Magazinrundschau - Archiv

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112 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 12

Magazinrundschau vom 09.01.2024 - New Lines Magazine

Tiara Sahar Ataii schildert die fatale Wirkung der Droge Qat auf den Jemen. Sicher, es gibt härtere Substanzen, und doch trägt Qat, das quasi von der ganzen Bevölkerung gekaut wird, zur Katastrophe des kriegstraumatisierten Landes bei: "Die Verwendung von Qat einzuschränken ist allerdings kein leichtes Unterfangen, wenn große Teile des Landes umkämpft sind, Steuern nur schwer durchzusetzen sind, die Gehälter der Beamten nicht gezahlt werden, die Mittel für den Umweltschutz knapp sind. Die Auswirkungen auf den Jemen sind verheerend: 90 Prozent der erwachsenen Männer, 50 Prozent der jungen Frauen und 15-20 Prozent der Kinder kauen täglich drei bis vier Stunden Qat. In den letzten fünfzig Jahren ist die Durchschnittstemperatur im Jemen um 1 Grad Celsius gestiegen. Jährlich gehen zwischen 3 und 5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Wüstenbildung verloren. Eine verheerende Dürre im Jahr 2022 stürzte mehr als die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung in eine krisenhafte Ernährungsunsicherheit. Felix Arabia, wie die Römer den Jemen, die Kornkammer der arabischen Halbinsel, nannten, steht ständig am Rande einer Hungersnot." Und die landwirtschaftlichen Flächen gehen für Qat drauf, das übrigens auch in Dürren gut gedeiht.
Stichwörter: Qat, Jemen, Umweltschutz, Hungersnot

Magazinrundschau vom 05.12.2023 - New Lines Magazine

Jessica Roy wirft einen Blick auf den allerneuesten Tik Tok Trend, dem sich die Generation Z in der Folge der aktuellen Ereignisse in Nahost widmet: Influencer haben nach den Massakern der Hamas und der darauffolgenden Militäroffensive Israels den Islam für sich entdeckt, manche konvertierten sogar. Klingt verrückt? Ist aber so. Am 20. Oktober postete die Influencerin Rice Folgendes auf Tik Tok, erzählt Roy: "'Nein, aber können wir kurz über den palästinensischen Glauben sprechen? Weil ich so etwas noch nie gesehen habe. Ich habe buchstäblich Videos von Menschen gesehen, die alles verloren haben, sogar ihre Kinder, und sie halten ihre toten Kinder in den Armen und danken Gott immer noch und bitten ihn, sich von dort aus um ihre Kinder zu kümmern.'" Ihr Post erhält zahlreiche Kommentare, Menschen, die ihre Faszination für den unbedingten Gottglauben der bombardierten Palästinenser teilen. Wenig später, erzählt Roy "nahm Rice ihre Schahada" und legte das muslimische Glaubensbekenntnis ab. Die Zahl ihrer Follower hat sich seitdem verdreifacht, und immer mehr folgen ihrem Beispiel, was Roy ziemlich problematisch findet: "Dies wurde besonders deutlich, als Osama bin Ladens 'Brief an Amerika' am Mittwoch, dem 15. November, auf TikTok und im Discord-Kanal des World Religion Book Club viral ging und von einer großen Zahl von Menschen - von denen viele zu jung waren, um unmittelbar nach dem 11. September politisch aktiv zu sein - gelobt wurde. 'Dieser offene Brief von Osama Bin Laden ist sehr verdammenswert für Amerika', schrieb ein Discord-Nutzer, 'Er enthält nur Fakten.'" Rice hat TicToc inzwischen aufgegeben, weil strenggläubige Muslime sie immer wieder kritisiert hatten, "wie sie in einem neuen Video erklärt, das sie mit '#harampolice really don't want reverts to stay in Islam! 😂 Y'all need HALP.' 'Die Haram-Polizei - Mann, sind die furchtbar", sagt sie und bezieht sich dabei auf ultrakonservative Muslime, die damit begonnen haben, ihr Verhalten online zu überwachen. "Sie sind so schlimm. Ich bekomme ständig Mails und Kommentare von Leuten, die mir sagen: 'Du musst jedes einzelne Video auf deiner Seite löschen, in dem du keinen Hijab trägst.' Eigentlich, Sir und Ma'am, muss ich nichts von dem tun, was Sie mir sagen. Diese Videos waren vor meiner Shahada, kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten. Es ist eine Frechheit, dass Leute, die mich nicht persönlich kennen, sich berechtigt fühlen, mein Leben und meinen Glauben zu kommentieren und mir sagen, was ich tun soll.'"

Larisa Jasarevic besucht Imker in Bosnien, die verzweifelt versuchen, ihre Honigbienen durch den Winter zu bringen. Der durch den Klimawandel verursachte Temperaturanstieg verändert die Flora des Landes, die Bienen finden nicht mehr genug Blüten, um den Honig zu produzieren, der nicht nur die Imker, sondern auch sie selbst am Leben erhält. Es sind kleine Zeichen, wie die Haselnusskätzchen, die viel zu früh im Jahr blühen, die "ein verräterisches Zeichen für eine leise, sich anbahnende Katastrophe sind, die den örtlichen Honigbienen zum Verhängnis wird", weiß die Forscherin. Den Imker Mehmed hat sein Glaube zu den Bienen gebracht, verrät er Jasarevic: "Mehmed ist der Sohn eines Imkers, aber er hat sich den Bienen zugewandt, wie er oft sagt, weil er an der Universität Islamwissenschaften studiert hat. Als junger Mann, der sich zum Imam ausbilden ließ, grübelte Mehmed über Koranzeilen nach: 'Und dein Herr offenbarte der Honigbiene'. Dann fiel es ihm auf: Jede Biene, der er auf seinem heimischen Bienenstand begegnete, war ein Mitglied der prophetischen Spezies. In der Gegenwart der Bienen konnte er die Offenbarung beobachten, nicht als Schrift, nicht als abstraktes Konzept der Rede Gottes, sondern als einen fortlaufenden Akt der Erhaltung der Welt."

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - New Lines Magazine

Khaled Diab blickt auf die tief sitzenden individuellen und kollektiven Traumata der Israelis und Palästinenser, die von Extremisten auf beiden Seiten ausgenutzt werden. Katastrophe werde auf Katastrophe folgen, warnt er: "Israel kann die Hamas nicht zerstören. Das liegt nicht daran, dass die Hamas unbesiegbar ist oder dass es Israel an Feuerkraft mangelt. Das liegt daran, dass 'Hamas' eine Idee ist und man eine Idee nicht auf dem Schlachtfeld töten kann. Tatsächlich läuft das, was Israel jetzt in Gaza tut, Gefahr, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass noch radikalere Bewegungen aus den Trümmern hervortreten, insbesondere da die sozialen Säulen, die die Gemeinschaft zusammenhalten, inmitten der Zerstörung zusammenbrechen. Die große Trauer und das Trauma, die durch die anhaltende Zerstörung des Gazastreifens verursacht werden, könnten einen neuen Kader von Extremisten mit willigen oder auch widerwilligen Rekruten hervorbringen. Israels extremer Militarismus und sein übermäßiges Vertrauen auf die militärische Macht sind zum Teil ein Nebenprodukt eines historischen Traumas, das von Extremisten ausgenutzt wird, um die Öffentlichkeit für das Siedlungsprojekt und die anhaltende Entmachtung der Palästinenser zu unterstützen oder sie als Geisel zu halten. Die Macht, der Machismo und die Prahlerei der stärksten Armee der Region kompensieren in der kollektiven Psyche teilweise das Gefühl vergangener Machtlosigkeit und Schwäche. Auch unter den Palästinensern herrscht eine nicht ungleiche Dynamik der Überschätzung des Nutzens von Gewalt und der Unterschätzung der Entschlossenheit und Entschlossenheit der anderen Seite, allerdings eher aus aktuellen und nicht aus historischen Gründen. Das anhaltende kollektive Trauma der Enteignung hat nicht nur tiefe Schmerzen, sondern auch tiefe Quellen ohnmächtiger Scham über die kollektive Schwäche des palästinensischen Volkes und seine Unfähigkeit, sich zu verteidigen, geschaffen."

"Wer sind wir, wenn unser Zuhause sowohl physisch als auch metaphorisch zerstört wurde?" Dieser Frage widmet sich der aus Syrien nach Großbritannien geflohene Architekt Ammar Azzouz in seinem Buch "Domicide: Architecture, War and the Destruction of Home in Syria", für das er Überlebende zum Verlust ihrer Heimat befragt hat. Er berichtet: "Manche entscheiden sich dafür, sich nicht durch ihre Erfahrungen mit Gewalt und Zerstörung definieren zu lassen und weigern sich, als Überlebende bezeichnet zu werden - entweder aus Stolz oder aus dem Wunsch heraus, weiterzumachen. ... Andere, die versuchen, im Exil ein neues Leben aufzubauen, werden weiterhin von der Erinnerung an den Krieg geplagt, auch wenn sie jetzt relativ komfortabel leben, wie ein Videoclip der syrischen Künstlerin Assala Mostafa Hatem Nasri mit dem Titel 'Brot, Zucker, Heimat' zeigt. Nasri tut so, als höre sie ihren Mann nicht, als er sie fragt, ob sie gesehen hat, was in Syrien passiert. Sie wechselt das Thema und bittet ihn, Brot und Zucker nach Hause zu bringen. Er wiederholt die Frage, und wieder wechselt sie das Thema. Aber als er darauf besteht, geht sie in ihr Wohnzimmer, das sich in einen Ort des Traumas verwandelt, da Bilder von Ruinen und Vertreibung an die Wände projiziert werden. Es ist klar, dass sie zwar nicht über den Krieg sprechen will, aber er beschäftigt sie immer noch, und sie singt: 'Mein Geliebter, ich tue so, als könnte ich dich nicht hören, weil ich Angst habe, eines Tages zerstört zu werden. Wegen all meines Schmerzes habe ich Angst, jemandem meine Gefühle zu beschreiben."

Außerdem: Die Anthropologinnen Ammara Maqsood und Amandas Ong warnen mit Blick auf den Israel-Palästina-Konflikt davor, dass Sprache den Krieg trivialisiert, die Opfer entmenschlicht und die Vergangenheit auslöscht.

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - New Lines Magazine

Mit aggressiver Propaganda unterlegt das iranische Regime seine Unterstützung für die Hamas und den Kampf gegen Israel, aber in der iranischen Bevölkerung findet sich kaum noch Zustimmung, schreibt der iranische Journalist Kourosh Ziabari: "Gab es zu Beginn der Revolution von 1979 einen echten nationalen Konsens darüber, dass Widerstand gegen die Politik Israels eine moralische und menschliche Verantwortung sei, so wurde diese Verpflichtung durch die Exzesse der Islamischen Republik zunichte gemacht. Für die jüngere Generation ist der Kampf um das besetzte Land lediglich ein rhetorisches Spielzeug der Führung, um ihren Einfluss in der muslimischen Welt zu stärken. Als der im Exil lebende Ayatollah Ruhollah Khomeini das Narrativ der Revolution formulierte, scharte er seine Anhänger erfolgreich um die Idee der Antipathie gegen die Apartheid in Südafrika und die Besetzung der palästinensischen Gebiete durch Israel, weshalb er beiden Ländern nach 1979 die diplomatische Anerkennung verweigerte. Doch was zu Beginn als humanitäres Prinzip vermarktet wurde, verwandelte sich in Fanatismus und wurde für strategische Zwecke als Waffe eingesetzt, verlor aber zunehmend an Glanz. Viele iranische Steuerzahler halten die militanten Cliquen in Gaza sowie andere Teheraner Stellvertreter wie die libanesische Hisbollah für ein Fass ohne Boden, das ihren Reichtum in unbescheidener Weise verschlingt. Für sie ist das palästinensische Ideal ein Rivale, der sie als Priorität verdrängt hat, wenn ihre Regierung entscheidet, wofür sie ihre Mittel einsetzen will. Es ist nicht nur die Auszahlung von Bargeld an transnationale Kombattanten, die die Wähler verärgert. Sie sind frustriert darüber, dass die Aufmerksamkeit der Regierung fast vollständig von einem Konflikt vereinnahmt wird, mit dem sie nicht unbedingt etwas zu tun haben und der ihnen auch Folgekosten verursacht hat. ... In jüngerer Zeit, wenn Demonstranten ihre wirtschaftlichen Beschwerden zum Ausdruck bringen, ist einer der wiederkehrenden Refrains, die sie singen: 'Gebt Palästina auf; überlegt euch eine Lösung für uns.'"

Vor einigen Wochen hatte Wladimir Putin ein Dekret zur Einberufung von 130.000 Männern zum Wehrdienst unterzeichnet, erstmals galt die Wehrpflicht auch für die von seinen Invasionstruppen besetzten Gebiete der Ukraine, berichtet Martin Kuz, den das Dilemma, vor dem junge ukrainische Männer in den besetzten Gebieten nun stehen, an das Schicksal seines Vaters erinnert, der sich 1943 der Galizien-Division anschloss: "Achtzig Jahre später ist Putin zum geistigen Nachfolger Stalins geworden, ein Zerstörer ohne Gewissensbisse, während er einen neuen russischen Kreuzzug führt, um die Unabhängigkeit der Ukraine zu zerstören, nur drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Sein Befehl, ukrainische Männer in den besetzten Gebieten zum Eintritt in die russische Armee zu verpflichten, erinnert an den bösartigen Zynismus Stalins, der im Zweiten Weltkrieg Millionen Ukrainer eingezogen hat, nachdem er bereits Millionen ihrer Mitbürger ausgehungert, eingesperrt und hingerichtet hatte. Die Entscheidung, vor der die Männer in den von Russland gehaltenen Gebieten jetzt stehen, unterscheidet sich in zwei entscheidenden Punkten von der unmöglichen Entscheidung, die meinen Vater und seine Generation belastete. Nur ein Diktator hat in diesem Krieg die Ukraine belagert, und der Westen hat seine Grausamkeit voll zur Kenntnis genommen. Dennoch hat sich im wichtigsten Punkt nichts geändert. Russland stellt die größte unmittelbare Bedrohung für die Ukraine und ihre Bevölkerung dar. Während Putin Stalin nachahmt und versucht, die Ukrainer im Interesse der imperialen Ambitionen Moskaus zu versklaven, erinnert seine Völkermordkampagne daran, warum die Galiziendivision ins Leben gerufen wurde."

Außerdem: Layla AlAmmar erzählt die Geschichte der Kalligraphie: "In der Welt der Kalligraphie finden wir einen Mikrokosmos der Debatten, die die arabische Moderne seit der 'nahda' ('arabisches Erwachen') des 19. Jahrhunderts geplagt haben. Es herrscht eine unterschwellige Angst, eine Unruhe, die sich um die gleichen Achsen dreht - konservativ oder fortschrittlich, islamisch oder säkular, entgegenkommend oder radikal, traditionell oder modern - Binär- und Polaritäten, vielleicht ein weiterer westlicher Import."

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - New Lines Magazine

Kingsley Charles widmet sich dem kuriosen Phänomen 'koro', der Angst vor dem Verlust des eigenen Penisses - diese verbreitet sich gerade in Windeseile in Nigeria, nachdem im September diesen Jahres ein Mann einen anderen bezichtigte, seinen Penis entwendet zu haben: "Verzweifelt weinend zeigte der Mann auf einen anderen Mann, dem er vorwarf, ihm während eines Händedrucks die Genitalien entrissen zu haben. Es kam zum Tumult. Ein wütender Mob stürzte sich mit Fäusten auf den Beschuldigten und forderte ihn auf, das Organ des anderen zurückzugeben. Kaum war die Polizei am Tatort eingetroffen, bestätigte der weinende Mann, dass sein Penis wieder da sei." Was wie ein völlig verrückter Einzelfall klingt, wird gerade zum tatsächlichen Problem: "In den sozialen Medien tauchen immer wieder Berichte über geschrumpfte Penisse in verschiedenen Bundesstaaten des Landes auf. In Calabar, wo im August erstmals weniger als ein Dutzend Fälle gemeldet wurden, war die Angst auf den Straßen fast greifbar. Die Regierung des Bundesstaates sah sich gezwungen, die wachsende Spannung zu dämpfen, auch aus Sorge um einen möglichen Schaden für den Ruf der Stadt bei Besuchern. In Calabar findet jedes Jahr im Dezember ein Karneval statt, der als größtes Straßenfest Afrikas bezeichnet wird. Am 12. September bezeichnete die Regierung des Bundesstaates in einer Presseerklärung die Berichte über verschwundene Genitalien als 'Fake News' und drohte mit der 'ganzen Härte des Gesetzes' gegen diejenigen, die diese Gerüchte verbreiten. Trotz der Warnung folgten weitere Fälle. Die Meldungen über verschwundene Penisse und die Gewalt des Mobs gegen mutmaßliche Diebe stiegen auf 15 Fälle und verbreiteten sich wie ein Sandsturm in den Straßen. Die meisten Männer in Calabar nahmen Bitterkola, einen tropischen Samen, der wegen seiner neutralisierenden Wirkung geschätzt wird, als Talisman in die Tasche mit." Mediziner ordnen 'koro' als eine Art psychotischem Anfall ein, der als gesellschaftliches Phänomen häufig in Krisenzeiten ausbricht, so Charles, eben die Angst vor Verlust der eigenen Männlichkeit als Angst vor ökonomischer Unsicherheit, Versagensängsten etc. Die Behandlung ist einfach, normalerweise können die Betroffen schnell überzeugt werden, dass ihre Angst unbegründet ist. Zum tatsächlichen Problem werde die Sache, wenn die Bezichtigung eines vermeintlichen Penisräubers in unkontrollierte Gewalt ausarte, was Charles zufolge auch schon öfter der Fall war.

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - New Lines Magazine

Katia Patin berichtet von der unermüdlichen Arbeit von Memorial, der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten russischen Organisation für historische Aufklärung und Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft, die nach der Schließung durch den Obersten Gerichtshof Moskaus mit immer neuen Widerständen konfrontiert wird: "Weltweit sind etwa 200 Mitglieder und Freiwillige von Memorial tätig, knapp die Hälfte davon in Russland. Da jede russische Zweigstelle unabhängig registriert ist, würde es 25 separate Gerichtsverfahren erfordern, um das Netzwerk innerhalb des Landes vollständig zu schließen. Es gibt Satellitenbüros in der Tschechischen Republik, der Ukraine, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Litauen, Italien, Frankreich, Polen, Israel, Belgien und Schweden. Die Memorial-Außenstellen im Ausland bestanden lange Zeit größtenteils aus einheimischen Historikern, die sich mit der Sowjetzeit befassten, doch jetzt nehmen viele Zweigstellen Mitarbeiter auf, die aus Russland geflohen sind. (…) In Russland nimmt der Druck auf die Mitarbeiter weiter zu. Der Leiter der Memorial-Niederlassung in der sibirischen Stadt Perm wurde im Mai verhaftet, als er versuchte, einen Flug nach Deutschland zu besteigen, und wurde wegen 'Hooliganismus' angeklagt; seitdem befindet er sich in Untersuchungshaft. Büros in Jekaterinburg und anderen Städten werden von den örtlichen Behörden regelmäßig schikaniert und mit willkürlichen Geldstrafen belegt, so dass einige von ihnen kurz vor der Schließung stehen. Ein prominenter Historiker von Memorial, Juri Dmitriev, verbüßt derzeit eine 15-jährige Haftstrafe in einem Gefängnis, die nach Ansicht von Memorial politisch motiviert ist. Beide Männer sind derzeit in Einrichtungen inhaftiert, die einst Teil des sowjetischen Gulag-Systems waren. In Moskau sind neun Memorial-Mitglieder, darunter Polivanova, Zielscheibe einer laufenden strafrechtlichen Untersuchung geworden. Im Mai klagten die Behörden das Memorial-Vorstandsmitglied Oleg Orlow wegen 'Verunglimpfung' des russischen Militärs an, eine neue Straftat in Russland, die mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden kann."

Kimberly St. Julian-Varnon erzählt die Geschichte von afrikanischen Studierenden und Vertragsarbeitern in der DDR, denen trotz antirassistischer Sowjet-Ideologie immer wieder Rassismus begegnete, wie etwa der Fall mosambikanischer Vertragsarbeiter zeigt: "Nahezu 20.000 Mosambikaner zogen nach Ostdeutschland, um eine technische Ausbildung zu absolvieren und einen Arbeitsplatz zu finden, und zwar unter dem Deckmantel eines Programms, bei dem ein Teil ihres Lohns auf Sparkonten angelegt wurde, die sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat nutzen konnten. Diese Männer und Frauen, die heute als 'madgermanes' (d.h. 'made in Germany') bekannt sind, befanden sich nach der Auflösung der DDR im Jahr 1989 in einer unmöglichen Lage. Statt mit ausreichenden Ersparnissen nach Hause zu gehen, um ihre Familien zu versorgen, hatten sie nichts. Seit den 1990er Jahren bemühen sich diese ehemaligen Vertragsarbeiter um Entschädigung durch die deutsche und die mosambikanische Regierung. Sie wurden stets abgewimmelt. Ihnen wurde gesagt, dass der ostdeutsche Staat die Gelder nach Mosambik gezahlt hat, und die mosambikanische Regierung schiebt die Schuld immer noch auf Deutschland. Letztlich sind diese Männer und Frauen sich selbst überlassen, wurden wegen ihrer Zeit in Ostdeutschland oft sozial geächtet und leben in wirtschaftlicher Unsicherheit, weil sie beraubt wurden. An jedem beliebigen Mittwochnachmittag kann man in Maputo, Mosambik, die öffentlichen Proteste der Madgermanes beobachten, die sich dagegen wehren, dass die mosambikanische und die deutsche Regierung ihre Versprechen an sie vergessen. Das tägliche Leben der Vertragsarbeiter unterschied sich von dem der Studenten. Im Gegensatz zu afrikanischen Studenten lebten die Vertragsarbeiter isoliert von ihren deutschen Kommilitonen, oft in kleinen Städten außerhalb von Metropolen wie Ost-Berlin und Dresden. Viele Arbeiter hatten nur wenig Kontakt zu Deutschen. Der Kontakt fand meist am Arbeitsplatz oder in sozialen Einrichtungen wie Clubs oder Kinos nach Feierabend statt. Die Leiharbeiter waren in Wohnheimen und Pensionen untergebracht, die oft keinen Besuch zuließen, insbesondere nicht von ostdeutschen Frauen."

Weitere Artikel: Michael Kranz schreibt über die jüngste Ausgrabung eines Massengrabs im heute westukrainischen Puzniki, in dem dutzende mutmaßlich polnische Zivilisten gefunden wurden, die während des Massakers in Wolhynien ermordet wurden.

Magazinrundschau vom 26.09.2023 - New Lines Magazine

In einer großen mit 53 Minuten Lesezeit angegebenen Reportage schildert Lynzy Billing das ganze Ausmaß an giftiger Umweltbelastung, die erst das sowjetische und dann vor allem das amerikanische Militär in Afghanistan hinterlassen haben: "Anwohner berichten seit langem, dass US-Militärstützpunkte große Mengen an Abwasser, chemischen Abfällen und giftigen Substanzen von ihren Stützpunkten auf das Land und in Wasserstraßen kippen und so Ackerland und Grundwasser für ganze in der Nähe lebende Gemeinden verunreinigen. Sie verbrannten auch Müll und andere Abfälle in offenen Brenngruben - einige hatten Berichten zufolge die Größe von drei Fußballfeldern - und überschwemmten Dörfer mit giftigen Rauchwolken. Afghanistan hat mehr als 40 Jahre lang einen selten unterbrochenen Krieg erlitten. Die Beweise sind überall, einige davon statisch und vergraben, andere noch sehr lebendig. Die Kriegschemikalien vergifteten das Land auf eine Weise, die noch immer nicht vollständig verstanden ist. Bevor das US-Militär in Afghanistan eintraf, wurde den sowjetischen Streitkräften der Einsatz chemischer Waffen, darunter Napalm, vorgeworfen. Ihre Stützpunkte wurden dann von den Amerikanern umfunktioniert. Zurück bleiben heute Schichten über Schichten medizinischer, biologischer und chemischer Abfälle, die wahrscheinlich nie beseitigt werden."

Männer in Schlaghosen, Frauen in kurzen Röcken - kein seltenes Bild im Afghanistan der Sechzigerjahre, das modische Einflüsse aus Russland, Amerika und Indien vereinte, erinnert die in Afghanistan geborene Autorin Sofia Mahfouz, die Afghanistans Geschichte anhand der Mode in drei Generationen erzählt. Trugen Frauen Kopftuch, bekundete man ihnen Beileid, denn das Kopftuch wurde nur zu Traueranlässen oder zu Ramadan getragen. Und auch in den Neunzigern, als die Taliban erstmals die Macht übernahmen, versuchten afghanische Frauen noch, irgendwie ihre modische Freiheit zu bewahren: "In den dunklen Jahren der Taliban, als ich geboren wurde, war Mode ein verbotenes Wort. Meine Familie war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Kandahar gezogen. Frauen mussten sich mit formlosen Burkas bedecken und so ihre Schönheit und Identität verbergen. Doch schon damals erfreuten sie sich an den Farben ihrer Stickereien und stickten Muster aus Blumen und Vögeln auf ihre Kleidung. Meine Mutter war eine von ihnen. Da meine Mutter keine andere Möglichkeit hatte, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, musste sie sie auf eine neue Art und Weise entfalten. Einst Professorin, die Vorlesungen über organische Chemie hielt, musste sie nun ein neues Handwerk erlernen. Sie verwendete Seidengarn, das im Licht schimmerte, und verbrachte Stunden damit, die richtigen Farben und Muster auszuwählen. Wer Zugang nach Pakistan hatte, hatte Glück. Sie konnten sehen, was in der Modewelt passiert, und etwas davon mit nach Hause nehmen. (…) Die pakistanischen Kleider hatten raffiniertere Muster und Farben. Jeder, der nach Pakistan reiste, wurde daher mit der Aufgabe betraut, mit den gewünschten Stoffen und Stickmaterialien zurückzukehren."

Als Kind war der syrische Journalist Asser Katthab der einzige, der in der Schule Deutsch lernte. Hätte ihm jemand gesagt, dass ein paar Jahre später eine halbe Million syrische Menschen hier leben würden - er hätte es nicht geglaubt, schreibt er. Im Jahr 2017 floh auch er aus seiner Heimat, weil ihm wegen seiner Arbeit schwere Repressionen drohten. Ein französisches Asylvisum - sein Antrag in Deutschland wurde abgelehnt - erlaube ihm seitdem, nicht nur in Frieden zu leben, sondern auch frei reisen zu können. Kaum hatte er die Gelegenheit, reiste er nach Deutschland, nach Nürnberg um genau zu sein, um sich dort das Germanische Museum anzusehen. Die Begegnungen mit seinen Landsleuten waren nicht immer einfach, erzählt er, manchmal traf er auf Sympathisanten des Regimes oder konservative Syrer, die andere Mitglieder der Diaspora kontrollierten und sicherzustellen, dass sie keinen "westlichen" Gewohnheiten verfielen. Andere, so stellte er verblüfft fest, waren hundertfünfzigprozentige Bayern geworden. Vor allem aber konnte er beobachten, dass es eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Syrern gibt, auf die ihn seine eigenes Interesse für die deutsche Geschichte stieß: "Ich war mir bereits bewusst, dass die Deutschen angesichts dessen, was im vergangenen Jahrhundert geschehen ist, nicht sehr stolz auf die Vergangenheit ihrer Nation sind. Aber ich war überrascht, dass mein Interesse an der Geschichte des Landes - sogar vor der Vereinigung unter Kaiser Wilhelm I. und Bismarck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ganz zu schweigen von den beiden Weltkriegen - fast jeden, den ich dort traf Unbehagen bereitete. Die meisten Deutschen, mit denen ich zu tun hatte, schienen darin übereinzustimmen, dass ihr Land sein Recht verloren hat, seine Kultur und sein Erbe zu feiern. Viele der Syrer, die nun schon seit Jahren hier sind, scheinen die gleiche Einstellung zum Rückblick auf die Vergangenheit zu haben. Diese Syrer waren schließlich unter einem Regime aufgewachsen, das in vielerlei Hinsicht dem Nationalsozialismus ähnelte. Sie wissen sehr gut, wie der Stolz auf die Geschichte dazu genutzt werden kann, gefährliche Ideen über Nationalismus und Macht zu schmieden."

Magazinrundschau vom 19.09.2023 - New Lines Magazine

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat viele ethnische Minderheiten in der Russischen Förderation aufgeweckt, berichtet Courtney Dobson: "Andrejew, ein 34-Jähriger mit kurzgeschorenem Haar und Schnurrbart, ist Mitbegründer der Stiftung Freies Jakutien, die sich gegen den Krieg einsetzt und potenziellen Wehrpflichtigen hilft, die Mobilisierung zu vermeiden. Er war Redner beim Forum of Free Peoples of Post-Russia, einer Plattform, die Angehörige der zahlreichen ethnischen Minderheiten Russlands zusammenbringt, um über die Zukunft Russlands zu diskutieren. Andrejew ist nicht allein. Er ist einer von Tausenden von Angehörigen ethnischer Minderheiten in Russland, die Teil einer Bewegung sind, die die Entkolonialisierung des Landes fordert, wobei einige sogar die Unabhängigkeit von Moskau fordern. Der Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 löste eine Welle nationaler Bewegungen unter den ethnischen Minderheiten Russlands aus, doch ihre Beschwerden über 'Moskau', wie viele Mitglieder der Bewegung die Zentralmacht in Russland bezeichnen, haben eine jahrzehntelange, manche würden sagen jahrhundertelange Vorgeschichte. Der Krieg in der Ukraine hat dem Westen vor Augen geführt, was viele in Russland bereits wussten: dass Russland eine imperiale Macht ist. Für einige wurde Russlands Revanchismus nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 offensichtlich. Weniger bekannt ist jedoch, dass sich der Kreml innerhalb seiner Grenzen wie ein Kolonisator verhalten hat, der seine riesigen Regionen wegen ihrer Ressourcen ausbeutet und ethnischen Minderheiten die Möglichkeit verweigert, ihr kulturelles und sprachliches Erbe zum Ausdruck zu bringen."

Weitere Artikel: Im indischen Punjab sind Frauen mit Englischkenntnissen sehr begehrt, berichtet Ravleen Kaur: Das hilft ihren Ehemännern, mit der Familie zu emigieren. Syrische Frauen, die mit ihren Familien nach Dänemark emigriert sind, sind wiederum oft von ihren Ehemännern abhängig: Wer sich von einem gewalttätigen Mann trennt, kann leicht seine Aufenthaltserlaubnis in der EU verlieren, berichten Megan Clement und Mais Katt

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - New Lines Magazine

Deutsche Medien behandeln Österreich als weit entferntes Ausland. Die abstoßende Szene, die die FPÖ produzierte, als Wladimir Selenski per Video im österreichischen Parlament sprach, wurde hier kaum thematisiert: Die Abgeordneten verließen ihre Plätze und stellten Schilder mit der Aufschrift "Platz für Frieden" auf (hier das Video, ab Minute 5.20). In unheimlicher Parallele zur AfD in Deutschland und dem Front national in Frankreich ist die FPÖ in Österreich inzwischen zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen, wohl auch weil sie den giftigen Fundus von Antiamerikanismus und Russlandliebe aus dem Mainstream an den rechten Rand zu ziehen vermochte, so wie die AfD in den Neuen Ländern. Nun "stellt sich die Frage, ob die ÖVP auf Bundesebene als Juniorpartner der FPÖ auftreten will", schreibt Liam Hoare, auch wenn sie damit den verhassten Herbert Kickl zum Bundeskanzler machen würde. "Die neuen ÖVP-FPÖ-Koalitionen in den Bundesländern Niederösterreich und Salzburg deuten darauf hin, dass das passieren könnte, ebenso wie der jüngste Rechtsruck der ÖVP bei Themen wie Zuwanderung und Umwelt. Gleichzeitig haben mehrere Kabinettsminister sowie der Präsident des österreichischen Parlaments, Wolfgang Sobotka, angedeutet, dass sie ein solches Szenario nicht zulassen würden. Langjährige Mitglieder der ÖVP haben gewarnt, dass die Partei zerfallen könnte, wenn Kickl Kanzler würde."

Magazinrundschau vom 29.08.2023 - New Lines Magazine

Identitätsbetrüger gibt es seit es Identitäten gibt. Aber Dank der Verbreitung des Internets gibt es heute mehr denn je. Jeremiah Steinfeld stellt die Opfer besonders perfider und vor allem politisch brisanter Scams vor, nämlich Kritiker der chinesischen Regierung, die sich plötzlich mit vermeintlichen verbrecherischen Handlungen ihrer digitalen alter egos konfrontiert sehen: "Wang (Jingyu), ein in den Niederlanden lebender chinesischer Aktivist, fragt sich, ob er zum Wahnsinn getrieben und dadurch dazu gebracht werden soll, nach China zurückzukehren. In seinem Fall begannen die Drohungen ein Jahr vor dem Vorfall um (die niederländische Journalistin Marije) Vlaskamp. Letztes Jahr hatte Wang, der seit mehreren Jahren in den Niederlanden wohnt, dabei mitgeholfen, die Existenz geheimer chinesischer Polizeistationen offenzulegen. Seitdem wurde sein Name für einen bunten Reigen an Drohungen und böswilligen Unterstellungen missbraucht. 'Sie rufen oft die niederländische Notfallnummer an und berichten über erfundene Verbrechen,' so Wang. Einmal behauptete ein Anrufer, in seiner Wohnung befänden sich Geiseln und Waffen. Ein anderer behauptete, er hätte seine Freundin attackiert. Als die Poizei sie fragte, ob das stimme, stellte sie klar, dass es eine Lüge war. Mehrmals wurde Wang nach solchen Anrufen verhaftet. Er glaubt, dass die Chinesische Botschaft in den Niederlanden hinter den Angriffen steckt und beschwert sich darüber, dass die niederländische Regierung nicht deutlich genug reagiert." Vollständig geklärt ist die Identität der Identitätsdiebe bislang nicht: "Die Botschaft bestreitet, involviert zu sein. Ihrer Darstellung nach hatten ihre Mitarbeiter Wang bei der Poizei gemeldet, weil sie alle Bombendrohungen ernst nehmen. Das wirft die Frage auf: Wer genau steckt hinter den Angriffen? Einzeltäter? Der chinesische Staat?"