Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 25

Magazinrundschau vom 04.12.2007 - Nouvel Observateur

In einem Interview erklärt Garri Kasparow unter anderem, inwiefern ihm seine Schach-Fähigkeiten im Kampf gegen Putin geholfen haben. "Als Spieler war ich sehr dynamisch, sogar aggresiv oder wie manche meinte: arrogant. Ich hatte eine exzellente Intuition, die es mir ermöglichte, die Züge meines Gegners zu erahnen. Außerdem habe ich gelernt, meine Grenzen zu erkennen. Ich weiß, dass man nicht in die Offensive gehen kann, wenn man sich in einer schwachen Position befindet, und das hat mir in meinem politischen Kampf von Anfang an geholfen: Der Feind verfügte über eine erdrückende Überlegenheit. Ich musste also die passende Strategie gegen Putin finden und zunächst eine Überlebensstrategie. Jeder gewonnene Tag erlaubt uns, mehr Menschen zu erreichen und den Kreml mehr zu ärgern. Das kommt aus der Guerillataktik und ist das einzige Spiel, das wir uns erlauben konnten."

Anlässlich des 60. Jahrestags der Uno-Entscheidung für einen Teilungsplan Palästinas zugunsten eines eigenen israelischen Staates analysiert der 1936 in Jerusalem geborene Schriftsteller Avraham B. Yehoshua die Konfliktlinien und macht vier konkrete Vorschläge zu ihrer Lösung, darunter den Rückzug Israels hinter die Grenzen von 1967 und die Demilitarisierung der besetzten Palästinensergebiete.
Stichwörter: Kasparow, Garri, Schach, UNO, 1967

Magazinrundschau vom 27.11.2007 - Nouvel Observateur

Vom bedeutendsten britischen Soziologe, Anthony Giddens, Autor unter anderem von "Die dritte Moderne", wird in Großbritannien "Over to You Mr Brown" (Polity Press) und in Frankreich in Kürze das Buch "Le Nouveau Modele europeen" (Hachette Litteratures/Telos) erscheinen. In einem Interview spricht er über die gespaltene Linke, Frankreichs Versäumnisse, den Blair-Nachfolger Gordon Brown und erläutert sein Plädoyer für ein neues europäisches Sozialmodell. "Das gegenwärtige europäische Sozialmodell, das laut Definition von Jürgen Habermas und Jacques Derrida davon geprägt ist, staatlichen 'Garantien der sozialen Sicherheit' und der Zuversicht der Europäer in die 'zivilisatorische Macht des Staates' einen hohen Stellenwert einzuräumen, ist in der Krise. Es lässt 20 Millionen Menschen in der Arbeitslosigkeit hängen. Diese Krise ist für die Ablehnung der europäischen Verfassung verantwortlich: Die französischen Wähler haben gegen ein Europa votiert, das sie nicht mehr beschützt. Bestimmten Ländern - den nordeuropäischen - ist es trotzdem gelungen, Wachstum mit sozialer und dem Gleichheitsgrundsatz folgender Sicherung auf hohem Niveau zu verbinden. Wir werden sehen, was Europa von ihnen lernen kann."

Magazinrundschau vom 13.11.2007 - Nouvel Observateur

Vor rund 50 Jahre wurden die Gulags in Russland aufgelöst. Vor dem Hintergrund, dass Putins Russland erneut versucht, die stalinistische Unterdrückung zu rechtfertigen, widmet der Obs dem Thema ein Dossier. Vincent Jauver fasst kurz ihre Entstehungsgeschichte zusammen. Und in einem Interview erklärt die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum, die mit ihrer Studie "Der Gulag" den Pulitzer-Preis gewann, warum die Gulags aufgelöst wurden und was man heute alles über sie weiß. "Nicht alles, aber das Wesentliche. Dieses Wissen ist neu. Während das Kalten Kriegs wurde das Thema verkannt und bestritten. Auf beiden Seite zirkulierten von der Propaganda gespeiste Legenden. Man konnte nur der Zeugenschaft ehemaliger Häftlinge trauen und natürlich den ungeheuren Werken von Solschenizyn und Schalamow. Mitte der neunziger Jahre hat sich alles verändert. Die Hauptarchive des Gulag wurden geöffnet. Seither hat man Zugang zu einer beträchtlichen Zahl von Dokumenten."

Zusätzlich dokumentiert sind Zeugenaussagen ehemaliger Häftlinge sowie Auszüge aus zwei bisher noch unveröffentlichte Texte von Alexander Solschenizyn aus den Jahren 1941 und 1995. Bei Ersterem handelt es sich um Auszüge aus einem 1940 begonnenen Romanfragment, das heute in Frankreich erscheint: "Aime la revolution". Der zweite entstammt dem Buch "Une minute par jour", einem Sammelband mit Gesprächen mit Solschenizyn.

Magazinrundschau vom 06.11.2007 - Nouvel Observateur

In einem Gespräch diskutieren der englisch-pakistanische Schriftsteller, Filmemacher und Journalist Tariq Ali und der niederländische Autor marokkanischer Herkunft Fouad Laroui das Thema europäische Einwanderung und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer beiden Länder im Umgang damit. Auf die Frage, ob und wie man die Einwanderung nach Europa regulieren solle, meint Ali: "Eine Welt, in der man praktisch keinerlei Kapitalkontrolle ausübt, hat zwangsläufig Mühe damit, die Flüsse der Arbeitskräfte zu kontrollieren. Wenn das neoliberale System Afrika in Not stürzt, welche Wahl bleibt den Afrikanern? Ihr Land verlassen, um Arbeit zu suchen. So war es schon immer. Die einzige Lösung ist, durch massiven staatlichen Interventionismus die Lebensbedingungen in Afrika zu verbessern." Laroui dagegen meint: "Jeder Staat muss per definitionem seine Grenzen überwachen. Das Gegenteil zu behaupten ist Demagogie. Was ist das Gegenteil von 'die Migrationsflüsse kontrollieren'? Die Tore weit öffnen, damit jeder, der will, hereinkommt? Ich kenne ultraliberale Kollegen, die diesen Standpunkt vertreten, habe aber den Verdacht, dass sie selbst nicht daran glauben."
Stichwörter: Ali, Tariq, Einwanderung

Magazinrundschau vom 23.10.2007 - Nouvel Observateur

Was sind die Gesichter des Kolonialismus? Wie steht man dieser Vergangenheit gegenüber? Auf diese Fragen versucht Jean-Pierre Rioux in dem von ihm herausgegebenen "Dictionnaire de la France coloniale" (Flammarion) eine Antwort zu geben. Im Interview erinnert er daran, dass über den Kolonialismus in der Dritten Republik innerhalb der Linken gestritten wurde und kommt auf eine Debatte zwischen dem Erziehungsminister Jules Ferry und Georges Clemenceau, beides knochenharte Republikaner, im Jahr 1885 zurück. "Ferry, der über seine Kolonialpolitik nie theoretisiert hat, appelliert in einer Stprache, die heute unerträglich scheint, an die drei Dimensionen, die sich im Kolonialismus immer vermischt haben - von 1885 bis 1962: die wirtschaftliche Dimension ('die Kolonialpolitik ist eine Tochter der Industriepolitik'), die humanitäre ('die überlegenen Rassen haben die Pflicht die unterlegenen Rassen zu zivilisieren') und die nationale ('eine große Nation, die nicht ausstrahlt, dankt ab'). Und Clemenceau erwidert: 'Versuchen wir nicht, die Gewalt unter dem heuchlerischen Namen der Zivilisation zu verstecken."

Magazinrundschau vom 16.10.2007 - Nouvel Observateur

Der bekannte Soziologe Robert Castel (mehr hier und hier) denkt zwei Jahre danach noch einmal über die Unruhen in der Pariser Banlieue nach. Nichts hat sich seitdem in den Stadtrandgebieten wirklich zum Positiven gewandt, meint er. Das Problem der Jugendlichen dort sei eines der "Anerkennung": "Man verweigert diesen Jugendlichen, die fast immer ausländischen Ursprungs sind und dennoch die französische Nationalität haben, eine tatsächliche Einbürgerung. Sie leben nicht ganz außerhalb der Gesellschaft (denn die Vorstädte sind kein Ghetto), aber auch nicht ganz innerhalb, denn sie haben keinerlei anerkannten Ort in der Gesellschaft. Sie leben in einem inneren Exil, so dass ihr Bezug zu den sogenannten Werten der französischen Gesellschaft wegen nicht gehaltener republikanischer Versprechen ausschließlich negativ definiert ist. Ihre Situation ist paradox: Sie sind Bürger, leben auf französischem Territorium und doch Opfer eines diskriminierenden Umgangs, der sie disqualifiziert."

Magazinrundschau vom 09.10.2007 - Nouvel Observateur

"Wie kann man noch links sein?", fragt das Titeldossier des Nouvel Obs und bringt unter der gleichen Überschrift zunächst einen Vorabdruck aus dem neuen Buch von Bernard-Henri Levy "Ce grand cadavre a la renverse" (Grasset), in dem der Autor seine Definition von Linkssein ausbreitet. Gar nicht leiden kann er demnach das, was er "chauvinistische Linke" nennt: "Ich mag die Art nicht, in der diese Linke sich souveränistisch nennt, um nicht zu sagen anti-europäisch. Ich mag ihre Art nicht, wie sie vom Feldrand aus 'Republik! Republik!' schreien, als ob irgendwer daran dächte, sie ihnen wegzunehmen, ihre Republik."

Die "chauvinistische Linke" meldet sich in einem anschließenden, teilweise recht polemischen, Pro und Contra unverzüglich zu Wort. So poltert etwa der Philosoph Michel Onfray gegen die "syllogistischen Geschütze", die Levy in seinem Buch auffahre. "Wer könnte noch wagen, nicht wie BHL zu denken? Was steckt also dahinter? Die Verabscheuung der Linken 'von links' im Namen seiner Linken 'von rechts'; der Fetischismus eines liberalen Europas; eine Leidenschaft für Amerika als Trägerin der wahren Werte - ah! - dieser Satz, glänzend wie das Fallbeil der Guillotine: 'Antiamerikanismus ist eine Metapher des Antisemitismus'; (...) anders gesagt: ein ideologischer Korpus, sehr kompatibel mit der liberalen Rechten von Bayrou und Sarkozy - wenn nicht mit der 'Linken' von Segolene Royal..."

Ergänzt wird das Dossier um ein Gespräch zwischen Bernard-Henri Levy und dem Philosophen Alain Finkielkraut.

Weitere Artikel: der ehemalige Premierminister Dominique de Villepin plaudert mit dem Philosophen Regis Debray über die Eroberung und die Ausübung von Macht in Demokratien. Hingewiesen wird außerdem auf eine Zeitschriftenneugründung: die zweimonatlich erscheinende, ambitionierte Revue internationale des livres & des idees.

Magazinrundschau vom 25.09.2007 - Nouvel Observateur

Anlässlich des Erscheinens einer Erzählung ("Josephine et moi", Gallimard) und eines Sammelbands mit Gedichten gibt Hans Magnus Enzensberger Auskunft über Deutschland, Nazismus und Terrorismus und seinen intellektuellen Lebensweg. Kenner seiner Kursbuch-Schriften und anderer Äußerungen aus der Zeit um 1968 dürfte seine heutige politische Positionierung von damals ein wenig erstaunen: "1968 galt ich als Enfant terrible der Linken. Das ist ulkig, denn in diesem Jahr war ich zehn Jahre älter als die militanten Linksextremen aller Mikroorganisationen. Ich hatte Teil an dieser Bewegung, die die Sitten erschütterte und die in Deutschland zwanghafte Autoritätsfrage ins Zentrum der Debatte rückte. Die Ethnologen sprechen von 'teilnehmender Beobachtung'. In genau dieser Haltung war ich in der Bewegung dabei. Ich war Beobachter. Ich habe die meisten der späteren deutschen linksextremen Terroristen gekannt. Sie wollten mich anwerben. Ich versuchte, sie als Marxist zur Vernunft zu bringen: 'Eure Analyse ist wahnsinnig. Es stimmt nicht, es gibt keine revolutionäre Lage. Lernt die Geschichte.' Aber sie waren in einem Teufelskreis gefangen."

Magazinrundschau vom 04.09.2007 - Nouvel Observateur

Auch in Frankreich erscheint nun der neue Roman "Talk Talk" von T.C. Boyle. Aus diesem Anlass gibt der Autor in der Abteilung Reflexions Auskünfte über sich, seine Literatur und seine nächsten Projekte. "Den amerikanischen Traum gibt?s sehr wohl: Es ist der Traum von der sozialen Flexibilität. Ich bin ein lebendes Beispiel dafür. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und war der erste, der studiert hat. In meinem Leben hat es große Mentoren gegeben, Vaterfiguren. Die meisten von ihnen waren Schriftsteller und Lehrer. Sie haben mein Leben verändert. Ich zahle mit Vergnügen meine Schulden ab, indem ich weiterhin an der University of Southern California unterrichte. Das Unterrichten ist mein gesellschaftlicher Beitrag. Ich könnte diese Zeit mit Lesen oder Golfspielen verbringen, aber ich glaube leidenschaftlich an die Literatur."
Stichwörter: Boyle, T.c.

Magazinrundschau vom 28.08.2007 - Nouvel Observateur

Jahrelang stand die vietnamesische Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Duong Thu Huong, Trägerin des Prix Femina und des Unesco-Literaturpreises, in ihrem Heimatland unter Hausarrest, ihre Romane konnten dort nicht erscheinen. Unter der Überschrift "Die Mauer der Illusionen" klagt die seit 2006 in Frankreich lebende Autorin über die vietnamesische Politik und die Blindheit des Westens. "Das Regime hält sich mit Hilfe von Zensur und Angst. Wir, die Kämpfer für die Demokratie, sind nur ein winziges Häuflein. Und das Land ist, von Europa oder den Vereinigten Staaten aus betrachtet, trotz der wirtschaftlichen Veränderungen noch immer eine fremde Insel. Die Mauer der Illusionen bildet einen soliden Wall, der dieses postkommunistische Regime schützt. In seinem Schatten leiden meine Mitstreiter nach wie vor unter den Schikanen der Macht. (...) Die Veränderungen in der Fassade Vietnams haben den Westen geblendet. Unter dem Deckmantel der überschäumenden, dynamischen Aktivitäten Saigons und Hanois dauert eine schreckliche Realität fort. Finsternis, Schlangen und Tränen."

In der Abteilung Arts & Spectacles erkundet Pascal Merigeau in einer Reportage die junge rumänische Filmszene, die nicht erst seit Christian Mungius Überraschungserfolg "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" in Cannes ungeheuer lebendig ist.