes Jahr hatte Wang, der seit mehreren Jahren in den Niederlanden wohnt, dabei mitgeholfen, die Existenz geheimer chinesischer Polizeistationen offenzulegen. Seitdem wurde sein Name für einen bunten Reigen an Drohungen und böswilligen Unterstellungen missbraucht. 'Sie rufen oft die niederländische Notfallnummer an und berichten über erfundene Verbrechen,' so Wang. Einmal behauptete ein Anrufer, in seiner Wohnung befänden sich Geiseln und Waffen. Ein anderer behauptete, er hätte seine Freundin attackiert. Als die Poizei sie fragte, ob das stimme, stellte sie klar, dass es eine Lüge war. Mehrmals wurde Wang nach solchen Anrufen verhaftet. Er glaubt, dass die Chinesische Botschaft in den Niederlanden hinter den Angriffen steckt und beschwert sich darüber, dass die niederländische Regierung nicht deutlich genug reagiert." Vollständig geklärt ist die Identität der Identitätsdiebe bislang nicht: "Die Botschaft bestreitet, involviert zu sein. Ihrer Darstellung nach hatten ihre Mitarbeiter Wang bei der Poizei gemeldet, weil sie alle Bombendrohungen ernst nehmen. Das wirft die Frage auf: Wer genau steckt hinter den Angriffen? Einzeltäter? Der chinesische Staat?"