Magazinrundschau - Archiv

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112 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 12

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - New Lines Magazine

Dekolonisierung, denkt man immer, sei links. Aber in Indien ist es die hindu-nationalistische Regierungspartei Narendra Modis, die äußerst aktiv eine Dekolonisierungspolitik betreibt und im Mainstream verankert, erzählt Sanya Dhingra. Selbst der Guardian erkannte das 2014 in einem Editorial, das den Wahlsieg Modis "als eine grundlegende Abkehr von der postkolonialen Entwicklung des unabhängigen Indiens würdigte, die das Ende einer Ära markierte, in der Indien von Machtstrukturen regiert wurde, die sich nicht wesentlich von denen des britischen Raj unterschieden. 'Indien unter der Kongresspartei war in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung des britischen Raj mit anderen Mitteln', heißt es in dem Artikel, in dem ein Gefühl nachhallt, das von den Hindu-Nationalisten mit Nachdruck geteilt wurde." Und der linksliberale Guardian war nicht der einzige, der diese Veränderung begrüßte. "Sogar China - mit dem die Modi-Regierung in den letzten drei Jahren besonders angespannte Beziehungen hatte, einschließlich tödlicher Scharmützel an der Grenze - lobte Indien für seine vermeintlichen Bemühungen um Entkolonialisierung." Es gibt dann aber doch einen Haken: "Für den rechten Flügel begann die Kolonisierung Indiens nicht mit dem britischen Empire im 18. Jahrhundert. Vielmehr begann sie mit der Ankunft muslimischer Herrscher oder 'Invasoren' auf dem Subkontinent im achten Jahrhundert. Die Mughals, die Khiljis, die Tughlaqs, die Lodis - die verschiedenen und nicht miteinander verbundenen muslimischen Dynastien, die Teile Indiens während eines 1000-jährigen Zeitraums vom achten bis zum 18. Jahrhundert regierten - sie alle sind nach dem Verständnis der Hindu-Nationalisten Teil der  'islamischen Kolonisierung' oder Invasion Indiens. In seiner ersten Rede vor dem indischen Parlament im Jahr 2014 griff Modi dieses Verständnis von Kolonialisierung auf. 'Die Sklavenmentalität von 1.200 Jahren macht uns zu schaffen. Wenn wir auf eine Person von hohem Rang treffen, haben wir oft nicht die Kraft, unsere Stimme zu erheben', sagte er und entfachte damit sofort die Debatte darüber, was die Kolonisierung Indiens ausmacht."

In Gambia wurden unter dem Diktator Yahya Jammeh tausende Menschen als Hexen verfolgt, verschleppt und zwangsweise mit Mitteln "kuriert", die ihre Gesundheit dauerhaft ruiniert. Als 2017 Adama Barrow an die Macht kam, versprach er, die Opfer zu entschädigen. Aber viel passiert ist seither nicht, berichtet Andrei Popoviciu. "Trotz des öffentlichen Willens, Jammeh und seine Handlanger strafrechtlich zu verfolgen, und trotz der Arbeit der Wahrheits-, Versöhnungs- und Wiedergutmachungskommission (TRRC) des Landes, die als eine der effizientesten und transparentesten Organisationen dieser Art in der Welt bezeichnet wird, hat die junge demokratische Regierung Gambias wenig getan, um den Prozess der Entschädigung und Unterstützung der Opfer Jammehs zu beschleunigen. Was von außen wie eine erfolgreiche Initiative zur Übergangsjustiz aussieht, fühlt sich für die Opfer wie ein quälend langsamer Prozess an. Viele von ihnen leiden unter lebensverändernden medizinischen Problemen, die eine sofortige und kontinuierliche Behandlung erfordern, sowie unter einer anhaltenden Stigmatisierung, die Gemeinschaften und Familien auseinandergerissen hat. ... Die Strategie der Regierung erstreckt sich zwar über die nächsten fünf Jahre, aber Kimbeng Tah, ein Justizbeamter, sagte, dass ein realistischer Zeitrahmen für die Umsetzung aller Empfehlungen mindestens ein Jahrzehnt beträgt. Verglichen mit anderen Prozessen der Übergangsjustiz in Afrika steht Gambia damit an der Spitze, was Effizienz und Geschwindigkeit angeht, auch wenn der Zeitrahmen länger ist, als manche Opfer noch zu leben haben. Die Gambier wissen aber auch, dass viele Regierungen, die in Ländern wie Liberia, Sierra Leone und Südafrika Wahrheitskommissionen eingesetzt haben, es nicht geschafft haben, deren Empfehlungen so umzusetzen, dass die Wunden, die ihre Mitbürger erlitten haben, geheilt wurden."

Magazinrundschau vom 15.08.2023 - New Lines Magazine

Nicht nur in Griechenland, Spanien und - gerade erst - Hawaii tobten in diesem Jahr verheerende Brände, sondern auch in Algerien, berichtet Stéphane Kenech in einer Reportage. "Im dritten Jahr in Folge wird Algerien von einer Serie tödlicher Waldbrände heimgesucht. Die Brände in der Kabylei, die durch heftige Winde angefacht wurden, forderten nach Angaben der algerischen Behörden mindestens 34 Tote und 325 Verletzte, 1 500 weitere Menschen mussten ihre Häuser evakuieren. Es dauerte mehrere Tage, bis die Sicherheitskräfte die Leichen in den ausgebrannten Häusern auf den Bergkuppen gefunden und gezählt hatten. Im vergangenen Jahr starben bei Waldbränden im Osten des Landes mindestens 38 Menschen, und bei einem gewaltigen Waldbrand in der Großregion Kabylei im Jahr 2021 kamen 103 Menschen ums Leben. ... Doch während das Quecksilber jeden Sommer höher steigt und die Algerier sich auf die Flammen vorbereiten, gibt es ein weiteres Problem, auf das viele hinweisen - die Nachlässigkeit des algerischen Staates. Jahrzehntelange schlechte Landbewirtschaftungspraktiken in Verbindung mit fehlenden Mitteln zur Brandbekämpfung und mangelndem Bewusstsein oder Willen der Bevölkerung, das Brandrisiko zu verringern, haben dazu geführt, dass Millionen von Algeriern der wachsenden Gefahr von Waldbränden ausgesetzt sind."

Anna Zacharias stellt die Silberschmiedinnen von Oman vor. Auch das British Museum widmet ihnen im Oktober eine Ausstellung. Eine dieser Künstlerinnen war Tuful Ramadan, die "das Schmiedehandwerk im Alter von 14 Jahren von ihrem Schwager erlernte und zu ihrem Beruf machte, nachdem sie mit Mitte 20 verwitwet war und drei kleine Kinder ernähren musste. Die Schmiedekunst verschaffte Ramadan ein gutes Einkommen und Unabhängigkeit, bis sie 2021 verstarb." Bis in die 1990er hinein waren Frauen in dem Beruf selten, doch seitdem entscheiden sich immer mehr Männer "für Karrieren mit mehr Prestige und finanzieller Sicherheit", haben Frauen das Handwerk übernommen. "Viele omanische Männer fühlen sich unter Druck gesetzt, sich vor der Heirat ein festes Einkommen zu sichern und schon in jungen Jahren für die Hochzeit und die Mitgift zu sparen, die über 9.000 omanische Rial (23.400 US-Dollar) betragen kann. 'Der Mann ist für den Unterhalt der Familie verantwortlich', sagt der 33-jährige Hilal Al Shabani, einer der letzten männlichen omanischen Silberschmiede in der Region Ad Dakhiliyah im Landesinneren. 'Immer wenn sie das College abschließen, versuchen sie, einen Job zu finden, ein Gehalt zu bekommen und sich ein eigenes Leben aufzubauen.'"

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - New Lines Magazine

Ein interessantes Bild zeichnet der Beiruter Autor Anthony Elghossain im New Lines Magazine vom Handel mit dem "weltweit am meisten unterschätzten und bedeutendsten Gewürz" - Pfeffer. Pfeffer dominierte schon tausende Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung den globalen Handel, der damals bekannten Welt, erzählt uns Elghossain ausführlich. Die Händler aus dem Orient berichteten den Christen, dass dieses Gewürz "hinter einem Wasserfall wächst und von einem Drachen bewacht wird" und glaubten selbst, dass es sich bei Pfeffer um die "Tränen Adams" handele, der aus dem Paradies verbannt worden war. Dabei wuchs das Gewürz in Indien, in der Gegend des heutigen Kerala. Der Handel mit Pfeffer ermöglichte interkulturellen Austausch, führte zu Kriegen über die Handelsrouten und machte den Aufstieg Portugals zur Weltmacht, zumindest für einen kurzen Moment, möglich: "Alle, von den Römern und Byzantinern bis zu den Malabaren und Javanern, haben das schwarze Gewürz auf dem Weg nach oben gesammelt und auf dem Weg nach unten weitergereicht, so als wollten sie ihren Aufstieg markieren und ihren Fall mit Pfeffersäckchen abmildern, um Hauptstädte zu retten, Gunst zu erheischen oder ihre Ehrerbietung mit dem Geschmack der Diplomatie zu würzen. Wenn Pfeffer ein Symbol für große Errungenschaften und Katastrophen war, so war er auch ein Wegweiser für die längeren, subtileren Abschnitte der Geschichte - und das nicht nur in den westlichen Hauptstädten, von denen aus man manchmal Macht, Bedeutung oder Einfluss auf die Geschichte projizierte. ... Mythen mal beiseite, auf dem Höhepunkt von Kriegen, inmitten von Plünderungen und in den Jahrzehnten nach kaiserlichen Eroberungen handelten die Kaufleute im Mittelmeerraum miteinander - ob Christen oder Muslime, Italiener, Griechen oder Araber."

Andrei Popoviciu berichtet über die kritische Situation im Senegal, wo  Präsident Macky Sall eine - verfassungswidrige -  dritte Amtszeit anstreben soll. Jedenfalls hat er bereits mehrere Oppositionspolitiker einsperren lassen. Zuletzt wurde auch Ousmane Sonko verurteilt, sein aussichtsreichster und jüngster Gegner: Die Angestellte eines Schönheitssalons hatte ihm vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben: "Sonko wurde letzte Woche vom Gericht von den Vorwürfen der Vergewaltigung und der Morddrohung freigesprochen, aber er wurde zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen 'Korrumpierung der Jugend' und 'Anstiftung zur Ausschweifung' verurteilt, also zu geringeren Anschuldigungen im Zusammenhang mit Sarrs Vorwürfen, die aber doch zu einer Strafe führte, die es ihm effektiv verbietet, bei den Wahlen im Februar nächsten Jahres zu kandidieren." In der Folge kam es zu gewalttätigen Demonstrationen, aber auch zu einem unguten Backlash für die mühsam erkämpften Frauenrechte: "Sarrs Anschuldigungen haben eine langjährige Debatte über sexuelle Gewalt und Einwilligung im Senegal wiederbelebt, der Vergewaltigung erst 2020 auf Druck der Zivilgesellschaft und trotz des Widerwillens der Justiz unter Strafe gestellt hat. Nach zwei Jahren verzögerter Anhörungen trat Adji Raby Sarr am 22. Mai in den Zeugenstand und schilderte detailliert einen sexuellen Übergriff Sonkos. Nach ihrem Auftritt beschuldigten Sonkos Unterstützer sie, mit der Regierung zu konspirieren, und lokale Zeitungen machten aus ihrer Geschichte eine Sensation, nannten sie einen 'Pornostar' und erotisierten ihre Aussage. Sonko sagte, wenn er eine Frau vergewaltigen wolle, würde er sich keinen 'hirngeschädigten Affen' aussuchen, was ihm Kritik von feministischen Organisationen einbrachte, die glauben, dass Sarrs Anschuldigungen ernst genommen werden sollten."

Außerdem: Ola Salem erzählt, wie Saudis Prostitution halal pflegen. Amie Ferris-Rotman schreibt über den Begriff der Gender-Apartheid, den afghanische Frauen prägten.

Magazinrundschau vom 06.06.2023 - New Lines Magazine

Auch jenseits restriktiver Gesetzgebungen wie in Polen wird es für Frauen in Europa immer schwieriger abzutreiben, berichtet Jessica Bateman in einem instruktiven Hintergrundartikel. Immer mehr Ärzte berufen sich auf Gewissenskauseln, um keine Abtreibungen vorzunehmen. Hinzukommt: "In Deutschland werden 420 Krankenhäuser - fast ein Viertel aller Krankenhäuser des Landes - von katholischen Organisationen betrieben, was bedeutet, dass für ganze Einrichtungen ein generelles Verbot von Abtreibungen gilt, auch wenn die einzelnen Ärzte selbst nicht religiös sind." Gerade die Kirchen machen Druck auf die Ärzte, so Bateman: "Im Jahr 2016 sprach Papst Franziskus von der 'moralischen Pflicht' der Beschäftigten im Gesundheitswesen, Abtreibungen zu verweigern. Die italienische Bischofskonferenz sprach sich 2017 gegen ein Krankenhaus aus, das eine Stellenanzeige für Gynäkologen, die sich nicht weigern, veröffentlicht hatte, und erklärte, dies 'verzerrt die Struktur des... Gesetzes, das nicht darauf abzielt, Abtreibungen zu veranlassen, sondern sie zu verhindern'... In Rumänien, wo das orthodoxe Christentum die vorherrschende Religion ist, veröffentlichte die Anti-Abtreibungsgruppe Pro Vita 2015 einen Leitfaden, in dem sie 'das gesamte medizinische Korps, insbesondere die Gynäkologen, auffordert, auf die barbarische Praxis der Abtreibung' zu verzichten und ihr 'Recht auf moralische Ablehnung zu nutzen'."

Magazinrundschau vom 09.05.2023 - New Lines Magazine

Seit am 15 April die Kämpfe zwischen den sudanesischen Generälen Abdel Fattah al-Burhan und seinem ehemaligen Stellvertreter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, ausbrachen, herrscht Chaos im Land. Es fehlt an Lebensmitteln, Ärzten und Medikamenten, berichtet Omnia Saed. Internationale Hilfsorganisation wagen sich kaum ins Land, die Sudanesen müssen sich selbst helfen. Und das gelingt ihnen auch, weil die digitale Infrastruktur bereits vorhanden ist, ein Nebenprodukt der Revolution, die Omar al-Bashir im Jahr 2019 stürzte: "Freiwillige erkunden die Lage und rekrutieren Ärzte, um behelfsmäßige Kliniken zu eröffnen, erklärt Ismat. Sie organisieren die Evakuierung von Kranken, älteren Menschen, Frauen und Kindern, die ins Kreuzfeuer geraten waren. Über Twitter warnen sie die Bewohner vor der Anwesenheit der Streitkräfte und richten sichere Zonen und Routen für diejenigen ein, die zu fliehen versuchen, aber nicht erreicht werden können." Hilfe von außen erwarten sie kaum, zu groß ist die Enttäuschung über die internationale Gemeinschaft, die das Militärregime durch ihre Beschwichtigungspolitik ermutigt habe: "In Bezug auf die Verhandlungen zwischen pro-demokratischen Gruppen und amerikanischen Beamten, die mit der Moderation des demokratischen Übergangs im Sudan nach der Revolution beauftragt waren, berichtet Elhassan von der Frustration der Aktivisten, die für eine zivile Regierung eintraten. 'Das US-Außenministerium sagte uns, dass wir eine Regierung ohne Beteiligung des Militärs nicht vorstellbar sei', erklärt Elhassan. 'Sie sagten, es sei unrealistisch. Wenn also jemand meint, deine Freiheit sei unrealistisch, warte ich dann wirklich darauf, dass er kommt, um mich zu retten?'"

July Blalack erzählt die Geschichte der Mahdis, von denen einige aus dem Sudan kamen, und resümiert am Ende, auch mit Blick auf christliche Evangelikale und den IS: "Die mahdistischen Erzählungen wurden von dem Glauben getragen, dass Gott die Gläubigen zwar vorübergehend auf die Probe stellen mag, das Böse am Ende aber sicher nicht triumphieren wird. Obwohl die Politik der Apokalypse unterschiedlich eingesetzt wird - je nachdem, ob sie von amerikanischen Präsidenten, antikolonialen Rebellen oder der Gruppe 'Islamischer Staat' betrieben wird -, gelingt es ihr stets, Sehnsüchte nach Erneuerung und Erlösung zu kanalisieren. Ironischerweise weckt das nahende Ende der Tage oft die Hoffnung auf ein besseres Morgen. So beeinflussen apokalyptische Narrative weiterhin politische Entscheidungen, motivieren unwahrscheinliche politische Allianzen und erwecken ansonsten undenkbare politische Forderungen zum Leben."

Magazinrundschau vom 25.04.2023 - New Lines Magazine

Mat Nashed erinnert daran, dass die Generäle im Sudan ursprünglich nur einen Übergang für demokratische Wahlen gewährleisten sollten. Doch es wurde schnell klar, dass beide nicht daran dachten: "Während der Übergangszeit stellten sich Burhan und sein Stellvertreter Hemedti als wohlwollende Führer und Hüter der Revolution dar. Da Hemedti im Gegensatz zu Burhan nicht über die Legitimität verfügte, die mit der Führung des sudanesischen Militärs einhergeht, stellte er Berater ein, die in westlichen Hauptstädten Lobbyarbeit für ihn leisteten, während er im ganzen Sudan Krankenhäuser und Kliniken baute. Nur wenige Menschen ließen sich von Hemedtis PR-Kampagne beeindrucken oder waren überrascht, dass er Burhans Putsch am 25. Oktober 2021 unterstützte. Sowohl das Militär als auch die RSF - zusammen mit unpopulären bewaffneten Gruppen aus Darfur - haben den demokratischen Übergang gestört, weil sie befürchteten, dass sie bald ihren politischen und wirtschaftlichen Würgegriff über das Land verlieren würden. In der Tat kontrollieren sowohl die RSF als auch das Militär lukrative Sektoren wie den Export von Gold, Sesam und Gummiarabikum."
Stichwörter: Sudan, Putsch, Darfur

Magazinrundschau vom 18.04.2023 - New Lines Magazine

Die indische Abgeordnete Pragya Singh Thaku ist nur das prominenteste Beispiel: Die Hindu-Nationalistin steht unter Verdacht, an einem gegen Muslime gerichteten Terrorattentat teilgenommen zu haben, ihr Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Und so lange ist sie eine der populärsten Politikerinnen in Narendra Modis Bharatiya Janata Party (BJP), erzählt Sanya Dhingra. Dabei ist sie nur eine Politikerin in einer ganzen Kohorte äußerst ehrgeiziger hindunationalistischer Frauen, die in der indischen Politik nach oben wollen, ein paradoxes Phänomen, so Dhingra. "Als sich der Hindu-Nationalismus als eine Ideologie herauskristallisierte, die die angeblich indischen Traditionen vor Kolonialismus und westlichen Werten und Normen bewahren wollte, war die Sorge um die Rolle der Frau in der hinduistischen Gesellschaft ein wichtiges Thema. Westliche Werte wurden mit Individualismus und Freiheit assoziiert wurden, dagegen mobilisierten Hindu-Nationalisten Frauen, die traditionelle Ideen von Weiblichkeit und Häuslichkeit über westliche stellten. (...) Ein Jahrhundert später führt diese konservative Weltanschauung der Hindutva-Organisationen zu einer paradoxen Art von Frauenpolitik. Oftmals lauter und militanter als ihre männlichen Kollegen, bestimmen diese Frauen die hindu-nationalistische Agenda in ihren Regionen, während sie gleichzeitig gegen Patriarchate kämpfen, um politisch aufzusteigen. Zwischen diesen widersprüchlichen Impulsen, ihren Aufstieg in einer patriarchalischen Organisation zu verhandeln, und einem gewandelten Sinn für Feminismus entsteht in Indien eine neue Form des von Frauen geführten Hindu-Nationalismus."

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - New Lines Magazine

Die Christin Asia Bibi war die erste Frau, die in Pakistan auf Grundlage des strikten Blasphemie-Paragraphen zum Tode verurteilt wurde, angeblich hatte sie den Propheten Muhammad in den Schmutz gezogen, erklärt Ailia Zehra im New Lines Magazine. Der Fall hatte international für Aufsehen gesorgt, der Druck der Öffentlichkeit hatte erreicht, dass sie das Land nach acht Jahren in der Todeszelle in Richtung Kanada verlassen konnte. Doch dort ergeben sich neue Schwierigkeiten, sie und ihr Mann sind Analphabeten, können kaum den Lebensunterhalt bestreiten, leiden unter gesundheitlichen Problemen. "Ihr Fall macht klar, wie schwierig es für Exilanten ist, die vor Traumatisierungen und Gewalt geflohen sind, sich an ein Leben in einem völlig neuen Umfeld wie Kanada zu gewöhnen. Das Land gewährt prominenten Regimegegnern und Unterdrückten Asyl. Die Fürsorge für die Geflohenen reicht aber oft nicht für die Bewältigung der Traumata und Traumafolgestörungen." Fremd hier, fremd da, beschreibt Zehra die Erfahrungen einer Dissidentin, die sich von verschiedenen Akteuren ziemlich im Stich gelassen fühlt: "Danach befragt, ob das pakistanische Konsulat in Kanada sich jemals bei ihr gemeldet habe, antwortet Bibi, dass sie keine Unterstützung von ihnen erwartet, da sie in ihrem Heimatland immer noch als Gotteslästererin gilt. Bei den Unruhen, die nach ihrem Freispruch ausgebrochen sind, wurden Plakate, die ihre Exekution forderten, gemeinsam mit hasserfüllten Parolen gegen sie und die christliche Gemeinde des Landes offen gezeigt. Anstiftung zur Gewalt und Hassrede sind in Pakistan strafbar, aber extremistische Gruppen kommen meist einfach so davon. 'Tehreek-e-Labbaik (eine dieser Gruppen) hat die Regierung aufgefordert, mich zu töten', macht sie klar, 'wie sollen sie mich unter diesen Umständen unterstützen?'" Sie ist resigniert: "Viele derjenigen, die mich genutzt haben, um Geld zu scheffeln, haben mich mittlerweile vergessen."

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - New Lines Magazine

Fazelminallah Qazizais und Chris Sands Artikel ist kilometerlang - ausgedruckt vierzig eng gesetzte Seiten. Sie erzählen die Geschichte des Islamischen Staats in Afghanistan, genauer des "Islamic State of Khorasan Province (ISKP)", und seines Kommandeurs Abu Omar Khorasani, der kurz nach der amerikanischen Übergabe Afghanistans an die Taliban von diesen erschossen wurde. Die Taliban waren ihm zu milde gewesen. Sie hatten mit den Amerikanern verhandelt. Ihre Religion war zwar so engstirnig, wie es nur geht, aber tribalistisch, an Traditionen des Landes gebunden und nicht expansionistisch genug. ISKP und Taliban bekämpfen sich bis heute. Der ISKP hatte beim chaotischen Abzug der Amerikaner in einem Attentat 170 Menschen getötet, darunter 13 amerikanische Soldaten, die letzten Gefallenen des Afghanistankriegs. Fazelminallah Qazizai hat über Jahre mit vielen Zeugen gesprochen, beschreibt die unfassbar blutigen Attentate des ISKP, der nach jedem Rückschlag wieder aufstand, auch als Donald Trump 2017 die stärkste nicht nukleare Bombe über einem Höhlenkomplex bei Achin abwarf und Dutzende Kämpfer tötete. "Die ISKP-Kämpfer wussten, dass sie nun nicht mehr damit rechnen konnten, weite Teile des Gebiets zu kontrollieren, aber das bedeutete nicht, dass sie aufgaben. Im Sommer 2017 rückte die 'Red Unit' der Taliban in Achin ein und hatte den Auftrag, die örtlichen Talibs bei einer 'Clear and Hold'-Operation zu führen. (Einer der Kommandeure) Qazi Malik… wurde mit ihnen in das Gebiet entsandt. 'Wenn der Prophet Mohammed noch leben würde, würde er uns die Treue schwören', spotteten ISKP-Kämpfer über ein Militärradio. Malik war von ihrer Willenskraft beeindruckt. Als er die Leichen auf dem Schlachtfeld durchsuchte, bemerkte er, dass sich einige ISKP-Kämpfer aneinander gefesselt hatten, damit Kämpfer, die es in der Hitze des Gefechts mit der Angst bekamen, nicht weglaufen konnten."

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - New Lines Magazine

Zartbesaiteten kann man die Lektüre dieses Berichts von Uğur Ümit Üngör und Annsar Shahhoud im Grunde nicht empfehlen. Minutiös schildern die beiden Völkermordforscher darin zunächst (und auch im weiteren Verlauf immer wieder) die Gräueltaten syrischer Armee- und Geheimdienstoffiziere bei einem Massaker an Zivilisten. Dokumentiert sind die seitens der Täter in aller Ruhe und Siegesgewissheit begangenen Morde auf einem Video, das offenbar als private Trophäe und Beleg gegenüber Vorgesetzten entstanden ist. Aber wie ticken Menschen, die solche Taten zu begehen imstande ist und sich dabei auch noch unbekümmert auf HD-Video filmen? Mittels eines Fake-Facebook-Profils und bildforensischer Methoden haben Üngör und Shahhoud in langwieriger Kleinstarbeit nicht nur den Ort des Geschehens identifiziert, sondern sich auch online an die Haupttäter herangepirscht und mit viel Ausdauer ihr Vertrauen gewonnen. "Nach einigen Monaten konfrontierten wir Youssef mit dem Massaker und ließen ihn wissen, dass wir die Aufnahmen gesehen haben. Zunächst leugnete er, in dem Video zu sein. Dann sagte er, er habe lediglich jemanden verhaftet. Schließlich entschied er sich für eine Rechtfertigung: Er habe nur seinen Job gemacht und zeigte sich zudem zufrieden: 'Ich bin stolz auf meine Taten.' Warum hatte Youssef eingewilligt, so lange mit uns zu sprechen? Wahrscheinlich aus vielen Gründen: Neugier, Einsamkeit und Frustration. Seit der Krieg mit einem Pyrrhussieg und einer wirtschaftlichen Ermattung endete, leben Assads Täter oft schweigsam mit ihren Erinnerungen. Sie saufen Araq und rauchen Kette. Auch war er unzufrieden, wie sich die Arbeit in letzter Zeit entwickelte, seit er als Kommandeur aus Tadamon und Yarmouk abgezogen und zu langweiliger Schreibtischarbeit versetzt wurde. Dass er den Massenmod in Tadamon gestand, kam nicht völlig überraschend: Seine Frau und seine Kinder wusste wahrscheinlich von nichts, wir waren wohl die einzigen, die ihn je danach gefragt haben. Als wir ihm schließlich offenbarten, dass uns sämtliche Videos vorliegen und wir im Laufe unserer Untersuchungen einen Riesenhaufen belastender Informationen über ihn und seine Einheit gesammelt haben, begann er, uns zu bedrohen - oder besser gesagt die Kunstperson Anna: 'Komm nach Damaskus und Du wirst alles verlieren, was du liebst', sagte er im Zorn."
Stichwörter: Damaskus, Einsamkeit